„Das fünfte Foto“ von Lucie Flebbe

Buchcover "Das fünfte Foto" von Lucie Flebbe

Bei einem Kneipenbesuch erfahren Privatdetektivin Lila Ziegler und ihr Partner Danner zufällig, dass in Bochum-Gerthe eine Frau verschwunden ist. In der Nachbarschaft ist die Sorge groß, dass sie einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist. Von einem Polizisten erfahren sie, dass man dort zumindest offiziell bisher keinen Grund für Ermittlungen sieht. Daher sollen die beiden Privatdetektive herausfinden, was mit der Frau geschehen ist.

Blutspuren in der Küche

Um an Informationen zu kommen, brechen Lila und Danner in die Wohnung der verschwundenen Frau ein. Danners bei der Polizei „geliehenes“ Gerät deckt in der Küche jede Menge Blutspuren auf, die bereits weggewischt worden sind. Sie sichern die Spuren und beschließen, weiter im Umfeld der Frau zu ermitteln. Doch Lila fängt mehr und mehr an, sich beobachtet zu fühlen. Spielt ihr ihre Wahrnehmung einen Streich? Oder machen ihr verdrängte Erinnerungen an ihren gewalttätigen Vater zu schaffen? Auch die Schilderungen von Danners und Lilas Ermittlungsarbeit werden immer wieder von Passagen unterbrochen, die aus einem anderen Kontext zu stammen scheinen. Es könnten Kommentare sein, die zu Fotografien gemacht worden sind.

Exotische Schrebergartenkolonie

Die Ermittlungen führen Danner und Lila in eine Schrebergartenkolonie voll exotischer Pflanzen und Tiere, die dadurch etwas fabelhaftes bekommt. Zwischen den Anwohnern herrscht eine echte Männerfreundschaft, die Danner und Lila erst einmal ausgesprochen sympathisch finden. Doch dann erhalten sie einen Hinweis, dass einige der Schrebergärtner womöglich zu einer Bande gehören, die mehrere Einbrüche begangen hat. Haben sie ihrem Schrebergarten-Kumpel womöglich geholfen, seine Ehefrau unter dem neu angelegten Gartenteich zu verscharren? Oder ist Sabine Kopelski doch während ihrer Arbeit als Zeitungsausträgerin etwas zugestoßen? Eine demente alte Dame scheint einen ungemeinen Hass auf die Austrägerin zu empfinden…

Das fünfte Foto von Lucie Flebbe ist ein ungewöhnlich vielschichtiger und spannender Krimi. Sehr lesenswert!

„Korrosion“ von Peter Beck

Buchcover "Korrosion" von Peter Beck

Eine alte Frau wird plötzlich tot in ihrer bescheidenen Wohnung aufgefunden. Für die Nachbarn ist schnell klar, dass der dunkelhäutige Flüchtling aus dem Sudan der Täter sein muss. Er hat der alten Dame manchmal beim Einkaufen geholfen und ist in der Nachbarschaft dabei beobachtet worden. Auf die Polizei und Tom Winter, Sicherheitschef einer Schweizer Privatbank, wirkt der Vorfall deutlich komplizierter.

Der Flüchtling als Verdächtiger

Niemand in der Umgebung der alten Dame hat offenbar gewusst, dass sie im Besitz eines Vermögens in Millionenhöhe war. Außerdem ist der Inhalt ihres Testaments mehr als ominös. Sie verlangt von ihren Nachlassverwaltern, dass sie heraus finden, welches ihrer drei Kinder seinen Vater ermordet hat. Der Tod des Ehemanns der alten Dame liegt bereits Jahrzehnte zurück und ist zu den Akten gelegt worden. Die Perspektive wechselt zwischen dem verdächtigen Sudanesen und der Handlung in der Gegenwart hin und her. Im Text werden so die beiden Lebenswirklichkeiten einander drastisch gegenübergestellt.

War es Mord an dem eigenen Vater?

Tom Winter wird beauftragt, alle Familienmitglieder ausfindig zu machen. Gerade von einem Lawinenunfall genesen, gerät er in einen regelrechten Strudel der Ereignisse. Er trifft auf die besorgte Familie der ältesten Tochter der Toten. Die Tochter ist seit Kurzem nicht mehr auffindbar und ihr Mann rechnet mit dem Schlimmsten. Dann ist da noch die Clique drogendealender Flüchtlinge, denen Tom Winter nur Dank seiner Kampfkunst wieder entkommt und die ihn erstaunlicherweise sogar zu Hause bedrohen.

