Das Essen in der Literatur

Das Essen in der Literatur

Essen ist mehr als nur tägliche Nahrungsaufnahme. Es ist ein tägliches Ritual, das in seinem Wert für den Betreffenden selbst und sein Umfeld kaum zu unterschätzen ist. Denn der „Mensch ist, was er isst“, wie es der Philosoph Ludwig Feuerbach Mitte des 19. Jahrhundert erstmals formulierte. Und das bedeutet: Alles, was wir essen, wird durch Stoffwechselprozesse zu einem Teil unseres Körpers. 

Das Essen in der Literatur: Harald Lemke "Über das Essen"

Harald Lemke zeichnet in „Über das Essen“ unsere Haltung zur Nahrungsaufnahme und den damit verwandten Tätigkeiten wie Kochen, den Anbau von Lebensmitteln oder unser Konsumverhalten generell nach. War Sokrates noch ein echter Gastrosoph, der Menschen auf dem Markt nach ihrem Lebensmittelkonsum befragte und gute Speisen offenbar zu schätzen wusste, werteten seine Schüler Platon und Aristoteles das Kulinarische „zu einer unwichtigen Nebensache des menschlichen Lebens“ ab. Auf sie geht laut Lemke wesentlich die „Fastfood-Mentalität“ zurück, der erst Ludwig Feuerbach im 19. Jahrhundert auf philosophischer Ebene wieder etwas nennenswertes entgegen zu setzen wusste.

Dass sich in unserem Essverhalten eine generelle ethisch-moralische Haltung widerspiegelt, zeigt Lemke am Beispiel des Sternekochs Michael Hoffmann. In seiner „Gemüseküche“ sucht Hoffmann nach einer Verwendung für alles, was die gerade zubereiteten Pflanzen zu bieten haben und ist so bemüht, möglichst wenig Abfall zu produzieren. Indem er das für seine Speisen benötigte Gemüse überwiegend selbst anbaut, lebt er außerdem Nachhaltigkeit und Biodiversität. Das ist zwar aktuell ein Trend in der Kulinarik, aber eigentlich gar nicht neu, wie Hoffmann in dem folgenden Interview erklärt: 

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https://youtu.be/EdBJD1pX1f0

Heute ist die Bedeutung einer guten Ernährung für das Leben eines jeden Menschen sogar offiziell bestätigt. Beispielsweise bewertet die Weltgesundheitsorganisation  ungesunde Ernährung als einen Risikofaktor für die zunehmende Aggressivität von Kindern und Jugendlichen. Nicht verwunderlich, dass Lemke dann auch in seinem Buch mit Verweis auf den Zusammenhang zwischen gutem Essen und einem guten Leben fragt: „Ist Moral käuflich?“   

Um ein möglichst erträgliches Miteinander auf Basis liebevoll gedeckter Tische und sorgfältig  zubereiteter Speisen geht es auch in dem Roman „Der Hochzeitsreis“ des brasilianischen Autors Francisco Azevedo. Der Autor beschreibt hier die Geschichte einer Familie, die im 19. Jahrhundert aus Europa nach Amerika auswandert. Ohne eine Lebensperspektive in ihrer Heimat Portugal, macht sich ein Ehepaar samt Schwester auf den Weg nach Brasilien. Dort erhoffen sie sich zumindest eine wirtschaftlich abgesicherte Zukunft. Ein wichtiges Mitbringsel aus der Heimat ist der Reis, den die Hochzeitsgäste auf das Brautpaar haben nieder regnen lassen, um ihnen Glück und Fruchtbarkeit zu schenken.

Das Essen in der Literatur: Francisco Azevedo "Der Hochzeitsreis"Tatsächlich sind es die vertrauten Rezepte, die in dem zunächst fremden Land ein Gefühl von Wohlbefinden herstellen. Azevedo geht sogar soweit, von einer Art ‚Kochrezept für eine Familie‘ zu sprechen. Die Zubereitungsart für ein erträgliches  und im besten Falle sogar liebevolles Zusammenleben ist selbstverständlich hoch kompliziert: „Zunächst bedarf es dazu vieler Zutaten. Allein sie alle zusammenzubekommen ist schon schwierig genug – vor allem zu Weihnachten und Neujahr. Wo dies geschieht, ist dabei nicht so wesentlich. Damit es aber gelingt, braucht man auf jeden Fall Mut, Hingabe und viel Geduld“. 

Die Wirkung eines sorgfältig zubereiteten Mahls ist kaum zu unterschätzen. Den Familienvater machen die richtigen Speisen friedfertiger. Und sogar der sorgfältig aufbewahrte und dosierte Hochzeitsreis macht seinem Ruf als Fruchtbarkeitsversprechen alle Ehre. Nach einem traditionellen portugiesischen Rezept zubereitet, sorgt er für die Genesung des Familienvaters in spe. Letztlich sind alle überzeugt, dass sie den plötzlichen Kindersegen einem gesunden Mahl mit dem Hochzeitsreis zu verdanken haben. Doch am Ende seiner Darstellung des Lebens der portugiesischstämmigen Familie in Brasilien kommt der Autor zu dem Schluss, dass es für ein glückliche Familie trotz allem kein Patentrezept gibt: „Denn ist Familie einmal aufgegessen, ist sie auf dieselbe Art nie mehr nachzukochen“.   

Für ein Gefühl von Vertrautheit in der Fremde sorgt das Kochen auch in dem Roman „Pulang. Heimkehr nach Jakarta“ der indonesischen Schriftstellerin Leila S. Chudori. Dimas Suryo flieht in den 1960er Jahren vor dem Diktator Suharto nach Paris. Er kümmert sich um seine Freunde, die wie er aus Indonesien geflohen sind, indem er ihre Lieblingsrezepte kunstvoll nachkocht. So können sie sich in der Fremde mit der Erinnerung an Indonesien trösten: „Plötzlich huschte der Schatten von Surti an mir vorüber. Strahlend. Hell. Der Duft von Kurkuma in einer Küche. Ein Kuß, der alles um mich herum vergessen ließ“.

