„Das fünfte Foto“ von Lucie Flebbe

Buchcover "Das fünfte Foto" von Lucie Flebbe

Bei einem Kneipenbesuch erfahren Privatdetektivin Lila Ziegler und ihr Partner Danner zufällig, dass in Bochum-Gerthe eine Frau verschwunden ist. In der Nachbarschaft ist die Sorge groß, dass sie einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist. Von einem Polizisten erfahren sie, dass man dort zumindest offiziell bisher keinen Grund für Ermittlungen sieht. Daher sollen die beiden Privatdetektive herausfinden, was mit der Frau geschehen ist.

Blutspuren in der Küche

Um an Informationen zu kommen, brechen Lila und Danner in die Wohnung der verschwundenen Frau ein. Danners bei der Polizei „geliehenes“ Gerät deckt in der Küche jede Menge Blutspuren auf, die bereits weggewischt worden sind. Sie sichern die Spuren und beschließen, weiter im Umfeld der Frau zu ermitteln. Doch Lila fängt mehr und mehr an, sich beobachtet zu fühlen. Spielt ihr ihre Wahrnehmung einen Streich? Oder machen ihr verdrängte Erinnerungen an ihren gewalttätigen Vater zu schaffen? Auch die Schilderungen von Danners und Lilas Ermittlungsarbeit werden immer wieder von Passagen unterbrochen, die aus einem anderen Kontext zu stammen scheinen. Es könnten Kommentare sein, die zu Fotografien gemacht worden sind.

Exotische Schrebergartenkolonie

Die Ermittlungen führen Danner und Lila in eine Schrebergartenkolonie voll exotischer Pflanzen und Tiere, die dadurch etwas fabelhaftes bekommt. Zwischen den Anwohnern herrscht eine echte Männerfreundschaft, die Danner und Lila erst einmal ausgesprochen sympathisch finden. Doch dann erhalten sie einen Hinweis, dass einige der Schrebergärtner womöglich zu einer Bande gehören, die mehrere Einbrüche begangen hat. Haben sie ihrem Schrebergarten-Kumpel womöglich geholfen, seine Ehefrau unter dem neu angelegten Gartenteich zu verscharren? Oder ist Sabine Kopelski doch während ihrer Arbeit als Zeitungsausträgerin etwas zugestoßen? Eine demente alte Dame scheint einen ungemeinen Hass auf die Austrägerin zu empfinden…

Das fünfte Foto von Lucie Flebbe ist ein ungewöhnlich vielschichtiger und spannender Krimi. Sehr lesenswert!

„Das Leben fällt, wohin es will“ von Petra Hülsmann

Buchcover "Das Leben fällt, wohin es will" von Petra Hülsmann

In Das Leben fällt, wohin es will von Petra Hülsmann gefällt Marie ihr Leben eigentlich ganz gut. Sie wohnt mit ihrer besten Freundin in einer WG, jobbt in einem Café auf dem Hamburger Kiez und feiert die meisten Nächte mit ihren Freunden durch. Nur manchmal verlangt ihr Vater, Inhaber einer kleinen Werft im Familienbesitz, dass sie ihre Familie bei der Arbeit unterstützt.

Party und Skandal-Auftritte

Marie hat kein besonders gutes Verhältnis zu ihrem Vater und absolviert diese Pflichttermine nur widerwillig. Ihre Auftritte als Skandal-Tochter in schrägen Klamotten und mit wilden Knutschereien bei Betriebsfeiern sind bereits legendär. Dem entsprechend gering ist die Begeisterung, als Marie plötzlich die Leitung der Werft übernehmen soll.

Plötzlich Chefin

Auch Maries Entsetzen ist groß, als ihre Schwester Christine, die die Werft bis dahin geleitet hat, ihr mitteilt, dass sie an Krebs erkrankt ist. Doch Marie willigt sofort ein, als ihre Schwester sie bittet, bei ihr einzuziehen, sich um ihre Kinder zu kümmern und ihren Job zu übernehmen. Marie muss von einem Tag auf den anderen Christines Haushalt schmeißen und den ganzen Tag die frostige Atmosphäre bei der Arbeit ertragen:

„Am Montagmorgen begrüßte Frau Brohmkamp mich mal wieder mit langem Gesicht und konnte sich scheinbar nicht dazu aufraffen, mich anzulächeln. Dabei hatte ich ganz besonders freundlich „Moin, Frau Brohmkamp“ gesagt. In dem Moment fiel mir die Teambuildung-Maßnahme wieder ein, und ich beschloss, diese Idee umzusetzen. Und zwar schnell“

Aus ihrem BWL-Studium weiß Marie, dass Teambuildung-Maßnahmen wie Paintball-Turniere unter den Kollegen den Zusammenhalt stärken. Zum großen Erstaunen der anfangs skeptischen Belegschaft funktioniert das tatsächlich sehr gut. Außerdem überrascht Marie ihre neuen Kollegen als Verfechterin der traditionellen hanseatischen Kaufmannsehre und indem sie engagiert darauf besteht, langjährige Kunden persönlich zu betreuen. Schließlich gelingt es ihr sogar, den Geschäftsführer Daniel zu beeindrucken, der oft so skeptisch guckt und ihr schon ein paar Mal deutlich die Meinung gesagt hat. Seine traumhaft blauen Augen lassen sie schließlich ihre Angst um Christine ein wenig vergessen…

Ein Buch, das Mut macht

Auch wenn Petra Hülsmann in Das Leben fällt wohin es willkein heile Welt beschreibt, ist es ein sehr unterhaltsames Buch, das Mut macht. Ohne zu beschönigen und mit viel sympathischem Humor beschreibt sie wie Marie, die früher leidenschaftliche Seglerin war und Geschäftsführerin der Werft werden wollte, ihr Trauma überwindet und schließlich da ankommt, wo sie sich wohl fühlt.