Tragödie und Prügeleien

Außerdem macht er die Chefin eines Pharma-Unternehmens ausfindig. Sie ist die andere Tochter der Toten und hat ihre Firma mit dem Geld der Mutter aufgebaut. Außerdem ist sie schwerkrank und scheint in finanziellen Schwierigkeiten zu stecken. Dann trifft Tom Winter in Großbritannien außerdem auf den mehrfach vorbestraften Sohn der alten Dame. Alle Verwandten der Toten berichten einmütig davon, dass es Probleme in der Familie gegeben habe. Tom Winter ist sich kurzzeitig sicher, dass er den Täter unter den Familienmitgliedern ausfindig machen würde. Doch dann ergibt sich eine völlig überraschende Veränderung, die alles in ein anderes Licht rückt.

Wortkarger Typ mit weichem Kern

Korrosion ist ein sehr spannender Thriller mit vielen Überraschungen und atemberaubenden Kampfszenen. Tom Winter hat ganz bestimmt James-Bond-Qualitäten, verfügt dabei aber sympathischerweise auch über ein Herz. Spannend macht das Buch neben der interessanten Persönlichkeit von Tom Winter die lebensnahe Handlung. Keine der vielen überraschenden Wendungen wirkt gekünstelt oder verkrampft. Auch die Sprache ist anspruchsvoll und verständlich zugleich. Korrosionist ein sehr gelungener Thriller, der Action und anspruchsvolle Unterhaltung gleichermaßen bietet.

„Ariel. Tod der Spinnenfrau“ von Harry Nykänen

Buchcover "Ariel. Tod der Spinnenfrau" von Harry Nykänen

Maija Erkkilä war in Helsinki bereits zu Lebzeiten eine Legende. Sie soll in ihrer Jugend herausragend schön gewesen sein, war mit einem Bankräuber verheiratet und hat wegen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung im Gefängnis gesessen. Einem bisher undurchdringlich fein gesponnenen Netz aus Verrat und Intrige hat sie in Ariel. Tod der Spinnenfrau von Harry Nykänen einen furchteinflößenden Ruf und ihren Spitznamen zu verdanken.

Es ist also ein ganz besonderer Fall, zu dem der jüdische Kommissar Ariel Kafka an diesem Abend während des Sabbats gerufen wird. Es hat eine Messerstecherei in der Wohnung der Erkkilä gegeben.  Ihr Anblick ist insgesamt erschütternd:

„Jetzt war sie bereits in den Fünfzigern und die Spuren ihres wüsten Lebens zeigten sich in ihrem aufgedunsenen Gesicht. Die Teilprothese des Unterkiefers war ihr aus dem Mund gerutscht und lag auf dem Fußboden, sie wirkte irgendwie wie ein scheues Exemplar aus der Familie der Taschenkrebse, das im Begriff war, unters Sofa zu kriechen und sich zu verstecken. Hätte ich nicht draußen am Briefkasten den Namen gelesen und jetzt die Tätowierungen an den Händen gesehen, wäre ich hinsichtlich der Identifizierung unsicherer gewesen. Auf dem Handrücken hatte sie das Tattoo eines Spinnennetzes, das bis zu den Gelenkknöcheln reichte“

Die Ermittler finden in der Wohnung noch einen weiteren Toten, der im Gegensatz zur Erkkilä auffallend gepflegt gekleidet ist: Es ist der erst vor gut drei Jahren pensionierte Vizepolizeichef. Für die Ermittler gilt nun erhöhte Vorsicht. Sie haben den Auftrag,  den Ruf des ehemaligen Vizepolizeichefs nach Möglichkeit nicht zu beschädigen.

Doch es zeigen sich immer mehr Verstrickungen zwischen ihm und den Kreisen der „Spinnenfrau“: Angefangen bei seiner drogenabhängigen und mittlerweile verstorbenen Tochter, über sein unerklärlich hohes Vermögen bis hin zu einem dubiosen Überfall, von dem anscheinend auch ein frührerer Außenminister betroffen gewesen ist. Ab einem gewissen Punkt schaltet sich der Geheimdienst ein und der Fall bekommt entlang des dicht gesponnenen legendären Netzes der „Spinnenfrau“ regelrecht kafkaesk undurchdingliche und verwirrende Züge:

„Noch nach ihrem Tod führten die Fäden ihres Netzes in alle Richtungen. Wenn man an dem einen zog, vibrierte ein anderer. Sie selbst war der Mittelpunkt all dessen und jeder, der mit ihr zu tun bekam, naschte Gift, auf die eine oder andere Weise“

Bevor Harri Nykänen damit begonnen hat, Kriminalromane zu schreiben, war er zwanzig Jahre lang Polizeireporter bei Helsingin Sanomat, der größten finnischen Tageszeitung. Danach ist er als Autor der Raid-Romane bekannt geworden, in denen er die Erlebnisse des gleichnamigen Gentleman-Killers beschreibt. Deren zwölfteilige Verfilmung ist die erfolgreichste finnische Fernsehserie aller Zeiten. Ariel. Tod der Spinnenfrau ist ein sehr lesenswerter Krimi.