Es gelingt den Exil-Indonesiern, in Paris ein Restaurant zu eröffnen. Es wird zu einer Art Zufluchtsort: „Auf dem Speiseplan des Restaurants Tanah Air standen Gerichte, die sorgfältig mit Zutaten und Gewürzen aus Indonesien zubereitet wurden: roten Zwiebeln, Kurkuma, Nelken, Ingwer, Zitronengras und Galanganuß. Für uns war das Restaurant aber vielleicht auch eine Art Flora, ein Garten mit einer uns vertrauten Pflanzenwelt, in der wir gedeiehen konnten“. Dimas bekocht hier nicht nur seine französische Frau Vivienne und ihre gemeinsame Tochter, das Restaurant wird insgesamt zu einem wichtigen Treffpunkt für die indonesische Exil-Community. Nach und nach kommen auch immer mehr Reisende aus Indonesien zum Essen in das Restaurant und so gelingt es Dimas über das Kochen eine Beziehung zu seiner Heimat aufrecht zu erhalten. Denn eine Rückkehr nach Indonesien ist für ihn und die anderen für die Dauer der Militärdiktatur nicht möglich.  

Als Dimas Tochter in den 1990er Jahren als Dokumentarfilmerin nach Indonesien reist,  gelingt es ihr nicht zuletzt durch ihr tiefgreifendes Wissen um die indonesische Kochkunst schnell, eine enge Beziehung zu der Familie  ihres Vaters aufzubauen. Zufällig gerät sie in die Unruhen hinein, die zum Sturz der Militärdiktatur führen. Dadurch bekommt sie die Gelegenheit, in ihrer zweiten Heimat ein zu Hause zu finden.

Auch bei der Berlin Biennale können Besucher den Zusammenhang zwischen Essen, Filmen und den Themen der 10. Berlin Biennale entdecken. Am Freitag, dem 13. Juli präsentiert der Künstler Christopher Cozier seine Fundstücke im Rahmen von “I’m Not Who You Think I’m Not meets Speisekino”

emaf 18: Anwendungsmöglichkeiten von Kunst auf das Leben

emaf 18: Blick in die Ausstellung in der Kunsthalle Osnabrück

Jedes Jahr widmet sich das European Media Art Festival (emaf) in Film, Ausstellung, Workshop und Diskussion einem Thema an der Schnittstelle von Kunst und Gesellschaft. Beim emaf 18 ging es unter der Überschrift “Report – Notizen aus der Wirklichkeit” um die Beziehung zwischen Kunst und Journalismus. 

Fester Bestandteil des emaf ist die Ausstellung in der Kunsthalle Osnabrück, die meist rund vier Wochen lang zu sehen ist. Im Zentrum der diesjährigen Ausstellung stand “Das Kongo Tribunal” Künstlers und Regisseurs Milo Rau in Film, Buch und Interview. Opfer und Täter des Bürgerkriegs im Kongo berichten vor einer Theater-Jury von ihren Erfahrungen. Kann ein Theaterstück dabei helfen, die Rolle der Bürgerkriegsparteien offen zu legen?

Den ganzen Artikel bei portalkunstgeschichte.de lesen

Workshop Comic-Journalismus

Comic-Journalismus: Ausschnitt aus dem Comic "Lady Ada Lovelace im Arithmeum in Bonn"

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) hat im März einen Workshop zum Thema Comic-Journalismus in Bonn angeboten. Es gab zunächst eine theoretische Einführung und dann haben wir im praktischen Teil des Workshops selbst einen Comic erarbeitet. Inhaltliche Vorgabe war, dass unsere Comics etwas mit der Stadt Bonn zu tun haben sollten. 

Gemeinsam mit dem Zeichner Daniel Herrmann habe ich das Arithmeum in Bonn besucht. Hier wird die Geschichte der Rechenmaschinen von den ersten mechanischen Geräten bis hin zum modernen Computer in einer Dauerausstellung gezeigt:

Wir hatten dort nicht von ungefähr eine Begegnung mit Lady Ada Lovelace, denn sie gilt als erste Programmiererin überhaupt.  Exemplarisch haben wir das Erlebnis in unserem Comic festgehalten:

Hier den ganzen Comic auf der Webseite des Deutschen Comic-Vereins lesen 

Die “Trilogie meiner Familie”

Trilogie meiner Familie: Eintrittskarte und Programmheft

Gervaise hat Glück. Endlich hat sie einen freundlichen und meistens sogar lustigen Mann gefunden, der sie trotz ihrer Kinder heiratet und sogar seinen Lohn nach Hause bringt, statt ihn zu vertrinken. Die Erleichterung ist in der ganzen Familie groß. Während dessen setzt sich Doktor Pascal über die Mahnungen seiner streng gläubigen Haushälterin hinweg und beginnt eine Liebesbeziehung mit seiner Ziehtochter. Bereits seit vielen Jahren ist er dabei, die Geschichte seiner Familie auf Grundlage der Vererbungslehre zu analysieren. Schon lange fürchten viele in der Familie, dass er ‚Schandflecken’ ans Licht zerren könnte und sorgen sich um ihre Existenz. Doch als Doktor Pascal feststellen muss, dass seine selbst zusammengestellte Medizin ihn nicht heilen können wird, flüchtet er sich unvermittelt in die Liebe zu seiner Ziehtochter. Ungefähr zur selben Zeit hat Gervaise sich gerade Geld von einem Bekannten geliehen, um eine eigene Wäscherei zu eröffnen. Sie ist noch einmal Mutter geworden und ihr Mann hatte gerade einen schweren Arbeitsunfall. Sein Einkommen fehlt und die Familie muss hungern. Der Bekannte hilft ihr nach der Eröffnung in der Wäscherei. Sie werden immer ausgelassener und schließlich gesteht er Gervaise seine Liebe und bittet sie, mit ihm fortzugehen. Erschrocken lehnt Gervaise aus Rücksicht auf ihre Familie ab.

