„Das Leben fällt, wohin es will“ von Petra Hülsmann

Buchcover "Das Leben fällt, wohin es will" von Petra Hülsmann

In Das Leben fällt, wohin es will von Petra Hülsmann gefällt Marie ihr Leben eigentlich ganz gut. Sie wohnt mit ihrer besten Freundin in einer WG, jobbt in einem Café auf dem Hamburger Kiez und feiert die meisten Nächte mit ihren Freunden durch. Nur manchmal verlangt ihr Vater, Inhaber einer kleinen Werft im Familienbesitz, dass sie ihre Familie bei der Arbeit unterstützt.

Party und Skandal-Auftritte

Marie hat kein besonders gutes Verhältnis zu ihrem Vater und absolviert diese Pflichttermine nur widerwillig. Ihre Auftritte als Skandal-Tochter in schrägen Klamotten und mit wilden Knutschereien bei Betriebsfeiern sind bereits legendär. Dem entsprechend gering ist die Begeisterung, als Marie plötzlich die Leitung der Werft übernehmen soll.

Plötzlich Chefin

Auch Maries Entsetzen ist groß, als ihre Schwester Christine, die die Werft bis dahin geleitet hat, ihr mitteilt, dass sie an Krebs erkrankt ist. Doch Marie willigt sofort ein, als ihre Schwester sie bittet, bei ihr einzuziehen, sich um ihre Kinder zu kümmern und ihren Job zu übernehmen. Marie muss von einem Tag auf den anderen Christines Haushalt schmeißen und den ganzen Tag die frostige Atmosphäre bei der Arbeit ertragen:

„Am Montagmorgen begrüßte Frau Brohmkamp mich mal wieder mit langem Gesicht und konnte sich scheinbar nicht dazu aufraffen, mich anzulächeln. Dabei hatte ich ganz besonders freundlich „Moin, Frau Brohmkamp“ gesagt. In dem Moment fiel mir die Teambuildung-Maßnahme wieder ein, und ich beschloss, diese Idee umzusetzen. Und zwar schnell“

Aus ihrem BWL-Studium weiß Marie, dass Teambuildung-Maßnahmen wie Paintball-Turniere unter den Kollegen den Zusammenhalt stärken. Zum großen Erstaunen der anfangs skeptischen Belegschaft funktioniert das tatsächlich sehr gut. Außerdem überrascht Marie ihre neuen Kollegen als Verfechterin der traditionellen hanseatischen Kaufmannsehre und indem sie engagiert darauf besteht, langjährige Kunden persönlich zu betreuen. Schließlich gelingt es ihr sogar, den Geschäftsführer Daniel zu beeindrucken, der oft so skeptisch guckt und ihr schon ein paar Mal deutlich die Meinung gesagt hat. Seine traumhaft blauen Augen lassen sie schließlich ihre Angst um Christine ein wenig vergessen…

Ein Buch, das Mut macht

Auch wenn Petra Hülsmann in Das Leben fällt wohin es willkein heile Welt beschreibt, ist es ein sehr unterhaltsames Buch, das Mut macht. Ohne zu beschönigen und mit viel sympathischem Humor beschreibt sie wie Marie, die früher leidenschaftliche Seglerin war und Geschäftsführerin der Werft werden wollte, ihr Trauma überwindet und schließlich da ankommt, wo sie sich wohl fühlt.

„Das Blackbox Prinzip“ von Matthew Syed

Buchcover "Das Blackbox Prinzip" von Matthew Syed

Matthew Syed sucht in Das Blackbox Prinzip. Warum Fehler uns weiter bringen nach Lösungen. Leidenschaftlich sucht er in ganz unterschiedlichen Bereichen danach, wie aus Fehlern zumindest gelernt werden kann und sich Innovationen erzielen lassen. Dazu nimmt er seine Leser mit auf die Suche nach den Gründen für spektaktuläre Flugzeug-Abstürze oder den überraschenden Tod von Elaine Bromiley. Sie war eine glücklich verheiratete Mutter von zwei Kindern, die ganz unerwartet eine Routine-Operation im Krankenhaus nicht überlebte. Genauso packend beschreibt er, wie es James Dyson nach vielen Rückschlägen doch noch gelang, ein innovatives Staubsauger-Prinzip zu entwickeln oder sich schließlich Investoren für ein Projekt finden ließen, das heute Dropbox heißt.

Innovationen durch Analyse von Fehlern

Für Matthew Syed ist ein Kulturwandel nötig, um bessere Ergebnisse zu erreichen. Passieren schwerwiegende Fehler, soll künftig noch mehr als bisher eine genaue Aufarbeitung stattfinden: Schonungslos und vor allen Dingen vollkommen ohne Rücksicht auf Hierarchien, Eitelkeiten oder sonstige Faktoren, die zu einer Verschleierung der Probleme führen könnten. Seiner Ansicht nach lässt sich nur so nachvollziehen, wie und wodurch genau die Fehler entstanden sind. Bestes bereits praktiziertes Beispiel ist für Matthew Syed die Vorgehensweise in der Luftfahrtindustrie:

„Die Haltung der Luftfahrtindustrie ist beeindruckend und ungewöhnlich. Jedes Flugezeug ist mit zwei fast unzerstörbaren Blackboxes ausgestattet, von denen eine die Anweisungen aufzeichnet, die andere die Unterhaltungen und Geräusche im Cockpit. Gibt es einen Unfall, werden die Daten analysiert“ 

Die Anwendung dieses Blackbox Prinzips könnte in Matthew Syeds Augen etwa in Krankenhäusern hilfreich sein, da nach seinen Recherchen vermeidbare Behandlungsfehler die dritthäufigste Todesursache in den Vereinigten Staaten sind. Doch die Ereignisse werden viel zu oft nicht schonunglos aufgeklärt, da die Angst überwiegt. Matthew Syed geht es bei seinem Plädoyer für die möglichst lückenlose Aufarbeitung ausdrücklich nicht um Schuldzuweisungen, einseitige Verurteilungen oder gar darum, einen Sündenbock zu finden:

„…das Problem sind nicht nur die Folgendes Versagens, sondern auch die Einstellung dazu. Im Gesundheitswesen wird Kompetenz oft mit klinischer Perfektion gleichgesetzt. Fehler zu machen, so denkt man, zeugt von Unfähigkeit. Die Vorstellung zu versagen, ist bedrohlich“ 

Für Matthew Syed sind Misserfolge etwas ganz alltägliches und etwas, das wir alle manchmal erdulden müssen. Er hofft, dass durch eine verbesserte Handhabung schwere Fehler zumindest in Zukunft besser vermieden werden können. Begnügen sich die Ermittler mit einseitigen Schuldzuweisungen, erreichen sie nach Matthew Syeds Recherchen allenfalls, dass sich niemand mehr traut, sich schwieriger Fälle anzunehmen. Fehler sind insofern insgesamt für ihn kein Makel, sondern ein Potential, aus dem sich neue und bessere Lösungen ablesen lassen:

„Medizinische Behandlungsfehler unterlaufen in der Regel nicht dann, wenn Kliniker gelangweilt oder faul oder niederträchtig sind, sondern weil sie mit der Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt arbeiten, die man von der Ärzteschaft erwarten würde“

Matthew Syed ist nicht so naiv zu glauben, dass eine genaue Analyse zwingend klare Lösungen für die bestehenden Probleme ergeben muss. Er ist sich etwa der Grenzen der menschlichen Wahrnehmungs- und Konzentrationsfähigkeit durchaus bewusst und plädiert dafür, diese Faktoren in die Lösungsvorschläge mit einzubeziehen. Außerdem müssten alle Beteiligten  ermutigt werden, Fehler zuzugeben und an Lösungen mitzuarbeiten. Die richtigen Lehren aus der Analyse zu ziehen ist für Matthew Syed eine sehr anspruchsvolle und kreative Aufgabe, die sich aber unbedingt lohnt:

„Die erfolgreichsten Ermittler zeigen nicht nur die Bereitschaft, sich mit dem Vorfall zu beschäftigen, sie haben auch die analytischen Fähigkeiten und kreativen Einsichten, um die wichtigsten Lehren aus ihm zu ziehen. Tatsächlich ist die Verbesserung der Qualität und Differenziertheit von Ermittlungen laut vielen Luftfahrtexperten in den vergangenen Jahren eines der entscheidenden Kriterien für die Erhöhung der Sicherheit gewesen“

Matthew Syeds Buch liest sich über weite Strecken wie ein spannender Action-Thriller, insbesondere wenn er Beispiele aus der Luftfahrt schildert. Durch die ungemein lebendige und packende Erzählweise bringt der ehemaligen Tischtennis-Profi, der viermal englischer Meister war und heute für die ‚Times‘ und die BBC arbeitet, seinen Lesern die Fälle ungemein nah. Sehr überzeugend wirkt dabei insbesondere seine Fähigkeit, die Sachverhalte sehr differenziert und aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Leider lässt diese Herangehensweise gegen Ende des Buches ein wenig nach und dennoch ist Das Blackbox Prinzip. Warum Fehler uns weiter bringen ein sehr lesenswertes Buch, nicht zuletzt auch weil es nach Ansicht von Matthew Syed nichts Geringeres als die Gründe für die Überlegenheit des kapitalistischen Wirtschaftssystems zu Tage fördert.

„Was glaubt ihr denn“ bei der Ruhrtriennale

Aufführung "Was glaubt ihr denn" in Dinslaken-Lohberg

„Was glaubt ihr denn, Wer wir sind, Was wir glauben, Was glaubt ihr denn…“ – Es geht um Heimat, Akzeptanz, Glauben, Gemeinschaft und Zufriedenheit in dem Text von Björn Bicker, den die drei Frauen und zwei Männer rezitiern. Sie sitzen vor den Besuchern der Kirche wie bei einer Predigt. Die fünf wirken wie ein Querschnitt durch die im Ruhrgebiet ansässigen Ethnien – europäisch, afrikanisch, arabisch, vielleicht auch ein bisschen asiatisch – und sprechen akzentfrei Deutsch.

Querschnitt durch die Bevölkerung

Der Text wechselt scheinbar willkürlich von einem zum anderen, so, als würden die fünf die im Text ausgedrückte Kritik, Sorge, Anerkennung oder den Zweifel mit einer Stimme vortragen. Manchmal widersprechen sie sich selbst innerhalb des eigenen Sprechens. Das wirkt, als ob sie nicht nur mit einer Stimme, sondern als ob jeder Einzelne auch immer vielen Menschen eine Stimme geben würde, sogar Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern und anderen Glaubensrichtungen: „Was glaubt ihr denn, wo es einen besseren Platz geben könnte. Was glaubt ihr denn, wo wir nicht stören. Wo wir stören. Wo wir uns treffen sollten. Wo wir Euch begegnen könnten. Was glaubt ihr denn, wer ihr seid. Was glaubt ihr denn, wer wir sind…“

Wie mit einer Stimme

Vor Beginn der Veranstaltung hat die Pfarrerin der Lutherkirche Dinslaken-Lohberg davon gesprochen, dass das tolerante Zusammenleben hier eigentlich meistens gut funktioniert. „Wir bedrängen einander nicht, wir akzeptieren uns“, erklärt sie und spricht weiter davon, dass sie das eigentlich schon sehr lange so machen. Die Pfarrerin spricht davon, dass sie sich in Dinslaken-Lohberg in manchen negativen Berichten der Medien nicht wieder erkannt hätten. „Ich lade Sie ein. Kommen Sie wieder, sehen Sie sich selber an, wie wir hier leben. Machen Sie zum Beispiel ein Picknick, das darf man hier nämlich auf unseren Grünflächen“. Auch der anwesende Imam spricht von der Erde als „einem Haus, in dem wir gemeinsam und in Frieden zusammen leben wollen“. Beide bekommen viel Applaus.

Friedliche Atmosphäre

Ich bin zum ersten Mal in Dinslaken-Lohberg. Dinslaken ist ein kleiner und an diesem Sonntag sehr ruhiger Ort. Der Bus, der mich vom Bahnhof zur Lutherkirche im Stadtteil Lohberg bringen soll, fährt nur einmal in der Stunde und da ich mit Verspätung ankomme, verpasse ich ihn. Auch ein Taxi ist nirgendwo in Sicht und in Folge dessen laufe ich den Weg zu Fuß. Erst ärgere ich mich ein wenig, weil ich befürchte, zu spät zu kommen, aber dann macht es mir sogar Spaß. Ich komme vorbei an einer Graffiti-Wand, die mir bildgewaltig und mit den Worten ‚Dinslaken ist bunt‘ das kreative Potential dieser Stadt vor Augen führt. Ich laufe eine Hauptverkehrsstraße entlang, vorbei an einem Industriegelände und grünen Wiesen, bis ich schließlich den Förderturm der stillgelegten Zeche am Horizont entdecke und in einer beschaulichen Siedlung lande. Hier ist es sehr ruhig, alles wirkt wohlgeordnet und sehr deutsch, doch auf der Straße begegnen mir augenscheinlich fast ausschließlich türkischstämmige Menschen. Ich muss manchmal nach dem Weg fragen und bekomme freundlich, hilfsbereit und in akzentfreiem Deutsch Auskunft.