„Korrosion“ von Peter Beck

Buchcover "Korrosion" von Peter Beck

Eine alte Frau wird plötzlich tot in ihrer bescheidenen Wohnung aufgefunden. Für die Nachbarn ist schnell klar, dass der dunkelhäutige Flüchtling aus dem Sudan der Täter sein muss. Er hat der alten Dame manchmal beim Einkaufen geholfen und ist in der Nachbarschaft dabei beobachtet worden. Auf die Polizei und Tom Winter, Sicherheitschef einer Schweizer Privatbank, wirkt der Vorfall deutlich komplizierter.

Der Flüchtling als Verdächtiger

Niemand in der Umgebung der alten Dame hat offenbar gewusst, dass sie im Besitz eines Vermögens in Millionenhöhe war. Außerdem ist der Inhalt ihres Testaments mehr als ominös. Sie verlangt von ihren Nachlassverwaltern, dass sie heraus finden, welches ihrer drei Kinder seinen Vater ermordet hat. Der Tod des Ehemanns der alten Dame liegt bereits Jahrzehnte zurück und ist zu den Akten gelegt worden. Die Perspektive wechselt zwischen dem verdächtigen Sudanesen und der Handlung in der Gegenwart hin und her. Im Text werden so die beiden Lebenswirklichkeiten einander drastisch gegenübergestellt.

War es Mord an dem eigenen Vater?

Tom Winter wird beauftragt, alle Familienmitglieder ausfindig zu machen. Gerade von einem Lawinenunfall genesen, gerät er in einen regelrechten Strudel der Ereignisse. Er trifft auf die besorgte Familie der ältesten Tochter der Toten. Die Tochter ist seit Kurzem nicht mehr auffindbar und ihr Mann rechnet mit dem Schlimmsten. Dann ist da noch die Clique drogendealender Flüchtlinge, denen Tom Winter nur Dank seiner Kampfkunst wieder entkommt und die ihn erstaunlicherweise sogar zu Hause bedrohen.

Tragödie und Prügeleien

Außerdem macht er die Chefin eines Pharma-Unternehmens ausfindig. Sie ist die andere Tochter der Toten und hat ihre Firma mit dem Geld der Mutter aufgebaut. Außerdem ist sie schwerkrank und scheint in finanziellen Schwierigkeiten zu stecken. Dann trifft Tom Winter in Großbritannien außerdem auf den mehrfach vorbestraften Sohn der alten Dame. Alle Verwandten der Toten berichten einmütig davon, dass es Probleme in der Familie gegeben habe. Tom Winter ist sich kurzzeitig sicher, dass er den Täter unter den Familienmitgliedern ausfindig machen würde. Doch dann ergibt sich eine völlig überraschende Veränderung, die alles in ein anderes Licht rückt.

Wortkarger Typ mit weichem Kern

Korrosion ist ein sehr spannender Thriller mit vielen Überraschungen und atemberaubenden Kampfszenen. Tom Winter hat ganz bestimmt James-Bond-Qualitäten, verfügt dabei aber sympathischerweise auch über ein Herz. Spannend macht das Buch neben der interessanten Persönlichkeit von Tom Winter die lebensnahe Handlung. Keine der vielen überraschenden Wendungen wirkt gekünstelt oder verkrampft. Auch die Sprache ist anspruchsvoll und verständlich zugleich. Korrosionist ein sehr gelungener Thriller, der Action und anspruchsvolle Unterhaltung gleichermaßen bietet.

„Don’t Kiss Ray“ von Susanne Mischke

Buchcover "Don't Kiss Ray" von Susanne Mischke

In Don’t Kiss Ray von Bestseller-Autorin Susanne Mischke fährt die fünfzehnjährige Jill zum ersten Mal zusammen mit ihren Freunden zu einem mehrtägigen Open-Air-Festival. Jill interessiert sich eigentlich nicht besonders für Musik und erfährt meist erst kurz vor dem Auftritt von ihren Freunden, wer gleich wo spielen wird. Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet Jill eine ganz besondere Bekanntschaft macht: Sie trifft Ray, den Sänger einer der aktuell bekanntesten Teenie-Bands, vor einem Waffelstand. Natürlich ahnt sie nicht einmal, wer er ist, als sie ihn anmotzt, dass er sich nicht vordrängeln soll und schließlich mit ihm ins Gespräch kommt.

Liebe auf den zweiten Blick

Zu Jills großer Enttäuschung macht ein heftiges Unwetter das für später geplante Date zu Nichte. Doch nachdem das Festivalgelände verwüstet und in eine Schlammlandschaft verwandelt worden ist, freuen sich Jill und ihre Freunde, dass die wichtigste Band des Festivals doch noch auftreten kann. Allerdings könnte Jills Überraschung kaum größer sein, als ausgerechnet der Sänger, der alle Mädchen zum Kreischen bringt,  öffentlich einem „Mädchen mit der Puderzuckernase“ ein Treffen vorschlägt. Damit kann nur Jill gemeint sein und der Sänger auf der Bühne entpuppt sich als der Typ vom Waffelstand.

Plötzlich wissen alle, wer sie ist

Als Jill Ray nach dem Konzert treffen will, gibt es bei den vielen sexy gekleideten Mädchen kein Durchkommen. Schließlich fahren Jill und ihre Freunde, die mittlerweile genauso erpicht auf ein Kennenlernen mit Ray sind, enttäuscht wieder nach Hause. Doch als plötzlich ein Handy-Foto von Ray und Jill im Internetforum der Band auftaucht, ist nichts mehr so, wie vorher. Jill wird erkannt und erhält Hasskommentare in sozialen Netzwerken, wird in der Schule geschnitten und es lauern ihr gewaltbereite Mädchen auf dem Schulweg und vor der Haustür auf. Auch Jills Familie und Freunde werden in den Konflikt hineingezogen.