Regisseur Luk Perceval entwickelt Liebe. Trilogie meiner Familie 1 auf Grundlage des zwanzigbändigen Romanzyklus über die Familie Rougon-Macquart, genauso wie die anderen beiden Teile Geldund Hunger. Autor der Romane ist der französische Schriftsteller und Journalist Emile Zola. Der Romanzyklus gilt als eines der wichtigsten Werke des Naturalismus. Zola beschreibt hier ausgewogen und ohne zu beschönigen die schwierigen Lebensumstände im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Er porträtiert arme Menschen wie die Bergarbeiter in Germinal genauso wie das Leben einer Edel-Prostituieten in Nana oder die Lebensustände einer Verkäuferin im luxuriösen Pariser Kaufhaus Paradies der Damen sowie die eines Gelehrten in Doktor Pascal. Luk Percval greift sich bei der Inszenierung der Trilogie einzelne Themen der bekannten Romane heraus, wirbelt sie durcheinander und stellt sie in einen neuen Zusammenhang zueinander. Passagen, die an den Roman Doktor Pascalerinnern, stehen auf einmal neben Szenen, die dem Roman Der Totschläger entnommen zu sein scheinen. In allen drei Teilen deckt sich die dargestellte Handlung auf der Bühne niemals vollständig mit der Romanvorlage, sondern nimmt ihre ganz eigene Wendung. Sowohl in Liebe, Geldals auch Hunger greifen dabei unterschiedliche Handlungsstränge ineinander, die sich gegenseitig unterbrechen oder erhellen und sich insgesamt in virtuoser Weise ergänzen. Perceval selbst sieht in seiner Trilogie vor allen Dingen Ähnlichkeiten zu seiner eigene Familiengeschichte:

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https://www.youtube.com/watch?v=dVOFZ7OVh80#action=share

 

Geld widmet sich vor allen Dingen den schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen wie der Schauspielerin Nana oder der Verkäuferin Denise. Die Familienbande sind zerrissen und damit verschwinden auch Wärme und Feundschaft aus dem Leben der Menschen. Insbesondere für Frauen gibt es keine geregelten Arbeitsverhältnisse und damit scheint auch die Liebe ihre romantische Seite zu verlieren. Sie entpuppt sich vorwiegend als Machtinstrument und bleibt oft sogar einzige Trumpfkarte in einem brutalen Überlebenskampf. In Hunger schreitet die Anonymisierung fort und die Menschen werden zu einem kleinen Zahnrad in der riesigen Maschinerie eines Bergwerks. Wie in Germinal und auch bei Charles Dickens oder Gerhart Hauptmannbeschrieben, liefert die Industrialisierung den Arbeitern zunächst keinen Wohlstand. Eine Familie zu gründen können sich die meisten Arbeiter nicht mehr leisten, viele sind krank und es fehlt insgesamt am Nötigsten. Erst nach einem erfolgreichen Aufstand wird ein friedliches Zusammenleben möglich.

Während der gesamten Trilogie bleibt immer deutlich, dass die dargestellten Handlungen subjektiv gefärbt sind. Oft kommentieren und ergänzen Darsteller auf der Bühne ein Geschehen, an dem sie selbst nicht beteiligt sind. So sieht der Zuschauer nicht nur mit den eigenen, sondern auch mit den Augen des Kommentierenden. Außerdem werden die Stücke von Live-Musik begleitet, die für die Handlung auf der Bühne weitere Akzente setzt und damit die impressionistischen Note der Stücke unterstreicht. Dieser Charakter findet sich auch in Emile Zolas Romanen. Folgende Passage über das impressionistische Spiel von Licht und Schatten etwa, das nur einen Augenblick lang aus einer bestimmten Perspektive zu beobachten ist, findet sich in dem Roman Paradies der Damen:

“Die Sonne war soeben hinter den Bäumen des Gartens verschwunden, der Tag ging zur Neige, leichte Schatten bereiteten sich allmählich über das weite Gemach. Es war die zarte Stunde der Abenddämmerung, jener Augenblick besinnlicher Entspannung zwischen dem Erlöschen des Tageslichts und dem Anzünden der Lampen. Die Gestalten der Herren de Boves und Vallagnosc, die immer noch am Fenster standen, warfen große Schatten auf den Teppich, während im letzten Tagesschimmer des anderen Fensters der vor einigen Minuten bescheiden eingetretene Herr Marty mit seinem blassen Professorengesicht und dem abgetragenen Oberrock sichtlich verlegen dem Modegespräch der Damen lauschte” (Aus: Emile Zola: Das Paradies der Damen. Deutsch von H. Rosé und Margarete Montgelas)

Im Rahmen der Ruhrtriennale ist Liebe+Geld+Hunger. Trilogie meiner Familie an einem Tag zu sehen gewesen. Neun Stunden Theater am Stück sind zwar eine lange Zeit, aber es lohnt sich wirklich. Denn gerade so wird sichtbar, dass Figuren wie Nana über mehrere Teile hinweg eine Rolle spielen. Außerdem unterstreicht diese Art des Zuschauens den chronologischen Charakter des Werks. Luk Perceval sieht die Vorteile allerdings an einer etwas anderen Stelle:

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https://youtu.be/LsH-Xnlzac0

Mehr Infos unter: www.ruhrtriennale.de

Juicy Beats Festival

Bühne beim Juicy Beats Festival

Das Juicy Beats Festival lockt jeden Sommer Top-Acts in das Ruhrgebiet. Im Dortmunder Westfalenpark bespielen Bands und DJs gleich mehrere Bühnen. Obwohl das Festival mittlerweile auch Künstler aus der ganzen Welt anzieht, sind auch immer einige aus der Region mit dabei. Neben toller Musik erwartet Besucher auf dem Festivalgelände neben leckerem Essen auch Spiel und Spaß.

Foto: ©H&H Photographics

Der Beitrag ist im Ausbildungsradio funkbude ausgestrahlt worden

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“Truck Tracks Ruhr” in Duisburg

Foto des Trucks, in dem Besucher bei "Truck Tracks Ruhr" unterwegs sind

Es ist eng und ich bekomme fast Platzangst. In der letzten Zuschauerreihe befindet sich unmittelbar vor mir eine Art Geländer, das mir fast bis zum Kinn reicht. Außerdem zwingt mich der Gurt zum sehr aufrechten Sitzen und meine Nachbarn lassen mir fast keine Bewegungsfreiheit. Während der Fahrt ruckelt der umgebaute LKW immer wieder und wir stoßen notgedrungen aneinander. Nein, wirklich bequem ist die Fahrt im Rahmen von ‚truck tracks ruhr‘ nicht. Trotzdem ärgere ich mich keinen Moment, dabei zu sein.

