Über das Leben in Städten

Über das Leben in Städten: Foto Berlin bei Nacht

Ein Schwerpunkt der letzten Ausgabe des internationalen literaturfestival berlin war die Reihe ‚Visions 2030’, die sich mit dem Leben in Städten auf allen fünf Kontinenten, heute und in Zukunft, beschäftigt hat. Omar Akbar war Diskussionsleiter der Reihe und beschreibt, warum dieses Thema so wichtig ist:

Omar Akbar: „In der Stadt sammeln sich Ethnien, Kulturen, Innovationen, Forschung und Wissenschaft, dies strömt eine besondere Attraktivität aus. Somit ist die Migration ein altes Thema in den Städten, sie verspricht den Migranten Hoffnung die Möglichkeiten zu nutzen, auch die Ärmsten der Armen erhalten eine Chance und könnten es schaffen.

Die Urbanisierungsprozesse und auch das Wachstum der Städte wird seit Jahrzehnten beobachtet. Es ist eine unaufhaltsame Entwicklung mit der Folge, dass die dörflichen Strukturen weltweit aufgegeben oder industriell transformiert werden. Ägypten ist ein interessantes Beispiel dafür.

Generell ist der Wandel ein Wesenszug der Stadt. Sie kann wachsen, stagnieren oder schrumpfen. Ehemals strategisch wichtige Orte wie etwa die Handelswege können ihre Funktionen ändern – Die Geschichte ist voll von solchen Veränderungen. Auch aktuell können wir so etwas in Deutschland beobachten: die Städte in Ostdeutschland und im Ruhrgebiet schrumpfen. Das ist darauf zurückzuführen, dass die Bevölkerungszahl sich reduziert und damit ganz natürliche Veränderungen nach sich zieht. Folglich haben wir mehr bebaute Flächen und weniger Menschen.

Zugleich ist festzustellen, dass wir die Völkerwanderung falsch eingeschätzt haben. Sie existiert weltweit und zur Zeit sind es etwa 6 Millionen, die ihre Orte verlassen. Allein im Libanon mit einer Einwohnerzahl von etwa 4 Millionen leben zur Zeit 1 Million syrische Flüchtlinge. Die Völkerwanderung wird weiterhin erheblich wachsen – auch nach Europa.“

Manchmal hat man den Eindruck, das wichtigste Thema in Bezug auf die Stadtentwicklung in Deutschlandist das Sterben der kleinen Geschäfte in den Innenstädten und die Leere, die dort dann offenbar zurück bleibt. Oft wird ja der Online-Handel dafür verantwortlich gemacht. Woanders ist das aber kein Thema?

Omar Akbar: „Es ist richtig, Einkaufszentren nehmen massiv zu und die Bedeutung des Einzelhandels wird rudimentärer. Trotzdem haben die großen Marken sich ihre individuellen Standorte geschaffen. Zugleich glaube ich nicht daran, dass der Online-Handel das städtische Leben verändern wird. Er ist eine Ergänzung. Der Markt ist viel zu flexibel und beachtet genauestens die Bedürfnisse. Auch die individuelle Kommunikation spielt eine bedeutende Rolle. Häufig bevorzugen Kunden eine professionelle Beratung, möchten die Qualität der Waren fühlen, oder auch die typischen Gerüche wahrnehmen. Im Kontext der Globalisierung sind neue Angebote hinzugekommen. Auf dem Markt in Florenz beschrieb ein Betreiber die Veränderung der Gerüche. Es riecht nicht mehr florentinisch nach Käse, Gemüse etc., sondern auch nach Sushi und Döner.“

Wie sehen Sie das Bewusstsein der Menschen hinsichtlich der Mentalitäten oder des Verhaltens in der Öffentlichkeit?

Omar Akbar: „In der Öffentlichkeit verhält man sich in Deutschland zurückhaltend, wenn es um Körperkontakte geht, insbesondere unter Männern. Im mediterranen Raum ist dieses viel unverkrampfter, die Emotionalität wird anders ausgedrückt.

Ebenso sehe ich in Bezug auf die Esskultur gravierende Unterschiede: überall findet man regionale Unterschiede und Geschmacksrichtungen. Darüber hinaus möchte ich weitere Besonderheiten aufzählen: Lebt man beispielsweise in Algier ist es ist im Prinzip unmöglich, sich von der eigenen Familie zu emanzipieren, wobei es Frauen dabei besonders schwer haben. Abends in den Cafés und Restaurants sitzen im wesentlichen die Männer, ein allgemein bekanntes Phänomen im Orient. Andererseits können Frauen in Bogotá de facto keine Busse benutzen, da die Vergewaltigungsraten extrem hoch sind. Die Realitäten verändern sich natürlich stetig. Als ich Ende der 80er Jahren in Ägypten lebte, war es dort sogar nach Angaben der Deutschen Botschaft sicherer, als Berlin. Man konnte in Kairo seine Einkaufstüten auf dem Auto stehen lassen, ohne dass etwas abhanden kam.“

Woran liegt es denn, dass die politische Lage sich in dieser Gegend so zugespitzt hat?

Omar Akbar: „Viele Probleme sind unter anderem ein Ergebnis der nachkolonialen Phase und dem Zerfall der Sowjetunion. Zugleich befreite sich der Islam von Bevormundung durch staatliche Organisationen. Nach dem Fall vom Schah im Iran begann die gänzliche Islamisierung der Gesellschaft, ein Vorbild für andere islamische Länder in der Region. Dass dieser Schritt über die Region hinaus gehen würde, wusste man zu dieser Zeit nicht. Die aktuelle Islamisierung hat bedingt mit dem Einmarsch des Westens im Nahen-Osten etwas zu tun. Es ist im Wesen bestimmter Islambewegungen verhaftet.“

Zum Abschluß: Wie sehen sie die Situation in Deutschland?

Omar Akbar: „Ich persönlich stelle fest, dass wir in Deutschland alle Freiheiten haben, um uns entfalten zu können. Jene, die hier alles problematisch finden, sollten in ihren Herkunftsländern beispielsweise einmal zum Arzt oder ins Krankenhaus gehen. Da erfährt man, welche Rolle Macht und Geld spielen können.

Die Errungenschaften dieses Landes muss man schätzen lernen und verinnerlichen. Nur mit dem Konsum westlicher Güter kann die eigene Entwicklung nicht voranschreiten.“

AutorInnen:

Kevin Barry, Irland: ‚Die dunkle Stadt Bohane‘, Roman  / Mircea Cărtărescu, Rumänien: ‚Die Wissenden‘, Roman / Maria Sonia Cristoff, Argentinien: ‚Unter Einfluss‘, Roman / Roddy Doyle, Irland: ‚Henry, der Held‘, Roman / Sónia Gomes, Angola / Helon Habila, Nigeria / USA: ‚Öl auf Wasser‘, Roman / Rawi Hage, Libanon / Kanada: ‚Kakerlake‘, Roman / Perihan Maǧden, Türkei:  ‚Zwei Mädchen: Istanbul-Story‘, Roman /  Suketu Mehta, Indien / USA: ‚Bombay: Maximum City‘, Roman / Laura Restrepo, Kolumbien/E: ‚Land der Geister‘, Roman /  Boualem Sansal, Algerien:  ‚2084: Das Ende der Welt‘, Roman

WissenschaftlerInnen:

Zeynep Aygen (Türkei), Sonja Beeck (D), Angelika Fitz (A), Adam Greenfield (USA), Martina Löw (D), Hildegard Matthias (D), Philipp Misselwitz (D), Stephan Rammler (D), Helmut Rechenberger (A), Stefan Schaurig (D), Jasmin Wiebke (D)

Samar Yazbek: „Wir Syrer können den Konflikt nicht lösen“

Buchcover "Die gestohlene Revolution - Reise in mein zerstörtes Syrien" von Samar Yazbek

Wenn es ganz schlimm gewesen sei, habe sie sich vorgestellt, eine Romanfigur zu sein, erklärt die mehrfach ausgezeichnete syrische Journalistin und Autorin Samar Yazbek bei der Präsentation ihres neuen Buchs Gestohlene Revolution – Reise in mein zerstörtes Syrien im Rahmen des internationalen literaturfestival berlin. Das habe ihr geholfen, die lebensgefährlichen Situationen besser zu ertragen, in die sie bei heimlichen Reisen nach Syrien geraten sei.

