„Was glaubt ihr denn“ bei der Ruhrtriennale

Aufführung "Was glaubt ihr denn" in Dinslaken-Lohberg

„Was glaubt ihr denn, Wer wir sind, Was wir glauben, Was glaubt ihr denn…“ – Es geht um Heimat, Akzeptanz, Glauben, Gemeinschaft und Zufriedenheit in dem Text von Björn Bicker, den die drei Frauen und zwei Männer rezitiern. Sie sitzen vor den Besuchern der Kirche wie bei einer Predigt. Die fünf wirken wie ein Querschnitt durch die im Ruhrgebiet ansässigen Ethnien – europäisch, afrikanisch, arabisch, vielleicht auch ein bisschen asiatisch – und sprechen akzentfrei Deutsch.

Querschnitt durch die Bevölkerung

Der Text wechselt scheinbar willkürlich von einem zum anderen, so, als würden die fünf die im Text ausgedrückte Kritik, Sorge, Anerkennung oder den Zweifel mit einer Stimme vortragen. Manchmal widersprechen sie sich selbst innerhalb des eigenen Sprechens. Das wirkt, als ob sie nicht nur mit einer Stimme, sondern als ob jeder Einzelne auch immer vielen Menschen eine Stimme geben würde, sogar Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern und anderen Glaubensrichtungen: „Was glaubt ihr denn, wo es einen besseren Platz geben könnte. Was glaubt ihr denn, wo wir nicht stören. Wo wir stören. Wo wir uns treffen sollten. Wo wir Euch begegnen könnten. Was glaubt ihr denn, wer ihr seid. Was glaubt ihr denn, wer wir sind…“

Wie mit einer Stimme

Vor Beginn der Veranstaltung hat die Pfarrerin der Lutherkirche Dinslaken-Lohberg davon gesprochen, dass das tolerante Zusammenleben hier eigentlich meistens gut funktioniert. „Wir bedrängen einander nicht, wir akzeptieren uns“, erklärt sie und spricht weiter davon, dass sie das eigentlich schon sehr lange so machen. Die Pfarrerin spricht davon, dass sie sich in Dinslaken-Lohberg in manchen negativen Berichten der Medien nicht wieder erkannt hätten. „Ich lade Sie ein. Kommen Sie wieder, sehen Sie sich selber an, wie wir hier leben. Machen Sie zum Beispiel ein Picknick, das darf man hier nämlich auf unseren Grünflächen“. Auch der anwesende Imam spricht von der Erde als „einem Haus, in dem wir gemeinsam und in Frieden zusammen leben wollen“. Beide bekommen viel Applaus.

Friedliche Atmosphäre

Ich bin zum ersten Mal in Dinslaken-Lohberg. Dinslaken ist ein kleiner und an diesem Sonntag sehr ruhiger Ort. Der Bus, der mich vom Bahnhof zur Lutherkirche im Stadtteil Lohberg bringen soll, fährt nur einmal in der Stunde und da ich mit Verspätung ankomme, verpasse ich ihn. Auch ein Taxi ist nirgendwo in Sicht und in Folge dessen laufe ich den Weg zu Fuß. Erst ärgere ich mich ein wenig, weil ich befürchte, zu spät zu kommen, aber dann macht es mir sogar Spaß. Ich komme vorbei an einer Graffiti-Wand, die mir bildgewaltig und mit den Worten ‚Dinslaken ist bunt‘ das kreative Potential dieser Stadt vor Augen führt. Ich laufe eine Hauptverkehrsstraße entlang, vorbei an einem Industriegelände und grünen Wiesen, bis ich schließlich den Förderturm der stillgelegten Zeche am Horizont entdecke und in einer beschaulichen Siedlung lande. Hier ist es sehr ruhig, alles wirkt wohlgeordnet und sehr deutsch, doch auf der Straße begegnen mir augenscheinlich fast ausschließlich türkischstämmige Menschen. Ich muss manchmal nach dem Weg fragen und bekomme freundlich, hilfsbereit und in akzentfreiem Deutsch Auskunft.

Urban Prayers Ruhr werden an unterschiedlichen Orten des Ruhrgebiets in Moscheen, Tempeln, Freikirchen oder Synagogen aufgeführt. Ich habe mich entschieden, mir eine Vorstellung der Urban Prayers Ruhr in Dinslaken-Lohberg anzusehen, weil es mich interessiert wie eine in Deutschland anerkannte und traditionsreiche Glaubensgemeinschaft wie die evangelische Kirche anderen begegnet. Ich weiß, dass das Ruhrgebiet mit dem Bergbau, seiner Schwerindustrie und den vielen dort benötigten Arbeitsplätzen bereits seit dem letzten Jahrhundert ein starker Magnet für Menschen aus unterschiedlichsten Ländern ist. Die Hoffnung auf soziale Absicherung durch einen festen Arbeitsplatz hat sich für viele erfüllt, die einstigen Fremden haben ein neues zu Hause gefunden und leben bereits seit Generationen hier. Heute scheint es vielen gar nicht mehr bewusst zu sein, dass das Ruhrgebiet eigentlich ein klassischer ‚Melting Pot‘ ist und das Zusammenleben unterschiedlicher Nationalitäten und Glaubensrichtungen hier eigentlich einen grundlegenden Teil des sozialen Gefüges ausmacht.

Magnet für Menschen aus der ganzen Welt

„Was glaubt ihr denn, warum wir so viele sind, warum ihr denkt, dass ihr viel mehr seid. Warum das nicht stimmt…“ rezitieren die fünf Vortragenden. Die Kirche ist voll an diesem Sonntag Nachmittag, voller Menschen unterschiedlicher Hautfarben und Glaubensrichtungen, von denen die meisten offensichtlich gebannt dem Vortrag lauschen. Ergänzt wird die Rezitation in regelmäßigen Abständen durch Lieder aus unterschiedlichen religiösen Kontexten, meisterhaft dargeboten durch das Vokalensemble ChorwerkRuhr.

Begeisterter Applaus

Am Ende wird dieser sehr einträchtig wirkende Nachmittag mit begeistertem Applaus und Standing Ovations belohnt. Obwohl ich natürlich letztlich nicht beurteilen kann, wie das Zusammenleben hier im Alltag funktioniert, haben sie mich persönlich an diesem Sonntag überzeugt. Hier und heute kommt mir die Behauptung der Pfarrerin der Lutherkirche, dass das Zusammenleben in dieser Gegend eigentlich meistens gut funktioniert, absolut glaubwürdig vor und macht mir Hoffnung.

Was glaubt ihr denn von Björn Bicker ist als Buch erhältlich.

„Real Magic“ von Forced Entertainment

Szene aus "Real Magic" von Forced Entertainment

In dem Stück „Real Magic“ von der Experimentaltheatergruppe Forced Entertainment ist es ein bisschen wie im Zirkus oder in einer Fernseh-Quiz-Show zur besten Sendezeit: Ein Kandidat hat die Aufgabe, ‚nur’ ein einziges Wort zu erraten. Nicht irgendein Wort, sondern genau das Wort, das ein anderer sich gedanklich vorstellt und auf einem Pappschild geschrieben vor sich hochhält. Natürlich sind dem Rate-Kandidaten die Augen verbunden, so dass er das Wort auf der Pappe nicht lesen kann. Er muss ‚nur‘, wie der Spielleiter aufmunternd versichert, das eine Wort erraten, das aus Millionen von Wörtern ausgesucht worden und laut und deutlich auf der Pappe zu lesen ist. Der Kandidat windet sich in Unterwäsche und mit verbundenen Augen auf seinem Stuhl und rät. Leider ist die Antwort falsch, auch zwei weitere Versuche scheitern.