Er darf offiziell keine Freundin haben

Doch auch Ray bringen die Fotos aus dem Band-Forum in Schwierigkeiten. Laut Vertrag darf Ray gar keine Freundin haben. Rays Manager ist der Meinung, dass sich das negativ auf die Verkaufszahlen auswirken könnte. Angesichts der vielen verärgerten Postings im Forum fühlt er sich bestätigt und verlangt von Ray, dass er den Kontakt zu Jill abbricht. Doch nach vielen Enttäuschungen, Missverständnissen und Heimlichtuereien gibt es für Ray und Jill ein Happy End.

So etwas könnte Jedem passieren

Jills Geschichte mag auf den ersten Blick ungewöhnlich klingen, ist  es aber nicht. Laut der EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz klicksafe.de kennt jeder dritte Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren jemanden, der schon einmal gemobbt worden ist. Tatsächlich sind viele Erfahrungen, die die Protagonistin Jill macht, ganz typisch und treten bei vielen (Cyber-)Mobbing-Opfern auf. Da Täter die Reaktionen ihrer Opfer auf Schikane oder Verleumdungen nicht sehen können und ihnen das Ausmaß des angerichteten Schadens nicht klar wird, agieren sie laut klicksafe.de im Netz oft besonders brutal. Auch die Protagonistin Jill kennt die meisten ihrer Peiniger nicht persönlich. Gespräche sind mit den Verfolgern meist nicht möglich und ihre Familie weiß sich nicht anders zu helfen, als die ungebetenen Gäste mit dem Gartenschlauch zu vertreiben. 

Der Roman hat auch Schwächen

Obwohl die Geschichte von Jill sehr anschaulich und realitätsnah dargesellt wird, gibt es in der Erzählung einige logische Brüche. Unverständlich bleibt, wie der angeblich pausenlos von aufdringlichen Fans umlagerte Ray unbemerkt zu einem Waffelstand gelangen und dort auch noch ein Gespräch beginnen konnte, ohne von Fans gestört zu werden. Auch die Beschreibungen Rays und seiner Motive –  im Roman wird immer wieder zwischen den Perspektiven von Jill und Ray gewechselt – wirken oft reichlich oberlehrerhaft. Susanne Mischke versucht hier vermutlich etwas, das ihr in Bezug auf den Charakter Jill sehr gut gelingt, auch bei der Figur Ray: Sie möchte erklären, wie erfolgreiche Musiker so sind. In Rays Fall ist das ein nachdenklicher, einsamer Teenager mit tollem Aussehen und vielen außergewöhnlichen Fähigkeiten – alles in allem ein sehr vorzeigbares Beispiel „natürlicher Auslese“. Das alles wirkt oft zu aufgesetzt und blutleer.

Weitere Informationen zum Thema (Cyber-)Mobbing: 

klicksafe.de: (Cyber)Mobbing: Was ist das?

Sueddeutsche.de: So kämpfen Schulen gegen Mobbing

Spiegel.de: Jeder achte Jugendliche ist betroffen

Beratungsstelle der Polizei

„Das Blackbox Prinzip“ von Matthew Syed

Buchcover "Das Blackbox Prinzip" von Matthew Syed

Matthew Syed sucht in Das Blackbox Prinzip. Warum Fehler uns weiter bringen nach Lösungen. Leidenschaftlich sucht er in ganz unterschiedlichen Bereichen danach, wie aus Fehlern zumindest gelernt werden kann und sich Innovationen erzielen lassen. Dazu nimmt er seine Leser mit auf die Suche nach den Gründen für spektaktuläre Flugzeug-Abstürze oder den überraschenden Tod von Elaine Bromiley. Sie war eine glücklich verheiratete Mutter von zwei Kindern, die ganz unerwartet eine Routine-Operation im Krankenhaus nicht überlebte. Genauso packend beschreibt er, wie es James Dyson nach vielen Rückschlägen doch noch gelang, ein innovatives Staubsauger-Prinzip zu entwickeln oder sich schließlich Investoren für ein Projekt finden ließen, das heute Dropbox heißt.

Innovationen durch Analyse von Fehlern

Für Matthew Syed ist ein Kulturwandel nötig, um bessere Ergebnisse zu erreichen. Passieren schwerwiegende Fehler, soll künftig noch mehr als bisher eine genaue Aufarbeitung stattfinden: Schonungslos und vor allen Dingen vollkommen ohne Rücksicht auf Hierarchien, Eitelkeiten oder sonstige Faktoren, die zu einer Verschleierung der Probleme führen könnten. Seiner Ansicht nach lässt sich nur so nachvollziehen, wie und wodurch genau die Fehler entstanden sind. Bestes bereits praktiziertes Beispiel ist für Matthew Syed die Vorgehensweise in der Luftfahrtindustrie:

„Die Haltung der Luftfahrtindustrie ist beeindruckend und ungewöhnlich. Jedes Flugezeug ist mit zwei fast unzerstörbaren Blackboxes ausgestattet, von denen eine die Anweisungen aufzeichnet, die andere die Unterhaltungen und Geräusche im Cockpit. Gibt es einen Unfall, werden die Daten analysiert“ 

Die Anwendung dieses Blackbox Prinzips könnte in Matthew Syeds Augen etwa in Krankenhäusern hilfreich sein, da nach seinen Recherchen vermeidbare Behandlungsfehler die dritthäufigste Todesursache in den Vereinigten Staaten sind. Doch die Ereignisse werden viel zu oft nicht schonunglos aufgeklärt, da die Angst überwiegt. Matthew Syed geht es bei seinem Plädoyer für die möglichst lückenlose Aufarbeitung ausdrücklich nicht um Schuldzuweisungen, einseitige Verurteilungen oder gar darum, einen Sündenbock zu finden:

„…das Problem sind nicht nur die Folgendes Versagens, sondern auch die Einstellung dazu. Im Gesundheitswesen wird Kompetenz oft mit klinischer Perfektion gleichgesetzt. Fehler zu machen, so denkt man, zeugt von Unfähigkeit. Die Vorstellung zu versagen, ist bedrohlich“ 