Urban Prayers Ruhr werden an unterschiedlichen Orten des Ruhrgebiets in Moscheen, Tempeln, Freikirchen oder Synagogen aufgeführt. Ich habe mich entschieden, mir eine Vorstellung der Urban Prayers Ruhr in Dinslaken-Lohberg anzusehen, weil es mich interessiert wie eine in Deutschland anerkannte und traditionsreiche Glaubensgemeinschaft wie die evangelische Kirche anderen begegnet. Ich weiß, dass das Ruhrgebiet mit dem Bergbau, seiner Schwerindustrie und den vielen dort benötigten Arbeitsplätzen bereits seit dem letzten Jahrhundert ein starker Magnet für Menschen aus unterschiedlichsten Ländern ist. Die Hoffnung auf soziale Absicherung durch einen festen Arbeitsplatz hat sich für viele erfüllt, die einstigen Fremden haben ein neues zu Hause gefunden und leben bereits seit Generationen hier. Heute scheint es vielen gar nicht mehr bewusst zu sein, dass das Ruhrgebiet eigentlich ein klassischer ‚Melting Pot‘ ist und das Zusammenleben unterschiedlicher Nationalitäten und Glaubensrichtungen hier eigentlich einen grundlegenden Teil des sozialen Gefüges ausmacht.

Magnet für Menschen aus der ganzen Welt

„Was glaubt ihr denn, warum wir so viele sind, warum ihr denkt, dass ihr viel mehr seid. Warum das nicht stimmt…“ rezitieren die fünf Vortragenden. Die Kirche ist voll an diesem Sonntag Nachmittag, voller Menschen unterschiedlicher Hautfarben und Glaubensrichtungen, von denen die meisten offensichtlich gebannt dem Vortrag lauschen. Ergänzt wird die Rezitation in regelmäßigen Abständen durch Lieder aus unterschiedlichen religiösen Kontexten, meisterhaft dargeboten durch das Vokalensemble ChorwerkRuhr.

Begeisterter Applaus

Am Ende wird dieser sehr einträchtig wirkende Nachmittag mit begeistertem Applaus und Standing Ovations belohnt. Obwohl ich natürlich letztlich nicht beurteilen kann, wie das Zusammenleben hier im Alltag funktioniert, haben sie mich persönlich an diesem Sonntag überzeugt. Hier und heute kommt mir die Behauptung der Pfarrerin der Lutherkirche, dass das Zusammenleben in dieser Gegend eigentlich meistens gut funktioniert, absolut glaubwürdig vor und macht mir Hoffnung.

Was glaubt ihr denn von Björn Bicker ist als Buch erhältlich.

Über das Leben in Städten

Über das Leben in Städten: Foto Berlin bei Nacht

Ein Schwerpunkt der letzten Ausgabe des internationalen literaturfestival berlin war die Reihe ‚Visions 2030’, die sich mit dem Leben in Städten auf allen fünf Kontinenten, heute und in Zukunft, beschäftigt hat. Omar Akbar war Diskussionsleiter der Reihe und beschreibt, warum dieses Thema so wichtig ist:

Omar Akbar: „In der Stadt sammeln sich Ethnien, Kulturen, Innovationen, Forschung und Wissenschaft, dies strömt eine besondere Attraktivität aus. Somit ist die Migration ein altes Thema in den Städten, sie verspricht den Migranten Hoffnung die Möglichkeiten zu nutzen, auch die Ärmsten der Armen erhalten eine Chance und könnten es schaffen.

Die Urbanisierungsprozesse und auch das Wachstum der Städte wird seit Jahrzehnten beobachtet. Es ist eine unaufhaltsame Entwicklung mit der Folge, dass die dörflichen Strukturen weltweit aufgegeben oder industriell transformiert werden. Ägypten ist ein interessantes Beispiel dafür.

Generell ist der Wandel ein Wesenszug der Stadt. Sie kann wachsen, stagnieren oder schrumpfen. Ehemals strategisch wichtige Orte wie etwa die Handelswege können ihre Funktionen ändern – Die Geschichte ist voll von solchen Veränderungen. Auch aktuell können wir so etwas in Deutschland beobachten: die Städte in Ostdeutschland und im Ruhrgebiet schrumpfen. Das ist darauf zurückzuführen, dass die Bevölkerungszahl sich reduziert und damit ganz natürliche Veränderungen nach sich zieht. Folglich haben wir mehr bebaute Flächen und weniger Menschen.

Zugleich ist festzustellen, dass wir die Völkerwanderung falsch eingeschätzt haben. Sie existiert weltweit und zur Zeit sind es etwa 6 Millionen, die ihre Orte verlassen. Allein im Libanon mit einer Einwohnerzahl von etwa 4 Millionen leben zur Zeit 1 Million syrische Flüchtlinge. Die Völkerwanderung wird weiterhin erheblich wachsen – auch nach Europa.“

Manchmal hat man den Eindruck, das wichtigste Thema in Bezug auf die Stadtentwicklung in Deutschlandist das Sterben der kleinen Geschäfte in den Innenstädten und die Leere, die dort dann offenbar zurück bleibt. Oft wird ja der Online-Handel dafür verantwortlich gemacht. Woanders ist das aber kein Thema?

Omar Akbar: „Es ist richtig, Einkaufszentren nehmen massiv zu und die Bedeutung des Einzelhandels wird rudimentärer. Trotzdem haben die großen Marken sich ihre individuellen Standorte geschaffen. Zugleich glaube ich nicht daran, dass der Online-Handel das städtische Leben verändern wird. Er ist eine Ergänzung. Der Markt ist viel zu flexibel und beachtet genauestens die Bedürfnisse. Auch die individuelle Kommunikation spielt eine bedeutende Rolle. Häufig bevorzugen Kunden eine professionelle Beratung, möchten die Qualität der Waren fühlen, oder auch die typischen Gerüche wahrnehmen. Im Kontext der Globalisierung sind neue Angebote hinzugekommen. Auf dem Markt in Florenz beschrieb ein Betreiber die Veränderung der Gerüche. Es riecht nicht mehr florentinisch nach Käse, Gemüse etc., sondern auch nach Sushi und Döner.“

Wie sehen Sie das Bewusstsein der Menschen hinsichtlich der Mentalitäten oder des Verhaltens in der Öffentlichkeit?

Omar Akbar: „In der Öffentlichkeit verhält man sich in Deutschland zurückhaltend, wenn es um Körperkontakte geht, insbesondere unter Männern. Im mediterranen Raum ist dieses viel unverkrampfter, die Emotionalität wird anders ausgedrückt.

Ebenso sehe ich in Bezug auf die Esskultur gravierende Unterschiede: überall findet man regionale Unterschiede und Geschmacksrichtungen. Darüber hinaus möchte ich weitere Besonderheiten aufzählen: Lebt man beispielsweise in Algier ist es ist im Prinzip unmöglich, sich von der eigenen Familie zu emanzipieren, wobei es Frauen dabei besonders schwer haben. Abends in den Cafés und Restaurants sitzen im wesentlichen die Männer, ein allgemein bekanntes Phänomen im Orient. Andererseits können Frauen in Bogotá de facto keine Busse benutzen, da die Vergewaltigungsraten extrem hoch sind. Die Realitäten verändern sich natürlich stetig. Als ich Ende der 80er Jahren in Ägypten lebte, war es dort sogar nach Angaben der Deutschen Botschaft sicherer, als Berlin. Man konnte in Kairo seine Einkaufstüten auf dem Auto stehen lassen, ohne dass etwas abhanden kam.“

Woran liegt es denn, dass die politische Lage sich in dieser Gegend so zugespitzt hat?