Seitdem bei der letzten Reise ihr Begleiter, ein polnischer Journalist, entführt worden und ein mit ihr kooperierendes Medienbüro angegriffen worden sei, verzichte sie ganz auf Reisen in ihre Heimat. Die Situation im Land sei unerträglich, vor allen Dingen für Zivilisten. Verantwortlich dafür sei in erster Linie der IS. Es habe die Hoffnung gegeben, in den Gebieten, die die Aufständischen Präsident Assad entreißen konnten, einen neuen Staat zu errichten. Sie selbst habe mit vielen Frauen, meist Witwen getöteter Kämpfer, gearbeitet und versucht, sie zu schulen, um ihnen eine wirtschaftliche Perspektive zu bieten und insgesamt die Zivilisation wieder aufzubauen. Das sei jedoch nicht möglich gewesen. Der IS und andere Terrorgruppen hörten nicht auf, insbesondere zivile Opfer zu attackieren und machten damit jegliche Hoffnung zunichte.

Sie habe nicht den Eindruck, dass die Syrer selbst in der Lage seien, den Konflikt zu lösen. Wirklich etwas erreichen könnten nur die Großmächte. Eigentlich habe sie nur noch journalistisch arbeiten wollen, um die Situation dort etwa in Form von Interviews zu dokumentieren. Die Literatur sei in Syrien ganz weit weg und sie könne sich im Moment kaum vorstellen, dort jemals wieder an einen solchen Punkt zurück zu kehren. Aber sie wolle versuchen, über die Ereignisse in Syrien bis 2013 Zeugnis abzulegen und habe ihre Eindrücke in Gestohlene Revolution – Reise in mein zerstörtes Syrien festgehalten.

Mehr Informationen über Samar Yazbek gibt es unter: www.literaturfestival.com/archiv/teilnehmer/autoren/2013/samar-yazbek

Samar Yazbek: Gestohlene Revolution – Reise in mein zerstörtes Syrien. Deutsch von Larissa Bender.

Die „Maori-Nacht“ beim ilb

Maori-Nacht: Cover "Song of the Selkies" von Cathy Dunsford

Er ist unauffällig mit dunklem Hemd und dunkler Hose bekleidet, hält eine Gitarre in der Hand und spricht Englisch. Von Weitem hat er vielleicht am ehesten Ähnlichkeit mit einem Country-Sänger. Doch der Klang seiner Gitarre, die Geschichte und die Art seines Vortrags bei der Maori-Nacht haben allenfalls entfernt etwas von dem, was den wilden Westen und seine Musik im Allgemeinen ausmacht. Die Klänge der Gitarre sind meist reine Untermalung für eine Geschichte, die von Walen, Kanus, dem Meer, dem Himmel, Wäldern und Menschen inmitten dieser urgewaltigen Natur handelt.

Insgesamt betrachtet hat dieser Geschichtenerzähler vielleicht mehr von einem Darsteller, als einem Musiker. Denn viele markante Sequenzen der Geschichte unterstreicht er nicht mit Klängen, sondern mit ausladenden und manchmal fast überdeutlichen Gesten. Die Geschichte wirkt dadurch ungemein lebendig und fesselnd. Selbst wenn ich nicht immer jedes Wort verstehe, kann ich der Geschichte problemlos folgen und bin mehr als sonst gespannt, wie es wohl weiter gehen mag. Der faszinierende Geschichtenerzähler heißt Joe Harawira und erzählt in diesem Moment gerade im Rahmen des internationalen literaturfestival berlin eine der unzähligen Geschichten der Maori auf traditionelle Weise.

Noch vor einigen Jahren sei es undenkbar gewesen, die alten Maori-Geschichten öffentlich vorzutragen, erklärt der gebürtige Neuseeländer Joe Harawira im Anschluss an seine Performance. Die Sprache der Maori sei im 19. Jahrhundert von der Kolonialmacht als heidnische Sprache eingestuft worden und habe an den Schulen nicht mehr unterrichtet werden dürfen. Erst in den 1980er Jahren habe eine Wiederbelebung der maorischen Sprachkultur eingesetzt und seit 1987 sei Maori wieder offizielle Landessprache in Neuseeland.

Traditionell habe ein Geschichtenerzähler innerhalb der Maori-Gesellschaft eine überaus wichtige Funktion, da er die Vergangenheit mit der Gegenwart und der Zukunft verbinde. Die Maoris glaubten, dass sich ein Volk anhand der traditionellen Geschichten mit Hilfe der Vergangenheit besser für die Zukunft wappnen könne. Jeder habe seine persönliche Geschichte zu erzählen und indem man es tue, stelle man eine persönliche Verbindung zwischen sich, der Vergangenheit und der Gemeinschaft her. 

Bücher seien generell eigentlich nicht die richtige Form, um Maori-Geschichten zu verbreiten, erklärt in dieser Nacht auch die neuseeländische Schriftstellerin und Literaturdozentin Cathie Dunsford. Vermutlich sei die Verbreitung der Maori-Erzählungen mit Hilfe von DVDs der geeignetste Weg. Cathie Dunsford zeigt beim internationalen literaturfestival berlin eine echte Performance, bestehend aus den dunklen vollen Klängen einer großen Muschel, in die ein Mundstück eingearbeitet worden ist, ergänzt durch Gesang und Erzählung. Obwohl sie ganz ähnliche Grundelemente verwendet wie Joe Harawira, hat ihre Darbietung eine ganz andere Stimmung und Tonlage. Mit Hilfe der Universität von Auckland, an der sie arbeite, seien sie dabei, neue und für die Maori-Kultur passende Wege der Präsentation ausfindig zu machen. Sie habe bereits gemeinsam mit anderen Maori-Frauen eine neue Form von Literatur entwickelt, die sich wahrscheinlich am ehesten mit Lyrik vergleichen ließe. Starke Frauen, die sich zum Wohl der Allgemeinheit engagierten, gehörten zur Tradition der Maori genauso wie deren ganz stark ausgeprägtes Umweltbewusstsein. Dabei gebe es trotz aller Gemeinsamkeiten zwischen den Maori auch teilweise groessere Unterschiede zwischen den einzelnen Stämmen. Dank der Geschichten könnten sie sich aber austauschen und hätten die Chance, eine Verständigung zwischen den Stämmen herzustellen. Insofern könne Literatur Anknüpfungspunkte für ein besseres Miteinander bieten. Unterschiede gebe es im Prinzip in allen Gesellschaften, sie selbst habe bei ihren Lesungen in Deutschland etwa Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen feststellen können. Über ihren Erfolg in Deutschland freue sie sich sehr und ganz besonders darüber, dass die Neuseeländer sich und ihre Kultur im Rahmen der Frankfurter Buchmesse präsentieren könnten.

Für eine neue Sicht auf die Geschichte und damit die Rolle der polynesischen Kultur hat vor allen Dingen James Belich mit einer Fernsehsendung über die Geschichte der Polynesier gesorgt, die auf einem seiner Bücher basiert hat. Beim internationalen literaturfestival berlin legt er dar, dass dadurch das Thema in die Öffentlichkeit gelangt sei und man in Folge dessen langsam begonnen habe, die Polynesier als ein Volk zu begreifen, das den halben Erdball bevölkert und geprägt habe. Nur mit Hilfe von Kanus sei es den Vorfahren der Polynesier gelungen, den gesamten Pazifik-Raum, von Hawaii bis Neuseeland zu bevölkern, eine unglaubliche Leistung. Sie seien nachweislich sogar bis Madagaskar und Süd-Amerika gelangt. Europäer sollten die Kultur der Polynesier respektieren.

Im Rahmen der Maori-Nachtbetont auch Hamish Clayton, der im Gegensatz zu Joe Harawira und Cathie Dunsford ein neuseeländischer Schriftsteller ohne Maori-Vorfahren ist, Neuseeland sei ein Land mit zwei Kulturen. Die ersten Geschichten, an die er sich erinnere, seien Maori-Geschichten. Natürlich sei er auch mit den Geschichten über Koenig Arthur, Robin Hood oder Grimms Märchen aufgewachsen. Die Geschichten der Maori seien aber etwas ganz Besonderes, da sie keine Mythologie seien, sondern tatsächlich passiert wären.