„Schneckenkönig“ von Rainer Wittkamp

Buchcover "Schneckenkönig" von Rainer Wittkamp

Der ehemalige Starpolizist Martin Nettelbeck ist in „Schneckenkönig“ von Rainer Wittkamp vor drei langen Jahren zur Zentralen Serviceeinheit strafversetzt worden. Er hat einen Kollegen angegriffen und löst seitdem keine spektakulären Kriminalfälle mehr, sondern beschäftigt sich intensiv mit der Welt der Hängeregistraturem, Stempelkissen, Klebestifte und Kugelschreiber:

„Die Tätigkeit war noch langweiliger als er vorher befürchtet hatte. Druckereieinheiten mit Multifunktionspapier auszustatten, Briefumschläge nach ISO 269 oder DIN 678 zu unterscheiden, Bleistifte nach einundzwanzig Härtegraden sortiert zu ordnen, von 9B über HB bis zu 9H – zweifellos das Grauen, der Gipfel der Langeweile. Konnte es etwas Öderes geben? Besonders für einen Kriminalbeamten, der für seinen beispielhaften Einsatz bei einer United-Nations-Mission im Kosovo mehrfach ausgezeichnet wurde? Der den Ruf hatte, die kompliziertesten Fälle zu lösen?“

Doch plötzlich ergibt sich bei den Ermittlungen zu dem Mord an einem Mann aus Ghana ein Personalengpass und Martin Nettelbeck ist erst einmal zurück. Zunächst erweist sich der Fall als sehr schwierig, gemeinsam mit seinem jungen Partner Wilbert Täubner stößt er unter den Landsleuten des Toten auf eine Mauer des Schweigens.

Martin Nettelbeck sieht sich schon wegen mangelnden Emittlungserfolgs in Rekordzeit zurück in seine Bürobedarfshölle befördert. Doch nach einigem Zögern gesteht die faszinierende Philomena Baddoo, in deren Afro-Shop angeblich alle Fäden der Ghanaischen Gemeinde zusammen laufen, überraschend, dass es sich bei dem gesuchten Mann um einen ihrer Verwandten handele. Sie behauptet, dass er für das Missionswerk Ewige Erlösung aus Deutschland tätig gewesen sei. Und tatsächlich bestätigt der Leiter des Missionswerks, den Toten gekannt zu haben. Er und sein sehr professionell mit Büchern und DVDs arbeitender Missionierungs-Konzern hinterlassen bei den Ermittlern einen sehr zwiespältigen Eindruck:

„Plötzlich war ihm klar, an wen ihn der Prediger erinnerte – an den Grundstückspekulanten Noah Cross in Roman Polanskis Filmklassiker Chinatown. Nicht nur das gleiche pferdeartige Gesicht, auch ihr Habitus war ähnlich. Der Habitus von Männern, die keinen Widerspruch gewohnt waren und ihn auch niemals dulden würden. John Huston, der Darsteller des Noah Cross, hatte seiner Filmfigur eine unwiderstehliche Mischung aus Charme und Zukunftsglauben gegeben, wohinter sich jedoch Kälte und Skrupellosigkeit verbergen. Nettelbeck fragte sich, ob es auch darin Parallelen zwischen Cross und Mattheuer gab“

Abermals lässt Martin Nettelbeck sein eingerosteter kriminalistischer Spürsinn nicht im Stich. Er und sein Partner entdecken Verbindungen zwischen dem Missionswerk und einer zwielichtigen Neonazi-Partei, die gerade von einem westdeutschen Unternehmer aufgebaut wird und erst einmal vor allen Dingen in Ostdeutschland Wahlerfolge feiern soll.

Rainer Wittkamp hat vorher Drehbücher für Krimiserien wie SOKO Leipzigoder SOKO Wismar geschrieben. Schneckenkönig ist ein spannender und sehr lesenswerter Krimi, in dessen Mittelpunkt ein sympathisch eigenwilliger Kommissar mit einem Faible für Posaunenmusik steht.

