FAVORITEN FESTIVAL 2018

Aus "Ingolf wohnt"

Das Festival ist ein Treffpunkt der Freien Szene und findet alle zwei Jahre in Dortmund statt. Beim Favoriten Festival 2018 wurden 18 Produktionen aus Tanz, Theater, Performance und Musik zum Teil in Kooperation mit der Ruhrtriennale gezeigt.

Traditionell ohne festes Haus, findet das Festival an Orten statt, an denen die Beschäftigung mit Kunst nicht unbedingt selbstverständlich ist. In diesem Jahr waren die Zuschauer bei vielen Produktionen nicht nur passive Zuschauer, sondern konnten selbst Akteur werden.

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Favoriten 2018: Begüm Erciyas "Voicing Piece"
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“Placebo-Effekte” von Martin Andree

Placebo-Effekte: Reise zu den Anfängen der Medizin

Mit „Placebo-Effekte. Heilende Zeichen, toxische Texte, ansteckende Informationen“ ist Martin Andree ein spannendes und gut lesbares Buch gelungen. Der Autor zeigt, wie stark etwa die Wirkung eines zuversichtlichen Arztes, die Farbe einer Tablette oder die Qualität versprechende Marke des verabreichten Medikaments auf den Patienten sein kann. Offenbar kann ein Placebo unter Umständen sogar eine ähnlich stark schmerzstillende Wirkung hervorrufen wie Morphium.

Schamanismus und Doping-Mittel 

Eine besondere Stellung im Heilungsprozess nimmt für Martin Andree das Ritual des Arztbesuchs und die Behandlungs-Performance insgesamt ein. Anschaulich beschreibt er, dass eine moderne ärztliche Behandlung immer noch Grundzüge des Schamanismus in sich trägt und der Kontakt zum Arzt sogar mit der Wirkung einer Droge vergleichbar sein kann.

Cover "Placebo-Effekte. Heilende Zeichen, toxische Texte, ansteckende Informationen" von Martin Andree

Dazu begibt sich der Autor auf die Suche nach den Ursprüngen der Heilkunst. Er weiß von einigen recht abenteuerlichen Praktiken zu berichten, die eher an eine Zauber-Show als an einen Arztbesuch erinnern. Für die Gegenwart lässt sich etwa die Musik als Doping-Mittel neu entdecken oder der Grund, warum Superfood in bestimmten Fällen sogar tatsächlich gesundheitsfördernd sein kann.

Positive und negative Erwartungen

Das Gegenteil des Placebo- ist der Nocebo-Effekt. Gemeint sind damit Faktoren, die eine Krankheit oder körperliche Beeinträchtigung erwarten lassen. Als Beispiel führt Martin Andree eine Schulklasse an, die vermutete, dass jemand heimlich hochprozentigen Alkohol in die Getränke gemischt hatte. Im Krankenhaus stellte sich heraus, dass die Mehrheit der Schüler gar nicht mit Alkohol in Berührung gekommen war. Dennoch waren die Symptome nicht vorgetäuscht. Offenbar genügte die Erwartung, dass es so sein muss, um die Schüler tatsächlich krank zu machen. Ähnliche Wirkungen können laut Martin Andree auch entsprechende Meldungen in den Massenmedien auslösen.

Ich kann das Buch wirklich jedem empfehlen!

Insgesamt ist „Placebo-Effekte. Heilende Zeichen, toxische Texte, ansteckende Informationen“ ein verständlich geschriebenes Buch, das viele spannende und teilweise überraschende Anregungen bietet. Sie reichen von Tipps, mit denen sich die sportliche Leistungsfähigkeit positiv beeinflussen lassen kann über die Effekte der Werbung bis hin zu Techniken, mit denen sich durch „positives Denken“ mehr Wohlbefinden im Alltag herstellen lässt. Und natürlich sieht man seinen Arzt und dessen Behandlungsmethoden nach der Lektüre des Buches in einem ganz neuen Licht 🙃😉

Link zum Shop des Fink-Verlags

Link zum Radio-Interview mit Martin Andree bei WDR3 Mosaik vom 13.08.18

Zu den Details:

Beeindruckend gut ist Martin Andree eine interdiszinplinäre Herangehensweise an das Thema gelungen. Mit seinem gut verständlichen und kenntnisreichen Text liefert er sicherlich für Interessierte mit ganz unterschiedlichem Kenntnisstand einen guten Einstieg in das Thema. Eine bemerkenswert lange und auch aus geisteswissenschaftlicher Sicht gut sortiere Liste verwendeter Literatur befindet sich im Anhang des Buches. 

Sprache und die Illusion von Kontrolle

Dennoch bin ich über ein paar Details gestolpert. Auf den Seiten 173 und 174 beschäftigt sich Martin Andree mit einem Auszug aus „Arbeit am Mythos“ von Hans Blumenberg und beschreibt die „Illusionen von Kontrolle“, die aus seiner Sicht eine große Ähnlichkeiten mit den Wirkungen des Placebo-Effekts aufweise. Dem stimme ich grundsätzlich zu, aber aus meiner Sicht geht es in dem Text um weit mehr.

Wichtigstes Moment bei der Erzeugung eines Gefühls von Vertrautheit ist die Sprache. Es ist die Kommunikation über das, was als potentiell bedrohlich empfunden wird, die beim Subjekt Erleichterung auslöst: „Was durch den Namen identifizierbar geworden ist, wird aus seiner Unvertrautheit durch die Metapher heraus gehoben, durch das Erzählen von Geschichten erschlossen in dem, was es mit ihm auf sich hat“ (AaM, S. 12).

Würde man diesen Vorgang auf den Arztbesuch übertragen, dann wäre sicherlich bereits das Gespräch über die Krankheitssymptome ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Genesung. Das „Erkennen“ der Angst und Unwohlsein hervorrufenden Faktoren durch den Arzt würde demnach bereits Grund zur Hoffnung auf Heilung zu geben. Vermutlich auch dann, wenn die Diagnose zunächst noch nicht eindeutig ist.