Omar Akbar: „Viele Probleme sind unter anderem ein Ergebnis der nachkolonialen Phase und dem Zerfall der Sowjetunion. Zugleich befreite sich der Islam von Bevormundung durch staatliche Organisationen. Nach dem Fall vom Schah im Iran begann die gänzliche Islamisierung der Gesellschaft, ein Vorbild für andere islamische Länder in der Region. Dass dieser Schritt über die Region hinaus gehen würde, wusste man zu dieser Zeit nicht. Die aktuelle Islamisierung hat bedingt mit dem Einmarsch des Westens im Nahen-Osten etwas zu tun. Es ist im Wesen bestimmter Islambewegungen verhaftet.“

Zum Abschluß: Wie sehen sie die Situation in Deutschland?

Omar Akbar: „Ich persönlich stelle fest, dass wir in Deutschland alle Freiheiten haben, um uns entfalten zu können. Jene, die hier alles problematisch finden, sollten in ihren Herkunftsländern beispielsweise einmal zum Arzt oder ins Krankenhaus gehen. Da erfährt man, welche Rolle Macht und Geld spielen können.

Die Errungenschaften dieses Landes muss man schätzen lernen und verinnerlichen. Nur mit dem Konsum westlicher Güter kann die eigene Entwicklung nicht voranschreiten.“

AutorInnen:

Kevin Barry, Irland: ‚Die dunkle Stadt Bohane‘, Roman  / Mircea Cărtărescu, Rumänien: ‚Die Wissenden‘, Roman / Maria Sonia Cristoff, Argentinien: ‚Unter Einfluss‘, Roman / Roddy Doyle, Irland: ‚Henry, der Held‘, Roman / Sónia Gomes, Angola / Helon Habila, Nigeria / USA: ‚Öl auf Wasser‘, Roman / Rawi Hage, Libanon / Kanada: ‚Kakerlake‘, Roman / Perihan Maǧden, Türkei:  ‚Zwei Mädchen: Istanbul-Story‘, Roman /  Suketu Mehta, Indien / USA: ‚Bombay: Maximum City‘, Roman / Laura Restrepo, Kolumbien/E: ‚Land der Geister‘, Roman /  Boualem Sansal, Algerien:  ‚2084: Das Ende der Welt‘, Roman

WissenschaftlerInnen:

Zeynep Aygen (Türkei), Sonja Beeck (D), Angelika Fitz (A), Adam Greenfield (USA), Martina Löw (D), Hildegard Matthias (D), Philipp Misselwitz (D), Stephan Rammler (D), Helmut Rechenberger (A), Stefan Schaurig (D), Jasmin Wiebke (D)

Hundeskulpturen von Poren Huang

Hundeskulptur von Poren Huang

Hundeskulptur "I'm not happy" von Poren HuangSie sind überwiegend aus schwarz-glänzendem Material, die Hundeskulpturen des auf der Insel Taiwan lebenden und arbeitenden Künstlers Poren Huang. Damit bilden sie ihr Vorbild in entscheidender Hinsicht realitätsgetreu nach: den Taiwanhund, der besonders oft über ein schwarzes Fell verfügt. In Taiwan ist der Hund seit Jahrhunderten ein treuer Begleiter der Menschen. Poren Huang porträtiert in seinen Skulpturen auf sehr humorvolle Weise typische Verhaltensweisen von Hund und Mensch, die durch die reduzierte Darstellungsweise viel Ähnlichkeit mit Comic- oder Spielzeugfiguren aufweisen.

Hundeskulpturen von Poren HuangHunde haben in Asien generell eine besondere Bedeutung. Der Hund ist beispielsweise ein Tier des traditionellen chinesischen Kalenders, dem mit dem Attribut ‚treu’ eine eindeutig positive Eigenschaft zugewiesen wird. Dem unerschütterlich treuen Hund Hachikō, einem japanischen ‚Akita‘, ist sogar in Form des gleichnamigen Films mit Richard Gere in der Hauptrolle ein Denkmal gesetzt worden. Hachikō weist genauso wie der Taiwanhund mit dem dreieckigen Kopf und der sichelförmigen Rute viel Ähnlichkeit mit dem Urtyp auf und ähnelt insofern auch sehr den Hundeskulpturen, die Poren Huang herstellt. Während es sich bei japanischen ‚Akita‘ um eine sehr alte Rasse handelt, ist der Taiwanhund erst im Jahr 2015 offiziell als eigenständige Rasse anerkannt worden. Als Jagdhund war er Jahrhunderte lang ein treuer Begleiter der Menschen auf der Insel Taiwan, die bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts noch vorwiegend landwirtschaftlich geprägt war. Nutztiere, die den Menschen bei der Bewältigung des Alltags behilflich waren wie etwa auch Rinder sind in Asien von je her ein beliebtes künstlerisches Motiv, erklärt Art Manager Oscar Chan im Interview (das ganze Interview befindet sich in Video-Form am Ende des Artikels).

Hundeskulptur von Poren HuangGenerell war Kunst in China von je her an Alltägliches und den Begriff ‚yi‘ gebunden. Er bezeichnet ‚Kunstfertigkeit, Geschicklichkeit, Tüchtigkeit und Handwerk‘ und lässt sich etymologisch von dem Begriff für die Bearbeitung und Bepflanzung eines Feldes und der erfolgreichen Kultivierung herleiten. Bereits Konfuzius diente die Kunst zur ‚Ergötzung‘ und hatte eine wichtige ethische Funktion, wie Helmut Brinker, Professor für die Kunstgeschichte Ostasiens an der Universität Zürich, erklärt:

„Sie ist gleichsam das Instrument zur Vervollkommnung des eigenen Charakters und trägt insofern zur Festigung der Kardinaltugenden bei, zur Realisierung des humanistischen Ideals“

Hundeskulptur von Poren HuangLange Zeit fanden Plastiken in China wenig Beachtung, Kunst war vor allen Dingen an das Malen und Schreiben gebunden. Plastiken wurden lange Zeit ausschließlich als Grabbeigaben verwendet und waren damit für Sammler und die Öffentlichkeit uninteressant. Als beachtenswert galten allerdings gemäß Helmut Brinker die Bronzeplastiken aus vorchristlicher Frühzeit, da sie als „Träger authentischer Werte und ethischer Vorstellungen berühmter ehemaliger Besitzer“ verstanden wurden.