Mit dem Versagen wird immer sehr konstruktiv umgegangen. Es gibt keine Vorwürfe oder gar Beschimpfungen, statt dessen Bedauern und jede Menge Ermunterung: Dieses Mal hat der Kandidat es noch nicht geschafft, aber beim nächsten Versuch wird es bestimmt klappen. Alle drei Darsteller auf der Bühne werden nacheinander zum Spielleiter, Kandidaten oder gedanklichen Träger des zu erratenden Wortes, der selbstverständlich immer auch Halter des Pappschildes ist. Wie um die falschen Gedanken zu vertreiben und die richtigen heraufzubeschwören, wechseln Richard, Claire und Jerry immer wieder die äußere Erscheinung und treten mal in Unterwäsche, als haariger gelber Vogel mit und ohne Kopf oder in einem viel zu weiten Anzug und dunkler Langhaar-Perücke mit Pony an. Wieder und wieder versuchen die drei sich im Gedanken-Raten und der jeweilige Spielleiter gibt den geduldigen Animateur, während der Träger des Pappschildes sich zwar meist um eine möglichst ansprechende und kreative Zurschaustellung der Pappe bemüht, aber sonst eher gelangweilt um sich blickt. Oft muss er selbst nachsehen, was eigentlich auf dem Schild steht.

Erstaunlicherweise wird auch mit der Zeit das Gedankenraten nicht leichter. Immer durchdringender wird vor allen Dingen das künstliche Gelächter aus den Lautsprechern, auch weil das tatsächliche Lachen des Publikums immer lauter wird und das konservierte Gelächter vom Band verstärkt. Während dessen präsentieren die drei auf der Bühne zwischen den Rate-Runden kleine Tanzeinlagen, Striptease, kreative Bekleidungsideen oder demonstrieren anschaulich und eifrig, dass sich einem zotteligen Vogel mit riesigem Schnabel nicht mehr effektiv die Augen verbinden lassen.

Doch die Konstellation nimmt mehr und mehr absurde Züge an und erinnert zunehmend an ‚Warten auf Godot’: Wenn es nur käme, das richtige Ergebnis, dann müsste das Warten ein Ende haben und dann käme er wohl endlich, der mühsam verdiente Erfolg. Doch die Kandidaten tun sich nach wie vor schwer, sich von lieb gewonnenen Antworten zu trennen oder sich auch nur das Wort auf der Pappe zu merken, das sie ja eigentlich vor allen Dingen in Gedanken bei sich tragen sollten. All das gelingt ihnen nicht, obwohl sie doch eigentlich ‚nur‘ das richtige Wort unter Millionen anderer heraussuchen müssten, um die richtige Antwort zu geben und das Spiel zu beenden. Absurd?

Die Experimentaltheatergruppe Forced Entertainment hat sich im Jahr 1984 gegründet und ist seit zehn Jahren Koproduktionspartner von PACT Zollverein, Choreografisches Zentrum NRW. Erst kürzlich ist Forced Entertainment mit dem renommierten Henrik-Ibsen-Theaterpreis ausgezeichnet worden. In ihren Stücken bieten sie zuverlässig eine innovative Mischung aus Slapstick, Satire, anspruchsvollem Theater sowie Formaten der Massenmedien und verlieren den schwarzen Humor auch bei ernsten Themen nie ganz. „Real Magic“ knüpft im besten Sinne an diese Serie an.

Foto: ©Hugo Glendinning

„Je suis un metteur en scène japonais“ von Fanny de Chaillé

Szene aus "Je suis un metteur en scène japonais" von Fanny de Chaillé

Die Bühne ist hell erleuchtet. Bei Je suis un metteur en scène japonais von Fanny de Chaillé wird sie fast ganz ausgefüllt von etwas, das wie eine monströse Pappe wirkt. An einigen Stellen ist sie eingeschnitten und hochgeklappt. Man könnte glauben, dass die Pappe gleich nur noch an den richtigen Stellen gefaltet und zusammen gesetzt werden muss, um zu einem riesigen Paket zu werden.

Passives Verhalten auf dem Pappkarton

Auf der Pappe bewegen drei schwarz gekleidete und vermummte Gestalten sowie eine ebenfalls schwarz gekleidete Person, deren Kopf nicht verhüllt ist. Zwei der gesichtslosen Gestalten führen die Arme, den Oberkörper und den Kopf, die dritte bewegt in der Hocke kniend an den Unterschenkeln die Beine der Person. Die drei führen sie quer über die Bühne, lassen sie sich bücken, in die Hocke gehen, sich mal nach rechts, dann wieder nach links drehen. Egal was passiert, die Person wehrt sich nie, sondern bleibt die ganze Zeit passiv und verliert nie den unbewegten und doch irgendwie unzufriedenen Gesichtsausdruck. Obwohl sie eindeutig aus Fleisch und Blut ist, wirkt sie eigentlich wie eine Puppe.

Zwischendurch lüften die schwarzen Gestalten manchmal ihre eigenen Masken und zeigen, dass ihr Gesichtsausdruck nicht weniger puppenartig ist als der der Person, die sie auf der pappenartigen Unterlage führen. Manchmal wechseln sie auch die Positionen, dann wird eine andere schwarze Gestalt von den drei weiteren geführt. Der Wechsel wirkt wie die Bewegungen selbstverständlich und perfekt koordiniert, niemand wehrt sich oder gerät auch nur einmal ins Stolpern.

Japanisches Erzähltheater als Inspiration

Fanny de Chaillé hat sich dafür von dem traditionellen japanischen Erzähltheater Bunraku inspirieren lassen. Dort bewegen auf diese Weise drei Personen unauffällig und schweigend fast lebensgroße Puppen durch den Theatersaal, die tragische Liebesgeschichten verkörpern. Am Rande der Bühne sitzt ein Rezitator und ein Musiker, der den Text auf einem Shamisen begleitet.

Auch bei Je suis un metteur en scène japonais gibt es einen Erzähler, der von einem Musiker begleitet wird. Grundlage dieses Stücks ist jedoch keine tragische Liebesgeschichte, sondern das Theaterstück Minetti von Thomas Bernhard. Den Monolog hat Thomas Bernhard dem Schauspieler Bernhard Minetti auf den Leib geschrieben, der in den 1970er Jahren immer die Hauptrollen in seinen Theaterstücken gespielt hat. Der Protagonist philosophiert darin über die Schauspielkunst, die Masken, die er dafür verwendet, das Publikum und das Leben überhaupt, sein Scheitern als Theaterdirektor vor dreißig Jahren, seine Rückkehr auf die Bühne und Lear von William Shakespeare, das einzige klassische Stück, dem er sich nicht verweigert hat und dessen Hauptrolle er gleich zu spielen beabsichtigt. Den Text deklamiert der Rezitator in französischer Sprache während hinter der gefalteten Pappe auf der Bühne die weißen Buchstaben des deutschen Textes wie aus dem Off zu lesen sind.

Rebellion gegen unpassendes Narrativ

Die schwarzgekleideten Gestalten nehmen eigentlich kaum direkt Bezug auf den Text, sie bewegen sich eher im Rhythmus der Textmelodie sowie der vielen Geräusche und der Ukulele, der der Musiker zwischendurch immer wieder asiatisch angehauchte Klänge entlockt. Doch dem Rezitator gelingt es nicht, unbeteiligt am Rand stehend seine Geschichte vorzutragen. Die schwarzen Gestalten werden regelrecht rebellisch und beginnen ihn langsam immer mehr in ihre Performance einzubeziehen. Er wird von ihnen geführt, geschubst oder zu Boden geworfen, so dass er seinen Text verliert und für einen Moment nicht weiter rezitieren kann. Oder er wird von ihnen so gehalten, dass die schwarze Kopfbedeckung, die auch er trägt, regelrecht zur Zwangsjacke wird.

Wehren kann der Rezitator sich offensichtlich nicht gegen die Manipulationen der schwarzen Gestalten und die Grenzen verschwinden immer mehr zwischen ihm und ihnen. Eine der schwarzen Gestalten beginnt plötzlich für einen Moment zu sprechen. Sie erklärt bestimmte Falttechniken des Origami und demonstriert sie an einer anderen der Gestalten. Ohne ein direktes Wort an die Personen auf der Bühne zu richten, gelingt es dem Erzähler immer wieder durch lautes oder wütendes Rezitieren des Textes die anderen zum Schweigen zu bringen und die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Oft wird er dabei unfreiwillig zur tragisch-komischen Gestalt und die Szenerie trägt Züge des absurden Theaters.