Unterschiedliche Narrative

Wenn das Buch von Martin Andree eine Schwäche hat, dann ist es die, dass es in „Placebo-Effekte“ zu wenig um die Wirkung von Worten geht. Beispielweise entsteht in dem Text oft der Eindruck, es gäbe nur ein einziges Narrativ, das sich für alle Patienten des Arztes voraus setzen ließe. Davon ist leider nicht unbedingt auszugehen.

Sicherlich gibt es bestimmte Erwartungen, die die meisten Patienten an einen Arztbesuch haben. Aber sie variieren womöglich schon von Region zu Region. Erst recht kompliziert wird die Verständigung zwischen Arzt und Patient, wenn der Kranke eine andere Sprache spricht oder aus einem völlig anderen Kulturkreis stammt.

Auch in Hinblick auf Nachrichten, TV, Werbung, Musik, Film usw. bleibt unklar, was sich heute als eine Art „Allgemeinwissen“ voraussetzen lässt. Jeder kann seinen Medienkonsum nach eigenen Interessen selbst gestalten kann und sich „nur“ über die Themen informieren, die ihn unbedingt interessieren. Die Kenntnis bestimmter Nachrichten und Themen aus den Massenmedien kann also nicht bei jedem vorausgesetzt werden. 

Probleme bei der Kommunikation

Es gibt also durchaus eine ganze Reihe von guten Gründen, warum es nicht „funktioniert“ zwischen Arzt und Patient. Auch aus sprachwissenschaftlicher Sicht trägt jegliche menschliche Kommunikation etwas unbeherrschbares in sich. Folgt man etwa Walter Benjamin, dann handelt es sich dabei um die „Magie“ oder die „Unendlichkeit“ der Sprache. Jacques Lacan etwa verweist ausdrücklich mit Saussure auf das „Gleiten des Signifikats unter dem Signifikanten“ als einen Bereich, der durch das Unbewusste dominiert wird.

Bei Ernst Mach erweisen sich Schwierigkeiten in der Kommunikation als weit mehr als ein rein sprachliches Problem. In „Die Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Phsychischen“ legt er dar, wie sehr Menschen in ihrem eigenen Wahrnehmungsapparat gefangen sind. Eine Wahrnehmung der Welt außerhalb der eigenen Sinneseindrücke bleibt den Menschen versperrt. Das betrifft auch Wissenschaftler, die sich bei ihren Forschungen um größtmögliche Objektivität bemühen.

Eine Volksmedizin?

Auch in Hinblick auf den Katharsis-Effekt wäre aus meiner Sicht eine Berücksichtigung weiterer Aspekte interessant. Nicht nur Aristoteles sah in dem kathartischen Effekt eine Möglichkeit zur moralischen Erziehung der Zuschauer, der vielleicht sogar das Potential einer Volksmedizin in sich trägt. Auch Lessing erwartete konkret eine Erziehung des Zuschauers durch die Tragödie zu mehr Empathie, Schiller hoffte auf eine „Veredeldung des Charakters“ der Bevölkerung durch die Beschäftigung mit den schönen Künsten.

Adorno/Horkheimer hingegen haben in „Dialektitk der Aufklärung“ untersucht, wie die Kunst oder generell jedes Thema unter dem Diktat eines totalitären Regimes zu einem Manipulationsinstrument für die Massen gemacht wird. Für Adorno/Horkheimer bedeutet, gut gelaunt zu sein, einverstanden zu sein und so werden die Massenmedien hier zu einer Art Antidepressivum für die Bevölkerung. 

10. Berlin Biennale

10. Berlin Biennale for Contemporary Art

Die 10. Ausgabe der erfolgreichen Kunstausstellung Berlin Biennale for Contemporary Art wagt eine bisher eher ungewöhnliche Perspektive auf die Welt. An fünf Ausstellungsorten in ganz Berlin werden Helden vom Sockel gestoßen und die westlichen Werte einer besonders kritischen Betrachtung unterzogen. Das ist heilsam, denn es gelingt den Künstlern, wichtige Bedingungen für das friedliche Zusammenleben in einer globalisierten Welt anzusprechen.

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emaf 18: Anwendungsmöglichkeiten von Kunst auf das Leben

Ausstellung zur Computergeschichte

Multimedia-Ausstellungen: Hieronymus Bosch und Pieter Breughel d.Ä.

emaf 18: Anwendungsmöglichkeiten von Kunst auf das Leben

emaf 18: Blick in die Ausstellung in der Kunsthalle Osnabrück

Jedes Jahr widmet sich das European Media Art Festival (emaf) in Film, Ausstellung, Workshop und Diskussion einem Thema an der Schnittstelle von Kunst und Gesellschaft. Beim emaf 18 ging es unter der Überschrift “Report – Notizen aus der Wirklichkeit” um die Beziehung zwischen Kunst und Journalismus. 

Fester Bestandteil des emaf ist die Ausstellung in der Kunsthalle Osnabrück, die meist rund vier Wochen lang zu sehen ist. Im Zentrum der diesjährigen Ausstellung stand “Das Kongo Tribunal” Künstlers und Regisseurs Milo Rau in Film, Buch und Interview. Opfer und Täter des Bürgerkriegs im Kongo berichten vor einer Theater-Jury von ihren Erfahrungen. Kann ein Theaterstück dabei helfen, die Rolle der Bürgerkriegsparteien offen zu legen?

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Die “Trilogie meiner Familie”

Trilogie meiner Familie: Eintrittskarte und Programmheft

Gervaise hat Glück. Endlich hat sie einen freundlichen und meistens sogar lustigen Mann gefunden, der sie trotz ihrer Kinder heiratet und sogar seinen Lohn nach Hause bringt, statt ihn zu vertrinken. Die Erleichterung ist in der ganzen Familie groß. Während dessen setzt sich Doktor Pascal über die Mahnungen seiner streng gläubigen Haushälterin hinweg und beginnt eine Liebesbeziehung mit seiner Ziehtochter. Bereits seit vielen Jahren ist er dabei, die Geschichte seiner Familie auf Grundlage der Vererbungslehre zu analysieren. Schon lange fürchten viele in der Familie, dass er ‚Schandflecken’ ans Licht zerren könnte und sorgen sich um ihre Existenz. Doch als Doktor Pascal feststellen muss, dass seine selbst zusammengestellte Medizin ihn nicht heilen können wird, flüchtet er sich unvermittelt in die Liebe zu seiner Ziehtochter. Ungefähr zur selben Zeit hat Gervaise sich gerade Geld von einem Bekannten geliehen, um eine eigene Wäscherei zu eröffnen. Sie ist noch einmal Mutter geworden und ihr Mann hatte gerade einen schweren Arbeitsunfall. Sein Einkommen fehlt und die Familie muss hungern. Der Bekannte hilft ihr nach der Eröffnung in der Wäscherei. Sie werden immer ausgelassener und schließlich gesteht er Gervaise seine Liebe und bittet sie, mit ihm fortzugehen. Erschrocken lehnt Gervaise aus Rücksicht auf ihre Familie ab.