„Kettenreaktion“ von Sebastian Stammsen

Buchcover "Kettenreaktion" von Sebastian Stammsen

Mit Kettenreaktion lässt Sebastian Stammsen seine Leser zum zweiten Maldie Ermittlungen der Kriminaloberkommissare Markus Wegener und Nina Gerling aus der Perspektive von Markus Wegener miterleben. Nachdem sie es in Sebastian Stammsens Debüt Gegen jede Regel mit einem ermordeten Computerfreak zu tun hatten, ermitteln sie nun in seinem neuen Kriminalroman Kettenreaktion nach dem Tod eines Mannes, der in der Fernsehabteilung eines Krefelder Elektromarktes auf einem Fernsehbildschirm tot zusammengebrochen ist. Das Überwachungsvideo aus dem Elektromarkt zeigt Ungewöhnliches:

„Was auch immer David Krusekamp zu Fall gebracht hatte, ich hatte noch nie einen Menschen gesehen, der sich so verhielt. Fahrige, unkoordinierte Bewegungen begleiteten seinen Sturz auf den Fernseher. Er wirkte mehr wie ein Crashtestdummy mit Gummigelenken als ein Mensch“

Auch die Gerichtsmediziner finden zunächst keinen eindeutigen Grund für seinen Tod. Als sich herausstellt, dass der tote David Krusekamp Elektriker von Beruf war und häufiger in Kernkraftwerken gearbeitet hat, befürchten die Mediziner einen Zusammenhang. Bei der Befragung sieht der Leiter des Teams, in dem David Krusekamp gearbeitet hat, jedoch keinen Grund zur Sorge. Er vermutet viel mehr ein Eifersuchtsdrama, denn David Krusekamp habe bereits seit mehreren Jahren ein Verhältnis mit einer Frau gehabt, die im Kernkraftwerk arbeitet. Über Jahre habe das Verhältnis der beiden keinerlei Schwierigkeiten bereitet, aber letzte Woche sei ihr Mann dahinter gekommen und im Hotel aufgetaucht, ein muskulöser Typ.

Die Ermittler bekommen Gelegenheit, sich einen genauen Eindruck von den Sicherheitsbestimmungen in dem Kernkraftwerk zu machen, in dem David Krusekamp zuletzt gearbeitet hat. Ausführlich beschreibt der Autor den Aufenthalt samt Sicherheitsvorkehrungen, Strahlenmesswerten und Ängsten von Markus Wegener:

„Zwar wusste ich nichts von den technischen Zusammenhängen in dieser Anlage, aber ich war trotzdem fasziniert. Jede einzelne Komponente war fein säuberlich mit einem Schild beschriftet und eindeutig zu identifizieren. Wir sahen Druckluftleitungen, Ölleitungen, Wasser- und Dampfleitungen. Beeindruckend war, dass ich trotz intensivster Suche auch nicht den kleinsten Krümel auf dem Boden entdeckte“

Die Sicherheitskontrollen sind so streng, dass die beiden Polizisten keine Möglichkeit sehen, dass eine strahlenbelastete Person unbemerkt das Kraftwerk verlassen oder strahlende Partikel nach draußen geschmuggelt werden könnten. Markus Wegener verlässt das Kernkraftwerk dennoch irgendwie mit einem eher beruhigten Gefühl.

Als das Emittlerduo am nächsten Tag noch einmal in das Kernkraftwerk zurückzukehren versucht, erfahren sie, dass es besetzt worden ist und das Personal als Geiseln genommen worden ist. Alle Sicherheitsvorkehrungen, die das Kraftwerk gegen äußere Angriffe schützen sollen, wenden sich nun gegen die Retter und stellen eine Gefahr dar. Bei einem Treffen mit den Geiselnehmern, an dem auch Markus Wegener teilnimmt, werden sie von einem Mann begrüßt, der alle von seiner Unberechenbarkeit überzeugt:

„“Ist das nicht wunderbar?‘, fragte der Mann. Er wirkte aufgekratzt, euphorisch, aber zeigte sonst keine Anzeichen für Drogenkonsum. Wahrscheinlich sprach er gar nicht mit uns, denn er drehte sich im Kreis und wiederholte: ‚Ist das nicht wunderbar?'“

Als die Geiselnehmer sich versiert im Umgang mit der Technik des Kernkraftwerks zeigen und neben einer hohen Geldsumme verlangen, dass der Ausstieg aus der Kernenergie per Gesetz wieder zurück genommen wird, ist klar, dass die Geiselnehmer zumindest zum Teil schon einmal in einem Kernkraftwerk gearbeitet haben müssen und keine Umweltaktivisten sein können.