Für Matthew Syed sind Misserfolge etwas ganz alltägliches und etwas, das wir alle manchmal erdulden müssen. Er hofft, dass durch eine verbesserte Handhabung schwere Fehler zumindest in Zukunft besser vermieden werden können. Begnügen sich die Ermittler mit einseitigen Schuldzuweisungen, erreichen sie nach Matthew Syeds Recherchen allenfalls, dass sich niemand mehr traut, sich schwieriger Fälle anzunehmen. Fehler sind insofern insgesamt für ihn kein Makel, sondern ein Potential, aus dem sich neue und bessere Lösungen ablesen lassen:

„Medizinische Behandlungsfehler unterlaufen in der Regel nicht dann, wenn Kliniker gelangweilt oder faul oder niederträchtig sind, sondern weil sie mit der Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt arbeiten, die man von der Ärzteschaft erwarten würde“

Matthew Syed ist nicht so naiv zu glauben, dass eine genaue Analyse zwingend klare Lösungen für die bestehenden Probleme ergeben muss. Er ist sich etwa der Grenzen der menschlichen Wahrnehmungs- und Konzentrationsfähigkeit durchaus bewusst und plädiert dafür, diese Faktoren in die Lösungsvorschläge mit einzubeziehen. Außerdem müssten alle Beteiligten  ermutigt werden, Fehler zuzugeben und an Lösungen mitzuarbeiten. Die richtigen Lehren aus der Analyse zu ziehen ist für Matthew Syed eine sehr anspruchsvolle und kreative Aufgabe, die sich aber unbedingt lohnt:

„Die erfolgreichsten Ermittler zeigen nicht nur die Bereitschaft, sich mit dem Vorfall zu beschäftigen, sie haben auch die analytischen Fähigkeiten und kreativen Einsichten, um die wichtigsten Lehren aus ihm zu ziehen. Tatsächlich ist die Verbesserung der Qualität und Differenziertheit von Ermittlungen laut vielen Luftfahrtexperten in den vergangenen Jahren eines der entscheidenden Kriterien für die Erhöhung der Sicherheit gewesen“

Matthew Syeds Buch liest sich über weite Strecken wie ein spannender Action-Thriller, insbesondere wenn er Beispiele aus der Luftfahrt schildert. Durch die ungemein lebendige und packende Erzählweise bringt der ehemaligen Tischtennis-Profi, der viermal englischer Meister war und heute für die ‚Times‘ und die BBC arbeitet, seinen Lesern die Fälle ungemein nah. Sehr überzeugend wirkt dabei insbesondere seine Fähigkeit, die Sachverhalte sehr differenziert und aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Leider lässt diese Herangehensweise gegen Ende des Buches ein wenig nach und dennoch ist Das Blackbox Prinzip. Warum Fehler uns weiter bringen ein sehr lesenswertes Buch, nicht zuletzt auch weil es nach Ansicht von Matthew Syed nichts Geringeres als die Gründe für die Überlegenheit des kapitalistischen Wirtschaftssystems zu Tage fördert.

„Was glaubt ihr denn“ bei der Ruhrtriennale

Aufführung "Was glaubt ihr denn" in Dinslaken-Lohberg

„Was glaubt ihr denn, Wer wir sind, Was wir glauben, Was glaubt ihr denn…“ – Es geht um Heimat, Akzeptanz, Glauben, Gemeinschaft und Zufriedenheit in dem Text von Björn Bicker, den die drei Frauen und zwei Männer rezitiern. Sie sitzen vor den Besuchern der Kirche wie bei einer Predigt. Die fünf wirken wie ein Querschnitt durch die im Ruhrgebiet ansässigen Ethnien – europäisch, afrikanisch, arabisch, vielleicht auch ein bisschen asiatisch – und sprechen akzentfrei Deutsch.

Querschnitt durch die Bevölkerung

Der Text wechselt scheinbar willkürlich von einem zum anderen, so, als würden die fünf die im Text ausgedrückte Kritik, Sorge, Anerkennung oder den Zweifel mit einer Stimme vortragen. Manchmal widersprechen sie sich selbst innerhalb des eigenen Sprechens. Das wirkt, als ob sie nicht nur mit einer Stimme, sondern als ob jeder Einzelne auch immer vielen Menschen eine Stimme geben würde, sogar Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern und anderen Glaubensrichtungen: „Was glaubt ihr denn, wo es einen besseren Platz geben könnte. Was glaubt ihr denn, wo wir nicht stören. Wo wir stören. Wo wir uns treffen sollten. Wo wir Euch begegnen könnten. Was glaubt ihr denn, wer ihr seid. Was glaubt ihr denn, wer wir sind…“

Wie mit einer Stimme

Vor Beginn der Veranstaltung hat die Pfarrerin der Lutherkirche Dinslaken-Lohberg davon gesprochen, dass das tolerante Zusammenleben hier eigentlich meistens gut funktioniert. „Wir bedrängen einander nicht, wir akzeptieren uns“, erklärt sie und spricht weiter davon, dass sie das eigentlich schon sehr lange so machen. Die Pfarrerin spricht davon, dass sie sich in Dinslaken-Lohberg in manchen negativen Berichten der Medien nicht wieder erkannt hätten. „Ich lade Sie ein. Kommen Sie wieder, sehen Sie sich selber an, wie wir hier leben. Machen Sie zum Beispiel ein Picknick, das darf man hier nämlich auf unseren Grünflächen“. Auch der anwesende Imam spricht von der Erde als „einem Haus, in dem wir gemeinsam und in Frieden zusammen leben wollen“. Beide bekommen viel Applaus.