Ruckelige Fahrt ohne Bewegungsfreiheit

Wir sitzen quer im Truck. Vor uns Zuschauern befindet sich eine breite Leinwand, auf der die Straßen Duisburgs im Film zu sehen sind. Die Straßenzüge stammen nicht unbedingt aus den schönsten Gegenden Duisburgs: Restaurants, kleine Geschäfte, Kneipen – von grellbunt bis farblich eher zurückhaltend ist alles vertreten. Die chillige Musik übertönt das Motorengeräusch des Trucks weitestgehend. Ihre Wirkung ist tatsächlich entspannend und macht die Enge für mich erträglicher. Ich lasse die nach einer Weile monoton wirkenden Straßenzüge an mir vorbei ziehen.

Chillige Musik und Betonwüste

Immer wieder hält der Truck und die Leinwand wird hochgezogen. Fast jedes Mal zeigt sich dann ganz plötzlich ein unerwartetes Bild. In einem Fall stehen wir plötzlich vor einer Baustelle. Die im Film dokumentierten Straßen waren nicht wirklich schön, aber so unvermittelt wirkt die ‚Realität’, die sich uns Zuschauern angesichts dieser Betonwüste bietet, noch viel schlimmer. Die Musik wird unterbrochen und eine Geschichte ist zu hören. Ein Mann will an diesem Ort ein Tagebuch gefunden haben und liest es vor. Von Gewalt ist die Rede, von Missbrauch – Themen, die sonst nicht unbedingt so offen angesprochen werden. Der Vortragende zeigt sich unsicher, wie er die Worte betonen und welchen Sinn er ihnen damit geben soll. Schließlich bemüht er sich um eine maschinenartige Aussprache, von der er sich einen neutralen Klang erhofft.

Individualität und Gesichtslosigkeit

An anderer Stelle reflektiert ein Beitrag die “gesichtslose Masse” während wir durch die Scheiben des Trucks auf die Fußgängerzone Duisburgs sehen. Wir befinden uns in der Nähe einer Baustelle. Die Fußgänger müssen sich mühsam an einem Bauzaun vorbei durch einen kleinen Durchgang schlängeln und werden dabei in ihrer Individualität erkennbar.

Lagerfläche ohne Grün

Bei einem weiteren Halt des Trucks tut sich plötzlich der Blick auf eine Lagerfläche für Rohstoffe des Duisburger Hafens auf – häßlich, grau und ausgestorben. Im gesprochenen Beitrag wird das Grün der Bäume und Zwitschern der Vögel herauf beschworen, das an dieser Stelle fehlt. Die Stimme des Vortragenden nimmt dabei einen vorwurfsvollen Klang an. 

Ungewöhnlichkeit des scheinbar Vertrauten

Nur eine der insgesamt sieben Künstlerinnen und Künstler stammt aus Duisburg beziehungsweise dem Ruhrgebiet. Alle anderen werfen einen gänzlich fremden Blick auf die Stadt. Das passt gut, denn die ganze Tour stellt die Ungewöhnlichkeit des scheinbar vertrauten in den Mittelpunkt. Zentrales Thema ist das Alltagsleben in Duisburg, aber auch der Hafen samt des dort stattfindenden Strukturwandels. Dabei werden eben nicht, die besonders repräsentativen und bekannten Orte gezeigt, sondern diejenigen, die abseits liegen, leicht übersehen werden oder unangenehmes zu verbergen scheinen. Das wirkt auf mich oft angenehm ehrlich, manchmal auch schonungslos oder übertrieben.

Kontrast zwischen Film und Wirklichkeit

Besonders auffallend ist für mich der Kontrast zwischen den gefilmten und den von den eigenen Augen wahrgenommenen Bildern. Immer wieder fühle ich mich von den Bildern betrogen und habe den Eindruck, dass ich an einem Ort gelandet bin, auf den der Film mich nicht vorbereitet hat. Dabei wirkt die ‚Realität‘ des Films durchweg strahlender, farbenfroher, schöner und harmloser, als das, was mir die eigenen Augen zeigen. Ob schön oder nicht, provokant oder absurd – In jedem Fall regt diese ungewöhnliche Stadtrundfahrt auf vielen Ebenen dazu an, mal einen ganz frischen Blick auf Alltägliches zu wagen.

Foto: ©Volker Hartmann/Urbane Künste Ruhr

“Was glaubt ihr denn” bei der Ruhrtriennale

Aufführung "Was glaubt ihr denn" in Dinslaken-Lohberg

„Was glaubt ihr denn, Wer wir sind, Was wir glauben, Was glaubt ihr denn…“ – Es geht um Heimat, Akzeptanz, Glauben, Gemeinschaft und Zufriedenheit in dem Text von Björn Bicker, den die drei Frauen und zwei Männer rezitiern. Sie sitzen vor den Besuchern der Kirche wie bei einer Predigt. Die fünf wirken wie ein Querschnitt durch die im Ruhrgebiet ansässigen Ethnien – europäisch, afrikanisch, arabisch, vielleicht auch ein bisschen asiatisch – und sprechen akzentfrei Deutsch.