Kettenreaktion ist mehr als ein Kriminalroman. Sebastian Stammsen, der Psychologie studiert und früher im Umweltministerium Baden-Württemberg in der Abteilung Kernenergieaufsicht gearbeitet hat, bildet ausführlich und fachkundig die Diskussion über Vor- und Nachteile der Kernenergie nach Fukushima ab. Das Buch zeigt, wo aus technischer Sicht Risiken liegen können, räumt mit Vorurteilen auf und richtet den Fokus auf eine Gefahrenquelle, die in vielen Gesprächen gar nicht vorkommt: den Menschen.

„Die Verschwundenen“ von Marko Kilpi

Buchcover "Die Verschwundenen" von Marko Kilpi

In Die Verschwundenen von Marko Kilpi halten mehrere brutale Verbrechen die Ermittler um Polizeihauptkommissar Olli Repo in Atem. Beispielsweise verschwinden immer wieder junge Mädchen aus behüteten Familienverhältnissen spurlos und ohne erkennbaren Grund. Eine Katastrophe für die Familien und belastend die Ermittler, denen es über Jahre nicht gelingt, eine Spur zu finden und die Verzweiflung der Familien durch irgendein Ermittlungsergebnis zu lindern.

Als allerdings auch ein als psychisch labil geltender Star der aktuellen Big Brother-Staffel spurlos verschwindet, glaubt die Polizei erst einmal nicht unbedingt an ein Verbrechen, sondern befürchtet eine makabere PR-Aktion. Doch dann wird ein weiterer ‚Zwei-Euro-Promi‘ in einem Nachtclub brutal totgeprügelt, der bekannt dafür ist, etwas ‚blödsinniges‘ oder ’superblödsinniges‘ anzustellen. Die Ermittler beginnen Schlimmes zu befürchten:

„Es geht darum, wie gut man es versteht, den Fehler des jungen Mannes zu vermarkten. Welchen Nutzen kann man aus seinen SMS ziehen? Wie kann man aus einem Gescheiterten ein interessantes, gut verkäufliches Produkt machen? Wie viel Mist ist er zu bauen bereit? Was ist ausreichend, wenn nichts genügt? Die Zeit ist knapp. Der erste Anstoß hält nicht lange vor, die Maschinerie braucht unverzüglich frisches Blut, wenn sie nicht zum Stillstand kommen soll“

Hängen diese Fälle womöglich sogar mit denen der verschwundenen jungen Mädchen zusammen? Marko Kilpi skizziert detailliert den anstrengenden und nervenaufreibenden Arbeitsalltag eines Polizisten, der in sekundenbruchteilen die richtige Entscheidung fällen und dabei immer souverän agieren muss. Beeinträchtigungen der Konzentrationsfähigkeit etwa durch Alter oder eine belastende Trennung von Frau und Kind können lebensgefährlich sein. Außerdem beschreibt der Autor, wie schwierig es ist, den richtigen Nachwuchs für die Polizeiarbeit zu finden und zu entscheiden, wann die Notbremse gezogen werden muss, falls sich ein Anwärter etwa als zu aggressiv erweist. Auch Tätern und Opfern widmet Marko Kilpi ausführliche Analysen und setzt die Geschehnissein einen grundsätzlichen gesellschaftlichen Zusammenhang, was Die Verschwundenen nicht nur zu einem packenden sozialkritischen, sondern auch einem regelrecht philosophischen Kriminalroman macht.

Mit Die Verschwundenenist Marko Kilpi als zweiter Krimi-Autor überhaupt für den renommiertesten finnischen Literaturpreis Finlandianominiert gewesen. Das Finnland-Magazin beschreibt den Krimi als „Packend, tiefsinnig und unglaublich aktuell“, für den Stadtspiegel Hertenist er eine „erstklassige, schlüssige und spannende Bullenoper“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

„Endlich sind sie tot!“ von Sebastian Stammsen

Buchcover "Endlich sind sie tot!" von Sebastian Stammsen

Der Psychologin Daniela Ellinger bietet sich in Endlich sind sie tot! von Sebastian Stammsen ein fast unerträgliches Bild, als sie von der Polizei an den Tatort gerufen wird. Wie in einem Schlachthaus hängen drei Mitglieder der Familie Brose furchtbar zugerichtet kopfüber von der Decke. Daniela Ellinger arbeitet nur manchmal als Beraterin mit der Polizei zusammen und es gelingt ihr nur mit Mühe, sich zu beherrschen und professionell zu bleiben:

„Meine Knie gehorchten, aber mein Magen rebellierte beim Anblick der Leichen“

Der Täter scheint schon gefasst: Der sechzehnjährige jüngste Sohn der Familie Brose ist mit einem blutverschmierten Hammer und apathischem Blick neben den Leichen gefunden worden. Kriminalkommissar Oliver Busch, der den Fall gemeinsam mit Daniela Ellinger bearbeiten soll, hofft auf ein schnelles Ende der Ermittlungen:

„Schön. Wenn das so einfach war, dann würden wir diesen Marvin Brose befragen, ein Geständnis aus ihm herauspressen und damit wäre die Sache erledigt“

Er ist von der Zusammenarbeit mit der Psychologin wenig begeistert. Einmal abgesehen davon, dass er sich an ihren langen blonden Haaren und dem knappen rosafarbenen Kostüm stört, fürchtet er, dass Daniela Ellinger den Täter womöglich als schuldunfähig einstufen könnte und damit verhindert, dass er die aus seiner Sicht gerechte Strafe bekommt.

Doch es stellt sich heraus, dass auch die Nachbarn mit den Broses aneinander geraten sind und von ihnen schikaniert und bedroht worden sind. Als sie erfahren, dass die Familie nicht mehr zurück kommen wird, haben manche vor Erleichterung Tränen in den Augen. Überhaupt scheint jeder mit den Broses unangenehme Erfahrungen gemacht zu haben, insbesondere auch mit dem sechzehjährigen Marvin. Stalking, Erpressung, gezielte Einschüchterungen und Drogenhandel haben ihm bereits viele Beschwerden bei der Schulleitung eingebracht. Dennoch fällt es Daniela Ellinger schwer sich vorzustellen, dass ein sechzehnjähriger allein eine solch grausame Tat begangen haben kann.

Bei einer ersten Befragung liefert Marvin Anhaltspunkte dafür, dass er vielleicht tatsächlich einen Mittäter gehabt hat. „Ich war es. Ich bin unschuldig“, gibt er unter Tränen zu Protokoll. Oder handelt es sich eher um einen Fall von Schizophrenie oder multipler Persönlichkeit?

„Blutiger Sommer“ von Gabriella Wollenhaupt und Friedemann Grenz

Buchcover "Blutiger Sommer" von Gabriella Wollenhaupt und Friedemann Grenz

In „Blutiger Sommer“ von Gabriella Wollenhaupt und Friedemann Grenzen befinden wir uns im Jahr 1846 in Berlin. Dort stellt gerade ein Mann Frauen beim Baden im Fluss nach und im Judenviertel werden verstümmelte Frauenleichen gefunden. Justus von Kleist, der gerade die Jüdin Rachel aus Westfalen geheiratet hat und leitender Ermittler ist, liest zufällig bei einer gemeinsamen Spazierfahrt eine junge Frau auf, die vor dem Verbrecher fliehen konnte und das Gesicht des Mannes beschreiben kann.

Dennoch ist die Ermittlungsarbeit sehr schwierig, es gibt noch keine DNA-Abgleiche und die Behörden sind ausschließlich auf Zeugenaussagen angewiesen. Ein Netz von Spitzeln durchzieht ganz Berlin und versorgt die Polizei mit mehr oder weniger zuverlässigen Informationen. Die Machtverhältnisse machen es der Polizei zusätzlich schwer, den richtigen Täter zu finden:

„Ermittlungen der Polizei gegen Juden sind oft kompliziert und werden von vielen genau beobachtet. Die Vaterländischenjubeln, wenn es gegen die Juden geht, und die Liberalen des Jungen Deutschlandwarten darauf, dass die Polizei Fehler macht, um den Behörden Judenhass zu unterstellen. Der Polizeidirektor weiß, dass viele Polizisten tatsächlich antisemitisch eingestellt sind und dass Übergriffe keine Seltenheit sind. Diese Vorfälle werden oft von der Vossischen Zeitung angeprangert und pauschalisiert – was wiederum die amtlichen Zensoren alarmiert“

Als auch eine adlige Dame unter den Todesopfern ist, dringt der Polizeipräsident von Puttkamer auf eine schnelle Lösung des Falles und lässt einen unschuldigen Mann verhaften. Als das Morden trotzdem weiter geht, gelingt es Justus von Kleist nur durch eine geschickte Intrige, die Ermittlungen gegen des Widerstand des Polizeipräsidenten wieder aufzunehmen.

Gabriella Wollenhaupt und Friedemann Grenz entwerfen ein unterhaltsames, spannendes und differenziertes Bild der politischen und sozialen Situation Preußens um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Einige Charaktere des Kriminalromans hat es wirklich gegeben. Ich finde Blutiger Sommer sehr aufschlussreich und lesenswert.