Regisseur Luk Perceval entwickelt Liebe. Trilogie meiner Familie 1 auf Grundlage des zwanzigbändigen Romanzyklus über die Familie Rougon-Macquart, genauso wie die anderen beiden Teile Geldund Hunger. Autor der Romane ist der französische Schriftsteller und Journalist Emile Zola. Der Romanzyklus gilt als eines der wichtigsten Werke des Naturalismus. Zola beschreibt hier ausgewogen und ohne zu beschönigen die schwierigen Lebensumstände im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Er porträtiert arme Menschen wie die Bergarbeiter in Germinal genauso wie das Leben einer Edel-Prostituieten in Nana oder die Lebensustände einer Verkäuferin im luxuriösen Pariser Kaufhaus Paradies der Damen sowie die eines Gelehrten in Doktor Pascal. Luk Percval greift sich bei der Inszenierung der Trilogie einzelne Themen der bekannten Romane heraus, wirbelt sie durcheinander und stellt sie in einen neuen Zusammenhang zueinander. Passagen, die an den Roman Doktor Pascalerinnern, stehen auf einmal neben Szenen, die dem Roman Der Totschläger entnommen zu sein scheinen. In allen drei Teilen deckt sich die dargestellte Handlung auf der Bühne niemals vollständig mit der Romanvorlage, sondern nimmt ihre ganz eigene Wendung. Sowohl in Liebe, Geldals auch Hunger greifen dabei unterschiedliche Handlungsstränge ineinander, die sich gegenseitig unterbrechen oder erhellen und sich insgesamt in virtuoser Weise ergänzen. Perceval selbst sieht in seiner Trilogie vor allen Dingen Ähnlichkeiten zu seiner eigene Familiengeschichte:

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https://www.youtube.com/watch?v=dVOFZ7OVh80#action=share

 

Geld widmet sich vor allen Dingen den schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen wie der Schauspielerin Nana oder der Verkäuferin Denise. Die Familienbande sind zerrissen und damit verschwinden auch Wärme und Feundschaft aus dem Leben der Menschen. Insbesondere für Frauen gibt es keine geregelten Arbeitsverhältnisse und damit scheint auch die Liebe ihre romantische Seite zu verlieren. Sie entpuppt sich vorwiegend als Machtinstrument und bleibt oft sogar einzige Trumpfkarte in einem brutalen Überlebenskampf. In Hunger schreitet die Anonymisierung fort und die Menschen werden zu einem kleinen Zahnrad in der riesigen Maschinerie eines Bergwerks. Wie in Germinal und auch bei Charles Dickens oder Gerhart Hauptmannbeschrieben, liefert die Industrialisierung den Arbeitern zunächst keinen Wohlstand. Eine Familie zu gründen können sich die meisten Arbeiter nicht mehr leisten, viele sind krank und es fehlt insgesamt am Nötigsten. Erst nach einem erfolgreichen Aufstand wird ein friedliches Zusammenleben möglich.

Während der gesamten Trilogie bleibt immer deutlich, dass die dargestellten Handlungen subjektiv gefärbt sind. Oft kommentieren und ergänzen Darsteller auf der Bühne ein Geschehen, an dem sie selbst nicht beteiligt sind. So sieht der Zuschauer nicht nur mit den eigenen, sondern auch mit den Augen des Kommentierenden. Außerdem werden die Stücke von Live-Musik begleitet, die für die Handlung auf der Bühne weitere Akzente setzt und damit die impressionistischen Note der Stücke unterstreicht. Dieser Charakter findet sich auch in Emile Zolas Romanen. Folgende Passage über das impressionistische Spiel von Licht und Schatten etwa, das nur einen Augenblick lang aus einer bestimmten Perspektive zu beobachten ist, findet sich in dem Roman Paradies der Damen:

“Die Sonne war soeben hinter den Bäumen des Gartens verschwunden, der Tag ging zur Neige, leichte Schatten bereiteten sich allmählich über das weite Gemach. Es war die zarte Stunde der Abenddämmerung, jener Augenblick besinnlicher Entspannung zwischen dem Erlöschen des Tageslichts und dem Anzünden der Lampen. Die Gestalten der Herren de Boves und Vallagnosc, die immer noch am Fenster standen, warfen große Schatten auf den Teppich, während im letzten Tagesschimmer des anderen Fensters der vor einigen Minuten bescheiden eingetretene Herr Marty mit seinem blassen Professorengesicht und dem abgetragenen Oberrock sichtlich verlegen dem Modegespräch der Damen lauschte” (Aus: Emile Zola: Das Paradies der Damen. Deutsch von H. Rosé und Margarete Montgelas)

Im Rahmen der Ruhrtriennale ist Liebe+Geld+Hunger. Trilogie meiner Familie an einem Tag zu sehen gewesen. Neun Stunden Theater am Stück sind zwar eine lange Zeit, aber es lohnt sich wirklich. Denn gerade so wird sichtbar, dass Figuren wie Nana über mehrere Teile hinweg eine Rolle spielen. Außerdem unterstreicht diese Art des Zuschauens den chronologischen Charakter des Werks. Luk Perceval sieht die Vorteile allerdings an einer etwas anderen Stelle:

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https://youtu.be/LsH-Xnlzac0

Mehr Infos unter: www.ruhrtriennale.de

“Was glaubt ihr denn” bei der Ruhrtriennale

Aufführung "Was glaubt ihr denn" in Dinslaken-Lohberg

„Was glaubt ihr denn, Wer wir sind, Was wir glauben, Was glaubt ihr denn…“ – Es geht um Heimat, Akzeptanz, Glauben, Gemeinschaft und Zufriedenheit in dem Text von Björn Bicker, den die drei Frauen und zwei Männer rezitiern. Sie sitzen vor den Besuchern der Kirche wie bei einer Predigt. Die fünf wirken wie ein Querschnitt durch die im Ruhrgebiet ansässigen Ethnien – europäisch, afrikanisch, arabisch, vielleicht auch ein bisschen asiatisch – und sprechen akzentfrei Deutsch.