Friedliche Atmosphäre

Ich bin zum ersten Mal in Dinslaken-Lohberg. Dinslaken ist ein kleiner und an diesem Sonntag sehr ruhiger Ort. Der Bus, der mich vom Bahnhof zur Lutherkirche im Stadtteil Lohberg bringen soll, fährt nur einmal in der Stunde und da ich mit Verspätung ankomme, verpasse ich ihn. Auch ein Taxi ist nirgendwo in Sicht und in Folge dessen laufe ich den Weg zu Fuß. Erst ärgere ich mich ein wenig, weil ich befürchte, zu spät zu kommen, aber dann macht es mir sogar Spaß. Ich komme vorbei an einer Graffiti-Wand, die mir bildgewaltig und mit den Worten ‚Dinslaken ist bunt‘ das kreative Potential dieser Stadt vor Augen führt. Ich laufe eine Hauptverkehrsstraße entlang, vorbei an einem Industriegelände und grünen Wiesen, bis ich schließlich den Förderturm der stillgelegten Zeche am Horizont entdecke und in einer beschaulichen Siedlung lande. Hier ist es sehr ruhig, alles wirkt wohlgeordnet und sehr deutsch, doch auf der Straße begegnen mir augenscheinlich fast ausschließlich türkischstämmige Menschen. Ich muss manchmal nach dem Weg fragen und bekomme freundlich, hilfsbereit und in akzentfreiem Deutsch Auskunft.

Urban Prayers Ruhr werden an unterschiedlichen Orten des Ruhrgebiets in Moscheen, Tempeln, Freikirchen oder Synagogen aufgeführt. Ich habe mich entschieden, mir eine Vorstellung der Urban Prayers Ruhr in Dinslaken-Lohberg anzusehen, weil es mich interessiert wie eine in Deutschland anerkannte und traditionsreiche Glaubensgemeinschaft wie die evangelische Kirche anderen begegnet. Ich weiß, dass das Ruhrgebiet mit dem Bergbau, seiner Schwerindustrie und den vielen dort benötigten Arbeitsplätzen bereits seit dem letzten Jahrhundert ein starker Magnet für Menschen aus unterschiedlichsten Ländern ist. Die Hoffnung auf soziale Absicherung durch einen festen Arbeitsplatz hat sich für viele erfüllt, die einstigen Fremden haben ein neues zu Hause gefunden und leben bereits seit Generationen hier. Heute scheint es vielen gar nicht mehr bewusst zu sein, dass das Ruhrgebiet eigentlich ein klassischer ‚Melting Pot‘ ist und das Zusammenleben unterschiedlicher Nationalitäten und Glaubensrichtungen hier eigentlich einen grundlegenden Teil des sozialen Gefüges ausmacht.

Magnet für Menschen aus der ganzen Welt

„Was glaubt ihr denn, warum wir so viele sind, warum ihr denkt, dass ihr viel mehr seid. Warum das nicht stimmt…“ rezitieren die fünf Vortragenden. Die Kirche ist voll an diesem Sonntag Nachmittag, voller Menschen unterschiedlicher Hautfarben und Glaubensrichtungen, von denen die meisten offensichtlich gebannt dem Vortrag lauschen. Ergänzt wird die Rezitation in regelmäßigen Abständen durch Lieder aus unterschiedlichen religiösen Kontexten, meisterhaft dargeboten durch das Vokalensemble ChorwerkRuhr.

Begeisterter Applaus

Am Ende wird dieser sehr einträchtig wirkende Nachmittag mit begeistertem Applaus und Standing Ovations belohnt. Obwohl ich natürlich letztlich nicht beurteilen kann, wie das Zusammenleben hier im Alltag funktioniert, haben sie mich persönlich an diesem Sonntag überzeugt. Hier und heute kommt mir die Behauptung der Pfarrerin der Lutherkirche, dass das Zusammenleben in dieser Gegend eigentlich meistens gut funktioniert, absolut glaubwürdig vor und macht mir Hoffnung.

Was glaubt ihr denn von Björn Bicker ist als Buch erhältlich.

Über das Leben in Städten

Über das Leben in Städten: Foto Berlin bei Nacht

Ein Schwerpunkt der letzten Ausgabe des internationalen literaturfestival berlin war die Reihe ‚Visions 2030’, die sich mit dem Leben in Städten auf allen fünf Kontinenten, heute und in Zukunft, beschäftigt hat. Omar Akbar war Diskussionsleiter der Reihe und beschreibt, warum dieses Thema so wichtig ist:

Omar Akbar: „In der Stadt sammeln sich Ethnien, Kulturen, Innovationen, Forschung und Wissenschaft, dies strömt eine besondere Attraktivität aus. Somit ist die Migration ein altes Thema in den Städten, sie verspricht den Migranten Hoffnung die Möglichkeiten zu nutzen, auch die Ärmsten der Armen erhalten eine Chance und könnten es schaffen.

Die Urbanisierungsprozesse und auch das Wachstum der Städte wird seit Jahrzehnten beobachtet. Es ist eine unaufhaltsame Entwicklung mit der Folge, dass die dörflichen Strukturen weltweit aufgegeben oder industriell transformiert werden. Ägypten ist ein interessantes Beispiel dafür.

Generell ist der Wandel ein Wesenszug der Stadt. Sie kann wachsen, stagnieren oder schrumpfen. Ehemals strategisch wichtige Orte wie etwa die Handelswege können ihre Funktionen ändern – Die Geschichte ist voll von solchen Veränderungen. Auch aktuell können wir so etwas in Deutschland beobachten: die Städte in Ostdeutschland und im Ruhrgebiet schrumpfen. Das ist darauf zurückzuführen, dass die Bevölkerungszahl sich reduziert und damit ganz natürliche Veränderungen nach sich zieht. Folglich haben wir mehr bebaute Flächen und weniger Menschen.

Zugleich ist festzustellen, dass wir die Völkerwanderung falsch eingeschätzt haben. Sie existiert weltweit und zur Zeit sind es etwa 6 Millionen, die ihre Orte verlassen. Allein im Libanon mit einer Einwohnerzahl von etwa 4 Millionen leben zur Zeit 1 Million syrische Flüchtlinge. Die Völkerwanderung wird weiterhin erheblich wachsen – auch nach Europa.“

Manchmal hat man den Eindruck, das wichtigste Thema in Bezug auf die Stadtentwicklung in Deutschlandist das Sterben der kleinen Geschäfte in den Innenstädten und die Leere, die dort dann offenbar zurück bleibt. Oft wird ja der Online-Handel dafür verantwortlich gemacht. Woanders ist das aber kein Thema?

