The Listeners von Alma Söderberg

Kann man Tanz hören? Und haben Bewegungen einen Klang? Für die Choreografin Alma Söderberg bilden Tanz, Rhythmus und Stimme eine untrennbare Einheit. Alle Elemente gehen vielfältige Beziehungen miteinander ein, die sich nur durch den Akt des Zuhörens entschlüsseln lassen. Gemeinsam mit dem Cullberg Ballett aus Stockholm bringt sie nun »The Listeners« als Deutschlandpremiere auf die Bühne. Ich habe die experimentierfreudige Choreografin Alma Söderberg für PortralKunstgeschichte zum Gespräch getroffen.

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PACT Zollverein. Choreographisches Zentrum NRW befindet sich im Gebäude der früheren Waschkaue auf dem Gelände des UNESCO-Welterbes Zeche und Kokerei Zollverein. PACT Zollverein bietet nicht nur regelmäßig Choreograph*innen eine Bühne, sondern unterstützt die Arbeit von Künstlerinnen und Künstlern mit einem Rezidenzprogramm und fördert insgesamt den interdisziplinären Austausch. Auf der Webseite pact-zollverein.de gibt es einen Überblick über Programme und Veranstaltungen.

Außenansicht UNESO-Welterbe Zeche und Kokerei Zollverein
Ehemaliger Förderturm des UNESCO-Welterbes Zeche und Kokerei Zollverein

Interview Virve Sutinen

Jedes Jahr im Sommer bereichert das Festival »Tanz im August« rund vier Wochen lang die Stadt Berlin mit Tanzperformances, Installationen, Diskussionen, Tanz-Partys und vielem mehr. Susanne Braun hat mit der Künstlerischen Leiterin, Virve Sutinen, über die Besonderheiten des Festivals, Tanz als Ausdrucksform sowie die Tanz-Legende Deborah Hay gesprochen, der »Tanz im August« in diesem Jahr eine Retrospektive widmet. Das Interview liegt auf Deutsch und Englisch vor.

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Favoriten Festival 2018

Das Festival ist ein Treffpunkt der Freien Szene und findet alle zwei Jahre in Dortmund statt. Beim Favoriten Festival 2018 wurden 18 Produktionen aus Tanz, Theater, Performance und Musik zum Teil in Kooperation mit der Ruhrtriennale gezeigt.

Traditionell ohne festes Haus, findet das Festival an Orten statt, an denen die Beschäftigung mit Kunst nicht unbedingt selbstverständlich ist. In diesem Jahr waren die Zuschauer bei vielen Produktionen nicht nur passive Zuschauer, sondern konnten selbst Akteur werden.

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10. Berlin Biennale

Die 10. Berlin Biennale for Contemporary Art ist die Jubiläumsausgabe der erfolgreichen Kunstausstellung. Das Kuratorenteam rund um die Südamerikanerin Gabi Ngcobo wagt eine bisher eher ungewöhnliche Perspektive auf die Welt. An fünf Ausstellungsorten in ganz Berlin werden Helden vom Sockel gestoßen und die westlichen Werte einer besonders kritischen Betrachtung unterzogen. Das ist heilsam, denn es gelingt den Künstlern, wichtige Bedingungen für das friedliche Zusammenleben in einer globalisierten Welt anzusprechen.

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Peeping Tom: Moeder

Die belgische Tanztheater-Kompanie Peeping Tom ist bekannt für ihre absurd-komischen Stücke. Dabei lassen sich auch immer viele Bezüge zur belgisch-niederländischen Kunst finden wie beispielsweise den flämischen Primitiven. Das Stück »Moeder« ist nach »Vader« der zweite Teil einer Trilogie, die mit »Kinderen« enden wird. Zuschauern wird nicht nur beste Unterhaltung mit viel Akrobatik geboten, es gibt auch einige ungeahnte Bezüge zwischen Kunst und Leben zu entdecken. Menschen erstarren zu tableaux vivants oder die Kunstwerke entpuppen sich plötzlich als erstaunlich lebendig.