Querschnitt durch die Bevölkerung

Der Text wechselt scheinbar willkürlich von einem zum anderen, so, als würden die fünf die im Text ausgedrückte Kritik, Sorge, Anerkennung oder den Zweifel mit einer Stimme vortragen. Manchmal widersprechen sie sich selbst innerhalb des eigenen Sprechens. Das wirkt, als ob sie nicht nur mit einer Stimme, sondern als ob jeder Einzelne auch immer vielen Menschen eine Stimme geben würde, sogar Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern und anderen Glaubensrichtungen: „Was glaubt ihr denn, wo es einen besseren Platz geben könnte. Was glaubt ihr denn, wo wir nicht stören. Wo wir stören. Wo wir uns treffen sollten. Wo wir Euch begegnen könnten. Was glaubt ihr denn, wer ihr seid. Was glaubt ihr denn, wer wir sind…“

Wie mit einer Stimme

Vor Beginn der Veranstaltung hat die Pfarrerin der Lutherkirche Dinslaken-Lohberg davon gesprochen, dass das tolerante Zusammenleben hier eigentlich meistens gut funktioniert. „Wir bedrängen einander nicht, wir akzeptieren uns“, erklärt sie und spricht weiter davon, dass sie das eigentlich schon sehr lange so machen. Die Pfarrerin spricht davon, dass sie sich in Dinslaken-Lohberg in manchen negativen Berichten der Medien nicht wieder erkannt hätten. „Ich lade Sie ein. Kommen Sie wieder, sehen Sie sich selber an, wie wir hier leben. Machen Sie zum Beispiel ein Picknick, das darf man hier nämlich auf unseren Grünflächen“. Auch der anwesende Imam spricht von der Erde als „einem Haus, in dem wir gemeinsam und in Frieden zusammen leben wollen“. Beide bekommen viel Applaus.

Friedliche Atmosphäre

Ich bin zum ersten Mal in Dinslaken-Lohberg. Dinslaken ist ein kleiner und an diesem Sonntag sehr ruhiger Ort. Der Bus, der mich vom Bahnhof zur Lutherkirche im Stadtteil Lohberg bringen soll, fährt nur einmal in der Stunde und da ich mit Verspätung ankomme, verpasse ich ihn. Auch ein Taxi ist nirgendwo in Sicht und in Folge dessen laufe ich den Weg zu Fuß. Erst ärgere ich mich ein wenig, weil ich befürchte, zu spät zu kommen, aber dann macht es mir sogar Spaß. Ich komme vorbei an einer Graffiti-Wand, die mir bildgewaltig und mit den Worten ‚Dinslaken ist bunt‘ das kreative Potential dieser Stadt vor Augen führt. Ich laufe eine Hauptverkehrsstraße entlang, vorbei an einem Industriegelände und grünen Wiesen, bis ich schließlich den Förderturm der stillgelegten Zeche am Horizont entdecke und in einer beschaulichen Siedlung lande. Hier ist es sehr ruhig, alles wirkt wohlgeordnet und sehr deutsch, doch auf der Straße begegnen mir augenscheinlich fast ausschließlich türkischstämmige Menschen. Ich muss manchmal nach dem Weg fragen und bekomme freundlich, hilfsbereit und in akzentfreiem Deutsch Auskunft.

Urban Prayers Ruhr werden an unterschiedlichen Orten des Ruhrgebiets in Moscheen, Tempeln, Freikirchen oder Synagogen aufgeführt. Ich habe mich entschieden, mir eine Vorstellung der Urban Prayers Ruhr in Dinslaken-Lohberg anzusehen, weil es mich interessiert wie eine in Deutschland anerkannte und traditionsreiche Glaubensgemeinschaft wie die evangelische Kirche anderen begegnet. Ich weiß, dass das Ruhrgebiet mit dem Bergbau, seiner Schwerindustrie und den vielen dort benötigten Arbeitsplätzen bereits seit dem letzten Jahrhundert ein starker Magnet für Menschen aus unterschiedlichsten Ländern ist. Die Hoffnung auf soziale Absicherung durch einen festen Arbeitsplatz hat sich für viele erfüllt, die einstigen Fremden haben ein neues zu Hause gefunden und leben bereits seit Generationen hier. Heute scheint es vielen gar nicht mehr bewusst zu sein, dass das Ruhrgebiet eigentlich ein klassischer ‚Melting Pot‘ ist und das Zusammenleben unterschiedlicher Nationalitäten und Glaubensrichtungen hier eigentlich einen grundlegenden Teil des sozialen Gefüges ausmacht.

Magnet für Menschen aus der ganzen Welt

„Was glaubt ihr denn, warum wir so viele sind, warum ihr denkt, dass ihr viel mehr seid. Warum das nicht stimmt…“ rezitieren die fünf Vortragenden. Die Kirche ist voll an diesem Sonntag Nachmittag, voller Menschen unterschiedlicher Hautfarben und Glaubensrichtungen, von denen die meisten offensichtlich gebannt dem Vortrag lauschen. Ergänzt wird die Rezitation in regelmäßigen Abständen durch Lieder aus unterschiedlichen religiösen Kontexten, meisterhaft dargeboten durch das Vokalensemble ChorwerkRuhr.

Begeisterter Applaus

Am Ende wird dieser sehr einträchtig wirkende Nachmittag mit begeistertem Applaus und Standing Ovations belohnt. Obwohl ich natürlich letztlich nicht beurteilen kann, wie das Zusammenleben hier im Alltag funktioniert, haben sie mich persönlich an diesem Sonntag überzeugt. Hier und heute kommt mir die Behauptung der Pfarrerin der Lutherkirche, dass das Zusammenleben in dieser Gegend eigentlich meistens gut funktioniert, absolut glaubwürdig vor und macht mir Hoffnung.