Die Entstehung des Theaters

Fanny die Chaillé hat in einem Interview erläutert, dass es ihr in Je suis un metteur en scène japonais darum gehe, die Strukturen offen zu legen, die das Entstehen des Theaters ausmachten, das immer Ergebnis einer gemeinsamen Arbeit sei. Ohne Illusionen zu erzeugen, sei jede Geste, jede Bewegung, die  einen Teil des Endprodukts dieser Arbeit darstellten, auf der Bühne klar zu erkennen. Das Stück Minetti habe sie ausgewählt, weil der Text das Porträt eines Schauspielers sei und sich im Detail mit der Schauspielkunst beschäftige. Die Geschichte von Minetti verberge sich im Stück hinter vielen Masken und Marionetten, die seine Worte alle nach und nach verinnerlicht hätten.

Für mich ist Je suis un metteur en scène japonais ein kluges und enttarnendes Stück, das ernste und auch viele humorvolle Passagen enthält und insgesamt sehr sehenswert ist.

Die „Maori-Nacht“ beim ilb

Maori-Nacht: Cover "Song of the Selkies" von Cathy Dunsford

Er ist unauffällig mit dunklem Hemd und dunkler Hose bekleidet, hält eine Gitarre in der Hand und spricht Englisch. Von Weitem hat er vielleicht am ehesten Ähnlichkeit mit einem Country-Sänger. Doch der Klang seiner Gitarre, die Geschichte und die Art seines Vortrags bei der Maori-Nacht haben allenfalls entfernt etwas von dem, was den wilden Westen und seine Musik im Allgemeinen ausmacht. Die Klänge der Gitarre sind meist reine Untermalung für eine Geschichte, die von Walen, Kanus, dem Meer, dem Himmel, Wäldern und Menschen inmitten dieser urgewaltigen Natur handelt.

Insgesamt betrachtet hat dieser Geschichtenerzähler vielleicht mehr von einem Darsteller, als einem Musiker. Denn viele markante Sequenzen der Geschichte unterstreicht er nicht mit Klängen, sondern mit ausladenden und manchmal fast überdeutlichen Gesten. Die Geschichte wirkt dadurch ungemein lebendig und fesselnd. Selbst wenn ich nicht immer jedes Wort verstehe, kann ich der Geschichte problemlos folgen und bin mehr als sonst gespannt, wie es wohl weiter gehen mag. Der faszinierende Geschichtenerzähler heißt Joe Harawira und erzählt in diesem Moment gerade im Rahmen des internationalen literaturfestival berlin eine der unzähligen Geschichten der Maori auf traditionelle Weise.

Noch vor einigen Jahren sei es undenkbar gewesen, die alten Maori-Geschichten öffentlich vorzutragen, erklärt der gebürtige Neuseeländer Joe Harawira im Anschluss an seine Performance. Die Sprache der Maori sei im 19. Jahrhundert von der Kolonialmacht als heidnische Sprache eingestuft worden und habe an den Schulen nicht mehr unterrichtet werden dürfen. Erst in den 1980er Jahren habe eine Wiederbelebung der maorischen Sprachkultur eingesetzt und seit 1987 sei Maori wieder offizielle Landessprache in Neuseeland.

Traditionell habe ein Geschichtenerzähler innerhalb der Maori-Gesellschaft eine überaus wichtige Funktion, da er die Vergangenheit mit der Gegenwart und der Zukunft verbinde. Die Maoris glaubten, dass sich ein Volk anhand der traditionellen Geschichten mit Hilfe der Vergangenheit besser für die Zukunft wappnen könne. Jeder habe seine persönliche Geschichte zu erzählen und indem man es tue, stelle man eine persönliche Verbindung zwischen sich, der Vergangenheit und der Gemeinschaft her. 

Bücher seien generell eigentlich nicht die richtige Form, um Maori-Geschichten zu verbreiten, erklärt in dieser Nacht auch die neuseeländische Schriftstellerin und Literaturdozentin Cathie Dunsford. Vermutlich sei die Verbreitung der Maori-Erzählungen mit Hilfe von DVDs der geeignetste Weg. Cathie Dunsford zeigt beim internationalen literaturfestival berlin eine echte Performance, bestehend aus den dunklen vollen Klängen einer großen Muschel, in die ein Mundstück eingearbeitet worden ist, ergänzt durch Gesang und Erzählung. Obwohl sie ganz ähnliche Grundelemente verwendet wie Joe Harawira, hat ihre Darbietung eine ganz andere Stimmung und Tonlage. Mit Hilfe der Universität von Auckland, an der sie arbeite, seien sie dabei, neue und für die Maori-Kultur passende Wege der Präsentation ausfindig zu machen. Sie habe bereits gemeinsam mit anderen Maori-Frauen eine neue Form von Literatur entwickelt, die sich wahrscheinlich am ehesten mit Lyrik vergleichen ließe. Starke Frauen, die sich zum Wohl der Allgemeinheit engagierten, gehörten zur Tradition der Maori genauso wie deren ganz stark ausgeprägtes Umweltbewusstsein. Dabei gebe es trotz aller Gemeinsamkeiten zwischen den Maori auch teilweise groessere Unterschiede zwischen den einzelnen Stämmen. Dank der Geschichten könnten sie sich aber austauschen und hätten die Chance, eine Verständigung zwischen den Stämmen herzustellen. Insofern könne Literatur Anknüpfungspunkte für ein besseres Miteinander bieten. Unterschiede gebe es im Prinzip in allen Gesellschaften, sie selbst habe bei ihren Lesungen in Deutschland etwa Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen feststellen können. Über ihren Erfolg in Deutschland freue sie sich sehr und ganz besonders darüber, dass die Neuseeländer sich und ihre Kultur im Rahmen der Frankfurter Buchmesse präsentieren könnten.

Für eine neue Sicht auf die Geschichte und damit die Rolle der polynesischen Kultur hat vor allen Dingen James Belich mit einer Fernsehsendung über die Geschichte der Polynesier gesorgt, die auf einem seiner Bücher basiert hat. Beim internationalen literaturfestival berlin legt er dar, dass dadurch das Thema in die Öffentlichkeit gelangt sei und man in Folge dessen langsam begonnen habe, die Polynesier als ein Volk zu begreifen, das den halben Erdball bevölkert und geprägt habe. Nur mit Hilfe von Kanus sei es den Vorfahren der Polynesier gelungen, den gesamten Pazifik-Raum, von Hawaii bis Neuseeland zu bevölkern, eine unglaubliche Leistung. Sie seien nachweislich sogar bis Madagaskar und Süd-Amerika gelangt. Europäer sollten die Kultur der Polynesier respektieren.

Im Rahmen der Maori-Nachtbetont auch Hamish Clayton, der im Gegensatz zu Joe Harawira und Cathie Dunsford ein neuseeländischer Schriftsteller ohne Maori-Vorfahren ist, Neuseeland sei ein Land mit zwei Kulturen. Die ersten Geschichten, an die er sich erinnere, seien Maori-Geschichten. Natürlich sei er auch mit den Geschichten über Koenig Arthur, Robin Hood oder Grimms Märchen aufgewachsen. Die Geschichten der Maori seien aber etwas ganz Besonderes, da sie keine Mythologie seien, sondern tatsächlich passiert wären.

Cathie Dunsford: Manawa Toa, Lied der SelkiesCowrie

Hamish Clayton: Wulf

James Belich: The Victorian Interpretation of the Racial Conflict: the British, the Maori and the New Zealand War

James Belich: Making Peoples: A History of the New Zealanders until 1900Paradise Reforged. A History of the New Zealanders from The 1880ies to the Year 2000Replenishing the Earth. The Settler Revolutioon and the Rise of the Anglo-World, 1870ies-1920ies

Witi Ihmaera: Wale Rider

Paula Morris: Rangatira

Alan Duff: Warriors

Peter Walker: Der junge William Fox

Die Oper „Prometheus“ von Lemi Ponifaso

Szene aus "Prometheus" von Lemi Ponifaso, Aufführung im Rahmen der Ruhrtriennale

„Geschichten werden erzählt, um etwas zu vertreiben“, schreibt Hans Blumenberg in Arbeit am Mythos, „Im harmlosesten, aber nicht unwichtigsten Falle: die Zeit. Sonst und schwerwiegend: die Furcht“. Furcht habe der Mensch vor allen Dingen vor dem Unbekannten. Sobald ein Name gegeben werde und es damit seine Unbestimmtheit verliere, könne es auch seines Schreckens beraubt werden: „Alles Weltvertrauen fängt an mit den Namen, zu denen sich Geschichten erzählen lassen“. Mythen seien Geschichten, die einerseits einen sehr beständigen Kern hätten und andererseits Raum für viele Variationen ließen. Deswegen könnten Mythen immer wieder für sich verändernde Bedürfnisse passend gemacht werden und Grundlage aktueller Geschichten sein: „Die Affinität des Mythos besteht immer darin, das Subjekt zu finden und zu benennen, von dem die letzte der richtigen Geschichten erzählt werden kann. Zum Namen wird auch das traditionell Abstrakteste, sobald es ins handelnde oder leidende Subjekt transformiert ist“.