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Foto: Copyright Herman Sorgeloos

Inspirationsquelle Hieronymus Bosch

Warum beeinflusst die Inspirationsquelle Hieronymus Bosch immer noch aktuelle Kunstproduktionen? Bereits zu Lebzeiten war der Einfluss des Malers enorm. Er steht für einen Wendepunkt in der Kunst und hat viele seiner Zeitgenossen und Nachfolger maßgeblich beeinflusst. 500 Jahre nach seinem Tod gehört er immer noch zu den Malern, deren Bilder am häufigsten kopiert und gefälscht wurden.

Heute beziehen sich sogar Künstler aus dem Bereich Tanz und Performance wie Peeping Tom, Claire Cunningham oder Arnon Grünberg und Wunderbaum in ihren Produktionen auf die Gemälde Hieronymus Boschs. Ihre Stücke waren im Rahmen von Tanz im August und der Ruhrtriennale zu sehen.

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Je suis un metteur en scène japonais

Die Bühne ist hell erleuchtet. Bei Je suis un metteur en scène japonais von Fanny de Chaillé wird sie fast ganz ausgefüllt von etwas, das wie eine monströse Pappe wirkt. An einigen Stellen ist sie eingeschnitten und hochgeklappt. Man könnte glauben, dass die Pappe gleich nur noch an den richtigen Stellen gefaltet und zusammen gesetzt werden muss, um zu einem riesigen Paket zu werden.

Passives Verhalten auf dem Pappkarton

Auf der Pappe bewegen drei schwarz gekleidete und vermummte Gestalten sowie eine ebenfalls schwarz gekleidete Person, deren Kopf nicht verhüllt ist. Zwei der gesichtslosen Gestalten führen die Arme, den Oberkörper und den Kopf, die dritte bewegt in der Hocke kniend an den Unterschenkeln die Beine der Person. Die drei führen sie quer über die Bühne, lassen sie sich bücken, in die Hocke gehen, sich mal nach rechts, dann wieder nach links drehen. Egal was passiert, die Person wehrt sich nie, sondern bleibt die ganze Zeit passiv und verliert nie den unbewegten und doch irgendwie unzufriedenen Gesichtsausdruck. Obwohl sie eindeutig aus Fleisch und Blut ist, wirkt sie eigentlich wie eine Puppe.

Zwischendurch lüften die schwarzen Gestalten manchmal ihre eigenen Masken und zeigen, dass ihr Gesichtsausdruck nicht weniger puppenartig ist als der der Person, die sie auf der pappenartigen Unterlage führen. Manchmal wechseln sie auch die Positionen, dann wird eine andere schwarze Gestalt von den drei weiteren geführt. Der Wechsel wirkt wie die Bewegungen selbstverständlich und perfekt koordiniert, niemand wehrt sich oder gerät auch nur einmal ins Stolpern.

Japanisches Erzähltheater als Inspiration

Fanny de Chaillé hat sich dafür von dem traditionellen japanischen Erzähltheater Bunraku inspirieren lassen. Dort bewegen auf diese Weise drei Personen unauffällig und schweigend fast lebensgroße Puppen durch den Theatersaal, die tragische Liebesgeschichten verkörpern. Am Rande der Bühne sitzt ein Rezitator und ein Musiker, der den Text auf einem Shamisen begleitet.

Auch bei Je suis un metteur en scène japonais gibt es einen Erzähler, der von einem Musiker begleitet wird. Grundlage dieses Stücks ist jedoch keine tragische Liebesgeschichte, sondern das Theaterstück Minetti von Thomas Bernhard. Den Monolog hat Thomas Bernhard dem Schauspieler Bernhard Minetti auf den Leib geschrieben, der in den 1970er Jahren immer die Hauptrollen in seinen Theaterstücken gespielt hat. Der Protagonist philosophiert darin über die Schauspielkunst, die Masken, die er dafür verwendet, das Publikum und das Leben überhaupt, sein Scheitern als Theaterdirektor vor dreißig Jahren, seine Rückkehr auf die Bühne und Lear von William Shakespeare, das einzige klassische Stück, dem er sich nicht verweigert hat und dessen Hauptrolle er gleich zu spielen beabsichtigt. Den Text deklamiert der Rezitator in französischer Sprache während hinter der gefalteten Pappe auf der Bühne die weißen Buchstaben des deutschen Textes wie aus dem Off zu lesen sind.