So humorvoll und unbeschwert die Skulpturen aus Bronze von Poren Huang überwiegend wirken, meist portraitieren sie nicht nur typische Verhaltensweisen des Hundes, sondern auch des Menschen. Die Familie des Künstlers züchtet den Taiwanhund bereits seit vielen Jahren. Er beschreibt das besondere Verhältnis von Mensch und Hund folgendermaßen: 

„Seit Beginn der Zivilisation, haben Mensch und Hund ein sehr enges Verhältnis zueinander. Um mit den Menschen möglichst reibungslos zusammen leben zu können, sind Hunde lange Zeit dazu erzogen worden, sich den Menschen anzupassen. Hunde haben viele großartige Eigenschaften, aber die Menschen lernen selten von ihrem treuesten Begleiter“

Hundeskulptur von Poren HuangDie glänzenden Hunde sind zwar idealisiert, aber dennoch in Haltung und Bewegungen sehr lebensecht nachgebildet. Sie schauen ihren Betrachter erwartungsvoll an, fast so, als wollten sie gleich loslaufen, heben sichtlich gestresst das Bein oder gucken ein wenig enttäuscht, aber doch irgendwie erwartungsvoll, in den leeren Napf. Deutlich stärker scheinen Hunde mit Teufelsohren und menschlichem Gesicht oder mit wütend in den Himmel gereckten Riesenpranken karikaturenhaft an ihre eigene, weniger brave, Seite und gleichzeitig auch die ihrer Besitzer zu erinnern.

Die Herstellung der Plastiken aus den Grundmaterialien Bronze oder Stahl, die dann später mit Überzügen und Farben versehen werden, ist sehr aufwendig. Poren Huang hat für etwa 40 Hundeskulpturen rund 10 Jahre gebraucht. In der Galerie aquabitArt werden Handschuhe verteilt, mit denen sich die genaue Beschaffenheit der überwiegend fröhlichen Hunde auch haptisch genau erkunden lässt. Wie in der traditionellen asiatischen Kunst ist auch für Poren Huang eine möglichst große Nähe zwischen Mensch und Kunstwerk sehr wichtig. Ebenso wichtig, wie das Bestreben, den Betrachter mit einem möglichst positiven Gefühl zurück zu lassen:

„Das schnelle Wirtschaftswachstum und die technische Entwicklung nach Ende des Zweiten Weltkriegs haben den Menschen eine deutlich bessere Lebensqualität beschert, aber auch einen Verfall ethischer Werte. Aus Egoismus verfeinden sich viele Menschen sehr schnell mit ihren Liebsten. Außerdem sind Menschen heute weniger stressresistent und die Zahl derer, die depressiv, manisch-depressiv oder generell psychisch labil sind, hat deutlich zugenommen. Die meisten Menschen sind heute deutlich wohlhabender, aber wesentlich weniger glücklich und zufrieden mit ihrem Leben als früher, als sie noch in Armut lebten oder Kriege erleiden mussten“

Die Plastiken sollen ihre Betrachter mahnend an die guten Eigenschaften der Hunde erinnern und ihnen außerdem Nähe, Unbeschwertheit und Freude vermitteln, ganz gemäß des Mottos, das einer goldenen Hundeskulptur den Namen gibt: „Every Day is a New Start“.

Die Hundeskulpturen von Poren Huang können dauerhaft in der Galerie aquabitArt in Berlin-Mitte in Augenschein genommen werden: www.art.aquabit.com

Quellenangabe:

Brinker, Helmut: ‚Die chinesische Kunst‘. Verlag C.H. Beck, München 2009. ISBN 978-3-406-59272-0, 7,90€.

Indonesische Lyrik: Fremd und doch so nah

Indonesische Lyrik: Kendra gehört zu den wichtigsten Vertretern

Bei der Lesung im Literaturhaus Berlin wird der Text erst in der offiziellen indonesischen Landessprache Bahasa Indonesia gelesen, dann auf Deutsch. Die Eindrücke könnten unterschiedlicher kaum sein: Auf der einen Seite die sehr melodisch klingenden Worte, denen der vortragende Agus R. Sarjono mit viel Emphase Leben einhaucht und auf der anderen die deutsche Version. Die ganze Art des Vortrags ist anders, sie ist deutlich nüchterner und zurückhaltender, wodurch sie zumindest eher den hiesigen Gewohnheiten bei Lesungen entspricht. Doch es funktioniert trotzdem, vor allen Dingen auf der inhaltlichen Ebene.

Wie viele indonesische Gedichte, trägt auch ‚Die Predigt‘ stark narrative und absurde Züge. Die Schilderung eines Priesters, der verzweifelt versucht, der Menschenmasse in seiner Kirche zu erklären, dass er ihnen leider weder mit Rat noch Führung behilflich sein kann, bringt auch die deutschsprachigen Zuhörer zum Lachen. Das Gedicht gehört zu den bekanntesten, Verfasser ist der Lyriker, Dramatiker, Schauspieler und Regisseur Rendra. 2009 verstorben, wirkt die Arbeit des Modernisierers der indonesischen Kultur bis heute nach. „In Indonesien sind Lesungen sehr gut besucht“, erklärt der Übersetzer und Indonesien-Experte Berthold Damshäuser, „Rendra hat Lesungen vor gut 10.000 Menschen in Sportstadien gehalten. Die Indonesier sind gute Performer und nur sehr wenige rezitieren ihren Text nicht selbst. Außerdem gibt es dort kaum eine Veranstaltung, bei der nicht gelacht wird“. In Indonesien lassen sich nur sehr wenige gedruckte Bücher, dafür aber umso mehr Eintrittskarten für solche Lese-Performances verkaufen, die oft von Musik begleitet werden.

Das Äquatorarchipel Indonesien, das rund 17.000 Inseln mit vielen eigenen Sprachen und Traditionen umfasst, war jahrhundertelang eine niederländische Kolonie. Bis heute haben dort europäische Einflüsse neben arabischen, indischen und chinesischen Spuren hinterlassen, die sich auch in den Texten der von Berthold Damshäuser und Agus R. Sarjono herausgegebenen Lyrik-Anthologie Sprachfeuerentdecken lassen. Ein Gedicht von Sitor Situmorang etwa, das den Titel ‚Weimar‘ trägt, dreht sich um das bis heute spürbare Nachwirken der beiden in Indonesien bekannten Dichter Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller. Ebenso beinhaltet die Sammlung ein Poem Afrizal Malnas, in dem das Wort ‚Dada’ die dominierende Rolle spielt. Gemeint ist damit allerdings nicht nur die europäische Avantgarde-Bewegung von Anfang des 20. Jahrhunderts, das Wort hat darüber hinaus gehend diverse Bedeutungen in der indonesischen Sprache. Indirekt lassen sich unter anderen Einflüsse Friedrich Hölderlins, Rainer Maria Rilkes, Paul Celans, Arthur Rimbauds, Guillaume Apollinaires und natürlich William Shakespeares erkennen.