Was glaubt ihr denn von Björn Bicker ist als Buch erhältlich.

“Real Magic” von Forced Entertainment

Szene aus "Real Magic" von Forced Entertainment

In dem Stück “Real Magic” von der Experimentaltheatergruppe Forced Entertainment ist es ein bisschen wie im Zirkus oder in einer Fernseh-Quiz-Show zur besten Sendezeit: Ein Kandidat hat die Aufgabe, ‚nur’ ein einziges Wort zu erraten. Nicht irgendein Wort, sondern genau das Wort, das ein anderer sich gedanklich vorstellt und auf einem Pappschild geschrieben vor sich hochhält. Natürlich sind dem Rate-Kandidaten die Augen verbunden, so dass er das Wort auf der Pappe nicht lesen kann. Er muss ‚nur‘, wie der Spielleiter aufmunternd versichert, das eine Wort erraten, das aus Millionen von Wörtern ausgesucht worden und laut und deutlich auf der Pappe zu lesen ist. Der Kandidat windet sich in Unterwäsche und mit verbundenen Augen auf seinem Stuhl und rät. Leider ist die Antwort falsch, auch zwei weitere Versuche scheitern.

Mit dem Versagen wird immer sehr konstruktiv umgegangen. Es gibt keine Vorwürfe oder gar Beschimpfungen, statt dessen Bedauern und jede Menge Ermunterung: Dieses Mal hat der Kandidat es noch nicht geschafft, aber beim nächsten Versuch wird es bestimmt klappen. Alle drei Darsteller auf der Bühne werden nacheinander zum Spielleiter, Kandidaten oder gedanklichen Träger des zu erratenden Wortes, der selbstverständlich immer auch Halter des Pappschildes ist. Wie um die falschen Gedanken zu vertreiben und die richtigen heraufzubeschwören, wechseln Richard, Claire und Jerry immer wieder die äußere Erscheinung und treten mal in Unterwäsche, als haariger gelber Vogel mit und ohne Kopf oder in einem viel zu weiten Anzug und dunkler Langhaar-Perücke mit Pony an. Wieder und wieder versuchen die drei sich im Gedanken-Raten und der jeweilige Spielleiter gibt den geduldigen Animateur, während der Träger des Pappschildes sich zwar meist um eine möglichst ansprechende und kreative Zurschaustellung der Pappe bemüht, aber sonst eher gelangweilt um sich blickt. Oft muss er selbst nachsehen, was eigentlich auf dem Schild steht.

Erstaunlicherweise wird auch mit der Zeit das Gedankenraten nicht leichter. Immer durchdringender wird vor allen Dingen das künstliche Gelächter aus den Lautsprechern, auch weil das tatsächliche Lachen des Publikums immer lauter wird und das konservierte Gelächter vom Band verstärkt. Während dessen präsentieren die drei auf der Bühne zwischen den Rate-Runden kleine Tanzeinlagen, Striptease, kreative Bekleidungsideen oder demonstrieren anschaulich und eifrig, dass sich einem zotteligen Vogel mit riesigem Schnabel nicht mehr effektiv die Augen verbinden lassen.

Doch die Konstellation nimmt mehr und mehr absurde Züge an und erinnert zunehmend an ‚Warten auf Godot’: Wenn es nur käme, das richtige Ergebnis, dann müsste das Warten ein Ende haben und dann käme er wohl endlich, der mühsam verdiente Erfolg. Doch die Kandidaten tun sich nach wie vor schwer, sich von lieb gewonnenen Antworten zu trennen oder sich auch nur das Wort auf der Pappe zu merken, das sie ja eigentlich vor allen Dingen in Gedanken bei sich tragen sollten. All das gelingt ihnen nicht, obwohl sie doch eigentlich ‚nur‘ das richtige Wort unter Millionen anderer heraussuchen müssten, um die richtige Antwort zu geben und das Spiel zu beenden. Absurd?

Die Experimentaltheatergruppe Forced Entertainment hat sich im Jahr 1984 gegründet und ist seit zehn Jahren Koproduktionspartner von PACT Zollverein, Choreografisches Zentrum NRW. Erst kürzlich ist Forced Entertainment mit dem renommierten Henrik-Ibsen-Theaterpreis ausgezeichnet worden. In ihren Stücken bieten sie zuverlässig eine innovative Mischung aus Slapstick, Satire, anspruchsvollem Theater sowie Formaten der Massenmedien und verlieren den schwarzen Humor auch bei ernsten Themen nie ganz. “Real Magic” knüpft im besten Sinne an diese Serie an.

Foto: ©Hugo Glendinning

“Je suis un metteur en scène japonais” von Fanny de Chaillé

Szene aus "Je suis un metteur en scène japonais" von Fanny de Chaillé

Die Bühne ist hell erleuchtet. Bei Je suis un metteur en scène japonais von Fanny de Chaillé wird sie fast ganz ausgefüllt von etwas, das wie eine monströse Pappe wirkt. An einigen Stellen ist sie eingeschnitten und hochgeklappt. Man könnte glauben, dass die Pappe gleich nur noch an den richtigen Stellen gefaltet und zusammen gesetzt werden muss, um zu einem riesigen Paket zu werden.

Passives Verhalten auf dem Pappkarton

Auf der Pappe bewegen drei schwarz gekleidete und vermummte Gestalten sowie eine ebenfalls schwarz gekleidete Person, deren Kopf nicht verhüllt ist. Zwei der gesichtslosen Gestalten führen die Arme, den Oberkörper und den Kopf, die dritte bewegt in der Hocke kniend an den Unterschenkeln die Beine der Person. Die drei führen sie quer über die Bühne, lassen sie sich bücken, in die Hocke gehen, sich mal nach rechts, dann wieder nach links drehen. Egal was passiert, die Person wehrt sich nie, sondern bleibt die ganze Zeit passiv und verliert nie den unbewegten und doch irgendwie unzufriedenen Gesichtsausdruck. Obwohl sie eindeutig aus Fleisch und Blut ist, wirkt sie eigentlich wie eine Puppe.