Querschnitt durch die Bevölkerung

Der Text wechselt scheinbar willkürlich von einem zum anderen, so, als würden die fünf die im Text ausgedrückte Kritik, Sorge, Anerkennung oder den Zweifel mit einer Stimme vortragen. Manchmal widersprechen sie sich selbst innerhalb des eigenen Sprechens. Das wirkt, als ob sie nicht nur mit einer Stimme, sondern als ob jeder Einzelne auch immer vielen Menschen eine Stimme geben würde, sogar Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern und anderen Glaubensrichtungen: „Was glaubt ihr denn, wo es einen besseren Platz geben könnte. Was glaubt ihr denn, wo wir nicht stören. Wo wir stören. Wo wir uns treffen sollten. Wo wir Euch begegnen könnten. Was glaubt ihr denn, wer ihr seid. Was glaubt ihr denn, wer wir sind…“

Wie mit einer Stimme

Vor Beginn der Veranstaltung hat die Pfarrerin der Lutherkirche Dinslaken-Lohberg davon gesprochen, dass das tolerante Zusammenleben hier eigentlich meistens gut funktioniert. „Wir bedrängen einander nicht, wir akzeptieren uns“, erklärt sie und spricht weiter davon, dass sie das eigentlich schon sehr lange so machen. Die Pfarrerin spricht davon, dass sie sich in Dinslaken-Lohberg in manchen negativen Berichten der Medien nicht wieder erkannt hätten. „Ich lade Sie ein. Kommen Sie wieder, sehen Sie sich selber an, wie wir hier leben. Machen Sie zum Beispiel ein Picknick, das darf man hier nämlich auf unseren Grünflächen“. Auch der anwesende Imam spricht von der Erde als „einem Haus, in dem wir gemeinsam und in Frieden zusammen leben wollen“. Beide bekommen viel Applaus.

Friedliche Atmosphäre

Ich bin zum ersten Mal in Dinslaken-Lohberg. Dinslaken ist ein kleiner und an diesem Sonntag sehr ruhiger Ort. Der Bus, der mich vom Bahnhof zur Lutherkirche im Stadtteil Lohberg bringen soll, fährt nur einmal in der Stunde und da ich mit Verspätung ankomme, verpasse ich ihn. Auch ein Taxi ist nirgendwo in Sicht und in Folge dessen laufe ich den Weg zu Fuß. Erst ärgere ich mich ein wenig, weil ich befürchte, zu spät zu kommen, aber dann macht es mir sogar Spaß. Ich komme vorbei an einer Graffiti-Wand, die mir bildgewaltig und mit den Worten ‚Dinslaken ist bunt‘ das kreative Potential dieser Stadt vor Augen führt. Ich laufe eine Hauptverkehrsstraße entlang, vorbei an einem Industriegelände und grünen Wiesen, bis ich schließlich den Förderturm der stillgelegten Zeche am Horizont entdecke und in einer beschaulichen Siedlung lande. Hier ist es sehr ruhig, alles wirkt wohlgeordnet und sehr deutsch, doch auf der Straße begegnen mir augenscheinlich fast ausschließlich türkischstämmige Menschen. Ich muss manchmal nach dem Weg fragen und bekomme freundlich, hilfsbereit und in akzentfreiem Deutsch Auskunft.

Urban Prayers Ruhr werden an unterschiedlichen Orten des Ruhrgebiets in Moscheen, Tempeln, Freikirchen oder Synagogen aufgeführt. Ich habe mich entschieden, mir eine Vorstellung der Urban Prayers Ruhr in Dinslaken-Lohberg anzusehen, weil es mich interessiert wie eine in Deutschland anerkannte und traditionsreiche Glaubensgemeinschaft wie die evangelische Kirche anderen begegnet. Ich weiß, dass das Ruhrgebiet mit dem Bergbau, seiner Schwerindustrie und den vielen dort benötigten Arbeitsplätzen bereits seit dem letzten Jahrhundert ein starker Magnet für Menschen aus unterschiedlichsten Ländern ist. Die Hoffnung auf soziale Absicherung durch einen festen Arbeitsplatz hat sich für viele erfüllt, die einstigen Fremden haben ein neues zu Hause gefunden und leben bereits seit Generationen hier. Heute scheint es vielen gar nicht mehr bewusst zu sein, dass das Ruhrgebiet eigentlich ein klassischer ‚Melting Pot‘ ist und das Zusammenleben unterschiedlicher Nationalitäten und Glaubensrichtungen hier eigentlich einen grundlegenden Teil des sozialen Gefüges ausmacht.

Magnet für Menschen aus der ganzen Welt

„Was glaubt ihr denn, warum wir so viele sind, warum ihr denkt, dass ihr viel mehr seid. Warum das nicht stimmt…“ rezitieren die fünf Vortragenden. Die Kirche ist voll an diesem Sonntag Nachmittag, voller Menschen unterschiedlicher Hautfarben und Glaubensrichtungen, von denen die meisten offensichtlich gebannt dem Vortrag lauschen. Ergänzt wird die Rezitation in regelmäßigen Abständen durch Lieder aus unterschiedlichen religiösen Kontexten, meisterhaft dargeboten durch das Vokalensemble ChorwerkRuhr.

Begeisterter Applaus

Am Ende wird dieser sehr einträchtig wirkende Nachmittag mit begeistertem Applaus und Standing Ovations belohnt. Obwohl ich natürlich letztlich nicht beurteilen kann, wie das Zusammenleben hier im Alltag funktioniert, haben sie mich persönlich an diesem Sonntag überzeugt. Hier und heute kommt mir die Behauptung der Pfarrerin der Lutherkirche, dass das Zusammenleben in dieser Gegend eigentlich meistens gut funktioniert, absolut glaubwürdig vor und macht mir Hoffnung.

Was glaubt ihr denn von Björn Bicker ist als Buch erhältlich.

Über das Leben in Städten

Über das Leben in Städten: Foto Berlin bei Nacht

Ein Schwerpunkt der letzten Ausgabe des internationalen literaturfestival berlin war die Reihe ‚Visions 2030’, die sich mit dem Leben in Städten auf allen fünf Kontinenten, heute und in Zukunft, beschäftigt hat. Omar Akbar war Diskussionsleiter der Reihe und beschreibt, warum dieses Thema so wichtig ist:

Omar Akbar: „In der Stadt sammeln sich Ethnien, Kulturen, Innovationen, Forschung und Wissenschaft, dies strömt eine besondere Attraktivität aus. Somit ist die Migration ein altes Thema in den Städten, sie verspricht den Migranten Hoffnung die Möglichkeiten zu nutzen, auch die Ärmsten der Armen erhalten eine Chance und könnten es schaffen.

Die Urbanisierungsprozesse und auch das Wachstum der Städte wird seit Jahrzehnten beobachtet. Es ist eine unaufhaltsame Entwicklung mit der Folge, dass die dörflichen Strukturen weltweit aufgegeben oder industriell transformiert werden. Ägypten ist ein interessantes Beispiel dafür.