Rebellion gegen unpassendes Narrativ

Die schwarzgekleideten Gestalten nehmen eigentlich kaum direkt Bezug auf den Text, sie bewegen sich eher im Rhythmus der Textmelodie sowie der vielen Geräusche und der Ukulele, der der Musiker zwischendurch immer wieder asiatisch angehauchte Klänge entlockt. Doch dem Rezitator gelingt es nicht, unbeteiligt am Rand stehend seine Geschichte vorzutragen. Die schwarzen Gestalten werden regelrecht rebellisch und beginnen ihn langsam immer mehr in ihre Performance einzubeziehen. Er wird von ihnen geführt, geschubst oder zu Boden geworfen, so dass er seinen Text verliert und für einen Moment nicht weiter rezitieren kann. Oder er wird von ihnen so gehalten, dass die schwarze Kopfbedeckung, die auch er trägt, regelrecht zur Zwangsjacke wird.

Wehren kann der Rezitator sich offensichtlich nicht gegen die Manipulationen der schwarzen Gestalten und die Grenzen verschwinden immer mehr zwischen ihm und ihnen. Eine der schwarzen Gestalten beginnt plötzlich für einen Moment zu sprechen. Sie erklärt bestimmte Falttechniken des Origami und demonstriert sie an einer anderen der Gestalten. Ohne ein direktes Wort an die Personen auf der Bühne zu richten, gelingt es dem Erzähler immer wieder durch lautes oder wütendes Rezitieren des Textes die anderen zum Schweigen zu bringen und die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Oft wird er dabei unfreiwillig zur tragisch-komischen Gestalt und die Szenerie trägt Züge des absurden Theaters.

Die Entstehung des Theaters

Fanny die Chaillé hat in einem Interview erläutert, dass es ihr in Je suis un metteur en scène japonais darum gehe, die Strukturen offen zu legen, die das Entstehen des Theaters ausmachten, das immer Ergebnis einer gemeinsamen Arbeit sei. Ohne Illusionen zu erzeugen, sei jede Geste, jede Bewegung, die  einen Teil des Endprodukts dieser Arbeit darstellten, auf der Bühne klar zu erkennen. Das Stück Minetti habe sie ausgewählt, weil der Text das Porträt eines Schauspielers sei und sich im Detail mit der Schauspielkunst beschäftige. Die Geschichte von Minetti verberge sich im Stück hinter vielen Masken und Marionetten, die seine Worte alle nach und nach verinnerlicht hätten.

Für mich ist Je suis un metteur en scène japonais ein kluges und enttarnendes Stück, das ernste und auch viele humorvolle Passagen enthält und insgesamt sehr sehenswert ist.

The Defenders

In einer Ecke der riesigen Veranstaltungshalle, in der The Defenders von William Forsythe aufgeführt wird, hängt hell erleuchtet ein überdimensionales weißes Rechteck. Es ist mehrere Meter lang, einen guten Meter dick und hängt auch etwas mehr als einen Meter über dem roten Boden. Aufrecht stehend kann man weder von oben auf das Rechteck sehen, noch hinüber auf die andere Seite oder darunter. Wenn man verfolgen will, was unterhalb des riesigen weißen Rechtecks geschieht, muss man sich auf den Boden kauern.

Doch sehend kann der Zuschauer  das Stück häufig gar nicht erfassen. Unter dem Rechteck wird geschlurft, gestöhnt, geschrien, getreten, geschlagen. Selten ist von Anfang an klar, was im Dunkeln geschieht. Manchmal lässt sich ein Bewegungsablauf, der bis auf ein paar Schatten nur akustisch wahrzunehmen war, später an einer beleuchteten Stelle auch visuell verfolgen. Andere Bewegungen sind vollkommen ausgeleuchtet: Die Lichtverhältnisse unter dem Rechteck wechseln ständig.