Omar Akbar: „Es ist richtig, Einkaufszentren nehmen massiv zu und die Bedeutung des Einzelhandels wird rudimentärer. Trotzdem haben die großen Marken sich ihre individuellen Standorte geschaffen. Zugleich glaube ich nicht daran, dass der Online-Handel das städtische Leben verändern wird. Er ist eine Ergänzung. Der Markt ist viel zu flexibel und beachtet genauestens die Bedürfnisse. Auch die individuelle Kommunikation spielt eine bedeutende Rolle. Häufig bevorzugen Kunden eine professionelle Beratung, möchten die Qualität der Waren fühlen, oder auch die typischen Gerüche wahrnehmen. Im Kontext der Globalisierung sind neue Angebote hinzugekommen. Auf dem Markt in Florenz beschrieb ein Betreiber die Veränderung der Gerüche. Es riecht nicht mehr florentinisch nach Käse, Gemüse etc., sondern auch nach Sushi und Döner.“

Wie sehen Sie das Bewusstsein der Menschen hinsichtlich der Mentalitäten oder des Verhaltens in der Öffentlichkeit?

Omar Akbar: „In der Öffentlichkeit verhält man sich in Deutschland zurückhaltend, wenn es um Körperkontakte geht, insbesondere unter Männern. Im mediterranen Raum ist dieses viel unverkrampfter, die Emotionalität wird anders ausgedrückt.

Ebenso sehe ich in Bezug auf die Esskultur gravierende Unterschiede: überall findet man regionale Unterschiede und Geschmacksrichtungen. Darüber hinaus möchte ich weitere Besonderheiten aufzählen: Lebt man beispielsweise in Algier ist es ist im Prinzip unmöglich, sich von der eigenen Familie zu emanzipieren, wobei es Frauen dabei besonders schwer haben. Abends in den Cafés und Restaurants sitzen im wesentlichen die Männer, ein allgemein bekanntes Phänomen im Orient. Andererseits können Frauen in Bogotá de facto keine Busse benutzen, da die Vergewaltigungsraten extrem hoch sind. Die Realitäten verändern sich natürlich stetig. Als ich Ende der 80er Jahren in Ägypten lebte, war es dort sogar nach Angaben der Deutschen Botschaft sicherer, als Berlin. Man konnte in Kairo seine Einkaufstüten auf dem Auto stehen lassen, ohne dass etwas abhanden kam.“

Woran liegt es denn, dass die politische Lage sich in dieser Gegend so zugespitzt hat?

Omar Akbar: „Viele Probleme sind unter anderem ein Ergebnis der nachkolonialen Phase und dem Zerfall der Sowjetunion. Zugleich befreite sich der Islam von Bevormundung durch staatliche Organisationen. Nach dem Fall vom Schah im Iran begann die gänzliche Islamisierung der Gesellschaft, ein Vorbild für andere islamische Länder in der Region. Dass dieser Schritt über die Region hinaus gehen würde, wusste man zu dieser Zeit nicht. Die aktuelle Islamisierung hat bedingt mit dem Einmarsch des Westens im Nahen-Osten etwas zu tun. Es ist im Wesen bestimmter Islambewegungen verhaftet.“

Zum Abschluß: Wie sehen sie die Situation in Deutschland?

Omar Akbar: „Ich persönlich stelle fest, dass wir in Deutschland alle Freiheiten haben, um uns entfalten zu können. Jene, die hier alles problematisch finden, sollten in ihren Herkunftsländern beispielsweise einmal zum Arzt oder ins Krankenhaus gehen. Da erfährt man, welche Rolle Macht und Geld spielen können.

Die Errungenschaften dieses Landes muss man schätzen lernen und verinnerlichen. Nur mit dem Konsum westlicher Güter kann die eigene Entwicklung nicht voranschreiten.“

AutorInnen:

Kevin Barry, Irland: ‚Die dunkle Stadt Bohane‘, Roman  / Mircea Cărtărescu, Rumänien: ‚Die Wissenden‘, Roman / Maria Sonia Cristoff, Argentinien: ‚Unter Einfluss‘, Roman / Roddy Doyle, Irland: ‚Henry, der Held‘, Roman / Sónia Gomes, Angola / Helon Habila, Nigeria / USA: ‚Öl auf Wasser‘, Roman / Rawi Hage, Libanon / Kanada: ‚Kakerlake‘, Roman / Perihan Maǧden, Türkei:  ‚Zwei Mädchen: Istanbul-Story‘, Roman /  Suketu Mehta, Indien / USA: ‚Bombay: Maximum City‘, Roman / Laura Restrepo, Kolumbien/E: ‚Land der Geister‘, Roman /  Boualem Sansal, Algerien:  ‚2084: Das Ende der Welt‘, Roman

WissenschaftlerInnen:

Zeynep Aygen (Türkei), Sonja Beeck (D), Angelika Fitz (A), Adam Greenfield (USA), Martina Löw (D), Hildegard Matthias (D), Philipp Misselwitz (D), Stephan Rammler (D), Helmut Rechenberger (A), Stefan Schaurig (D), Jasmin Wiebke (D)

Indonesische Lyrik: Fremd und doch so nah

Indonesische Lyrik: Kendra gehört zu den wichtigsten Vertretern

Bei der Lesung im Literaturhaus Berlin wird der Text erst in der offiziellen indonesischen Landessprache Bahasa Indonesia gelesen, dann auf Deutsch. Die Eindrücke könnten unterschiedlicher kaum sein: Auf der einen Seite die sehr melodisch klingenden Worte, denen der vortragende Agus R. Sarjono mit viel Emphase Leben einhaucht und auf der anderen die deutsche Version. Die ganze Art des Vortrags ist anders, sie ist deutlich nüchterner und zurückhaltender, wodurch sie zumindest eher den hiesigen Gewohnheiten bei Lesungen entspricht. Doch es funktioniert trotzdem, vor allen Dingen auf der inhaltlichen Ebene.