Generell ist der Wandel ein Wesenszug der Stadt. Sie kann wachsen, stagnieren oder schrumpfen. Ehemals strategisch wichtige Orte wie etwa die Handelswege können ihre Funktionen ändern – Die Geschichte ist voll von solchen Veränderungen. Auch aktuell können wir so etwas in Deutschland beobachten: die Städte in Ostdeutschland und im Ruhrgebiet schrumpfen. Das ist darauf zurückzuführen, dass die Bevölkerungszahl sich reduziert und damit ganz natürliche Veränderungen nach sich zieht. Folglich haben wir mehr bebaute Flächen und weniger Menschen.

Zugleich ist festzustellen, dass wir die Völkerwanderung falsch eingeschätzt haben. Sie existiert weltweit und zur Zeit sind es etwa 6 Millionen, die ihre Orte verlassen. Allein im Libanon mit einer Einwohnerzahl von etwa 4 Millionen leben zur Zeit 1 Million syrische Flüchtlinge. Die Völkerwanderung wird weiterhin erheblich wachsen – auch nach Europa.“

Manchmal hat man den Eindruck, das wichtigste Thema in Bezug auf die Stadtentwicklung in Deutschlandist das Sterben der kleinen Geschäfte in den Innenstädten und die Leere, die dort dann offenbar zurück bleibt. Oft wird ja der Online-Handel dafür verantwortlich gemacht. Woanders ist das aber kein Thema?

Omar Akbar: “Es ist richtig, Einkaufszentren nehmen massiv zu und die Bedeutung des Einzelhandels wird rudimentärer. Trotzdem haben die großen Marken sich ihre individuellen Standorte geschaffen. Zugleich glaube ich nicht daran, dass der Online-Handel das städtische Leben verändern wird. Er ist eine Ergänzung. Der Markt ist viel zu flexibel und beachtet genauestens die Bedürfnisse. Auch die individuelle Kommunikation spielt eine bedeutende Rolle. Häufig bevorzugen Kunden eine professionelle Beratung, möchten die Qualität der Waren fühlen, oder auch die typischen Gerüche wahrnehmen. Im Kontext der Globalisierung sind neue Angebote hinzugekommen. Auf dem Markt in Florenz beschrieb ein Betreiber die Veränderung der Gerüche. Es riecht nicht mehr florentinisch nach Käse, Gemüse etc., sondern auch nach Sushi und Döner.”

Wie sehen Sie das Bewusstsein der Menschen hinsichtlich der Mentalitäten oder des Verhaltens in der Öffentlichkeit?

Omar Akbar: „In der Öffentlichkeit verhält man sich in Deutschland zurückhaltend, wenn es um Körperkontakte geht, insbesondere unter Männern. Im mediterranen Raum ist dieses viel unverkrampfter, die Emotionalität wird anders ausgedrückt.

Ebenso sehe ich in Bezug auf die Esskultur gravierende Unterschiede: überall findet man regionale Unterschiede und Geschmacksrichtungen. Darüber hinaus möchte ich weitere Besonderheiten aufzählen: Lebt man beispielsweise in Algier ist es ist im Prinzip unmöglich, sich von der eigenen Familie zu emanzipieren, wobei es Frauen dabei besonders schwer haben. Abends in den Cafés und Restaurants sitzen im wesentlichen die Männer, ein allgemein bekanntes Phänomen im Orient. Andererseits können Frauen in Bogotá de facto keine Busse benutzen, da die Vergewaltigungsraten extrem hoch sind. Die Realitäten verändern sich natürlich stetig. Als ich Ende der 80er Jahren in Ägypten lebte, war es dort sogar nach Angaben der Deutschen Botschaft sicherer, als Berlin. Man konnte in Kairo seine Einkaufstüten auf dem Auto stehen lassen, ohne dass etwas abhanden kam.”

Woran liegt es denn, dass die politische Lage sich in dieser Gegend so zugespitzt hat?

Omar Akbar: „Viele Probleme sind unter anderem ein Ergebnis der nachkolonialen Phase und dem Zerfall der Sowjetunion. Zugleich befreite sich der Islam von Bevormundung durch staatliche Organisationen. Nach dem Fall vom Schah im Iran begann die gänzliche Islamisierung der Gesellschaft, ein Vorbild für andere islamische Länder in der Region. Dass dieser Schritt über die Region hinaus gehen würde, wusste man zu dieser Zeit nicht. Die aktuelle Islamisierung hat bedingt mit dem Einmarsch des Westens im Nahen-Osten etwas zu tun. Es ist im Wesen bestimmter Islambewegungen verhaftet.“

Zum Abschluß: Wie sehen sie die Situation in Deutschland?

Omar Akbar: „Ich persönlich stelle fest, dass wir in Deutschland alle Freiheiten haben, um uns entfalten zu können. Jene, die hier alles problematisch finden, sollten in ihren Herkunftsländern beispielsweise einmal zum Arzt oder ins Krankenhaus gehen. Da erfährt man, welche Rolle Macht und Geld spielen können.

Die Errungenschaften dieses Landes muss man schätzen lernen und verinnerlichen. Nur mit dem Konsum westlicher Güter kann die eigene Entwicklung nicht voranschreiten.“

AutorInnen:

Kevin Barry, Irland: ‘Die dunkle Stadt Bohane’, Roman  / Mircea Cărtărescu, Rumänien: ‘Die Wissenden’, Roman / Maria Sonia Cristoff, Argentinien: ‘Unter Einfluss’, Roman / Roddy Doyle, Irland: ‘Henry, der Held’, Roman / Sónia Gomes, Angola / Helon Habila, Nigeria / USA: ‘Öl auf Wasser’, Roman / Rawi Hage, Libanon / Kanada: ‘Kakerlake’, Roman / Perihan Maǧden, Türkei:  ‘Zwei Mädchen: Istanbul-Story’, Roman /  Suketu Mehta, Indien / USA: ‘Bombay: Maximum City’, Roman / Laura Restrepo, Kolumbien/E: ‘Land der Geister’, Roman /  Boualem Sansal, Algerien:  ‘2084: Das Ende der Welt’, Roman