Zwischendurch lüften die schwarzen Gestalten manchmal ihre eigenen Masken und zeigen, dass ihr Gesichtsausdruck nicht weniger puppenartig ist als der der Person, die sie auf der pappenartigen Unterlage führen. Manchmal wechseln sie auch die Positionen, dann wird eine andere schwarze Gestalt von den drei weiteren geführt. Der Wechsel wirkt wie die Bewegungen selbstverständlich und perfekt koordiniert, niemand wehrt sich oder gerät auch nur einmal ins Stolpern.

Japanisches Erzähltheater als Inspiration

Fanny de Chaillé hat sich dafür von dem traditionellen japanischen Erzähltheater Bunraku inspirieren lassen. Dort bewegen auf diese Weise drei Personen unauffällig und schweigend fast lebensgroße Puppen durch den Theatersaal, die tragische Liebesgeschichten verkörpern. Am Rande der Bühne sitzt ein Rezitator und ein Musiker, der den Text auf einem Shamisen begleitet.

Auch bei Je suis un metteur en scène japonais gibt es einen Erzähler, der von einem Musiker begleitet wird. Grundlage dieses Stücks ist jedoch keine tragische Liebesgeschichte, sondern das Theaterstück Minetti von Thomas Bernhard. Den Monolog hat Thomas Bernhard dem Schauspieler Bernhard Minetti auf den Leib geschrieben, der in den 1970er Jahren immer die Hauptrollen in seinen Theaterstücken gespielt hat. Der Protagonist philosophiert darin über die Schauspielkunst, die Masken, die er dafür verwendet, das Publikum und das Leben überhaupt, sein Scheitern als Theaterdirektor vor dreißig Jahren, seine Rückkehr auf die Bühne und Lear von William Shakespeare, das einzige klassische Stück, dem er sich nicht verweigert hat und dessen Hauptrolle er gleich zu spielen beabsichtigt. Den Text deklamiert der Rezitator in französischer Sprache während hinter der gefalteten Pappe auf der Bühne die weißen Buchstaben des deutschen Textes wie aus dem Off zu lesen sind.

Rebellion gegen unpassendes Narrativ

Die schwarzgekleideten Gestalten nehmen eigentlich kaum direkt Bezug auf den Text, sie bewegen sich eher im Rhythmus der Textmelodie sowie der vielen Geräusche und der Ukulele, der der Musiker zwischendurch immer wieder asiatisch angehauchte Klänge entlockt. Doch dem Rezitator gelingt es nicht, unbeteiligt am Rand stehend seine Geschichte vorzutragen. Die schwarzen Gestalten werden regelrecht rebellisch und beginnen ihn langsam immer mehr in ihre Performance einzubeziehen. Er wird von ihnen geführt, geschubst oder zu Boden geworfen, so dass er seinen Text verliert und für einen Moment nicht weiter rezitieren kann. Oder er wird von ihnen so gehalten, dass die schwarze Kopfbedeckung, die auch er trägt, regelrecht zur Zwangsjacke wird.

Wehren kann der Rezitator sich offensichtlich nicht gegen die Manipulationen der schwarzen Gestalten und die Grenzen verschwinden immer mehr zwischen ihm und ihnen. Eine der schwarzen Gestalten beginnt plötzlich für einen Moment zu sprechen. Sie erklärt bestimmte Falttechniken des Origami und demonstriert sie an einer anderen der Gestalten. Ohne ein direktes Wort an die Personen auf der Bühne zu richten, gelingt es dem Erzähler immer wieder durch lautes oder wütendes Rezitieren des Textes die anderen zum Schweigen zu bringen und die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Oft wird er dabei unfreiwillig zur tragisch-komischen Gestalt und die Szenerie trägt Züge des absurden Theaters.

Die Entstehung des Theaters

Fanny die Chaillé hat in einem Interview erläutert, dass es ihr in Je suis un metteur en scène japonais darum gehe, die Strukturen offen zu legen, die das Entstehen des Theaters ausmachten, das immer Ergebnis einer gemeinsamen Arbeit sei. Ohne Illusionen zu erzeugen, sei jede Geste, jede Bewegung, die  einen Teil des Endprodukts dieser Arbeit darstellten, auf der Bühne klar zu erkennen. Das Stück Minetti habe sie ausgewählt, weil der Text das Porträt eines Schauspielers sei und sich im Detail mit der Schauspielkunst beschäftige. Die Geschichte von Minetti verberge sich im Stück hinter vielen Masken und Marionetten, die seine Worte alle nach und nach verinnerlicht hätten.

Für mich ist Je suis un metteur en scène japonais ein kluges und enttarnendes Stück, das ernste und auch viele humorvolle Passagen enthält und insgesamt sehr sehenswert ist.

Die “Maori-Nacht” beim ilb

Maori-Nacht: Cover "Song of the Selkies" von Cathy Dunsford

Er ist unauffällig mit dunklem Hemd und dunkler Hose bekleidet, hält eine Gitarre in der Hand und spricht Englisch. Von Weitem hat er vielleicht am ehesten Ähnlichkeit mit einem Country-Sänger. Doch der Klang seiner Gitarre, die Geschichte und die Art seines Vortrags bei der Maori-Nacht haben allenfalls entfernt etwas von dem, was den wilden Westen und seine Musik im Allgemeinen ausmacht. Die Klänge der Gitarre sind meist reine Untermalung für eine Geschichte, die von Walen, Kanus, dem Meer, dem Himmel, Wäldern und Menschen inmitten dieser urgewaltigen Natur handelt.

Insgesamt betrachtet hat dieser Geschichtenerzähler vielleicht mehr von einem Darsteller, als einem Musiker. Denn viele markante Sequenzen der Geschichte unterstreicht er nicht mit Klängen, sondern mit ausladenden und manchmal fast überdeutlichen Gesten. Die Geschichte wirkt dadurch ungemein lebendig und fesselnd. Selbst wenn ich nicht immer jedes Wort verstehe, kann ich der Geschichte problemlos folgen und bin mehr als sonst gespannt, wie es wohl weiter gehen mag. Der faszinierende Geschichtenerzähler heißt Joe Harawira und erzählt in diesem Moment gerade im Rahmen des internationalen literaturfestival berlin eine der unzähligen Geschichten der Maori auf traditionelle Weise.