Cathie Dunsford: Manawa Toa, Lied der SelkiesCowrie

Hamish Clayton: Wulf

James Belich: The Victorian Interpretation of the Racial Conflict: the British, the Maori and the New Zealand War

James Belich: Making Peoples: A History of the New Zealanders until 1900Paradise Reforged. A History of the New Zealanders from The 1880ies to the Year 2000Replenishing the Earth. The Settler Revolutioon and the Rise of the Anglo-World, 1870ies-1920ies

Witi Ihmaera: Wale Rider

Paula Morris: Rangatira

Alan Duff: Warriors

Peter Walker: Der junge William Fox

„Die große Zukunft des Buches“ von Umberto Eco und Jean-Claude Carrière

Buchcover "Die große Zukunft des Buches" von Umberto Eco und Jean-Claude Carrière

In „Die große Zukunft des Buches“ entwickeln Jean-Philippe Tonnac, Essayist und Journalist und Umberto Eco, Professor für Semiotik, Schriftsteller und Mittelalterexperte, sowie der Drehbuchautor und Schriftsteller Jean-Claude Carrière eine Perspektive für die Zukunft der Medienlandschaft. Generell sehen sie das Ältere nicht durch Veränderungen bedroht:  

„Das Ebook wird das Buch nicht töten. Ebenso wenig wie Gutenberg und seine geniale Erfindung von heute auf morgen den Gebrauch von Kodizes unterbunden hat oder den Handel mit Paryrusrollen und volumina. Die jeweiligen Praktiken und Gewohnheiten bestehen nebeneinander weiter, und nichts lieben wir mehr, als das Spektrum unserer Möglichkeiten zu erweitern. Hat der Film die Gemälde getötet? Das Fernsehen den Film? Willkommen seien daher Rechner und periphere Lesegeräte, die uns über einen einzigen Bildschirm Zugang zur mittlerweile digitalisierten Universalbibliothek gewähren“

Sie stellen zum Beispiel fest, dass das Internet seine Nutzer in die Zeit des Alphabets zurück versetzt. Manche hätten früher fälschlicherweise angenommen, dass Film und Fernsehen das Lesen nahezu überflüssig machen würden. Doch das Gegenteil sei der Fall. Womöglich könnte es durch den Computer sogar eine Rückkehr zur oralen Tradition geben, ein bisschen wie zur Zeit Homers:

„Wir würden eine Rückkehr zur Oralität erleben, wenn der Computer das, was wir sagen, direkt verarbeiten könnte“

Als ein weiteres wichtiges Thema sehen sie die enormen Schwierigkeiten, dauerhafte Speichermöglichkeiten für unser kulturelles Gedächtnis zu finden. Alle Kulturen zu allen Zeiten hätten sich mit diesem Problem konfrontiert gesehen. Jean-Claude Carrière glaubt, dass auch heute nicht überall ein Interesse daran besteht, das Alte dauerhaft zu erhalten. Filme beispielsweise sollten immer wieder neu produziert werden:

„Seit den zwanziger, dreißiger Jahren ist der Film in Europa zur >Siebten Kunst< avanciert. Seit damals hält man es jedenfalls für der Mühe wert, Kunstwerke zu bewahren, die nunmehr ein Teil der Kunstgeschichte sind. Aus diesem Grund entstanden die ersten Filmarchive, zunächst in Russland, dann in Frankreich. Aber aus amerikanischer Sicht ist der Film keine Kunst, noch heute gilt er dort als erneuerbares Produkt. Zorro, Nosferatu, Tarzan müssen immer wieder neu gemacht werden, die alten Vorbilder, die alten Bestände also weggeworfen werden. Das Alte, insbesondere wenn es von hoher Qualität ist, könnte dem neuen Produkt ja Konkurrenz machen“

Durch all die Möglichkeiten, die den Menschen zur Verfügung ständen, lebten wir in einer Zeit ständiger Veränderung. Uns werde ständige Mobilität und permanentes Lernen aufgezwungen. Alle Gesprächsteilnehmer sind sich einig, dass es eine ganz zuverlässige Vorhersage für die Zukunft niemals geben kann. Die Geschichte sei voll solcher Irrtümer. Aber es gelingt den Gesprächsteilnehmern, die aktuellen Probleme mit vielen Anekdoten und sehr kenntnisreich in Zusammenhang zu den großen Fragen der Menschheit zu setzen und das Neue der Gegenwart als etwas zu enttarnen, das es in mehr oder weniger veränderter Weise immer schon gegeben hat.

FOLK. von Romeo Castellucci

Szene aus FOLK. von Romeo Castellucci, Aufführung im Rahmen der Ruhrtriennale

Für die Besucher von Romeo Castelluccis FOLK. gibt es keine Sitzplätze. Viele schauen sich irritiert um, suchen sich aber ohne viel Worte einen Stehplatz am Rande des riesigen, aufblasbaren Bassins, das fast die ganze Gebläsehalle des Landschaftspark Duisburg-Nord ausfüllt. Unwillkürlich rücken wir alle ein bisschen zusammen, sehen uns genau um, versichern uns gegenseitig, dass in dem riesigen Becken unmittelbar vor uns warmes Wasser ist und warten ab.

Szene aus FOLK. von Romeo Castellucci. Aufführung im Rahmen der RuhrtriennaleNach einer Weile steigt plötzlich steigt ein voll bekleideter Mann in das Becken und läuft im hüfthohen Wasser langsam auf die Mitte des Beckens zu. Eine Frau am anderen Ende tut es ihm gleich. Beide sind normal gekleidet und unterscheiden sich nicht von den Zuschauern. In der Mitte angekommen, umarmen sich Mann und Frau lange und scheinen sehr glücklich, sich gefunden zu haben. Schließlich helfen sie einander, rücklings und mit zugehaltener Nase unterzutauchen. Um das Becken herum stehen lauter Menschen, aber die beiden im Wasser sind vollkommen alleine mit sich. Sie sprechen überhaupt gar nicht, noch nicht einmal miteinander, sondern bedeuten sich durch Gesten und Körperkontakt, was zu tun ist. Nachdem beide vollkommen untergetaucht sind, umarmen sie sich noch herzlicher als vorher.

Romeo Castellucci sagt beim tumbletalk, dem Gesprächsformat der Ruhrtriennale, es sei ihm eigentlich unmöglich, über den Prozess der Entstehung seiner Stücke zu sprechen. Ihm selbst sei nicht klar, wo genau seine Ideen her kämen. Sagen könne er aber, dass der Ausgangspunkt immer Alltägliches sei. Er erinnere sich, dass er im Auto eine CD über Taufen im Mississippi angehört habe, die seine Idee entzündet hätte. Ihn interessiere die gesellschaftliche Funktion dieses Rituals, das immer seltener werde. In seinem Stück sei es ein Ritual, das ohne Gott statt finde und deswegen leer bleibe. Doch ein Ritus drücke immer aus, wie Gesellschaft sich bilde.

Die Gesten des Mannes zum Abschied sind herzlich. Doch schließlich geht er zurück zum Rand des Beckens und verlässt es wieder. Die Frau bleibt allein in der Mitte des Beckens zurück als warte sie. Als eine andere Person wieder vollbekleidet über den Rand des Bassins klettert ermuntert sie sie mit offenen Armen, zu ihr zu kommen. Etwas zögerlich läuft die andere Person in die Mitte des Beckens und umarmt die Frau. Sie hilft der anderen Person wie schon zuvor, rücklings ganz unterzutauchen. Dann umarmen sie sich wieder lange und emotional.

Szene aus FOLK. von Romeo Castellucci, Aufführung im Rahmen der Ruhrtriennale

Dieser Vorgang wiederholt sich viel Male. Es bleibt immer die Person zurück, die als letzte untergetaucht ist, nimmt eine andere in Empfang und wiederholt das Ritual. Obwohl sich alle in der Mitte des Beckens zum ersten Mal zu begegnen scheinen, wird jeder herzlich und mit offenen Armen empfangen. Manche erscheinen zunächst traurig und besorgt auf ihrem Weg in die Mitte. Das Untertauchen macht gerade diese Menschen lebendiger, fröhlicher und unbeschwerter. Es ist offensichtlich eine sehr positive Erfahrung. Dabei bleiben die zwei im Becken die ganze Zeit über allein, niemand sonst mischt sich ein. Dazu erklingt wie aus dem Nichts ein sanft und melodisch singenden Frauenchor.