WissenschaftlerInnen:

Zeynep Aygen (Türkei), Sonja Beeck (D), Angelika Fitz (A), Adam Greenfield (USA), Martina Löw (D), Hildegard Matthias (D), Philipp Misselwitz (D), Stephan Rammler (D), Helmut Rechenberger (A), Stefan Schaurig (D), Jasmin Wiebke (D)

“Real Magic” von Forced Entertainment

Szene aus "Real Magic" von Forced Entertainment

In dem Stück “Real Magic” von der Experimentaltheatergruppe Forced Entertainment ist es ein bisschen wie im Zirkus oder in einer Fernseh-Quiz-Show zur besten Sendezeit: Ein Kandidat hat die Aufgabe, ‚nur’ ein einziges Wort zu erraten. Nicht irgendein Wort, sondern genau das Wort, das ein anderer sich gedanklich vorstellt und auf einem Pappschild geschrieben vor sich hochhält. Natürlich sind dem Rate-Kandidaten die Augen verbunden, so dass er das Wort auf der Pappe nicht lesen kann. Er muss ‚nur‘, wie der Spielleiter aufmunternd versichert, das eine Wort erraten, das aus Millionen von Wörtern ausgesucht worden und laut und deutlich auf der Pappe zu lesen ist. Der Kandidat windet sich in Unterwäsche und mit verbundenen Augen auf seinem Stuhl und rät. Leider ist die Antwort falsch, auch zwei weitere Versuche scheitern.

Mit dem Versagen wird immer sehr konstruktiv umgegangen. Es gibt keine Vorwürfe oder gar Beschimpfungen, statt dessen Bedauern und jede Menge Ermunterung: Dieses Mal hat der Kandidat es noch nicht geschafft, aber beim nächsten Versuch wird es bestimmt klappen. Alle drei Darsteller auf der Bühne werden nacheinander zum Spielleiter, Kandidaten oder gedanklichen Träger des zu erratenden Wortes, der selbstverständlich immer auch Halter des Pappschildes ist. Wie um die falschen Gedanken zu vertreiben und die richtigen heraufzubeschwören, wechseln Richard, Claire und Jerry immer wieder die äußere Erscheinung und treten mal in Unterwäsche, als haariger gelber Vogel mit und ohne Kopf oder in einem viel zu weiten Anzug und dunkler Langhaar-Perücke mit Pony an. Wieder und wieder versuchen die drei sich im Gedanken-Raten und der jeweilige Spielleiter gibt den geduldigen Animateur, während der Träger des Pappschildes sich zwar meist um eine möglichst ansprechende und kreative Zurschaustellung der Pappe bemüht, aber sonst eher gelangweilt um sich blickt. Oft muss er selbst nachsehen, was eigentlich auf dem Schild steht.

Erstaunlicherweise wird auch mit der Zeit das Gedankenraten nicht leichter. Immer durchdringender wird vor allen Dingen das künstliche Gelächter aus den Lautsprechern, auch weil das tatsächliche Lachen des Publikums immer lauter wird und das konservierte Gelächter vom Band verstärkt. Während dessen präsentieren die drei auf der Bühne zwischen den Rate-Runden kleine Tanzeinlagen, Striptease, kreative Bekleidungsideen oder demonstrieren anschaulich und eifrig, dass sich einem zotteligen Vogel mit riesigem Schnabel nicht mehr effektiv die Augen verbinden lassen.

Doch die Konstellation nimmt mehr und mehr absurde Züge an und erinnert zunehmend an ‚Warten auf Godot’: Wenn es nur käme, das richtige Ergebnis, dann müsste das Warten ein Ende haben und dann käme er wohl endlich, der mühsam verdiente Erfolg. Doch die Kandidaten tun sich nach wie vor schwer, sich von lieb gewonnenen Antworten zu trennen oder sich auch nur das Wort auf der Pappe zu merken, das sie ja eigentlich vor allen Dingen in Gedanken bei sich tragen sollten. All das gelingt ihnen nicht, obwohl sie doch eigentlich ‚nur‘ das richtige Wort unter Millionen anderer heraussuchen müssten, um die richtige Antwort zu geben und das Spiel zu beenden. Absurd?

Die Experimentaltheatergruppe Forced Entertainment hat sich im Jahr 1984 gegründet und ist seit zehn Jahren Koproduktionspartner von PACT Zollverein, Choreografisches Zentrum NRW. Erst kürzlich ist Forced Entertainment mit dem renommierten Henrik-Ibsen-Theaterpreis ausgezeichnet worden. In ihren Stücken bieten sie zuverlässig eine innovative Mischung aus Slapstick, Satire, anspruchsvollem Theater sowie Formaten der Massenmedien und verlieren den schwarzen Humor auch bei ernsten Themen nie ganz. “Real Magic” knüpft im besten Sinne an diese Serie an.

Foto: ©Hugo Glendinning

Hundeskulpturen von Poren Huang

Hundeskulptur von Poren Huang

Hundeskulptur "I'm not happy" von Poren HuangSie sind überwiegend aus schwarz-glänzendem Material, die Hundeskulpturen des auf der Insel Taiwan lebenden und arbeitenden Künstlers Poren Huang. Damit bilden sie ihr Vorbild in entscheidender Hinsicht realitätsgetreu nach: den Taiwanhund, der besonders oft über ein schwarzes Fell verfügt. In Taiwan ist der Hund seit Jahrhunderten ein treuer Begleiter der Menschen. Poren Huang porträtiert in seinen Skulpturen auf sehr humorvolle Weise typische Verhaltensweisen von Hund und Mensch, die durch die reduzierte Darstellungsweise viel Ähnlichkeit mit Comic- oder Spielzeugfiguren aufweisen.