Noch vor einigen Jahren sei es undenkbar gewesen, die alten Maori-Geschichten öffentlich vorzutragen, erklärt der gebürtige Neuseeländer Joe Harawira im Anschluss an seine Performance. Die Sprache der Maori sei im 19. Jahrhundert von der Kolonialmacht als heidnische Sprache eingestuft worden und habe an den Schulen nicht mehr unterrichtet werden dürfen. Erst in den 1980er Jahren habe eine Wiederbelebung der maorischen Sprachkultur eingesetzt und seit 1987 sei Maori wieder offizielle Landessprache in Neuseeland.

Traditionell habe ein Geschichtenerzähler innerhalb der Maori-Gesellschaft eine überaus wichtige Funktion, da er die Vergangenheit mit der Gegenwart und der Zukunft verbinde. Die Maoris glaubten, dass sich ein Volk anhand der traditionellen Geschichten mit Hilfe der Vergangenheit besser für die Zukunft wappnen könne. Jeder habe seine persönliche Geschichte zu erzählen und indem man es tue, stelle man eine persönliche Verbindung zwischen sich, der Vergangenheit und der Gemeinschaft her. 

Bücher seien generell eigentlich nicht die richtige Form, um Maori-Geschichten zu verbreiten, erklärt in dieser Nacht auch die neuseeländische Schriftstellerin und Literaturdozentin Cathie Dunsford. Vermutlich sei die Verbreitung der Maori-Erzählungen mit Hilfe von DVDs der geeignetste Weg. Cathie Dunsford zeigt beim internationalen literaturfestival berlin eine echte Performance, bestehend aus den dunklen vollen Klängen einer großen Muschel, in die ein Mundstück eingearbeitet worden ist, ergänzt durch Gesang und Erzählung. Obwohl sie ganz ähnliche Grundelemente verwendet wie Joe Harawira, hat ihre Darbietung eine ganz andere Stimmung und Tonlage. Mit Hilfe der Universität von Auckland, an der sie arbeite, seien sie dabei, neue und für die Maori-Kultur passende Wege der Präsentation ausfindig zu machen. Sie habe bereits gemeinsam mit anderen Maori-Frauen eine neue Form von Literatur entwickelt, die sich wahrscheinlich am ehesten mit Lyrik vergleichen ließe. Starke Frauen, die sich zum Wohl der Allgemeinheit engagierten, gehörten zur Tradition der Maori genauso wie deren ganz stark ausgeprägtes Umweltbewusstsein. Dabei gebe es trotz aller Gemeinsamkeiten zwischen den Maori auch teilweise groessere Unterschiede zwischen den einzelnen Stämmen. Dank der Geschichten könnten sie sich aber austauschen und hätten die Chance, eine Verständigung zwischen den Stämmen herzustellen. Insofern könne Literatur Anknüpfungspunkte für ein besseres Miteinander bieten. Unterschiede gebe es im Prinzip in allen Gesellschaften, sie selbst habe bei ihren Lesungen in Deutschland etwa Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen feststellen können. Über ihren Erfolg in Deutschland freue sie sich sehr und ganz besonders darüber, dass die Neuseeländer sich und ihre Kultur im Rahmen der Frankfurter Buchmesse präsentieren könnten.

Für eine neue Sicht auf die Geschichte und damit die Rolle der polynesischen Kultur hat vor allen Dingen James Belich mit einer Fernsehsendung über die Geschichte der Polynesier gesorgt, die auf einem seiner Bücher basiert hat. Beim internationalen literaturfestival berlin legt er dar, dass dadurch das Thema in die Öffentlichkeit gelangt sei und man in Folge dessen langsam begonnen habe, die Polynesier als ein Volk zu begreifen, das den halben Erdball bevölkert und geprägt habe. Nur mit Hilfe von Kanus sei es den Vorfahren der Polynesier gelungen, den gesamten Pazifik-Raum, von Hawaii bis Neuseeland zu bevölkern, eine unglaubliche Leistung. Sie seien nachweislich sogar bis Madagaskar und Süd-Amerika gelangt. Europäer sollten die Kultur der Polynesier respektieren.

Im Rahmen der Maori-Nachtbetont auch Hamish Clayton, der im Gegensatz zu Joe Harawira und Cathie Dunsford ein neuseeländischer Schriftsteller ohne Maori-Vorfahren ist, Neuseeland sei ein Land mit zwei Kulturen. Die ersten Geschichten, an die er sich erinnere, seien Maori-Geschichten. Natürlich sei er auch mit den Geschichten über Koenig Arthur, Robin Hood oder Grimms Märchen aufgewachsen. Die Geschichten der Maori seien aber etwas ganz Besonderes, da sie keine Mythologie seien, sondern tatsächlich passiert wären.

Cathie Dunsford: Manawa Toa, Lied der SelkiesCowrie

Hamish Clayton: Wulf

James Belich: The Victorian Interpretation of the Racial Conflict: the British, the Maori and the New Zealand War

James Belich: Making Peoples: A History of the New Zealanders until 1900Paradise Reforged. A History of the New Zealanders from The 1880ies to the Year 2000Replenishing the Earth. The Settler Revolutioon and the Rise of the Anglo-World, 1870ies-1920ies

Witi Ihmaera: Wale Rider

Paula Morris: Rangatira

Alan Duff: Warriors

Peter Walker: Der junge William Fox

Die Oper “Prometheus” von Lemi Ponifaso

Szene aus "Prometheus" von Lemi Ponifaso, Aufführung im Rahmen der Ruhrtriennale

“Geschichten werden erzählt, um etwas zu vertreiben”, schreibt Hans Blumenberg in Arbeit am Mythos, “Im harmlosesten, aber nicht unwichtigsten Falle: die Zeit. Sonst und schwerwiegend: die Furcht”. Furcht habe der Mensch vor allen Dingen vor dem Unbekannten. Sobald ein Name gegeben werde und es damit seine Unbestimmtheit verliere, könne es auch seines Schreckens beraubt werden: “Alles Weltvertrauen fängt an mit den Namen, zu denen sich Geschichten erzählen lassen”. Mythen seien Geschichten, die einerseits einen sehr beständigen Kern hätten und andererseits Raum für viele Variationen ließen. Deswegen könnten Mythen immer wieder für sich verändernde Bedürfnisse passend gemacht werden und Grundlage aktueller Geschichten sein: “Die Affinität des Mythos besteht immer darin, das Subjekt zu finden und zu benennen, von dem die letzte der richtigen Geschichten erzählt werden kann. Zum Namen wird auch das traditionell Abstrakteste, sobald es ins handelnde oder leidende Subjekt transformiert ist”.