Romeo Castellucci erklärt, das Wasser sei immer als wichtigstes Element gesehen worden und als Mittel und Medium der Kommunikation. Es sei ein berührbarer Ausdruck der Gemeinschaft und mache die Beziehungen sichtbar, die wichtig und vielleicht auch gefährlich seien. Da es ihm um diese Beziehungen in einem Volk beziehungsweise in einer Gemeinschaft gehe, wolle er nicht mit professionellen Schauspielern arbeiten. Ein echtes Volk solle zum Mittelpunkt des Stückes werden. Deswegen entspräche auch die Anzahl der Statisten der des Publikums. Es sei immer wieder vorgekommen, dass einer der Besucher in das Bassin gestiegen und sich am Ritual beteiligt habe. Der Besucher selbst könne in FOLK. zum Protagonisten werden. Dem Prinzip des Zufalls und der Unordnung wolle er in seinem Stück Platz einräumen.

Szene aus FOLK. von Romeo Castellucci, Aufführung im Rahmen der RuhrtriennaleAls es irgendwann einen lauten Schlag aus dem oberen Teil des Raumes gibt, nehme ich die Rundbogenfenster hoch oben unter der Decke erst richtig wahr. Wir zucken alle erschrocken zusammen und schauen uns ratlos an. Als kurz darauf mehrere donnerartige Schläge ertönen, bemerken wir, dass sich oben gegen die Fenster schattenartige Gestalten mit ihrem ganzen Körper werfen. Wir beruhigen uns langsam wieder, obwohl sich immer mehr solcher Gestalten gegen die Fenster werfen und das Donnern eher noch lauter wird. Das Ritual geht dabei die ganze Zeit weiter. Die beiden im Bassin scheinen von dem Krach gar nichts zu bemerken.

Szene aus FOLK. von Romeo Castellucci, Aufführung im Rahmen der RuhrtriennaleDer Lärm wird immer unerträglicher. Man kann die Donnerschläge physisch spüren. Irgendwann stehen sich zwei Männer im Bassin gegenüber und führen das Ritual nicht weiter. Sobald niemand mehr im Wasser ist, sticht einer der Männer in das aufblasbare Bassin. Das Wasser ergießt sich sintflutartig in die Halle. Wir suchen am Rand Schutz vor dem Wasser. Dröhnend erklingt die Musik einer Kirchenorgel. Der Mann, der das Bassin zerstört hat, schneidet nach und nach die leere Hülle das Bassin in zwei Teile. Sie werden in die Höhe gehoben.

Danach sitzt ein Mann ganz allein vor einem Tisch, auf dem sich eine Art Puzzle befindet. Er muss unterschiedliche Formen zusammen fügen. Es kostet ihn offensichtlich viel Mühe. Schließlich schmeißt er das letzte Teil weg und verlässt den Raum.

Beim tumbletalk heißt es, viele Zuschauer hätten nicht verständen, warum das Stück auf einmal zu Ende seiRomeo Castellucci meint, es sei nicht die Aufgabe der Kunst, Bedeutungen zu schaffen. Darin liege eher eine große Gefahr. Es sei grundsätzlich nicht möglich, einem Kunstwerk eine klare Deutung zu geben. Für einen Künstler gehe es darum, etwas zu schaffen, das notwendig sei. Der Zuschauer sei eine Art Detektiv, der die einzelnen Teile des Theaterstücks wieder zusammen setzen müsse. So erschaffe es einen Kontakt zum Zuschauer. Die menschliche Wahrnehmung liege allein im Körper des einzelnen Menschen und hänge von ihm ab. Da Menschen etwa unterschiedliche Erfahrungen oder Ausbildungen hätten, nähmen sie manches unterschiedlich wahr, es gebe nie nur eine Wahrheit. Die Reaktion des Publikums ließe sich auch niemals planen, er lasse sich davon überraschen. Es tue ihm Leid, dass sich manchmal Menschen durch seine Arbeit provoziert fühlten. Das sei nicht seine Absicht und nehme dem Stück womöglich etwas weg. Grundsätzlich gebe es im Theater einen Widerstreit von These und Antithese ohne Auflösung. Außer im orientalischen und japanischen Theater rekurriere jedes im Theater aufgeführte Stück immer auf die griechische Tragödie. Deren Kern sei die Leere voller Kälte. Der griechischen Tragödie entspringe das Recht, das sich erst nach dem Ende der Götter durchsetzen könne. Das Theater sei der menschliche Ausdruck, der dem Leben am nächsten sei, man mache gemeinsame Erfahrungen zur selben Zeit.

FOLK. arbeitet mit vielen Sinneseindrücken und macht Erfahrungen sehr unmittelbar. Für mich war nichts vorhersehbar. Ich war nicht nur passiver Zuschauer, sondern konnte tatsächlich den Schutz spüren, den menschliche Gesellschaft in einer unvertrauten Situation bieten kann und damit, was den Ursprung aller Gemeinschaft ausmacht.

„12 Rooms“ im Museum Folkwang in Essen

Szene aus der Ausstellung "12 Rooms" im Folkwang Museum, Essen

Als ich den Bereich der Ausstellung 12 Rooms im Museum Folkwang in Essen betrete, wirkt auf mich alles sehr unspektakulär. Ich sehe nur graue Wände, in die manchmal eine Tür eingelassen ist. Die Türen sind verschlossen und es sind auch keine Geräusche zu hören.

Langsam bemerke ich, dass ich mich in einem labyrinthartigen Gangsystem aus grauen Wänden und verschlossenen Türen bewege. An den Ecken der Wände sind offenbar die Namen der Künstler und des Kunstwerks hinter der Tür vermerkt, auf das ich mir von Außen keinerlei Vorstellung machen kann.

Ich gelange an eine Tür, die einen Spalt breit offen steht und so fixiert ist. Von Außen habe ich den Eindruck, dass sich dahinter schwärzeste Dunkelheit befindet. Auch als ich an den Türspalt näher heran trete, kann ich überhaupt nicht erkennen, was sich in dem Raum befindet oder abspielt. Xavier Le Roy, der Künstler, der diesen einen der insgesamt zwölft Räume gestaltet hat, spricht beim tumbletalk davon, dass Dunkelheit nur auf den ersten Blick eine Veränderung in der menschlichen Wahrnehmung einer unbekannten Situation ist. Der Besucher wisse, dass er eine gewisse Zeit brauche, bis er sich an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnt habe und etwas im Raum erkennen werde. Eigentlich brauche man aber immer längere Zeit, um sich auf  eine unbekannte und unvertraute Situation einzustellen und sie erfassen zu können. Im Museum könne der Besucher im Gegensatz zum Theater selbst entscheiden, wie lange er sich welchem Kunstwerk widme. Im Theater sei der Besucher eher passiv und bleibe die ganze Zeit auf seinem Platz sitzen. Er lasse als Teil einer Gruppe andere über den Inhalt der nächsten Zeit entscheiden.  ‚Live-Art‚ könne beide Prinzipien miteinander verbinden. Als ich mich durch den dunklen Türspalt wage, weiß ich, dass sich wahrscheinlich in jedem der zwölf Räume lebende Menschen als Performer befinden. Ich kann im Inneren einige Zeit nichts erkennen und gehe aus Angst davor, auf jemanden zu treten lieber erst einmal wieder hinaus.

Als ich die grauen Gänge entlang laufe, entdecke ich einen Raum ohne Tür und sehe Menschen in bunter Sportkleidung sich in dem offenbar runden Raum in unterschiedlichen Geschwindigkeiten im Kreis bewegen. Ich bin bei der Revolving Door von Allora & Calzadilla angekommen.