Trotz aller erkennbaren Parallelen, gibt es eindeutige Brüche mit der europäischen Tradition. Reim und Versmaß im ‚klassischen‘ Sinne lassen sich nicht finden, was laut Berthold Damshäuser nicht zuletzt auf Eigenheiten der Bahasa Indonesiazurückzuführen ist: „ Die indonesische Sprache kennt keine Metrik und damit lassen sich auch keine festgefügten Metren finden“. Insofern erinnern die Gedichte mit ihrem oft sehr prosaischen Charakter am ehesten an moderne europäische Lyrik, wobei sich indonesische Gedichte neben der ungemein assoziationsreichen Sprache vor allen Dingen durch eine ihnen eigenen Rhythmik und Musikalität auszeichnen.

Die Themen der 223 Gedichte von 28 Lyrikerinnen der Anthologie Sprachfeuer reichen von Liebe und Einsamkeit über Gewalt und Politik bis hin zu Impressionen von Landschaft und Religion, wobei der Islam eine zentrale Rolle spielt. Mehr als 80% der Indonesier sind Muslime. Dabei stehen Gedichte mit eindeutig religiöser Thematik wie ‚Herr, wir sind uns so nah‘ von Abdul Hadi WM neben Werken feministischer Prägung wie denen der Philosophie-Professorin Toeti Heraty. Auch die teilweise umstrittene Lyrikerin Dorothea Rosa Herliany, die Gewalt an, aber ebenso von, Frauen in ihren Werken anspricht, hat einen festen Platz in der indonesischen Lyrik-Szene. Manche Gedichte scheinen die Verhältnisse vor und um den Sturz des Suharto-Regimes 1998 zu beleuchten. Ein Ereignis, das in der kreativen Szene Indonesiens Veränderungen nach sich gezogen hat. „Seit dem Sturz ist die indonesische Literatur generell so frei, dass sie die Verhältnisse getreu abbildet“, beschreibt Berthold Damshäuser die Auswirkungen. Einige Poeme befassen sich außerdem mit der tropischen Landschaft und Vegetation des Äquatorarchipels in ihrer gesamten Abivalenz. Nicht selten geschieht das auf eine für europäische Leser zum Teil ungewöhnliche, aber gleichzeitig erstaunlich vertraute Weise.

Berthold Damshäuser empfiehlt für die Lektüre:  „Man sollte eigentlich nur auf den Text achten und vergessen, dass es ein indonesischer ist“. Das gelingt in den meisten Fällen sehr gut.

Leseempfehlungen: 

Sprachfeuer. Eine Anthologie moderner indonesischer Lyrik. Hg. Agus R. Sarjono und Berthold Damshäuser. 374 Seiten, regiospectra verlag berlin. ISBN 978-3940132741

Gebt mir Indonesien zurück! Eine musikalische begleitete Lesung moderner indonesischer Lyrik (in deutscher Sprache). Rezitation: Berthold Damshäuser, Musique automatique: Peter Habermehl. Gesamtspielzeit: 73:38:08. Audio-CD. Katalognummer: 01970101

1965ff. Die Gegenwart eines Massenmordes. Ein politisches LesebuchHg. Anett Keller für die Südostasien-Informationsstelle. 220 Seiten, regiospectra verlag berlin. ISBN 978-3940132680

Martin Jankowski: Indonesien lesen. Notizen zu Literatur und Gesellschaft. 195 Seiten, regiospectra verlag berlin. ISBN 978-3-9401-3266-6

Samar Yazbek: „Wir Syrer können den Konflikt nicht lösen“

Buchcover "Die gestohlene Revolution - Reise in mein zerstörtes Syrien" von Samar Yazbek

Wenn es ganz schlimm gewesen sei, habe sie sich vorgestellt, eine Romanfigur zu sein, erklärt die mehrfach ausgezeichnete syrische Journalistin und Autorin Samar Yazbek bei der Präsentation ihres neuen Buchs Gestohlene Revolution – Reise in mein zerstörtes Syrien im Rahmen des internationalen literaturfestival berlin. Das habe ihr geholfen, die lebensgefährlichen Situationen besser zu ertragen, in die sie bei heimlichen Reisen nach Syrien geraten sei.

Seitdem bei der letzten Reise ihr Begleiter, ein polnischer Journalist, entführt worden und ein mit ihr kooperierendes Medienbüro angegriffen worden sei, verzichte sie ganz auf Reisen in ihre Heimat. Die Situation im Land sei unerträglich, vor allen Dingen für Zivilisten. Verantwortlich dafür sei in erster Linie der IS. Es habe die Hoffnung gegeben, in den Gebieten, die die Aufständischen Präsident Assad entreißen konnten, einen neuen Staat zu errichten. Sie selbst habe mit vielen Frauen, meist Witwen getöteter Kämpfer, gearbeitet und versucht, sie zu schulen, um ihnen eine wirtschaftliche Perspektive zu bieten und insgesamt die Zivilisation wieder aufzubauen. Das sei jedoch nicht möglich gewesen. Der IS und andere Terrorgruppen hörten nicht auf, insbesondere zivile Opfer zu attackieren und machten damit jegliche Hoffnung zunichte.

Sie habe nicht den Eindruck, dass die Syrer selbst in der Lage seien, den Konflikt zu lösen. Wirklich etwas erreichen könnten nur die Großmächte. Eigentlich habe sie nur noch journalistisch arbeiten wollen, um die Situation dort etwa in Form von Interviews zu dokumentieren. Die Literatur sei in Syrien ganz weit weg und sie könne sich im Moment kaum vorstellen, dort jemals wieder an einen solchen Punkt zurück zu kehren. Aber sie wolle versuchen, über die Ereignisse in Syrien bis 2013 Zeugnis abzulegen und habe ihre Eindrücke in Gestohlene Revolution – Reise in mein zerstörtes Syrien festgehalten.

Mehr Informationen über Samar Yazbek gibt es unter: www.literaturfestival.com/archiv/teilnehmer/autoren/2013/samar-yazbek

Samar Yazbek: Gestohlene Revolution – Reise in mein zerstörtes Syrien. Deutsch von Larissa Bender.