Szene aus "Prometheus" von Lemi Ponifaso, Aufführung im Rahmen der RuhrtriennaleDie Figur ‘Prometheus’ hat eine jahrtausende alte Geschichte. Die heute noch bekannte antike griechische Kunst stellt ihn tendenziell als Wohltäter und Erzieher der Menschen dar, der durch eine List dem Göttervater Zeus gegenüber den Menschen das ihnen entzogene Feuer wieder zurück holt. Im Mittelalter spielt Prometheus keine Rolle. Dem Kulturkritiker Jean-Jacques Rousseau gilt Prometheus als Begründer der Wissenschaften und damit der Dekadenz. Zu dieser Zeit gibt es vorwiegend in Frankreich mehrere Theaterstücke, in denen die Menschen als von Anfang an dumm und schlecht und der Feuerraub des Prometheus als Beginn allen sozialen Übels gezeigt werden. Führende Köpfe der Aufklärung wie Voltaire waren von Prometheus und dem Sinn und Nutzen seines Feuerraubs überzeugt, ihnen gilt meist der Göttervater als Kern des Problems. Die europäischen Romantiker sahen in der Figur des Prometheus das Urbild des menschlichen Daseins und identifizierten ihn teilweise mit Christus. Lemi Ponifaso, der auf Samoa geboren worden und einer der renommiertesten Choreografen und Regisseure Neuseelands ist, fühlt sich von Prometheus an den polynesischen Gott Mãui erinnert.

Die Bühne hat vom Aufbau her etwas von einem surrealistischen Gemälde. Vorne links, nicht weit von den ersten Zuschauerrängen entfernt, sitzt Prometheus dem Publikum zugewandt auf einem rechteckigen schwarzen Klotz und bewegt sich kaum. Einmal legt er sich der Länge nach auf den Klotz, wenige Male trinkt er etwas. Niemals dreht er sich nach dem Rest der Bühne um, nie tritt er mit irgend einer Person auf der Bühne in Blickkontakt. Doch reagiert er mit Sprache und Gesang auf die Musik und die Personen um sich herum, die er optisch gar nicht wahrzunehmen scheint.

Szene aus "Prometheus" von Lemi Ponifaso, Aufführung im Rahmen der Ruhrtriennale

Auf der Bühne wird Altgriechisch gesprochen und gesungen, eine Sprache, die heute nur noch einige Spezialisten sprechen. Diese Worte können keine Bedeutung transportieren, sie sind Teil der unbeschreiblichen Soundkulisse der Oper aus der Feder von Carl Orff mit bombastischen donnerartigen Trommelschlägen, zart sirrendem Chorgesang, schrägem und kreischendem Wehklagen, regenartigem melodischem Klanggewirr und einigen harmonischen Passagen. Das unsichtbare Orchester, das sich auf der rechten Seite der Bühne hinter einer schwarzen Wand mit felsartigem Relief zu befinden scheint, wirkt wie eine Urgewalt, dem Wetter ähnlich. Hell erleuchtetet ist nur der Dirigent. Seine Bewegungen lassen die Zuschauer eine klangliche Reaktion erwarten, ohne dass sich wirklich erahnen ließe, was als nächstes geschieht. Prometheus gelingt ein Dialog mit dem urgewaltigen Orchester. Er scheint mit ihm zu ringen und streiten, dann wird er wieder bei seiner Rede von ihm begleitet.

Zwar hat Carl Orff den Text seiner Oper der griechischen Tragödie Der gefesselte Prometheus des Aischylos entnommen, doch wird die dort beschriebene Handlung nicht auf der Bühne dargestellt. Weder schmiedet Heiphaistos Prometheus an einen Felsen, noch wird ihm ein Keil durch die Brust getrieben und doch sind Prometheus’ Worte dieselben, als wenn es so wäre. Auch die Identifikation der Charaktere aus der Tragödie des Aischylos auf der Bühne ist meist ungeheuer schwierig. Dort, wo eigentlich ein Mann hätte auftreten sollen, steht plötzlich eine Frau in Männerkleidung oder der Mann, der eigentlich der furchtbare und alles beherrschende Zeus sein müsste, macht einen wenig angsteinflössenden Eindruck. Außerdem tauchen immer wieder Gestalten auf, die im Text gar nicht vorkommen, wie ein fast nackter Mann, der geschmeidig und unermüdlich auf allen Vieren läuft oder einer, der auf einem Tisch wie aufgebahrt liegt.

Szene aus "Prometheus" von Lemi Ponifaso, Aufführung im Rahmen der RuhrtriennaleDie optische Wahrnehmung ist insgesamt ungeheuer schwierig. Die Lichtverhältnisse wechseln häufig extrem. Manchmal erscheint plötzlich etwas Bekanntes in einer ganz anderen Farbe oder eine bestimmte Beleuchtung macht unversehens das perspektivische Sehen extrem schwierig. Manchmal lässt der spiegelnde Boden des Rechtecks auf einmal ein Bild erstrahlen, das fast nichts mit dem zu tun hat, was eben noch auf der Bühne wahrnehmbar war. Oder es erscheint plötzlich das riesige Schattenbild eines Menschen auf der Bühne an der Wand und macht kleinste Bewegungen in überdimensionaler Größe sichtbar, die eben noch nicht erkennbar waren. Alles spiegelt, schillert, blendet. Für mich war es eine sehr gute, ungewöhnliche und beeindruckende Vorstellung. Für mich war es eine sehr gute, ungewöhnliche und beeindruckende Vorstellung.

Die Produktion Prometheus von Lemi Ponifaso ist im Jahr 2013 mit dem Carl-Orff-Preis ausgezeichnet worden.

Alle Fotos: ©Paul Leclaire