Ich setze meinen Rundgang fort und bin langsam bereit, eine Tür zu öffnen und mir anzusehen, was sich dahinter verbirgt. Ich sehe einen blonden jungen Mann mit Badehose, der auf einem grell erleuchteten Solarium liegt. Er hat einen dunklen Lichtschutz auf den Augen und Kopfhörer im Ohr. Fast stakkatoartig ruft er in regelmäßigen Abständen französische Wörter. Die Wörter ergeben keinen Satz und keinen Sinn. Das Solarium steht in der Mitte des Raumes, darum herum sind nur leere weiße Wände. An einer Stelle hängt ein weißer Bademantel an der Wand, davor stehen Badelatschen. Der junge Mann ruft weiter französische Wörter und scheint auf nichts um sich herum zu reagieren.

Simon Fujiwara hat diesen Raum gestaltet. Ihm gehe es bei Future / Perfectdarum, einen typischen Repräsentanten seiner Generation zu zeigen, sagt Simon Fujiwara im tumbletalk. Die Thatcher-Regierung habe unter den Menschen in Großbritannien die Erwartung geweckt, dass jeder, der vor allen Dingen gut aussehe und eine fremde Sprache gelernt habe, erfolgreich und ‚easy-going‘ sein werde. Tatsächlich sei der junge Mann komplett isoliert und könne nicht mit seiner Außenwelt interagieren, da er nichts sehen und hören könne. Er brabbele lediglich Wortfetzen aus einer fremden Sprache vor sich hin und höre über seine Kopfhörer nur seine Sprachlernübung. Als Performer des idealisiert wirkenden jungen Mannes in dieser futuristischen Umgebung, seien junge Arbeitslose aus der Gegend ausgewählt worden. Manche Rezipienten hätten Parallelen zu Dorian Gray gezogen. Dem Protagonisten in dem gleichnamigen Roman von Oscar Wilde gelingt es für lange Zeit, die optischen Spuren seines ausschweifenden und moralisch fragwürdigen Lebens zu verbergen. Auch der gut gebaute junge Mann auf dem Solarium sei dort einem schnellen Alterungsprozess ausgesetzt und sein gutes Aussehen extrem gefährdet. Die Szenerie habe etwas von einem absurden Theaterstück.

Besucher in der Ausstellung "12 Rooms" im Folkwang Museum, EssenIch gehe weiter die Gänge entlang und entdecke Besucher, die vor einer Tür knien, die keine ist. An Stelle der Tür ist eine Vertiefung in der Wand. Nur wenige Zentimeter über dem Boden ist ein Loch im Türrahmen, durch das man nur sehen kann, wenn man sich ganz auf den Boden kniet. Auch ich knie mich auf den Boden und kann in einer Art Zimmer mit extrem niedriger Decke neben einer großen Lampe auf dem Teppichboden eine liegende Person erkennen. Es scheint sich um eine Frau zu handeln, die sich kaum bewegt, nichts um sich herum wahrnimmt und unverständlich vor sich hin brabbelt. Ich gehe nach einer Weile weiter.

In manchen Räumen frage ich mich eine ganze Weile, ob ich wirklich einen lebendigen Menschen vor mir habe oder doch eine Puppe. In anderen Räumen werde ich und die anderen Besucher sofort in ein Gespräch verwickelt, wie im Raum mit dem Titel Swap von Roman Ondàk. Der Performer hält ein gelbes Feuerzeug in den Händen und spricht auf Englisch über Tausch als Grundlage des menschlichen Zusammenlebens. Er sitzt in einem sonst kahlen Zimmer an einem einfachen Tisch, wie er auch von Schülern in der Schule benutzt werden könnte. Nach einer Weile bietet ein Besucher dem Performer ein Paket Taschentücher im Tausch gegen das gelbe Feuerzeug. Der Performer willigt begeistert ein. Besucher und Performer einigen sich darauf, später zu besprechen, wie lange der Performer das Paket Taschentücher behalten und wogegen er es schließlich eingetauscht hat. Ich und alle anderen Besucher verlassen danach den Raum.

Angekommen im Room Tone von Lucy Raven erlebe ich, wie ein zuvor auf einem Tonband aufgenommener Text von einer Frau immer wieder abgespielt und zeitgleich auch aufgenommen wird. An einer Wand neben dem Tisch mit den Tonbändern gibt es eine sofaartigen Sitzgelegenheit. Ich nehme darauf Platz und höre, wie sich die Stimme von Mal zu Mal verzerrter anhört und langsam im allgemeinen Rauschen untergeht. Für diese Performance habe sie sich von dem amerikanischen Komponisten Alvin Lucier inspirieren lassen, erklärt Lucy Raven im Rahmen des tumbletalk. Er habe 1969 ein Stück namens I am Sitting in a Room entwickelt, das nie öffentlich aufgeführt worden sei. Wie in dem von Lucier erdachten Raum gebe es auch in diesem ein Mikrofon, zwei Tonbandgeräte, einen Verstärker und einen Lautsprecher. Die Aufnahmen würden mehr und mehr von den natürlichen Resonanzfrequenzen des Raums gedämpft. Was nach dem langsamen Verschwinden der Stimme und der Geräusche der Besucher letzlich von der Aufnahme auf dem Band übrig bleibe, sei der ‚Raum-Ton‘. Als Performerin arbeite sie häufig, auch in diesem Fall, mit Handlungsanweisungen. Ein Computer funktioniere auch auf dieser Basis, er sei das Gerät, das Handlungsanweisungen ausführe. Für Room Tone arbeite sie aber mit einem Tonbandgerät, das technisch gesehen noch nicht so weit entwickelt sei wie ein Computer. In den 80ern seien Tonbandgeräte sehr populär gewesen, sie wolle auf die Geschichte des Entertainments und der Technik hinweisen. Eine Aufnahme zu machen sei eine Form des Protests gegen das Vergessen.

Nach und nach erkunde ich die restlichen Räume der Ausstellung. Manchmal gelange ich in einen Raum, den ich vorher schon einmal besucht habe und finde eine deutlich veränderte Situation vor. Genau gesagt, erlebe ich an keiner Stelle dasselbe ein zweites Mal und bekomme Spaß daran, die Räume immer wieder zu besuchen.

Das Thema Zeit zu behandeln und eine enge Verbindung zwischen dem Theater und dem Museum herzustellen seien die Vorgaben für diese Ausstellung gewesen, konnten  Besucher des tumbletalk von den Kuratoren der Ausstellung, Klaus Biesenbach und Hans Ulrich Obrist, erfahren. In Auftrag gegeben habe die Ausstellung das Manchester International Festival. Dort sei die Ausstellung zuvor mit 11 Räumen zu sehen gewesen. Im Museum Folkwang seien Damien Hirst und Xavier Le Roy neu hinzugestoßen. Interessiert habe sie, intime Erlebnisse mit Menschen zu erzeugen, die sich nicht kennen. Die Räume seien vergleichbar mit der Situation, wenn man einer unbekannten Person in einem Fahrstuhl begegne, die ungewöhnlich aussehe oder etwa nackt sei und mit der man eine gewisse Zeit verbringen müsse, nachdem sich die Türen geschlossen hätten. Außerdem hätten sich die Performer an klassische Statuen anlehnen sollen, die Menschen für gewöhnlich sehr idealisiert darstellten. In der Ausstellung 12 Rooms sei die idealisierte Person lebendig und benähme sich häufig unerwartet und unvorhersehbar. Man wolle, dass sich die Ausstellung weiter entwickele, es sei bereits geplant, dass die Ausstellung vermutlich in einer veränderten Form danach in Sydney zu sehen ist.

Wie arbeiten syrische Videofilmer?

Syrische Videofilmer beim emaf 2011

Videokunst ist seit der Gründung des European Media Art Festival (emaf) vor 25 Jahren zentraler Schwerpunkt des Festivals. Anlässlich des Jubiläums haben in diesem Jahr namhafte Experten allgemeine Veränderungen in der Mediennutzung, deren Auswirkungen auf künstlerisches Arbeiten und die Bedeutung von Netzwerken diskutiert.