Wie viele indonesische Gedichte, trägt auch ‚Die Predigt‘ stark narrative und absurde Züge. Die Schilderung eines Priesters, der verzweifelt versucht, der Menschenmasse in seiner Kirche zu erklären, dass er ihnen leider weder mit Rat noch Führung behilflich sein kann, bringt auch die deutschsprachigen Zuhörer zum Lachen. Das Gedicht gehört zu den bekanntesten, Verfasser ist der Lyriker, Dramatiker, Schauspieler und Regisseur Rendra. 2009 verstorben, wirkt die Arbeit des Modernisierers der indonesischen Kultur bis heute nach. „In Indonesien sind Lesungen sehr gut besucht“, erklärt der Übersetzer und Indonesien-Experte Berthold Damshäuser, „Rendra hat Lesungen vor gut 10.000 Menschen in Sportstadien gehalten. Die Indonesier sind gute Performer und nur sehr wenige rezitieren ihren Text nicht selbst. Außerdem gibt es dort kaum eine Veranstaltung, bei der nicht gelacht wird“. In Indonesien lassen sich nur sehr wenige gedruckte Bücher, dafür aber umso mehr Eintrittskarten für solche Lese-Performances verkaufen, die oft von Musik begleitet werden.

Das Äquatorarchipel Indonesien, das rund 17.000 Inseln mit vielen eigenen Sprachen und Traditionen umfasst, war jahrhundertelang eine niederländische Kolonie. Bis heute haben dort europäische Einflüsse neben arabischen, indischen und chinesischen Spuren hinterlassen, die sich auch in den Texten der von Berthold Damshäuser und Agus R. Sarjono herausgegebenen Lyrik-Anthologie Sprachfeuerentdecken lassen. Ein Gedicht von Sitor Situmorang etwa, das den Titel ‚Weimar‘ trägt, dreht sich um das bis heute spürbare Nachwirken der beiden in Indonesien bekannten Dichter Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller. Ebenso beinhaltet die Sammlung ein Poem Afrizal Malnas, in dem das Wort ‚Dada’ die dominierende Rolle spielt. Gemeint ist damit allerdings nicht nur die europäische Avantgarde-Bewegung von Anfang des 20. Jahrhunderts, das Wort hat darüber hinaus gehend diverse Bedeutungen in der indonesischen Sprache. Indirekt lassen sich unter anderen Einflüsse Friedrich Hölderlins, Rainer Maria Rilkes, Paul Celans, Arthur Rimbauds, Guillaume Apollinaires und natürlich William Shakespeares erkennen.

Trotz aller erkennbaren Parallelen, gibt es eindeutige Brüche mit der europäischen Tradition. Reim und Versmaß im ‚klassischen‘ Sinne lassen sich nicht finden, was laut Berthold Damshäuser nicht zuletzt auf Eigenheiten der Bahasa Indonesiazurückzuführen ist: „ Die indonesische Sprache kennt keine Metrik und damit lassen sich auch keine festgefügten Metren finden“. Insofern erinnern die Gedichte mit ihrem oft sehr prosaischen Charakter am ehesten an moderne europäische Lyrik, wobei sich indonesische Gedichte neben der ungemein assoziationsreichen Sprache vor allen Dingen durch eine ihnen eigenen Rhythmik und Musikalität auszeichnen.

Die Themen der 223 Gedichte von 28 Lyrikerinnen der Anthologie Sprachfeuer reichen von Liebe und Einsamkeit über Gewalt und Politik bis hin zu Impressionen von Landschaft und Religion, wobei der Islam eine zentrale Rolle spielt. Mehr als 80% der Indonesier sind Muslime. Dabei stehen Gedichte mit eindeutig religiöser Thematik wie ‚Herr, wir sind uns so nah‘ von Abdul Hadi WM neben Werken feministischer Prägung wie denen der Philosophie-Professorin Toeti Heraty. Auch die teilweise umstrittene Lyrikerin Dorothea Rosa Herliany, die Gewalt an, aber ebenso von, Frauen in ihren Werken anspricht, hat einen festen Platz in der indonesischen Lyrik-Szene. Manche Gedichte scheinen die Verhältnisse vor und um den Sturz des Suharto-Regimes 1998 zu beleuchten. Ein Ereignis, das in der kreativen Szene Indonesiens Veränderungen nach sich gezogen hat. „Seit dem Sturz ist die indonesische Literatur generell so frei, dass sie die Verhältnisse getreu abbildet“, beschreibt Berthold Damshäuser die Auswirkungen. Einige Poeme befassen sich außerdem mit der tropischen Landschaft und Vegetation des Äquatorarchipels in ihrer gesamten Abivalenz. Nicht selten geschieht das auf eine für europäische Leser zum Teil ungewöhnliche, aber gleichzeitig erstaunlich vertraute Weise.

Berthold Damshäuser empfiehlt für die Lektüre:  „Man sollte eigentlich nur auf den Text achten und vergessen, dass es ein indonesischer ist“. Das gelingt in den meisten Fällen sehr gut.