„Das zweite Leben des Cassiel Roadnight“ von Jenny Valentine

Buchcover "Das zweite Leben des Cassiel Roadnight" von Jenny Valentine

Sie waren hinter ihm her und so weiß Chap sich in Das zweite Leben des Cassiel Roadnight von Jenny Valentine wieder nicht anders zu helfen, als in der Notunterkunft für schwierige Kinder irgendwo in Ost-London Schutz zu suchen. Halb verhungert von seinem Leben auf der Straße und mit einer ordentlichen Portion Wut im Bauch, weigert er sich, den Betreuern seinen Namen zu nennen und verprügelt einen anderen Jungen so schwer, dass sie ihn in die Abstellkammer einschließen. Auch dort beruhigt er sich kaum:

„Eigentlich war das der Grund, weshalb sie mich einschlossen. Weil ich gewonnen hatte. Das darfst du nämlich nicht. Ich weiß nicht mehr, wie der Junge hieß. Ich weiß nicht einmal mehr, um was es bei der Prügelei gegangen war. Ich war seit über zwei Stunden da drin. Ich wollte alles kurz und klein schlagen. Ich sah mir zu, wie ich es tat, irgendwo in meinem Kopf“

Doch plötzlich zeigen die Betreuer ihm die Vermissten-Anzeige eines Jungen, der Chap zum Verwechseln ähnlich sieht: Cassiel Roadnight. Sie beharren darauf, dass er der vermisste Junge ist und schließlich ertappt Chap sich bei dem Gedanken, dass die perfekte Lösung seiner Probleme darin liegen könnte, Cassiel Roadnights Identität anzunehmen:

„Ich betrachtete Cassiel Roadnights glückliches, makelloses, furchtloses Gesicht. Und dann kam mir der Gedanke, ich könnte, wenn ich nur wollte. Er schlich sich ein. Ich sah ihn kommen und gab mir solche Mühe, ihn zu ignorieren. Ich könnte.Und wenn ich Cassiel Roadnight wäre, sagte der Gedanke, dann müsste ich nicht mehr ich sein, wer immer das war“

Als Leser begleitet man Chap dabei, wie er Cassiel Roadnights Familie und ihn selbst langsam kennen lernt. Man erfährt dabei auch etwas über Chaps Unsicherheit, seine Angst ertappt zu werden und wie er sich mit all der Liebe und Wiedersehensfreude der Familie Roadnight, die er sich eigentlich so sehr gewünscht hat, überfordert zu fühlen beginnt. Parallel dazu kehrt die Erinnerung an sein eigentliches Leben zurück, bis hin zu dem schmerzhaftesten Punkt, an dem er einfach nur noch alles vergessen wollte. Außerdem erweist sich das neue Leben als nicht weniger bedrohlich und Chap gerät in Lebensgefahr, als er versucht herauszufinden, was vor Cassiels Verschwinden geschehen ist.

Friedtjof Küchemann lobt Das zweite Leben des Cassiel Roadnight in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Geschichte mit „Spannung und Schwung“, der es gelingt „ein paar große Themen des Heranwachsens zu berühren, ohne sie den Jugendlichen aufzudrängen“. Den Spiesser überzeugt das Buch mit „Spannung, unerwarteten Wendungen und der starken Geschichte eines Jugendlichen auf der Suche nach Zugehörigkeit und Identität“. Jenny Valentine gibt sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden und hat insgesamt ein vielschichtiges und spannendes Buch geschrieben.

„Ariel. Tod der Spinnenfrau“ von Harry Nykänen

Buchcover "Ariel. Tod der Spinnenfrau" von Harry Nykänen

Maija Erkkilä war in Helsinki bereits zu Lebzeiten eine Legende. Sie soll in ihrer Jugend herausragend schön gewesen sein, war mit einem Bankräuber verheiratet und hat wegen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung im Gefängnis gesessen. Einem bisher undurchdringlich fein gesponnenen Netz aus Verrat und Intrige hat sie in Ariel. Tod der Spinnenfrau von Harry Nykänen einen furchteinflößenden Ruf und ihren Spitznamen zu verdanken.

Es ist also ein ganz besonderer Fall, zu dem der jüdische Kommissar Ariel Kafka an diesem Abend während des Sabbats gerufen wird. Es hat eine Messerstecherei in der Wohnung der Erkkilä gegeben.  Ihr Anblick ist insgesamt erschütternd:

„Jetzt war sie bereits in den Fünfzigern und die Spuren ihres wüsten Lebens zeigten sich in ihrem aufgedunsenen Gesicht. Die Teilprothese des Unterkiefers war ihr aus dem Mund gerutscht und lag auf dem Fußboden, sie wirkte irgendwie wie ein scheues Exemplar aus der Familie der Taschenkrebse, das im Begriff war, unters Sofa zu kriechen und sich zu verstecken. Hätte ich nicht draußen am Briefkasten den Namen gelesen und jetzt die Tätowierungen an den Händen gesehen, wäre ich hinsichtlich der Identifizierung unsicherer gewesen. Auf dem Handrücken hatte sie das Tattoo eines Spinnennetzes, das bis zu den Gelenkknöcheln reichte“

Die Ermittler finden in der Wohnung noch einen weiteren Toten, der im Gegensatz zur Erkkilä auffallend gepflegt gekleidet ist: Es ist der erst vor gut drei Jahren pensionierte Vizepolizeichef. Für die Ermittler gilt nun erhöhte Vorsicht. Sie haben den Auftrag,  den Ruf des ehemaligen Vizepolizeichefs nach Möglichkeit nicht zu beschädigen.

Doch es zeigen sich immer mehr Verstrickungen zwischen ihm und den Kreisen der „Spinnenfrau“: Angefangen bei seiner drogenabhängigen und mittlerweile verstorbenen Tochter, über sein unerklärlich hohes Vermögen bis hin zu einem dubiosen Überfall, von dem anscheinend auch ein frührerer Außenminister betroffen gewesen ist. Ab einem gewissen Punkt schaltet sich der Geheimdienst ein und der Fall bekommt entlang des dicht gesponnenen legendären Netzes der „Spinnenfrau“ regelrecht kafkaesk undurchdingliche und verwirrende Züge:

„Noch nach ihrem Tod führten die Fäden ihres Netzes in alle Richtungen. Wenn man an dem einen zog, vibrierte ein anderer. Sie selbst war der Mittelpunkt all dessen und jeder, der mit ihr zu tun bekam, naschte Gift, auf die eine oder andere Weise“

Bevor Harri Nykänen damit begonnen hat, Kriminalromane zu schreiben, war er zwanzig Jahre lang Polizeireporter bei Helsingin Sanomat, der größten finnischen Tageszeitung. Danach ist er als Autor der Raid-Romane bekannt geworden, in denen er die Erlebnisse des gleichnamigen Gentleman-Killers beschreibt. Deren zwölfteilige Verfilmung ist die erfolgreichste finnische Fernsehserie aller Zeiten. Ariel. Tod der Spinnenfrau ist ein sehr lesenswerter Krimi.

„Drogen sollten legal werden“

Beim 15. ilb ging es zB um den Umgang mit Drogen und andere politische Themen

„Dass Schreiben Politik ist, schon im Akt des Niederschreibens und erst recht im öffentlichen Vortrag: Das ist immer wieder spürbar, gerade beim internationalen literaturfestival berlin„, schreibt Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele und damit Gastgeber des internationalen literaturfestivals berlin, in seinem Grußwort. Die Reihe Reflections sollte dem Politischen konkret Raum geben und Themen eine Plattform bieten, die möglicherweise auch weh tun. In diesem Rahmen haben die Mexikanerin Sabina Berman und die Kolumbianerin Laura Restrepo über die Situation in Lateinamerika berichtet. Sie kommen zu dem Ergebnis: Um die großen Probleme in Latein- und Süd-Amerika zu lösen, sollten Verkauf und Konsum von Drogen legal werden. 