Hundeskulpturen von Poren HuangHunde haben in Asien generell eine besondere Bedeutung. Der Hund ist beispielsweise ein Tier des traditionellen chinesischen Kalenders, dem mit dem Attribut ‚treu’ eine eindeutig positive Eigenschaft zugewiesen wird. Dem unerschütterlich treuen Hund Hachikō, einem japanischen ‚Akita‘, ist sogar in Form des gleichnamigen Films mit Richard Gere in der Hauptrolle ein Denkmal gesetzt worden. Hachikō weist genauso wie der Taiwanhund mit dem dreieckigen Kopf und der sichelförmigen Rute viel Ähnlichkeit mit dem Urtyp auf und ähnelt insofern auch sehr den Hundeskulpturen, die Poren Huang herstellt. Während es sich bei japanischen ‚Akita‘ um eine sehr alte Rasse handelt, ist der Taiwanhund erst im Jahr 2015 offiziell als eigenständige Rasse anerkannt worden. Als Jagdhund war er Jahrhunderte lang ein treuer Begleiter der Menschen auf der Insel Taiwan, die bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts noch vorwiegend landwirtschaftlich geprägt war. Nutztiere, die den Menschen bei der Bewältigung des Alltags behilflich waren wie etwa auch Rinder sind in Asien von je her ein beliebtes künstlerisches Motiv, erklärt Art Manager Oscar Chan im Interview (das ganze Interview befindet sich in Video-Form am Ende des Artikels).

Hundeskulptur von Poren HuangGenerell war Kunst in China von je her an Alltägliches und den Begriff ‚yi‘ gebunden. Er bezeichnet ‚Kunstfertigkeit, Geschicklichkeit, Tüchtigkeit und Handwerk‘ und lässt sich etymologisch von dem Begriff für die Bearbeitung und Bepflanzung eines Feldes und der erfolgreichen Kultivierung herleiten. Bereits Konfuzius diente die Kunst zur ‚Ergötzung‘ und hatte eine wichtige ethische Funktion, wie Helmut Brinker, Professor für die Kunstgeschichte Ostasiens an der Universität Zürich, erklärt:

„Sie ist gleichsam das Instrument zur Vervollkommnung des eigenen Charakters und trägt insofern zur Festigung der Kardinaltugenden bei, zur Realisierung des humanistischen Ideals“

Hundeskulptur von Poren HuangLange Zeit fanden Plastiken in China wenig Beachtung, Kunst war vor allen Dingen an das Malen und Schreiben gebunden. Plastiken wurden lange Zeit ausschließlich als Grabbeigaben verwendet und waren damit für Sammler und die Öffentlichkeit uninteressant. Als beachtenswert galten allerdings gemäß Helmut Brinker die Bronzeplastiken aus vorchristlicher Frühzeit, da sie als „Träger authentischer Werte und ethischer Vorstellungen berühmter ehemaliger Besitzer“ verstanden wurden.

So humorvoll und unbeschwert die Skulpturen aus Bronze von Poren Huang überwiegend wirken, meist portraitieren sie nicht nur typische Verhaltensweisen des Hundes, sondern auch des Menschen. Die Familie des Künstlers züchtet den Taiwanhund bereits seit vielen Jahren. Er beschreibt das besondere Verhältnis von Mensch und Hund folgendermaßen: 

„Seit Beginn der Zivilisation, haben Mensch und Hund ein sehr enges Verhältnis zueinander. Um mit den Menschen möglichst reibungslos zusammen leben zu können, sind Hunde lange Zeit dazu erzogen worden, sich den Menschen anzupassen. Hunde haben viele großartige Eigenschaften, aber die Menschen lernen selten von ihrem treuesten Begleiter”

Hundeskulptur von Poren HuangDie glänzenden Hunde sind zwar idealisiert, aber dennoch in Haltung und Bewegungen sehr lebensecht nachgebildet. Sie schauen ihren Betrachter erwartungsvoll an, fast so, als wollten sie gleich loslaufen, heben sichtlich gestresst das Bein oder gucken ein wenig enttäuscht, aber doch irgendwie erwartungsvoll, in den leeren Napf. Deutlich stärker scheinen Hunde mit Teufelsohren und menschlichem Gesicht oder mit wütend in den Himmel gereckten Riesenpranken karikaturenhaft an ihre eigene, weniger brave, Seite und gleichzeitig auch die ihrer Besitzer zu erinnern.

Die Herstellung der Plastiken aus den Grundmaterialien Bronze oder Stahl, die dann später mit Überzügen und Farben versehen werden, ist sehr aufwendig. Poren Huang hat für etwa 40 Hundeskulpturen rund 10 Jahre gebraucht. In der Galerie aquabitArt werden Handschuhe verteilt, mit denen sich die genaue Beschaffenheit der überwiegend fröhlichen Hunde auch haptisch genau erkunden lässt. Wie in der traditionellen asiatischen Kunst ist auch für Poren Huang eine möglichst große Nähe zwischen Mensch und Kunstwerk sehr wichtig. Ebenso wichtig, wie das Bestreben, den Betrachter mit einem möglichst positiven Gefühl zurück zu lassen:

„Das schnelle Wirtschaftswachstum und die technische Entwicklung nach Ende des Zweiten Weltkriegs haben den Menschen eine deutlich bessere Lebensqualität beschert, aber auch einen Verfall ethischer Werte. Aus Egoismus verfeinden sich viele Menschen sehr schnell mit ihren Liebsten. Außerdem sind Menschen heute weniger stressresistent und die Zahl derer, die depressiv, manisch-depressiv oder generell psychisch labil sind, hat deutlich zugenommen. Die meisten Menschen sind heute deutlich wohlhabender, aber wesentlich weniger glücklich und zufrieden mit ihrem Leben als früher, als sie noch in Armut lebten oder Kriege erleiden mussten”

Die Plastiken sollen ihre Betrachter mahnend an die guten Eigenschaften der Hunde erinnern und ihnen außerdem Nähe, Unbeschwertheit und Freude vermitteln, ganz gemäß des Mottos, das einer goldenen Hundeskulptur den Namen gibt: „Every Day is a New Start“.

Die Hundeskulpturen von Poren Huang können dauerhaft in der Galerie aquabitArt in Berlin-Mitte in Augenschein genommen werden: www.art.aquabit.com

Quellenangabe:

Brinker, Helmut: ‚Die chinesische Kunst‘. Verlag C.H. Beck, München 2009. ISBN 978-3-406-59272-0, 7,90€.