„77 Tage“ von Lucie Flebbe

Buchcover "77 Tage" von Lucie Flebbe

Liliana Ziegler ist zwanzig Jahre alt und gerade vor ihrer Familie geflohen. In dem Krimi „77 Tage“ von Lucie Flebbe lebt sie seit einem halben Jahr mit dem Privatdetektiv Danner in Bochum zusammen, hat einen Arbeitsvertrag als seine Angestellte und seit neuestem auch wieder einen festen Wohnsitz. Sie fürchtet, dass ihr Vater, ein Oberstaatsanwalt, sie auch fern ihrer Heimat Hannover finden könnte:

„Natürlich suchte er nach mir. Mein Kontaktabbruch unterstellte ihm, in einem für sein blank poliertes Oberstaatsanwalts-Image so wichtigen Bereich wie der Kindererziehung versagt zu haben. Dieser wortlose Vorwurf musste ihn kochen lassen vor Wut“

Der Krimi „77 Tage“ von Lucie Flebbe besteht aus der persönlichen Geschichte der Privatdetektivin Liliana Ziegler im Wechsel mit den anonymen Tagebucheinträgen von BELLAS BLOG. Dort beschreibt eine Frau um die dreißig sehr lesenswert und detailliert ihren Alltag. Ähnlich wie die Privatdetektivin leidet auch die Autorin des Blogs unter der schwierigen Beziehung zu einem Familienmitglied: der zu ihrem jähzornigen Mann:

„Ärgern können ihn Kleinigkeiten. Zum Beispiel das Kabel des Staubsaugers. Das ich immer in der Steckdose lasse. Um mir das Einstecken am nächsten Tag zu sparen. Oder der Herd. Den ich nur sauber mache, wenn ich ihn benutzen will. Oder meine Schuhe. Die nach dem Ausziehen immer hintereinander stehen, statt nebeneinander. So was löst bei Mario eine Tollwutsymptomatik aus“

Im Laufe des Krimis begegnen sich die beiden Frauen auch persönlich, zunächst allerdings ohne es zu wissen. Liliana und und ihr Partner Danner ermitteln bei einem ambulanten Pflegedienst, da dort in den letzten Jahren etwas mehr Pflegebedürftige verstorben sind, als sonst durchschnittlich üblich. Die Leitung des Pflegedienstes möchte sicher gehen, dass ein Verbrechen ausgeschlossen werden kann. Danner begleitet einige männlichen Pfleger und Liliana lernt mit den weiblichen deren häufig bedrückenden Alltag kennen. Intensiv setzt sie sich mit den Pflegerinnen und deren teilweise herausragendem Engagement in unterschiedlichen Facetten auseinander. Durch die Pflegekräfte lernt sie die „bloggergirls“ kennen, die über unterschiedliche Themen im Internet schreiben und auch mit BELLAS BLOG vernetzt sind.

Im Laufe der Geschichte eskaliert die Gewalt immer mehr und es werden einige erschütternde Details sichtbar. Doch immerhin gelingt es manchen, die ewige Spirale zu durchbrechen. „77 Tage“ ist ein psychologisch sehr vielschichtiger und lesenswerter Krimi.

„Uferwechsel“ von Sunil Mann

Buchcover "Uferwechsel" von Sunil Mann

Von dem Mord erfährt der indischstämmige Privatdetektiv Vijay Kumar in Uferwechsel von Sunil Mann durch seinen guten Freund José von der Boulevard-Presse. José hat Vijay Kumar mit penetrantem Klingeln dazu gebracht, ihn an diesem frühen Wintermorgen über die verschneiten und zugeisten Straßen zum Fundort der Leiche in unmittelbarer Nähe des Züricher Flughafens zu fahren. Die Autofahrt ist gefährlich, es ist eiskalt und außer einem Foto bekommt er nichts von der Leiche zu sehen, aber Vijay Kumar lernt bei dieser Gelegenheit Staatsanwalt Tobler kennen:

„Ein weiterer Wagen war jetzt zu hören, ein dunkler Mercedes, der in halsbrecherischem Tempo den Waldweg heraufpreschte und ruckartig vor der Absperrung anhielt. Als wäre es ein inszenierter Auftritt, ließ genau in diesem Augenblick der Sturm nach. Der Wind flaute ab, nur der Schnee fiel weiterhin in großen, flauschigen Flocken vom dämmrigen Himmel. Die Journalisten verstummten abrupt und wirkten mit einem Mal angespannt, während die Uniformierten entweder eine stramme Haltung annahmen oder beschäftigt guckten. Die ganze Welt schien den Atem anzuhalten. Dann schwang die hintere Tür des Wagens auf und ein athletisch wirkender Mann mit grau melierter, perfekt sitzender Frisur entstieg ihm. Er blieb vor dem Fahrzeug stehen und blickte sich mit selbstgefälliger Miene nach allen Seiten um, als hätte er soeben unter frenetischem Beifall eine Bühne betreten“