Die dominanten Geräusche der Menschen unter dem Rechteck werden von einem leichten Rauschen oder Surren begleitet, das an einen teilweise leichten und dann auch wieder orkanartigen Wind erinnert. In manchen Momenten kann man Fetzen bekannter Melodien hören, Affengekreische oder sogar ganze Worte auf Spanisch, US-Amerikanisch oder Deutsch. Aber die wenigsten Geräusche entsprechen richtig etwas Bekanntem oder Erwartbarem.

Die ganze Verständigung zwischen den Männern und Frauen funktioniert häufig nicht sprachlich und auch noch nicht einmal über Schreien oder sonstige Laute. Dennoch reagieren die Menschen unter dem Rechteck aufeinander, zeigen Angst, bedrohen sich oder bewegen sich miteinander und scheinen sich nahe. Manchmal richtet sich jemand rechts, links oder seitlich des Rechtecks auf und geht ein paar Schritte Aufrecht.

Dann wirkt das Verhalten der Darsteller aber wieder vorwiegend durch ihre Laute aggressiv, ängstlich oder erfreut. Durch ihre Schreie schüchtern sie andere ein oder erscheinen verängstigt und aufgeregt, etwa beim Anblick des eigenen Spiegelbildes. Andere wiederum machen durch wohliges Quietschen einen erfreuten Eindruck, wenn sie sich in den Spiegeln auf der linken Seite des Rechtecks entdecken.

Obwohl nie verständlich in ganzen Sätzen gesprochen oder gesungen wird, schaffen die Darsteller, dass man sich bei den Kriechenden unter dem Rechteck an eine marschierende Armee erinnert fühlt, man glaubt Außenseiter unter ihnen entdecken zu können oder einen professionellen Sänger, sowie einen Menschen, der sich so etwas wie eine Hütte oder Höhle zu bauen versucht. Fast vollkommen unbekleidet stellt er silberne Platten, mit deren Kanten und knallenden Geräuschen vorher eine Frau in die Flucht geschlagen worden ist, hochkant um sich herum auf und bedeckt sich so zumindest teilweise.

Genauso unvermittelt wie das Schlurren, Stöhnen, Kratzen und Schreien angefangen hat, endet The Defenders von William Forsythe mit dem US-Amerikanisch klingenden Gemurmel des kaum Bekleideten, der sich rückwärts und halb aufrecht gehend, von seiner höhlenartigen Bedeckung aus silbernen Platten zurückzieht, die von den anderen zerstört worden ist.

Foto: ©Dominik Mentzos

Der Text ist zuerst auf dem Blog www.textblueten.wordpress.com veröffentlicht worden.

Le cri

Der Anfang von Nacera Belazas Le cri wirkt wie ein Durcheinander aus lautem Geschrei und Gerempel – kurz: es könnte die Geräuschkulisse in einer Schulpause sein. Im Dunkeln sind schemenhaft zwei Menschen auf der völlig im Schwarzen liegenden Bühne zu erahnen. Ganz sachte wird das Licht intensiver. Langsam werden die Konturen einer Person deutlicher. Im Hintergrund ist jetzt ein murmelnder Gesang zu hören.

Plötzlich wirkt es, als hätte die deutlicher erkennbare Person goldene Füße, der ganze Körper ist immer mehr in golden wirkendes gleißendes Licht gehüllt. Man erkennt, dass die Person eine Frau ist. Sie trägt eine weite Hose, ein langärmeliges T-Shirt und ein kurzes darüber, alles in lila Farbtönen. Ihre Haare hat sie zu einem kurzen Zopf zusammengebunden.

Genauso wie sie bewegt sich auch die andere Person sachte von einem Bein auf das andere. Langsam wirkt auch sie wie in Gold gehüllt. Man erkennt immer deutlicher, dass beide Frauen nicht nur fast vollkommen synchron dieselben Bewegungen ausführen, sie tragen auch die gleiche Kleidung und Frisur. Genauso wirken ihre Gesichter zum Verwechseln ähnlich.