Man gehe davon aus, dass rund 100 Millionen Menschen in den USA und fast 35 Millionen Menschen in Europa Marihuana oder Kokain konsumierten, erklärt Sabina Berman. Die Drogen seien Teil des Lebensstils geworden. Dabei sei der Konsum im Allgemeinen straffrei, nur der Handel werde polizeilich und juristisch verfolgt. Das sei Heuchelei. Da beispielsweise ein in Kolumbien produziertes Gramm in den USA und Europa für das zehn- oder zwanzigfache weiter verkauft werden könne, gebe es einen regen Transit der Drogen von Süd- nach Nordamerika. Damit verbunden sei ein blutiger Drogenkrieg.

Vor sechs Jahren sei in Mexiko rund 33% des Landes in der Hand der Drogenkartelle und damit unregierbar gewesen. Um diesen Zustand zu ändern, habe der Präsident vor sechs Jahren einen strategisch ungeschickten Krieg gegen die Kartelle angefangen. Das Ergebnis sei, dass diesem Konflikt bis zum heutigen Tag rund 120.000 Menschen zum Opfer gefallen seien – also insgesamt mehr Tote als es im Vietnamkrieg gegeben hat. Heute seien rund 66% des Landes unregierbar. Vor allen Dingen problematisch sei, dass die Kartelle kopflos zerschlagen worden seien. Die davor in den Kartellen organisierten Menschen seien danach in wirre Banden ohne Führung zerfallen, darunter auch Kinder und Jugendliche.

Die Drogenkartelle hätten nun auch den letzten Rest Respekt vor der Regierung, ihrem früheren Partner, verloren. Sie seien jetzt sehr gut bewaffnet, meist besser als die Polizei, und diktierten den Politikern, was zu tun sei. Die USA handelten mit den Waffen, mit denen die Kartelle die Massaker verübten. Man verdanke den USA die Demokratie, aber dort sei man auch verantwortlich für den ungemein blutigen Krieg in Mexiko. Der Krieg müsse sofort beendet und die Sicherheit des Volkes zum obersten Ziel der Maßnahmen gegen die Drogenkartelle werden, nicht nur die Zerschlagung der Machtstrukturen. Sabina Berman wünscht sich einen niedrigschwelligen Krieg, von dem die Bevölkerung fast nichts bemerkt. Jugendlichen solle der Konsum von Marihuana erlaubt werden und Morde müssten von der Polizei verfolgt und geahndet werden.

Auch für Laura Restrepo ist die Legalisierung der Drogen die einzige Option. In Europa halte man Drogenhändler für eine Art Feudalherren und unterschätze die Gefahr. Krieg und Drogen seien zwei Seiten derselben Medaille. Das Problem reiche insgesamt von den Drogenfeldern in Kolumbien bis zu den Banken in den Industrienationen. Da die Drogenbosse teilweise besser bewaffnet seien als die Polizei, seien die staatlichen Institutionen unterhöhlt und es stelle sich die Frage, ob Zivilisation überhaupt unter diesen Bedingungen überhaupt noch möglich sei. Fälschlicherweise werde das Problem immer auf ‚die Droge‘ reduziert. Tatsächlich seien die Schwierigkeiten sehr komplex. Es gebe einen ungezähmten Kapitalismus auf allen Ebenen, der die Konkurrenz einfache ausschalte. Er zeige sich in Form des eifersüchtigen Ehemanns, der seine Frau töte oder in der des Geschäftsmanns, der seinen Konkurrenten einfach ausschalte. Dahinter stehe ein ganzes System. In Kolumbien seien drei Mal progressive Präsidentschaftskandidaten umgebracht worden. Alonso Salazar habe eine Biografie über den bekanntesten Mörder Kolumbiens, Pablo Escobar, geschrieben. Pablo Escobar habe 1,5 Millionen Dollar am Tag eingenommen. Es seien enorme Kapitalströme, die der Drogenhandel fließen ließe.

Im Alltag sei es schwer geworden, sich aus dem Drogenhandel ganz heraus zu halten. Als Beispiel führt Laura Restrepo einen kleinen Ort in der Karibik an. Dort gebe es keine Hotels, nur ein paar Ferienwohnungen. Die Menschen dort hätten in erster Linie vom Fischfang gelebt. Doch der Fischbestand habe zu schwinden begonnen und die Fischer hätten angefangen, Kokapäckchen einzusammeln, die von Hubschraubern abgeworfen worden seien, um sie von dort aus weiter nach Norden transportieren zu lassen. Eines Tages habe sich das Gerücht verbreitet, dass ein junger Mann getötet worden sei. Er habe AIDS gehabt und die Dealer töteten jeden, der an AIDS erkrankt sei. Das habe bei den Menschen dort Angst ausgelöst. In einigen Dörfern seien mittlerweile Massengräber mit Opfern der Dealer entdeckt worden. Die Grenzstadt Ciudad Juarez sei im Moment der womöglich gefährlichste Ort der Welt.

Sabina Berman berichtet, dass sie und das ganze Team bei den Dreharbeiten zu Paradies der Mörder in Ciudad Juarez bedroht worden seien. Für die Dauer der Dreharbeiten seien sie in einem Hotel untergebracht gewesen. Jeder von ihnen habe manchmal am Abend weiße Blumen und Bilder von Geköpften in seinem Zimmer vorgefunden. Niemand habe sagen können, wie diese Gegenstände in die Zimmer gekommen gekommen seien, während 30 bewaffnete Männer eigentlich für ihre Sicherheit zuständig gewesen seien. Zeitgleich seien drei Polizeikommandanten umgebracht worden.

Sabina Berman und Laura Restrepo hoffen, dass die Droge zu einem ganz normalen Agrarprodukt wie Kaffee oder Bananen werden könne. Wenn sie legal sei, werde der Preis automatisch sinken. Sicherlich müsse mit der Legalisierung ein Erziehungsprogramm auf den Weg gebracht werden, der über den Umgang mit den Substanzen aufkläre. In Bezug auf den Tabakkonsum habe solch ein Modell ganz gut funktioniert. Außerdem könne dann auch eine Steuer auf die Drogen erhoben werden, mit denen sich die Behandlung der gesundheitlichen Schäden finanzieren ließe. Auch konservative Intellektuelle wie Mario Vargas Llosa setzten sich mittlerweile für die Entkriminalisierung der Drogen ein. Doch es gebe mächtige Mafiaorganisationen, die sich dem entgegen stellten und weiter an Drogenhandel, Kinderprostitution, Waffen- und Organhandel verdienen wollten.

Bücher und Filme:

Laura Restrepo: Die Insel der Verlorenen

Regie: Carlos Carrera, Drehbuch: Sabina Berman: Paradies der Mörder

Sabina Berman: Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte

Alonso Salazar:  Pablo Escobar, el patron del mal