Nachdem Tobler sich umgesehen und der Presse gegenüber keinen Kommentar gegeben hat, spricht er Vijay Kumar mit Namen an. Der Staatsanwalt hat von ihm und seinen bisher gelösten Fällen aus der Zeitung erfahren. Jetzt bittet er ihn um Zurückhaltung. Doch natürlich lässt der Fall Vijay Kumar nicht los. Er recherchiert und glaubt Parallelen zu einem anderen Fall entdeckt zu haben, bei dem ein junger Flüchtling kurz vor Erreichen des Flughafens aus seinem Versteck im Flugzeug gefallen und dabei ums Leben gekommen ist. Ermutigt durch Toblers Kontaktaufnahme, sucht Vijay Kumar ihn in der Staatsanwaltschaft auf und teilt ihm seine Theorie mit. Am nächsten Tag muss er seine Idee fassungslos in der Zeitung lesen:

„Ich knallte das Glas, in dem der Latte macchiato serviert worden war, so heftig hin, dass der Kaffee hochschwappte und auf die Titelseite der größten Schweizer Boulevardzeitung spritzte. Ich konnte nicht glauben, was ich gerade las. Der Mann, der vom Himmel fiel, stand da in fetten Buchstaben, darunter war ein Bild des äußerst fotogenen Staatsanwalts Dr. Frank R. Tobler zu sehen, der sich im nachfolgenden Bericht dafür feiern ließ, dass er das Geheimnis um den Toten von Zumikon gelüftet hatte. Ein Flüchtling, der sich im Fahrwerkkasten eines Flugzeugs versteckt hatte und dabei erfroren sei, ein tragisches Schicksal, ließ sich der Staatsanwalt zitieren. Er dankte der Bevölkerung für die zahlreichen Hinweise, die im Verlauf des gestrigen Tages bei der Staatsanwaltschaft und der Kripo eingegangen seien. Wütend schob ich die Zeitung von mir“

Dann erhält Vijay Kumar den anonymen Anruf eines Mannes. Der Mann bittet ihn, an dem Fall weiter zu arbeiten. Er behauptet zu wissen, dass der tote junge Mann kein Flüchtling und auch sicher nicht aus einem Flugzeug gefallen sei. Geld spiele keine Rolle. Seine Recherchen führen Vijay Kumar in die Züricher Homosexuellen-Szene und ins Rotlichtmilieu:

„Den Nachmittag verbrachte ich damit, mir passende Kleidung zurecht zu legen: eine enge weiße Hose, die ich aus den Tiefen meines Kleiderschranks zutage förderte, und ein farbenprächtiges Hemd aus synthetisch glänzendem Stoff, der knisternd Funken sprühte, wenn man darüber strich. Das Kleidungsstück hatte mir eine meiner unzähligen Tanten vor Jahren aus Indien geschickt – im irrigen Glauben, sie träfe damit meinen Geschmack. Ich hatte nicht im Traum damit gerechnet, jemals in eine derart hoffnunglose Situation zu geraten, die das Tragen des Hemdes unabdingbar machte, doch nun war ich froh, dass ich es nicht in die Altkleidersammlung gegeben hatte“

Ihm gelingt es, Bekannte des Toten ausfindig zu machen und es stellt sich heraus, dass der tote junge Mann wahrscheinlich ein Stricher gewesen ist. Doch von den Bekannten des Toten scheint niemand als Täter in Frage zu kommen. Doch plötzlich stirbt ein weiterer junger homosexueller Mann auf rätselhafte Weise und es scheint sich ein Zusammenhang zu dem Todesfall aufzutun, an dem Vijay Kumar gerade arbeitet und womöglich zu noch einem Weiteren. Eine entscheidende Rolle spielt offenbar eine Organisation mit dem Namen Sanduhr, die Homosexuellen verspricht, sie zu einem Heterosexuellen ‚verändern‘ zu können. Die Sanduhr steht wegen einiger Selbstmorde und psychischer Störungen in der Kritik. Auch Staatsanwalt Tobler scheint Kontakt zu der Organisation zu haben. Vijay Kumar vermutet nach und nach, dass der Staatsanwalt womöglich ein persönliches Interesse daran gehabt hat, die Geschichte des Toten nicht weiter aufzurollen, sondern ihn als einen Flüchtling ohne Vergangenheit in Zürich zu behandeln. Ein spannender Krimi!