Charlotte Bank hat die Besonderheiten erörtert, mit denen syrische Filmemacher seit Beginn der Unruhen in Syrien zu kämpfen haben. Es sei generell schwierig geworden, sich ein objektives Bild von den Geschehnissen in Syrien zu machen, da das Regime seit Ausbruch der Proteste keine ausländischen Journalisten mehr in das Land lasse. YouTube habe sich als Informations-Plattform etabliert, da es häufig keinen anderen Weg gebe, sich der Öffentlichkeit mitzuteilen oder an Informationen über die Situation im eigenen Land zu kommen. Es gebe viele Online-Video-Aktivisten, die die Ereignisse in ihrer Nähe dokumentierten und im Internet veröffentlichten. Viele von ihnen seien keine professionellen Journalisten, Filmemacher, Künstler oder Intellektuelle.

Überhaupt seien syrische Intellektuelle nicht die treibende Kraft der Protestbewegung gewesen. Auch vor Beginn der Unruhen sei eine oppositionelle Haltung zum Regime nicht gut aufgenommen worden. Syrische Künstler seien durch die Zensur gezwungen worden, eine komplexe Sprache aus Metaphern und Symbolen zu entwickeln. Manchmal könne man den Eindruck bekommen, dass Zensur fast ein Geschenk sein könne, da ohne diesen Druck die Ausdrucksformen nicht so vielfältig geworden wären.

Im April 2011 hätten syrische Filmemacher dennoch eine Solidaritätserklärung mit den Protestierenden verfasst und zur Unterstützung für die Regimegegner aufgerufen. Es habe danach noch einige Zeit gebraucht, bis die ersten Filme von syrischen Künstlern zur Lage in Syrien veröffentlicht worden seien. Das hänge damit zusammen, dass die syrische Kunstszene nicht besonders etabliert gewesen sei und dass die syrischen Filmemacher nicht vorschnell hätten reagieren wollen.

Um Probleme jetzt offen und direkt ansprechen zu können, gebe es sowohl für Künstler als auch für Nicht-Professionelle in Syrien die Notwendigkeit, anonym zu arbeiten und publizieren. Das Regime gehe mittlerweile gegen jeden vor, der eine Kamera habe und betrachte sie als einen der schlimmsten Feinde. Wieder bringe die besondere Situation der Videofilmer eine bestimmte Ästhetik hervor. Da syrische Videofilmer schnell arbeiten müssten, seien die Filme häufig kurz und auf Wesentliches reduziert. Außerdem sei alles möglichst vage gehalten, Personen und Gegenden meist nicht genau zu erkennen. Jeder habe eigene Konzepte, wie er sich, seine Familie und die Menschen in seiner Umgebung schütze. Zwei Beispiele seien der Film The Sun’s Incubator des syrischen Künstlers Ammar al-Beik, der auf der Biennale von Venedig gezeigt worden ist, und der anonym veröffentlichte nicht-professionelle Film Smuggling 23 Minutes of Revolution.

„Es war eine interessante und euphorische Zeit“ – Interview mit Margaret Hunter

Bilder und Skulpturen von Margaret Hunter

Nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 haben im Jahr 1990 Künstler begonnen, die Mauer zwischen Oberbaumbrücke und Ostbahnhof mit Gemälden zu versehen. Mittlerweile ist die Berliner East Side Gallery nicht nur ein großes Kunstwerk, sondern das längste noch stehende Stück der Mauer, die früher Berlin teilte. Die schottische Künstlerin Margaret Hunter ist eine der Künstlerinnen der Berliner East Side Gallery. Die Galerie-Version ihres Mauerbildes von 1990 wird jetzt mit anderen Werken in der Galerie aquabitArt in Berlin gezeigt.

Wie kam es, dass Sie 1990 in Berlin waren und was hat Sie dazu bewegt, ein Bild an der Berliner East Side Gallery zu malen?

Ich bin 1985 nach Abschluss meines Studiums nach Berlin gekommen, um bei Georg Baselitz an der Universität der Künste zu arbeiten. Ich habe dann in Berlin meinen Mann kennen gelernt und bin jahrelang zwischen der Familie und dem künstlerischen Leben in Berlin und der Lehre an der Universität und den Ausstellungen in Schottland hin und her gependelt. 1990 bin ich zusammen mit vielen anderen Künstlern aus Ost und West eingeladen worden, ein Kunstwerk auf die zumindest im Ostteil Berlins früher unberührbare und verbotene Mauer zu malen. Es war ein Moment der Befreiung. Die Berliner Mauer war das Symbol des ‚Eisernen Vorhangs‘ und ich habe mich sehr geehrt gefühlt, an diesem historischen Vorgang beteiligt sein zu dürfen. Es war eine sehr interessante und euphorische Zeit, tausende von Touristen sind herbei geströmt, um uns malen zu sehen und es gab sehr viel Aufmerksamkeit von Seiten der Medien. Aber natürlich habe ich von Zeit zu Zeit an die Bedeutung dieser Malaktion gedacht, daran, dass es noch gar nicht lange her war, dass der letzte junge Mann bei dem Versuch, diese Mauer zu überwinden, umgebracht worden ist. Es gab also auch schmerzliche Momente.

Gibt es für Sie als Schottin eine besondere Beziehung zu Berlin oder insgesamt zu Deutschland?

Mein Wunsch mit Georg Baselitz zu arbeiten hat mich nach Berlin gebracht. Wenn er in Amsterdam oder Paris gearbeitet hätte, wäre ich dort hin gegangen. Das hätte ich getan, sogar obwohl meine Schwester damals auch schon zum Arbeiten nach Frankfurt gezogen ist. Sie lebt immer noch in Deutschland und wir sind jetzt beide seit vielen Jahren hier.

Die spannende und kantige Stimmung des geteilten Berlin hat ganz sicher immer Einfluss auf meine Arbeit gehabt und es hat mein ganzes zwischen Schottland und Berlin geteiltes Leben begleitet.

Ihr Bild Joint Venture/re:STATEMENT hat etwas sehr Ursprüngliches, es erinnert ein bisschen an Höhlenmalerei. Auch die Skulpturen haben etwas von den Jahrtausende alten Kultstatuen, die einfache Menschen besaßen. Ist das auch aus Ihrer Sicht ein entscheidendes Merkmal für Ihre Kunst und warum?

Ja. Als Kind war habe ich einige Zeit in Nigeria verbracht, weil mein Vater dort gearbeitet hat. Ich glaube, mein Wunsch mit Georg Baselitz zu arbeiten, der eine bedeutende Kollektion afrikanischer Kunst besitzt, war ein Schritt in Richtung der Erinnerungen aus meiner Zeit in Afrika. Besonders zu den Stammesmarkierungen auf den Gesichtern der Menschen… Zeichen ihrer Identität.

Mir haben vor allen Dingen die Gemälde von Georg Baselitz sehr gut gefallen, auf denen einzelne Figuren dargestellt werden. Ich wollte eine solche Stärke und Direktheit auch in meiner eigenen Arbeit ausdrücken und so haben meine Zeichnungen, Gemälde und Skulpturen die Tendenz, auf das Essentielle reduziert zu sein. Der augenscheinliche Zweck und Nutzen hat mich auch immer an afrikanischer Kunst interessiert… Etwas, was ich in meiner eigenen Arbeit haben möchte. Wenn ich die Skulpturen herstelle, dann beginne ich mit der Kettensäge, wobei manchmal raue Stellen entstehen. Ich höre immer wieder zwischendurch auf, um zu meißeln. Das geht in einer Geschwindigkeit, die eher zu meinem Denken passt!

Wie kam es zu dem Dialog zwischen Ihnen und den Besuchern der East Side Gallery und wie ist die Entscheidung gereift, die Anregungen der Besucher in eine ‚Neufassung‘ von Joint Venture/re:STATEMENT zu integrieren? 

Ich habe eine Replik meines East Side Gallery Bildes angefertigt. Es war 2009 mein Beitrag für eine Ausstellung an der ich teilgenommen habe, die das Thema ’20 Jahre nach dem Mauerfall‘ hatte und im Kunstraum Potsdam statt gefunden hat.

Ich habe die Galerie-Version von Joint Venture/re:STATEMENT in meinem Atelier gemalt. Die Situation war ganz anders als 1990, besonders weil ich in einem geschlossenen Raum gearbeitet habe und es Zeit gab, über die dazwischen liegenden zwanzig Jahre nachzudenken.