Szene aus "Prometheus" von Lemi Ponifaso, Aufführung im Rahmen der RuhrtriennaleDie Figur ‚Prometheus‘ hat eine jahrtausende alte Geschichte. Die heute noch bekannte antike griechische Kunst stellt ihn tendenziell als Wohltäter und Erzieher der Menschen dar, der durch eine List dem Göttervater Zeus gegenüber den Menschen das ihnen entzogene Feuer wieder zurück holt. Im Mittelalter spielt Prometheus keine Rolle. Dem Kulturkritiker Jean-Jacques Rousseau gilt Prometheus als Begründer der Wissenschaften und damit der Dekadenz. Zu dieser Zeit gibt es vorwiegend in Frankreich mehrere Theaterstücke, in denen die Menschen als von Anfang an dumm und schlecht und der Feuerraub des Prometheus als Beginn allen sozialen Übels gezeigt werden. Führende Köpfe der Aufklärung wie Voltaire waren von Prometheus und dem Sinn und Nutzen seines Feuerraubs überzeugt, ihnen gilt meist der Göttervater als Kern des Problems. Die europäischen Romantiker sahen in der Figur des Prometheus das Urbild des menschlichen Daseins und identifizierten ihn teilweise mit Christus. Lemi Ponifaso, der auf Samoa geboren worden und einer der renommiertesten Choreografen und Regisseure Neuseelands ist, fühlt sich von Prometheus an den polynesischen Gott Mãui erinnert.

Die Bühne hat vom Aufbau her etwas von einem surrealistischen Gemälde. Vorne links, nicht weit von den ersten Zuschauerrängen entfernt, sitzt Prometheus dem Publikum zugewandt auf einem rechteckigen schwarzen Klotz und bewegt sich kaum. Einmal legt er sich der Länge nach auf den Klotz, wenige Male trinkt er etwas. Niemals dreht er sich nach dem Rest der Bühne um, nie tritt er mit irgend einer Person auf der Bühne in Blickkontakt. Doch reagiert er mit Sprache und Gesang auf die Musik und die Personen um sich herum, die er optisch gar nicht wahrzunehmen scheint.

Szene aus "Prometheus" von Lemi Ponifaso, Aufführung im Rahmen der Ruhrtriennale

Auf der Bühne wird Altgriechisch gesprochen und gesungen, eine Sprache, die heute nur noch einige Spezialisten sprechen. Diese Worte können keine Bedeutung transportieren, sie sind Teil der unbeschreiblichen Soundkulisse der Oper aus der Feder von Carl Orff mit bombastischen donnerartigen Trommelschlägen, zart sirrendem Chorgesang, schrägem und kreischendem Wehklagen, regenartigem melodischem Klanggewirr und einigen harmonischen Passagen. Das unsichtbare Orchester, das sich auf der rechten Seite der Bühne hinter einer schwarzen Wand mit felsartigem Relief zu befinden scheint, wirkt wie eine Urgewalt, dem Wetter ähnlich. Hell erleuchtetet ist nur der Dirigent. Seine Bewegungen lassen die Zuschauer eine klangliche Reaktion erwarten, ohne dass sich wirklich erahnen ließe, was als nächstes geschieht. Prometheus gelingt ein Dialog mit dem urgewaltigen Orchester. Er scheint mit ihm zu ringen und streiten, dann wird er wieder bei seiner Rede von ihm begleitet.

Zwar hat Carl Orff den Text seiner Oper der griechischen Tragödie Der gefesselte Prometheus des Aischylos entnommen, doch wird die dort beschriebene Handlung nicht auf der Bühne dargestellt. Weder schmiedet Heiphaistos Prometheus an einen Felsen, noch wird ihm ein Keil durch die Brust getrieben und doch sind Prometheus‘ Worte dieselben, als wenn es so wäre. Auch die Identifikation der Charaktere aus der Tragödie des Aischylos auf der Bühne ist meist ungeheuer schwierig. Dort, wo eigentlich ein Mann hätte auftreten sollen, steht plötzlich eine Frau in Männerkleidung oder der Mann, der eigentlich der furchtbare und alles beherrschende Zeus sein müsste, macht einen wenig angsteinflössenden Eindruck. Außerdem tauchen immer wieder Gestalten auf, die im Text gar nicht vorkommen, wie ein fast nackter Mann, der geschmeidig und unermüdlich auf allen Vieren läuft oder einer, der auf einem Tisch wie aufgebahrt liegt.

Szene aus "Prometheus" von Lemi Ponifaso, Aufführung im Rahmen der RuhrtriennaleDie optische Wahrnehmung ist insgesamt ungeheuer schwierig. Die Lichtverhältnisse wechseln häufig extrem. Manchmal erscheint plötzlich etwas Bekanntes in einer ganz anderen Farbe oder eine bestimmte Beleuchtung macht unversehens das perspektivische Sehen extrem schwierig. Manchmal lässt der spiegelnde Boden des Rechtecks auf einmal ein Bild erstrahlen, das fast nichts mit dem zu tun hat, was eben noch auf der Bühne wahrnehmbar war. Oder es erscheint plötzlich das riesige Schattenbild eines Menschen auf der Bühne an der Wand und macht kleinste Bewegungen in überdimensionaler Größe sichtbar, die eben noch nicht erkennbar waren. Alles spiegelt, schillert, blendet. Für mich war es eine sehr gute, ungewöhnliche und beeindruckende Vorstellung. Für mich war es eine sehr gute, ungewöhnliche und beeindruckende Vorstellung.

Die Produktion Prometheus von Lemi Ponifaso ist im Jahr 2013 mit dem Carl-Orff-Preis ausgezeichnet worden.

Alle Fotos: ©Paul Leclaire

„Life and Times, Episode 2“ von Nature Theater of Oklahoma

Szene auf "Life and Times, Episode 2" von Nature Theater of Oklahoma

Bei Life and Times – Episode 2 gibt es kein Bühnenbild und fast überhaupt keine Requisiten. Den größten Teil des Stückes über sind nur die Hauptdarsteller in ihren grellbunten Jogginganzügen vor schwarzem Hintergrund zu sehen, eingerahmt von zwei Flatscreens am rechten und linken Ende der Bühne. Auf den Screens ist der englische und der ins Deutsche übersetzte Text des Stückes zu lesen. Die Darsteller singen den Text schief und schräg zu eingängiger, schlicht konstruierter elektronischer Musik. Manchmal tanzen sie dazu mehr oder weniger unbeholfen. Alles wirkt überhaupt nicht professionell und gekonnt.

Von meinem Platz im hinteren Teil des Zuschauerraums kann ich den Text auf dem Flatscreen nicht immer lesen, kann aber erkennen, dass dort selten zusammenhängende Sätze zu lesen sind. Es gibt viele Ehs, Ähs und sonstige Füllwörter, grammatische Fehler, abrupte Unterbrechungen, unerwartete Themenwechsel und dann doch wieder Passagen, in denen verständlich kleine Geschichten  und Anekdoten erzählt werden. Gerade die Ehs und Ähs werden von den Darstellern häufig mit ganz besonders viel Dramatik intoniert.

Kelly Copper und Pavol Liska vom Nature Theater of Oklahoma haben  sich für das Stück von der jetzt 34-jährigen US-Amerikanerin Kristin Worrall ihre Lebensgeschichte am Telefon erzählen lassen und das Gespräch aufgenommen. Das Libretto des Stücks bildet der aufgezeichnete umgangssprachliche Text ohne Korrekturen. In Life and Times – Episode 2geht es um die Zeit zwischen der dritten und der sechsten Schulklasse, nach der in den USA der Wechsel von der Grundschule auf die High-School statt findet.