Leseempfehlungen: 

Sprachfeuer. Eine Anthologie moderner indonesischer Lyrik. Hg. Agus R. Sarjono und Berthold Damshäuser. 374 Seiten, regiospectra verlag berlin. ISBN 978-3940132741

Gebt mir Indonesien zurück! Eine musikalische begleitete Lesung moderner indonesischer Lyrik (in deutscher Sprache). Rezitation: Berthold Damshäuser, Musique automatique: Peter Habermehl. Gesamtspielzeit: 73:38:08. Audio-CD. Katalognummer: 01970101

1965ff. Die Gegenwart eines Massenmordes. Ein politisches LesebuchHg. Anett Keller für die Südostasien-Informationsstelle. 220 Seiten, regiospectra verlag berlin. ISBN 978-3940132680

Martin Jankowski: Indonesien lesen. Notizen zu Literatur und Gesellschaft. 195 Seiten, regiospectra verlag berlin. ISBN 978-3-9401-3266-6

Samar Yazbek: „Wir Syrer können den Konflikt nicht lösen“

Buchcover "Die gestohlene Revolution - Reise in mein zerstörtes Syrien" von Samar Yazbek

Wenn es ganz schlimm gewesen sei, habe sie sich vorgestellt, eine Romanfigur zu sein, erklärt die mehrfach ausgezeichnete syrische Journalistin und Autorin Samar Yazbek bei der Präsentation ihres neuen Buchs Gestohlene Revolution – Reise in mein zerstörtes Syrien im Rahmen des internationalen literaturfestival berlin. Das habe ihr geholfen, die lebensgefährlichen Situationen besser zu ertragen, in die sie bei heimlichen Reisen nach Syrien geraten sei.

Seitdem bei der letzten Reise ihr Begleiter, ein polnischer Journalist, entführt worden und ein mit ihr kooperierendes Medienbüro angegriffen worden sei, verzichte sie ganz auf Reisen in ihre Heimat. Die Situation im Land sei unerträglich, vor allen Dingen für Zivilisten. Verantwortlich dafür sei in erster Linie der IS. Es habe die Hoffnung gegeben, in den Gebieten, die die Aufständischen Präsident Assad entreißen konnten, einen neuen Staat zu errichten. Sie selbst habe mit vielen Frauen, meist Witwen getöteter Kämpfer, gearbeitet und versucht, sie zu schulen, um ihnen eine wirtschaftliche Perspektive zu bieten und insgesamt die Zivilisation wieder aufzubauen. Das sei jedoch nicht möglich gewesen. Der IS und andere Terrorgruppen hörten nicht auf, insbesondere zivile Opfer zu attackieren und machten damit jegliche Hoffnung zunichte.

Sie habe nicht den Eindruck, dass die Syrer selbst in der Lage seien, den Konflikt zu lösen. Wirklich etwas erreichen könnten nur die Großmächte. Eigentlich habe sie nur noch journalistisch arbeiten wollen, um die Situation dort etwa in Form von Interviews zu dokumentieren. Die Literatur sei in Syrien ganz weit weg und sie könne sich im Moment kaum vorstellen, dort jemals wieder an einen solchen Punkt zurück zu kehren. Aber sie wolle versuchen, über die Ereignisse in Syrien bis 2013 Zeugnis abzulegen und habe ihre Eindrücke in Gestohlene Revolution – Reise in mein zerstörtes Syrien festgehalten.

Mehr Informationen über Samar Yazbek gibt es unter: www.literaturfestival.com/archiv/teilnehmer/autoren/2013/samar-yazbek

Samar Yazbek: Gestohlene Revolution – Reise in mein zerstörtes Syrien. Deutsch von Larissa Bender.

„Erkennst du mich“ von Andrea Bajani

Buchcover "Erkennst du mich" von Andrea Bajani

Wie lässt sich die Leere füllen, die ein Mensch nach seinem Tod hinterlässt? Andrea Bajani zeichnet lebendig die prägendsten Szenen von Leben, Sterben und Tod des krebskranken Antonio Tabucchi nach und lässt ein abwechslungsreiches und teilweise sogar sehr farbenfrohes Porträt des Schriftstellers entstehen. Dabei verwendet er immer wieder die direkte Rede, fast so, als hätte er einen Brief an seinen verstorbenen Freund verfasst.

Unsicherheit, wie mit der Situation umzugehen ist, dominiert die Trauergäste um den aufgebahrten Tabucchi. Auch nach seinem Tod „bewohnt“ der bekannte Schriftsteller auf manchmal schwer zu fassende Weise die Leerstelle, die er hinterlässt. Da ist etwa das Flackern der Totenkerzen, das Tabucchi noch selbst zu steuern scheint sowie die Fotos oder Tonaufnahmen mit alten Interviews, die den Toten fast ganz unmittelbar zurück in die Mitte der Trauergemeinde holen. Dann ist da auch die Erinnerung an die gemeinsame Zeit mit Tabucchi, das Kennenlernen, seine Maskeraden und Zirkusnummern als Schriftsteller sowie im ‚echten’ Leben. Darüber hinaus schleichen sich Lesungen, Besuche in Tabucchis Haus und Wohnungen mit und ohne ihn oder an die vielen Telefonate, die teilweise sehr unvermittelt in die unpassendsten Momente hinein platzen konnten, zurück in das Gedächtnis. Deutlich ist auch immer noch der Eindruck, dass Tabucchi, mehr und mehr gezeichnet durch sein Krebsleiden, zunehmend launisch wurde.

Es bleiben aber auch die Momente lebendig, in denen Tabucchi als Schriftsteller dem jungen Kollegen Schreib- und damit auch Lebenshilfe geleistet hat. Später war diese Hilfe mit dem Gefühl verbunden, dass der Ältere an den Jüngeren ‚die Wörter‘ und ‚das ganze Vokabular‘ zu übergibt und Bajani sein berufliches Erbe antreten lässt. Es ist ein schweres Erbe, alles atmet immer noch Tabbucchis Präsenz und in manchen Momenten wirkt es, als ob er Bajani sogar nach seinem Tod wieder in die Schranken verweisen will. Dann sieht er Bajani gefühlt missmutig und sehr real aus einer Fotografie direkt in die Augen und scheint ihn verärgert anzupoltern, dass er sich in einem Haus befinde, das nicht ihm gehöre und er sich nicht zu weit in das fremde Terrain vorzuwagen habe.

Erkennst du mich von Andrea Bajani ist ein vielschichtiges Porträt, das deutlich macht, warum unter kein Leben ein Schlussstrich gesetzt werden kann.