In diesen zwanzig Jahren gab es einen immer währenden Dialog mit den anonymen Besuchern, die in Form von Graffitis auf dem Bild Kommentare hinterlassen haben. Ich habe die Graffitis viele Male übermalt und es hat mein Leben zwanzig Jahre lang begleitet. Ich bin schließlich auf die Idee gekommen, die Galerie-Version zu einem interaktiven Stück zu machen und es so noch mehr mit dem Gemälde auf der Mauer der East Side Gallery zu verbinden. Ich habe die Besucher auf der Vernissage im Kunstraum Potsdam eingeladen, ihre Gedanken auf meinem Bild zu hinterlassen. Mir ist es so vorgekommen, dass die ‚Neue Darstellung‘, was ‚RESTATEMENT‘ übersetzt bedeutet, so vollständig war.

Welche Rolle spielen die Anregungen der Rezipienten für Sie und Ihre Kunst?

Es ist eindeutig ein großes Risiko, andere Leute zu bitten, auf mein Bild zu schreiben. Es hätte komplett zerstört werden können. Aber da ich mich dafür entschieden hatte, war das ein Risiko, das ich in Kauf nehmen musste. Außerdem hat es in einer Galerie statt gefunden und ich war die meiste Zeit über selbst anwesend. Es gab von Seiten der Besucher großen Respekt für das Gemälde und ich glaube, die Besucher haben sich sogar geehrt gefühlt, daran teilhaben zu dürfen. Ich habe sehr viel Arbeit in dieses Bild gesteckt, habe viel mit überlappenden Farben gearbeitet, was ihm aus meiner Sicht die Ähnlichkeit mit Höhlenmalereien verleiht, die Sie bereits angesprochen haben. Ich habe nicht bewusst darauf hin gearbeitet, sondern hatte eher die Vorstellung, dass die Farb-Schichten ein Gefühl von Zeit und Geschichte vermitteln würden. Das Gemälde ist später in der Royal Scottish Academy gezeigt worden, eine der führenden Institutionen in Schottland. Die Räumlichkeiten sind dort sehr edel und die Besucher haben das Bild aus einer größeren Distanz heraus betrachten müssen, so dass sie wenig von den Worten auf der Oberfläche des Bildes erkennen konnten.

Der Unterschied zwischen der Präsentation des Bildes in der Royal Scottish Adademy und der in dem Raum der aquabitArt-Galerie ist enorm. Das Gemälde konnte nicht am Stück aufgehängt werden, sondern musste über Eck aufgehängt werden, ein Teil an einer Wand, der andere an der anderen. Das lädt die Besucher ‚in das Bild ein‘, sie sind von ihm umgeben und können von ganz nah alle Details erkennen. Diese Anordnung des Gemäldes ist ein weiterer Versuch, den Besucher in das Werk mit einzubinden. Früher habe ich oft mit Holz-Brettern gearbeitet, auf die ich viele Farbschichten aufgetragen habe, um dann hinein kratzen zu können und ‚die Geschichte‘ darunter frei legen zu können. In der auquabitArt-Ausstellung sind die ‚Schichten‘ einzeln dargestellt, Teile meiner Arbeit, und es ist Aufgabe des Besuchers, zwischen den einzelnen Skulpturen und Bildern einen Zusammenhang herzustellen oder auch nicht. Die schweren kohlschwarzen Skizzen auf den Bildern könnte man als Grundrisse der Skulpturen verstehen, die aus dem großen Bild herausgetreten sind. Die Skulpturen sehen so aus. Eine weitere ‚Schicht‘ bilden die kleinen kratzigen Tuschezeichnungen…

Seitdem ich die Ausstellung noch vor der Eröffnung zum ersten Mal gesehen habe, spreche ich mit einem Choreografen über eine dazugehörige Tanz-Performance, die ein Video meines großen Gemäldes und einer Skulptur aus einer Ausstellung namens Holding Hope beinhaltet. Ich finde die Aussicht auf weitere ‚Schichten‘ von Bedeutungen durch Bewegung/Stillstand, Lichtgebung, Schatten, Ton und so weiter sehr spannend.

Sie haben auch als Dozentin am Edinburgh College of Art und an der Glasgow School of Art gearbeitet. Gibt es irgend etwas, was Sie jungen bildenden Künstlern unbedingt mit auf ihren hoffentlich erfolgreichen Weg geben möchten?

Ich habe an beiden Kunstschulen als Gast-Dozentin gearbeitet. Es gibt so viele begabte Künstler und so wenige Möglichkeiten und Perspektiven für sie. Als erstes muss ein junger Künstler vollkommen aufrichtig und zielstrebig sein und außerdem einen unumstößlichen Glauben an die eigenen Ideen haben, sie dürfen sich nicht durch Zurückweisungen erschüttern lassen und sie brauchen Verwegenheit. Außerdem müssen sie ständig auf der Suche nach Gelegenheiten sein, ihre Arbeit zu zeigen oder an Projekten teil zu nehmen. Es ist dabei sehr wichtig, professionell zu sein und sie müssen begreifen, dass sie die geschäftliche Seite der Kunstwelt verstehen müssen.

Weitere Informationen gibt es unter: www.art.aquabit.com und www.eastsidegallery-berlin.de

Sprachen Lernen mit Spaß

Rosetta Stone: Sprachen wie zB Spanisch Lernen mit Spaß

Rosetta Stone ist der führende Anbieter von Sprachlernlösungen, die online oder über eine CD-ROM angewandt werden können. Die Lernprogramme gibt es für mehr als 30 Sprachen und werden von privaten Sprachlernbegeisterten, öffentlichen Institutionen, Unternehmen und tausenden von Schulen und Universitäten welweit verwendet. Rosetta Stone wurde in den 90er Jahren in den USA gegründet und hat heute Niederlassungen in London, Seoul, Tokio und München. 2009 wurde Tom Adams, CEO von Rosetta Stone zum „Ernst & Young Entrepreneur Of The Year“ gewählt. Duane Sider ist „Director of Learning“ bei Rosetta Stone in Harrisonburg, USA.

Was ist das Besondere an den Sprachlernlösungen von Rosetta Stone?

Duane Sider: Rosetta Stone ermöglicht jedem, unabhängig vom Alter, dem Bildungsgrad oder jeglicher Vorerfahrung, Sprachen Wort für Wort neu oder aufbauend zu lernen, indem man auf seine natürlichen Lernfähigkeiten zurückgreift. Die Lernenden selbst bestimmen den Schwerpunkt und das Tempo. Ein sorgsam ausgeklügelter Programmverlauf leitet Sie Schritt für Schritt durch diesen natürlichen Lernprozess. Obwohl Sie zu Hause lernen, sind Sie ganz von der Kultur umgeben, deren Sprache Sie gerade lernen. Dabei verwenden Sie niemals Übersetzungen oder Erläuterungen der Grammatik in Ihrer Muttersprache. Ihre Sprachfähigkeiten entwickeln sich schnell mit Hilfe unserer Spracherkennungssoftware und regelmäßiger Gelegenheiten, die Aussprache mit Muttersprachlern zu üben. Die Lernenden eignen sich so eine neue Sprache auf einem spielerischem Weg an, der ihnen Sprachpraxis vermittelt, sie motiviert und ihr Selbstvertrauen stärkt.

Was sind die besonderen Anforderungen, die im digitalen Zeitalter an Fremdsprachenunterricht gestellt werden müssen? Für Schüler? Für Autodidakten, die sich eine Sprache aus beruflichen Gründen selbst neben der Berufstätigkeit aneignen müssen?