Sezene aus "Life and Times, Episode 2" von Nature Theater of Oklahoma

Der Text ist humorvoll, es geht um alberne Streitereien mit Freundinnen, das Verhalten von Lehrern, Verliebtheiten, die erste Musik, für die man sich interessiert hat, das Verhältnis zu den Eltern, Bockigkeiten, die man selbst von sich falsch fand, wie man den Vater mit einem Playboy-Heft erwischt und es dann auch selbst mal gelesen hat, wie und wann man angefangen hat, sich für Mode und Klamotten zu interessieren, Filme, die man zu einer bestimmten Zeit gesehen hat, wie man auf die Rassenproblematik Aufmerksam geworden ist, wie man sich zum ersten Mal als richtiger Loser gefühlt hat, erste Erfahrungen mit Alkohol, verhaltensauffällige Mitschüler, der Selbstmord eines Bekannten und dass man eigentlich immer darauf gehofft hat, endlich erwachsen und raus aus der Schule zu sein. Die Darsteller wechseln sich bei der Erzählung ab, so dass der Eindruck entstehen könnte, ein homosexueller Mann und mehrere Frauen erzählten dem Publikum ihre Lebensgeschichten, die nichts miteinander zu tun haben.

Genauso wie der Text ist auch die Musik bei genauerer Betrachtung eine Reise durch verschiedene Stile der Musikgeschichte von den 80ern bis in die frühen 90er. Dabei hat sie immer etwas von dem eingängigen Sound, den man auf einer Kirmes oder in einer Karaokebar hören kann. Wahrscheinlich auch deswegen hatte ich als Zuschauer sofort den Eindruck, dass eigentlich jeder aus dem Stehgreif auf der Bühne mitmachen könnte. Und tatsächlich sind auch ein paar Laiendarsteller aus dem Ruhrgebiet für die Aufführung geachtet worden, die sich nahtlos einfügen. Die Lebensgeschichte von  Kristin Worrall, die der weißen Mittelschicht entstammt, ist ist eben nicht nur typisch für solch ein Leben in den USA. In der einen oder anderen Anekdote dürfte sich jeder wieder erkannt haben. Insofern ist Life and Times – Episode 2 für mich humorvolles Theater auf Augenhöhe mit dem Zuschauer, das jeden zumindest ein bisschen mit auf die Bühne holt.

Alle Fotos: © Anna Stoecher

FOLK. von Romeo Castellucci

Szene aus FOLK. von Romeo Castellucci, Aufführung im Rahmen der Ruhrtriennale

Für die Besucher von Romeo Castelluccis FOLK. gibt es keine Sitzplätze. Viele schauen sich irritiert um, suchen sich aber ohne viel Worte einen Stehplatz am Rande des riesigen, aufblasbaren Bassins, das fast die ganze Gebläsehalle des Landschaftspark Duisburg-Nord ausfüllt. Unwillkürlich rücken wir alle ein bisschen zusammen, sehen uns genau um, versichern uns gegenseitig, dass in dem riesigen Becken unmittelbar vor uns warmes Wasser ist und warten ab.

Szene aus FOLK. von Romeo Castellucci. Aufführung im Rahmen der RuhrtriennaleNach einer Weile steigt plötzlich steigt ein voll bekleideter Mann in das Becken und läuft im hüfthohen Wasser langsam auf die Mitte des Beckens zu. Eine Frau am anderen Ende tut es ihm gleich. Beide sind normal gekleidet und unterscheiden sich nicht von den Zuschauern. In der Mitte angekommen, umarmen sich Mann und Frau lange und scheinen sehr glücklich, sich gefunden zu haben. Schließlich helfen sie einander, rücklings und mit zugehaltener Nase unterzutauchen. Um das Becken herum stehen lauter Menschen, aber die beiden im Wasser sind vollkommen alleine mit sich. Sie sprechen überhaupt gar nicht, noch nicht einmal miteinander, sondern bedeuten sich durch Gesten und Körperkontakt, was zu tun ist. Nachdem beide vollkommen untergetaucht sind, umarmen sie sich noch herzlicher als vorher.

Romeo Castellucci sagt beim tumbletalk, dem Gesprächsformat der Ruhrtriennale, es sei ihm eigentlich unmöglich, über den Prozess der Entstehung seiner Stücke zu sprechen. Ihm selbst sei nicht klar, wo genau seine Ideen her kämen. Sagen könne er aber, dass der Ausgangspunkt immer Alltägliches sei. Er erinnere sich, dass er im Auto eine CD über Taufen im Mississippi angehört habe, die seine Idee entzündet hätte. Ihn interessiere die gesellschaftliche Funktion dieses Rituals, das immer seltener werde. In seinem Stück sei es ein Ritual, das ohne Gott statt finde und deswegen leer bleibe. Doch ein Ritus drücke immer aus, wie Gesellschaft sich bilde.

Die Gesten des Mannes zum Abschied sind herzlich. Doch schließlich geht er zurück zum Rand des Beckens und verlässt es wieder. Die Frau bleibt allein in der Mitte des Beckens zurück als warte sie. Als eine andere Person wieder vollbekleidet über den Rand des Bassins klettert ermuntert sie sie mit offenen Armen, zu ihr zu kommen. Etwas zögerlich läuft die andere Person in die Mitte des Beckens und umarmt die Frau. Sie hilft der anderen Person wie schon zuvor, rücklings ganz unterzutauchen. Dann umarmen sie sich wieder lange und emotional.

Szene aus FOLK. von Romeo Castellucci, Aufführung im Rahmen der Ruhrtriennale

Dieser Vorgang wiederholt sich viel Male. Es bleibt immer die Person zurück, die als letzte untergetaucht ist, nimmt eine andere in Empfang und wiederholt das Ritual. Obwohl sich alle in der Mitte des Beckens zum ersten Mal zu begegnen scheinen, wird jeder herzlich und mit offenen Armen empfangen. Manche erscheinen zunächst traurig und besorgt auf ihrem Weg in die Mitte. Das Untertauchen macht gerade diese Menschen lebendiger, fröhlicher und unbeschwerter. Es ist offensichtlich eine sehr positive Erfahrung. Dabei bleiben die zwei im Becken die ganze Zeit über allein, niemand sonst mischt sich ein. Dazu erklingt wie aus dem Nichts ein sanft und melodisch singenden Frauenchor.

Romeo Castellucci erklärt, das Wasser sei immer als wichtigstes Element gesehen worden und als Mittel und Medium der Kommunikation. Es sei ein berührbarer Ausdruck der Gemeinschaft und mache die Beziehungen sichtbar, die wichtig und vielleicht auch gefährlich seien. Da es ihm um diese Beziehungen in einem Volk beziehungsweise in einer Gemeinschaft gehe, wolle er nicht mit professionellen Schauspielern arbeiten. Ein echtes Volk solle zum Mittelpunkt des Stückes werden. Deswegen entspräche auch die Anzahl der Statisten der des Publikums. Es sei immer wieder vorgekommen, dass einer der Besucher in das Bassin gestiegen und sich am Ritual beteiligt habe. Der Besucher selbst könne in FOLK. zum Protagonisten werden. Dem Prinzip des Zufalls und der Unordnung wolle er in seinem Stück Platz einräumen.

Szene aus FOLK. von Romeo Castellucci, Aufführung im Rahmen der RuhrtriennaleAls es irgendwann einen lauten Schlag aus dem oberen Teil des Raumes gibt, nehme ich die Rundbogenfenster hoch oben unter der Decke erst richtig wahr. Wir zucken alle erschrocken zusammen und schauen uns ratlos an. Als kurz darauf mehrere donnerartige Schläge ertönen, bemerken wir, dass sich oben gegen die Fenster schattenartige Gestalten mit ihrem ganzen Körper werfen. Wir beruhigen uns langsam wieder, obwohl sich immer mehr solcher Gestalten gegen die Fenster werfen und das Donnern eher noch lauter wird. Das Ritual geht dabei die ganze Zeit weiter. Die beiden im Bassin scheinen von dem Krach gar nichts zu bemerken.