Im Hintergrund wird eine knisternde alte Plattenaufnahme von Nina Simone ‚Black Is the Color of My True Love’s Hair‘ immer lauter. Die Musik wird begleitet und gestört von einem orientalischen Männergesang, der immer lauter wird. Die beiden Frauen bewegen sich immer ausladender und lebendiger, sie schwingen mit den Armen, immer noch synchron und voneinander fast nicht zu unterscheiden.

Mittlerweile ist so viel Licht auf der Bühne, dass der Zuschauer erkennen kann, dass alle Musik aus einem einzigen verschwindend klein wirkenden Lautsprecher in der linken Ecke der Bühne kommt. Der Gesang des orientalischen Mannes wird immer aggressiver und lauter. Schließlich übertönt er sogar den Gesang Nina Simones samt Orchester und man hört deutlich, dass er von einem Trommeln begleitet wird.

Die beiden Frauen bewegen sich zu dem immer schnelleren Rhythmus des orientalischen Gesangs und der Trommeln. Plötzlich werden ihre Bewegungen asynchron, ihre Armbewegungen ausladender und unruhiger. Es tritt wieder der Schulpausenlärm in den Vordergrund und plötzlich wird es dunkel. Als es wieder hell ist, stehen beide Frauen ganz vorne auf der Bühne unmittelbar vor der ersten Zuschauerreihe und bewegen wieder sachte die Arme und sind synchron, fast wie ganz am Anfang.

Der klassische Gesang Maria Callas aus Verdis ‚La Traviata‘ wird immer lauter. Es wird wieder dunkel und die beiden Frauen stehen auf einmal weit hinten auf der Bühne in hellem Licht. In die klassische Musik mischt sich immer deutlicher Popmusik und der Gesang Maria Callas wird immer mehr von Amy Winehouse ‚Some Unholy War‘ abgelöst. Die beiden Frauen verlassen auf einmal ihren sonstigen Bewegungsablauf und fangen einzeln und mit dem ganzen Körper zu tanzen an. Sie bewegen sich wieder unmittelbar vor die Zuschauer.

Als die Musik von Amy Winehouse immer dominanter wird, wiegen sie sich nur noch regelrecht apathisch von einem Bein auf das andere. Schließlich verschwinden sie ganz von der Bühne und auf einer Leinwand im Hintergrund  werden langsam weiße Flecke immer deutlicher. Schließlich sind fünf Gestalten zu erkennen, die dieselbe Kleidung wie die beiden Frauen auf der Bühne tragen und es scheint, als bildeten sie auch wieder die erste Reihe der Tänzerinnen auf der Leinwand.

Zu dem Song ‚I Wanna Jump‘ von Ike und Tina Turner bewegen sie die Arme immer ausladender bis es schließlich wirkt, als seien ihnen Flügel gewachsen. Die Bewegungen auf der Leinwand haben immer mehr etwas von einem zu schnell abgespielten Trickfilm und bleiben schließlich wie eingefroren stehen.

Die Produktion Le Cri der algerischstämmigen und in Frankreich lebenden Choreografin Nacera Belaza, die sie gemeinsam mit ihrer Schwester aufführt, ist 2008 mit dem französischen Kritikerpreis im Bereich Theater, Musik und Tanz ausgezeichnet worden.

Foto: ©Agathe Poupeney

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Vertical Road

Ich starb als Stein und wurde als Pflanze geboren.

Ich starb als Pflanze und wurde Tier.

Ich starb als Tier und bin zum Menschen geworden.

Was also sollte ich fürchten?

Wen verlor ich durch den Tod?

Nächstes Mal sterbe ich als Mensch,

Auf dass ihm die Flügel der Engel wachsen.

Doch selbst vom Engel muss ich weitergehen;

Alle Dinge vergehen, doch nicht Sein Angesicht.