Duane Sider: Fremdsprachenlehrer müssen sich nicht mit den neuesten technischen Entwicklungen auskennen, um im digitalen Zeitalter gute Sprachlernangebote anbieten zu können und auch die Klassenzimmer müssen nicht unbedingt mit den neuesten technischen Geräten ausgestattet sein. Der Erfolg der Lehrmethode hängt viel mehr grundsätzlich von der Herangehensweise des Lehrers ab, von seinen persönlichen Vermittlungsmethoden und nicht so sehr von irgendwelchen Technologien. Wichtig ist, zu verstehen, was die Lernenden an Erwartungen, Möglichkeiten und Vorkenntnissen mitbringen und alles in den Unterricht einfließen zu lassen. Wir wissen bereits seit vielen Jahren, dass Lernende unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen, verschiedene Vorerfahrungen, unterschiedliche soziale Hintergründe und Lernfähigkeiten. Im digitalen Zeitalter ist es möglich, auf den Einzelnen zugeschnittene Lernansätze anzubieten, die auch die technischen Vorkenntnisse berücksichtigen. Außerhalb des Unterrichts können Lernende viel mehr Informationen ausfindig machen und sie dann in den Unterricht einbringen, als es früher möglich war. Insofern ist der Lehrer weniger ein Allwissender als jemand, der einen dynamischen Lernprozess begleitet, in den sich jeder aktiv einbringen kann. Die Aufgabe des Lehrers ist es, das Beste aus jedem herauszukitzeln und daraus etwas Starkes, Bedeutsames und die Klasse vereinendes herzustellen, das den Erfolg ausmacht. RosettaStone ist in der privilegierten Lage, mit vielen sehr guten Fremdsprachenlehrern aus der ganzen Welt zusammenzuarbeiten, die sich bemühen, optimale Lehrmethoden für alle am Lernprozess Beteiligten zu entwickeln. Die Schüler lernen auf sich gestellt an ihrem Computer und machen dann in der Klasse gemeinsam Gruppenarbeiten und sammeln Sprachpraxis durch Diskussionen mit ihren Mitschülern.

Welche Rolle kann das Internet in diesem Zusammenhang spielen?

Duane Sider: Ganz grundsätzlich erleichtert, beschleunigt und vermehrt das Internet die Möglichkeiten der Wissensaneignung. Das Wissen kann schneller verbreitet und auch schneller darauf zugegriffen werden. Zusammen können diese Faktoren das Lernen an sich verändern. Manche haben diese Veränderung als einen Wechsel von ‚just In Case‘-Lernen zu einem ‚just in time‘-Lernen beschrieben. Im Falle des ‚just in case‘ eignet sich der Schüler etwas an, von dem er hofft, dass es sich als hilfreich für sein Leben und seine Arbeit herausstellt. ‚just in time‘-Lernen, bedeutet, dass der Schüler seine Fähigkeiten sofort und unmittelbar im Internet zum Einsatz bringen kann. Wenn man davon ausgehen darf, dass Sinn des Lernens ist, den Schüler weiser zu machen, und nicht nur ein Mehr an Wissen anzuhäufen, dann ist ein weiser Lehrer am geeignetsten, die Rolle des Internets für den Lernprozess verständlich zu machen.

Wie kann ein Lernender durch digitale Unterrichtsformen seine Aufnahmefähigkeit steigern beziehungsweise warum ist diese Unterrichtsform erfolgversprechender als Frontalunterricht in einer Schule?

Duane Sider: Von der Entwicklung der Printpresse über die audio-visuellen Technologien des letzen Jahrhunderts bis hin zu den heutigen digitalen Möglichkeiten, bringen alle neuen Technologien Veränderungen und neue Anforderungen für Lehrer und Schüler mit sich. Die besten Lehrer haben es stets verstanden, diese neuen Technologien in ihren Lehrmethoden zu berücksichtigen, aber den Schwerpunkt auf dem Lernen zu belassen. Auch im digitalen Zeitalter werden gute Lehrer die Vorteile des digitalen Lernens mit ‚traditionellen‘ Lehrmethoden sinnvoll und in bester Weise miteinander verbinden.

Sprache ist ja eigentlich etwas lebendiges und besteht ja auch vor allen Dingen aus direkten Gesprächen mit Menschen. Wie kann der Computer so etwas vielleicht ersetzen und mir trotzdem Sprachpraxis vermitteln? Oder ist das digitale Lernen eine Ergänzung zum ‚echten‘ Sprechtraining?

Duane Sider: Natürlich ist der beste Weg eine neue Sprache zu lernen, einige Zeit in dem entsprechenden Land zu verbringen und mit Muttersprachlern in Alltagssituationen die Sprache anwenden zu lernen. Wenn eine solche Reise aber zu umständlich oder sogar unmöglich ist, kann die beste Alternative sein, online mit Muttersprachlern und anderen Schülern zu lernen. Eine gute Infrastruktur minimiert den Zeitverlust und die Kosten und gewährleistet uneingeschränkte Sprachpraxis mit Muttersprachlern online, auch über eine große Distanz hinweg. Wenn der Lernende zusätzlich zu seiner Sprachpraxis eine Sprachenlern-CD verwendet oder Online- Sprachkurse belegt, kann gewährleistet werden, dass ein Gespräch in einer Sprache möglich wird, die beide Seiten verstehen. Die Lernenden können sich so Sprachpraxis mit ‚echten‘ Menschen aus der ‚echten‘ Welt online aneignen.

Muss man gute Computerkenntnisse haben, um mit Rosetta Stone arbeiten zu können?

Duane Sider: RosettaStone-Sprachlernlösungen sind für Schüler und Erwachsene konzipiert. Die Computerkenntnisse, die jeder jeden Tag braucht, ermöglichen, dass sich der Lernende Schritt für Schritt durch die Sprachlernsoftware führen lassen kann. Die Lernenden arbeiten sich voran, indem sie gesprochene, geschriebene oder ‚geclickte‘ Antworten geben und eignen sich so von Grund auf im Gesprächsfluss eine neue Sprache an.

Ist diese Lösung auch für ältere Menschen geeignet?

Duane Sider: Mit Hilfe der besonderen Spracherkennungstechnologie verbessern und perfektionieren Sie Ihre Aussprache im Vergleich zu der eines Muttersprachlers. Zusätzlich garantiert die intelligente und dynamische Abruf-Methode, dass die Bereiche, die Sie anfänglich als schwer empfinden in optimalen Intervallen während des Kurses wiederholt werden. Diese Methode hilft, die Sprache zu verstehen und das Erlernte zu festigen. Ältere Menschen benötigen für das Erlernen einer neuen Fremdsprache meist etwas mehr Zeit als jüngere. Mit Computer-gestützten Sprachkursen können sie stets genau dann lernen, wenn es ihnen am besten passt. Sie sind somit nicht an feste Lernzeiten gebunden und können jederzeit das bereits Erlernte wiederholen.

Weitere Informationen gibt es unter: www.RosettaStone.de

Der Text ist erstmals auf dem Blog www.textblueten.wordpress.com veröffentlicht worden. 

Puppenspieler Andreas Pfaffenberger live

Puppenspieler Andreas Pfaffenberger

Am 5. Dezember hatte Puppenspieler Andreas Pfaffenberger seinen ersten Auftritt beim ‚Blauen Montag‘. Der ‚Blaue Montag‘ ist ein „lebendes Stadtmagazin“ und bietet alle paar Wochen eine Mischung aus Kabarett, Musik und Akrobatik. Durch die Show führt schon seit der ersten Ausgabe Arnulf Rating. 

Puppenspiel und Klavier

Andreas Pfaffenberger ist Absolvent der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch im Fach Puppenspiel. Pfaffenberger hat vorher ein paar Semester Musik in Salzburg studiert. Dort hat er seine Leidenschaft für Mozart entdeckt. Seine Puppe ‚Alter Mann‘ singt die berühmte Arie ‚O zittre nicht‘ der Königin der Nacht aus der ‚Zauberflöte‘. Für  Pfaffenberger ist das ganz im Sinne Mozarts, der seine Oper als ‚populäres‘ Werk verstanden habe. 

W.A.Mozart ‚populär‘

Das Programm hat er gemeinsam mit seinem Partner, dem Pianisten Hanno Siepmann, entwickelt. Siepmann ist Musiker, Schauspieler und Clown. Er hat Pfaffenberger an der Schauspielschule Ernst Busch unterrichtet. Auf der Bühne begleitet er den Gesang des ‚Alten Mannes‘. „Oft spreche ich wirklich nur mit der Puppe, so echt wirkt der ‚Alte Mann‘ auf mich“, meint Siepmann mit einem Augenzwinkern.

Der ganze Text zur 187. Ausgabe des Blauen Montag im Kabarett-Theater ‚Die Wühlmäuse‘ ist hier abrufbar. Das Video zeigt Andreas Pfaffenberger und Hanno Siepmann bei der Generalprobe:

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