Szene aus FOLK. von Romeo Castellucci, Aufführung im Rahmen der RuhrtriennaleDer Lärm wird immer unerträglicher. Man kann die Donnerschläge physisch spüren. Irgendwann stehen sich zwei Männer im Bassin gegenüber und führen das Ritual nicht weiter. Sobald niemand mehr im Wasser ist, sticht einer der Männer in das aufblasbare Bassin. Das Wasser ergießt sich sintflutartig in die Halle. Wir suchen am Rand Schutz vor dem Wasser. Dröhnend erklingt die Musik einer Kirchenorgel. Der Mann, der das Bassin zerstört hat, schneidet nach und nach die leere Hülle das Bassin in zwei Teile. Sie werden in die Höhe gehoben.

Danach sitzt ein Mann ganz allein vor einem Tisch, auf dem sich eine Art Puzzle befindet. Er muss unterschiedliche Formen zusammen fügen. Es kostet ihn offensichtlich viel Mühe. Schließlich schmeißt er das letzte Teil weg und verlässt den Raum.

Beim tumbletalk heißt es, viele Zuschauer hätten nicht verständen, warum das Stück auf einmal zu Ende seiRomeo Castellucci meint, es sei nicht die Aufgabe der Kunst, Bedeutungen zu schaffen. Darin liege eher eine große Gefahr. Es sei grundsätzlich nicht möglich, einem Kunstwerk eine klare Deutung zu geben. Für einen Künstler gehe es darum, etwas zu schaffen, das notwendig sei. Der Zuschauer sei eine Art Detektiv, der die einzelnen Teile des Theaterstücks wieder zusammen setzen müsse. So erschaffe es einen Kontakt zum Zuschauer. Die menschliche Wahrnehmung liege allein im Körper des einzelnen Menschen und hänge von ihm ab. Da Menschen etwa unterschiedliche Erfahrungen oder Ausbildungen hätten, nähmen sie manches unterschiedlich wahr, es gebe nie nur eine Wahrheit. Die Reaktion des Publikums ließe sich auch niemals planen, er lasse sich davon überraschen. Es tue ihm Leid, dass sich manchmal Menschen durch seine Arbeit provoziert fühlten. Das sei nicht seine Absicht und nehme dem Stück womöglich etwas weg. Grundsätzlich gebe es im Theater einen Widerstreit von These und Antithese ohne Auflösung. Außer im orientalischen und japanischen Theater rekurriere jedes im Theater aufgeführte Stück immer auf die griechische Tragödie. Deren Kern sei die Leere voller Kälte. Der griechischen Tragödie entspringe das Recht, das sich erst nach dem Ende der Götter durchsetzen könne. Das Theater sei der menschliche Ausdruck, der dem Leben am nächsten sei, man mache gemeinsame Erfahrungen zur selben Zeit.

FOLK. arbeitet mit vielen Sinneseindrücken und macht Erfahrungen sehr unmittelbar. Für mich war nichts vorhersehbar. Ich war nicht nur passiver Zuschauer, sondern konnte tatsächlich den Schutz spüren, den menschliche Gesellschaft in einer unvertrauten Situation bieten kann und damit, was den Ursprung aller Gemeinschaft ausmacht.

„12 Rooms“ im Museum Folkwang in Essen

Szene aus der Ausstellung "12 Rooms" im Folkwang Museum, Essen

Als ich den Bereich der Ausstellung 12 Rooms im Museum Folkwang in Essen betrete, wirkt auf mich alles sehr unspektakulär. Ich sehe nur graue Wände, in die manchmal eine Tür eingelassen ist. Die Türen sind verschlossen und es sind auch keine Geräusche zu hören.

Langsam bemerke ich, dass ich mich in einem labyrinthartigen Gangsystem aus grauen Wänden und verschlossenen Türen bewege. An den Ecken der Wände sind offenbar die Namen der Künstler und des Kunstwerks hinter der Tür vermerkt, auf das ich mir von Außen keinerlei Vorstellung machen kann.

Ich gelange an eine Tür, die einen Spalt breit offen steht und so fixiert ist. Von Außen habe ich den Eindruck, dass sich dahinter schwärzeste Dunkelheit befindet. Auch als ich an den Türspalt näher heran trete, kann ich überhaupt nicht erkennen, was sich in dem Raum befindet oder abspielt. Xavier Le Roy, der Künstler, der diesen einen der insgesamt zwölft Räume gestaltet hat, spricht beim tumbletalk davon, dass Dunkelheit nur auf den ersten Blick eine Veränderung in der menschlichen Wahrnehmung einer unbekannten Situation ist. Der Besucher wisse, dass er eine gewisse Zeit brauche, bis er sich an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnt habe und etwas im Raum erkennen werde. Eigentlich brauche man aber immer längere Zeit, um sich auf  eine unbekannte und unvertraute Situation einzustellen und sie erfassen zu können. Im Museum könne der Besucher im Gegensatz zum Theater selbst entscheiden, wie lange er sich welchem Kunstwerk widme. Im Theater sei der Besucher eher passiv und bleibe die ganze Zeit auf seinem Platz sitzen. Er lasse als Teil einer Gruppe andere über den Inhalt der nächsten Zeit entscheiden.  ‚Live-Art‚ könne beide Prinzipien miteinander verbinden. Als ich mich durch den dunklen Türspalt wage, weiß ich, dass sich wahrscheinlich in jedem der zwölf Räume lebende Menschen als Performer befinden. Ich kann im Inneren einige Zeit nichts erkennen und gehe aus Angst davor, auf jemanden zu treten lieber erst einmal wieder hinaus.

Als ich die grauen Gänge entlang laufe, entdecke ich einen Raum ohne Tür und sehe Menschen in bunter Sportkleidung sich in dem offenbar runden Raum in unterschiedlichen Geschwindigkeiten im Kreis bewegen. Ich bin bei der Revolving Door von Allora & Calzadilla angekommen.

Ich setze meinen Rundgang fort und bin langsam bereit, eine Tür zu öffnen und mir anzusehen, was sich dahinter verbirgt. Ich sehe einen blonden jungen Mann mit Badehose, der auf einem grell erleuchteten Solarium liegt. Er hat einen dunklen Lichtschutz auf den Augen und Kopfhörer im Ohr. Fast stakkatoartig ruft er in regelmäßigen Abständen französische Wörter. Die Wörter ergeben keinen Satz und keinen Sinn. Das Solarium steht in der Mitte des Raumes, darum herum sind nur leere weiße Wände. An einer Stelle hängt ein weißer Bademantel an der Wand, davor stehen Badelatschen. Der junge Mann ruft weiter französische Wörter und scheint auf nichts um sich herum zu reagieren.

Simon Fujiwara hat diesen Raum gestaltet. Ihm gehe es bei Future / Perfectdarum, einen typischen Repräsentanten seiner Generation zu zeigen, sagt Simon Fujiwara im tumbletalk. Die Thatcher-Regierung habe unter den Menschen in Großbritannien die Erwartung geweckt, dass jeder, der vor allen Dingen gut aussehe und eine fremde Sprache gelernt habe, erfolgreich und ‚easy-going‘ sein werde. Tatsächlich sei der junge Mann komplett isoliert und könne nicht mit seiner Außenwelt interagieren, da er nichts sehen und hören könne. Er brabbele lediglich Wortfetzen aus einer fremden Sprache vor sich hin und höre über seine Kopfhörer nur seine Sprachlernübung. Als Performer des idealisiert wirkenden jungen Mannes in dieser futuristischen Umgebung, seien junge Arbeitslose aus der Gegend ausgewählt worden. Manche Rezipienten hätten Parallelen zu Dorian Gray gezogen. Dem Protagonisten in dem gleichnamigen Roman von Oscar Wilde gelingt es für lange Zeit, die optischen Spuren seines ausschweifenden und moralisch fragwürdigen Lebens zu verbergen. Auch der gut gebaute junge Mann auf dem Solarium sei dort einem schnellen Alterungsprozess ausgesetzt und sein gutes Aussehen extrem gefährdet. Die Szenerie habe etwas von einem absurden Theaterstück.

Besucher in der Ausstellung "12 Rooms" im Folkwang Museum, EssenIch gehe weiter die Gänge entlang und entdecke Besucher, die vor einer Tür knien, die keine ist. An Stelle der Tür ist eine Vertiefung in der Wand. Nur wenige Zentimeter über dem Boden ist ein Loch im Türrahmen, durch das man nur sehen kann, wenn man sich ganz auf den Boden kniet. Auch ich knie mich auf den Boden und kann in einer Art Zimmer mit extrem niedriger Decke neben einer großen Lampe auf dem Teppichboden eine liegende Person erkennen. Es scheint sich um eine Frau zu handeln, die sich kaum bewegt, nichts um sich herum wahrnimmt und unverständlich vor sich hin brabbelt. Ich gehe nach einer Weile weiter.

In manchen Räumen frage ich mich eine ganze Weile, ob ich wirklich einen lebendigen Menschen vor mir habe oder doch eine Puppe. In anderen Räumen werde ich und die anderen Besucher sofort in ein Gespräch verwickelt, wie im Raum mit dem Titel Swap von Roman Ondàk. Der Performer hält ein gelbes Feuerzeug in den Händen und spricht auf Englisch über Tausch als Grundlage des menschlichen Zusammenlebens. Er sitzt in einem sonst kahlen Zimmer an einem einfachen Tisch, wie er auch von Schülern in der Schule benutzt werden könnte. Nach einer Weile bietet ein Besucher dem Performer ein Paket Taschentücher im Tausch gegen das gelbe Feuerzeug. Der Performer willigt begeistert ein. Besucher und Performer einigen sich darauf, später zu besprechen, wie lange der Performer das Paket Taschentücher behalten und wogegen er es schließlich eingetauscht hat. Ich und alle anderen Besucher verlassen danach den Raum.

Angekommen im Room Tone von Lucy Raven erlebe ich, wie ein zuvor auf einem Tonband aufgenommener Text von einer Frau immer wieder abgespielt und zeitgleich auch aufgenommen wird. An einer Wand neben dem Tisch mit den Tonbändern gibt es eine sofaartigen Sitzgelegenheit. Ich nehme darauf Platz und höre, wie sich die Stimme von Mal zu Mal verzerrter anhört und langsam im allgemeinen Rauschen untergeht. Für diese Performance habe sie sich von dem amerikanischen Komponisten Alvin Lucier inspirieren lassen, erklärt Lucy Raven im Rahmen des tumbletalk. Er habe 1969 ein Stück namens I am Sitting in a Room entwickelt, das nie öffentlich aufgeführt worden sei. Wie in dem von Lucier erdachten Raum gebe es auch in diesem ein Mikrofon, zwei Tonbandgeräte, einen Verstärker und einen Lautsprecher. Die Aufnahmen würden mehr und mehr von den natürlichen Resonanzfrequenzen des Raums gedämpft. Was nach dem langsamen Verschwinden der Stimme und der Geräusche der Besucher letzlich von der Aufnahme auf dem Band übrig bleibe, sei der ‚Raum-Ton‘. Als Performerin arbeite sie häufig, auch in diesem Fall, mit Handlungsanweisungen. Ein Computer funktioniere auch auf dieser Basis, er sei das Gerät, das Handlungsanweisungen ausführe. Für Room Tone arbeite sie aber mit einem Tonbandgerät, das technisch gesehen noch nicht so weit entwickelt sei wie ein Computer. In den 80ern seien Tonbandgeräte sehr populär gewesen, sie wolle auf die Geschichte des Entertainments und der Technik hinweisen. Eine Aufnahme zu machen sei eine Form des Protests gegen das Vergessen.

Nach und nach erkunde ich die restlichen Räume der Ausstellung. Manchmal gelange ich in einen Raum, den ich vorher schon einmal besucht habe und finde eine deutlich veränderte Situation vor. Genau gesagt, erlebe ich an keiner Stelle dasselbe ein zweites Mal und bekomme Spaß daran, die Räume immer wieder zu besuchen.

Das Thema Zeit zu behandeln und eine enge Verbindung zwischen dem Theater und dem Museum herzustellen seien die Vorgaben für diese Ausstellung gewesen, konnten  Besucher des tumbletalk von den Kuratoren der Ausstellung, Klaus Biesenbach und Hans Ulrich Obrist, erfahren. In Auftrag gegeben habe die Ausstellung das Manchester International Festival. Dort sei die Ausstellung zuvor mit 11 Räumen zu sehen gewesen. Im Museum Folkwang seien Damien Hirst und Xavier Le Roy neu hinzugestoßen. Interessiert habe sie, intime Erlebnisse mit Menschen zu erzeugen, die sich nicht kennen. Die Räume seien vergleichbar mit der Situation, wenn man einer unbekannten Person in einem Fahrstuhl begegne, die ungewöhnlich aussehe oder etwa nackt sei und mit der man eine gewisse Zeit verbringen müsse, nachdem sich die Türen geschlossen hätten. Außerdem hätten sich die Performer an klassische Statuen anlehnen sollen, die Menschen für gewöhnlich sehr idealisiert darstellten. In der Ausstellung 12 Rooms sei die idealisierte Person lebendig und benähme sich häufig unerwartet und unvorhersehbar. Man wolle, dass sich die Ausstellung weiter entwickele, es sei bereits geplant, dass die Ausstellung vermutlich in einer veränderten Form danach in Sydney zu sehen ist.

„The Coming Storm“ von Forced Entertainment

Szene aus "The Coming Storm" von Forced Entertainment

Vielleicht lässt sich der Inhalt des neuen Stücks The Coming Storm der Kompanie Forced Entertainment einigermaßen treffend beschreiben, indem man sagt, es thematisiert, was zu einer guten Geschichte gehört und was eher nicht. Oder vielleicht sollte man besser sagen, alles im Stück dreht sich darum, wie Menschen am wirkungsvollsten Aufmerksamkeit auf sich lenken können? Oder noch besser: Vielleicht sollte man sagen, dass der Kampf um die Blicke des Publikums das zentrale Thema in The Coming Storm ist?

Gleich am Anfang philosophiert eine der insgesamt sechs Frauen und Männer auf der Bühne in einer Art Vortrag darüber, welche Elemente aus ihrer Sicht eine gute Geschichte ausmachen. Sie erklärt, dass eine gute Geschichte etwa Überraschungen, Mysteriöses, Missverständnisse oder auch spannende Charaktere brauche und veranschaulicht ihre Thesen durch Beispiele. Dabei stehen die übrigen Männer und Frauen in einer Reihe neben ihr und schauen ins Publikum. Der Vortrag wirkt wie eine Art Prolog, denn alle Personen tragen noch normale Alltagskleidung und die Bühne ist leer. Nur rechts und links am Rand stehen erkennbar Kleiderstangen voll bunter Kleidungsstücke, ineinander gestapelte Stühle, ein Klavier.

Plötzlich reißt ein Schauspieler das Mikrofon an sich und beginnt ganz unvermittelt eine Geschichte zu erzählen, die angeblich einem seiner Freunde, einem IT-Spezialisten, zugestoßen sei. Der Freund habe eine Kreuzfahrt gewonnen, das Schiff sei gekentert, aber der Freund habe sich an die afrikanische Küste retten können, dort einen Job gefunden, sich in seine Chefin verliebt, sie später auch geheiratet, doch er habe sich von ihr trennen müssen, als sie ihr die Einreise nach HongKong durch die Behörden verweigert worden sei und dann dort allein ein neues Leben anfangen müssen. Es ist eine lustige Geschichte, voller Brüche, komischer Sensationen, überraschender Wendungen, auch klischeehaft.

Nacheinander nehmen sich die sechs Personen das Mikrofon aus der Hand, um dann selbst eine Geschichte über andere oder sich selbst zu erzählen. Dabei reißen sie sich manchmal das Mikrofon gegenseitig einfach weg, manchmal sind sie so höflich, sich noch bei ihrem Vorredner zu bedanken, während sie ihm das Mikrofon dann doch bestimmt aus der Hand nehmen. Nach und nach hat die Atmosphäre etwas von einer Gruppentherapie. Als eine Frau aber davon zu erzählen beginnt, dass sie einige Tage lang von mehreren Männern eingesperrt worden sei und deren Sexsklavin sein musste, gehen die anderen sofort dazwischen. Sie nehmen ihr das Mikrofon aus der Hand und beginnen mit einer anderen unverfänglichen Geschichte, ohne sie weiter zu beachten. Eine andere Frau möchte später ihre Geschichte niemandem mehr zumuten. Sie sei nicht sicher, ob die anderen sich davon wieder erholen könnten. Ihre Mitstreiter auf der Bühne reagieren darauf sehr anerkennend und nehmen ihr das Mikrofon gerne sofort wieder ab. 

Nach und nach entdecken diejenigen, die gerade keine Geschichte erzählen können, die Accessoires am Rande der Bühne. Sie ziehen sich schillernde Kleider und Perücken an, spielen lautstark auf unterschiedlichen Musikinstrumenten, tanzen oder laufen mit nacktem Oberkörper und einer Monstermaske über dem Kopf um den Erzählenden herum. Schließlich gehen sie dazu über, dem Erzählenden dicke Äste in die Hand zu drücken, hinter denen er fast verschwindet, versuchen mit Requisiten wie einer lärmenden Windmaschine der Geschichte eine unerwartete Wendung zu geben und den Erzählenden so aus dem Konzept zu bringen, laufen mit auffälligen Verkleidungen um ihn herum, tanzen vor ihm oder schmieren ihm hässliche bunte Schminke ins Gesicht. In ihrem Streben nach Aufmerksamkeit und Ablenkung entstehen auf der Bühne viele archetypische Charaktere wie ein Gespenst, ein Krokodil, das ein bisschen etwas von einem bösen Wolf hat, ein Wald oder auch eine Art Prinzessin. Es ist so viel los auf der Bühne, dass eine Frau gar keine Geschichte mehr erzählen mag, sondern das Publikum nur flehentlich darum bittet, die Augen nicht von ihrem Tanz abzuwenden, ganz egal, was sonst noch auf der Bühne passiere.

Erhalten bleibt, dass die Erzählenden sofort unterbrochen werden, sobald ihre Geschichte eine ungute Wendung nimmt, von Tod, Gewalt, Zerstörung oder Politik handelt und absehbar ohne Happy-End bleiben muss. Die Geschichten werden banaler, handeln meist von Dingen, die angeblich anderen, meist irgendwelchen Freunden, passiert sein sollen. Immer wieder schlägt jemand den Erzählenden vor, sich vorzustellen, wie ihre Geschichte als Hollywood-Film präsentiert werden könnte und welche Hollywood-Schauspieler die Rollen darin übernehmen sollten. Manchmal wagt sich einer, der im Laufe des Stückes verschiedene Monstermasken trägt oder mit einem Sack über dem Kopf und einem Strick in der Hand herum läuft, zu fragen, ob in die Geschichte nicht doch ein ‚killer‘ eingebaut werden könnte. Immer wird der Wunsch abgeschmettert. Dennoch besteht er weiter darauf, dass in der Geschichte wenigstens ein kleines Verbrechen vorkommen müsse, wenn es darin schon keinen ‚killer‘ geben dürfe. Der Verbrecher müsse auch nicht unbedingt zur Familie des Erzählenden gehören, er könne akzeptieren, dass der Verbrecher  in einer anderen Straße wohne oder auch nur zu Besuch in der Stadt sei. Auch diese abgemilderten Wünsche werden ihm rigoros verwehrt. Eine Frau brüllt, sie könne nicht ertragen, dass jeder täte, was er wolle. Man habe sich schließlich darauf geeinigt, dass gewisse Themen nicht angeschnitten werden dürften. Immer wieder kommt es darüber zu Auseinandersetzungen und jeder besänftigt seine Kritiker auf seine Weise. Am Ende des Stücks wird Bilanz gezogen und alle auf der Bühne anwesenden gefragt, wie es ihnen geht. Die Gruppe toleriert allenfalls, dass der Befragte sagt, er fühle sich nicht direkt wohl, habe aber gute Hoffnung auf Besserung. So kann ein Mann ganz am Ende doch zufrieden behaupten, die Stimmung auf der Bühne ließe sich abschließend als melancholisch-optimistisch bezeichnen.

Forced Entertainment inszeniert The Coming Storm mit viel schwarzem Humor und tollem Klamauk. Für mich war es ein gelungener Abend.

Foto: ©Hugo Glendinning

„The Defenders“ – Viele Geräusche, aber kaum Worte

Szene aus "The Defenders" von William Forsythe

In einer Ecke der riesigen im Dunkel liegenden Veranstaltungshalle, in der „The Defenders“ von William Forsythe aufgeführt wird, hängt hell erleuchtet ein überdimensionales weißes Rechteck. Es ist mehrere Meter lang, einen guten Meter dick und hängt auch etwas mehr als einen Meter über dem roten Boden. Aufrecht stehend kann man weder von oben auf das Rechteck sehen, noch hinüber auf die andere Seite oder darunter. Wenn man verfolgen will, was unterhalb des riesigen weißen Rechtecks geschieht, muss man sich auf den Boden kauern.

Doch sehend kann der Zuschauer  das Stück häufig gar nicht erfassen. Unter dem Rechteck wird geschlurft, gestöhnt, geschrien, getreten, geschlagen. Selten ist von Anfang an klar, was im Dunkeln geschieht. Manchmal lässt sich ein Bewegungsablauf, der bis auf ein paar Schatten nur akustisch wahrzunehmen war, später an einer beleuchteten Stelle auch visuell verfolgen. Andere Bewegungen sind vollkommen ausgeleuchtet: Die Lichtverhältnisse unter dem Rechteck wechseln ständig.

Die dominanten Geräusche der Menschen unter dem Rechteck werden von einem leichten Rauschen oder Surren begleitet, das an einen teilweise leichten und dann auch wieder orkanartigen Wind erinnert. In manchen Momenten kann man Fetzen bekannter Melodien hören, Affengekreische oder sogar ganze Worte auf Spanisch, US-Amerikanisch oder Deutsch. Aber die wenigsten Geräusche entsprechen richtig etwas Bekanntem oder Erwartbarem.

Die ganze Verständigung zwischen den Männern und Frauen funktioniert häufig nicht sprachlich und auch noch nicht einmal über Schreien oder sonstige Laute. Dennoch reagieren die Menschen unter dem Rechteck aufeinander, zeigen Angst, bedrohen sich oder bewegen sich miteinander und scheinen sich nahe. Manchmal richtet sich jemand rechts, links oder seitlich des Rechtecks auf und geht ein paar Schritte Aufrecht.

Dann wirkt das Verhalten der Darsteller aber wieder vorwiegend durch ihre Laute aggressiv, ängstlich oder erfreut. Durch ihre Schreie schüchtern sie andere ein oder erscheinen verängstigt und aufgeregt, etwa beim Anblick des eigenen Spiegelbildes. Andere wiederum machen durch wohliges Quietschen einen erfreuten Eindruck, wenn sie sich in den Spiegeln auf der linken Seite des Rechtecks entdecken.

Obwohl nie verständlich in ganzen Sätzen gesprochen oder gesungen wird, schaffen die Darsteller, dass man sich bei den Kriechenden unter dem Rechteck an eine marschierende Armee erinnert fühlt, man glaubt Außenseiter unter ihnen entdecken zu können oder einen professionellen Sänger, sowie einen Menschen, der sich so etwas wie eine Hütte oder Höhle zu bauen versucht. Fast vollkommen unbekleidet stellt er silberne Platten, mit deren Kanten und knallenden Geräuschen vorher eine Frau in die Flucht geschlagen worden ist, hochkant um sich herum auf und bedeckt sich so zumindest teilweise.

Genauso unvermittelt wie das Schlurren, Stöhnen, Kratzen und Schreien angefangen hat, endet „The Defenders“ von William Forsythe mit dem US-Amerikanisch klingenden Gemurmel des kaum bekleideten, der sich rückwärts und halb aufrecht gehend von seiner, durch andere Darsteller zerstörten, höhlenartigen Bedeckung aus silbernen Platten zurückzieht.

Foto: ©Dominik Mentzos

Der Text ist zuerst auf dem Blog www.textblueten.wordpress.com veröffentlicht worden.