Noch einmal erhebe ich mich über die Engel;

Was unvorstellbar ist, das werde ich sein.(Rumi)

Der persische Poet Mevlana Rumi ist eine der Hauptinspirationsquellen für den aus Bangladesch stammenden Choreografen Akram Khan bei der Konzeption des Tanztheaterstücks ‘Vertical Road’. Ergänzt durch die Musik des indisch-britischen Songwriters, DJs, Multi-Instrumentalisten und Komponisten Nitin Sawhney bringt er das Tanzstück Vertical Road mit seiner Akram Khan Company auf die Bühne.

Das Erste, das der Zuschauer auf der Bühne sieht, ist eine riesige, die ganze Bühne ausfüllende und von hinten erleuchtete, Leinwand. Schattenartig erkennt man einen Menschen hinter der Leinwand und eine kleine Gruppe Menschen auf der anderen Seite davor, auf der Bühne. Der Mensch bewegt sich hinter der Leinwand, versucht sie zu durchstoßen – vergeblich. Die Menschen auf der Bühne bilden einen Kreis um seinen Schatten.

Es wird immer heller und es ertönen laute Geräusche, Krach, ein Wummern, fast wie Flugzeuglärm. Die Menschen auf der Bühne haben sich aufgerichtet. Man erkennt Männer und Frauen, bis auf eine Frau in dieselben hellen weiten Hosen und Kittel gehüllt. Die sieben haben unterschiedliche Hautfarben.

Der Mensch, der vorher nur schattenartig hinter der durchsichtigen Leinwand zu sehen war, ist auf einmal auch auf der Bühne. Seine Kleider sind dieselben wie die der anderen Menschen, nur etwas dunkler. Er berührt die unbeweglich stehenden Fremden und geht schließlich an den Rand der Bühne, wo sieben kleine schwarze Bretter nebeneinander stehen. Er schubst ein Brett und die anderen fallen um wie Dominosteine. Sofort richtet er sie wieder auf. Die Tänzer beginnen sich zu bewegen zu etwas, das wie laute wummernde Trommelschläge klingt. Der Beat wird immer schneller, genauso wie die Bewegungen der Tänzer.

Der Mensch bleibt abseits der Gruppe, sieht den sich bewegenden zu. Die Gruppe versucht, den Einzelnen in ihren Tanz zu integrieren, bis alle zu Boden stürzen.  Langsam richten sich manche wieder auf, schließlich tanzt auch der Fremde mit ihnen. Der Trommelschlag wird manchmal von einem schräg-klagenden Geräusch ergänzt, das ein wie menschlicher Gesang klingt. Dann ertönen laute Töne. Sie erklingen unerwartet und ergeben keine Melodie.

Als der Gesang immer melodischer wird, haben ein Mann und eine Frau miteinander zu tanzen begonnen. Sie kapseln sich von der Gruppe ab und der Gesang des Chores im Hintergrund wird immer schiefer und schriller. Der Mann hält die Frau fest, entfernt sie von der Gruppe. Der Gesang verschwindet und die Percussion tritt wieder in den Vordergrund. Der Mann bewegt sich alleine wieder auf die Gruppe zu und wird nach und nach als Tänzer von ihnen wieder integriert.

Plötzlich mischen sich Töne einer klassischen Violine unter den Trommelschlag und  der Einzelne, der am Anfang hinter der Leinwand war, wird angeleuchtet. Er hält die Hände nach oben und wirkt, als ob er sich an einem unsichtbaren Seil in Richtung Himmel ziehen wollte, aber er kommt nicht von der Stelle. Während dessen tanzt die Gruppe weiter. Der Einzelne ist schließlich umringt von ihnen, aber er will sie offenbar auf Abstand halten.

Er umfasst eine der Tänzerinnen und trägt sie ins Abseits. Es ertönen leise, zarte Klänge. Fast augenblicklich löst sich ein anderer Tänzer aus der Gruppe und geht ihnen hinterher. Die Tänzerin muss gestützt werden, immer wieder droht sie zusammenzubrechen. Nach mehreren Drohgebärden lässt sich der Einzelne auf einen Tanz mit dem anderen Mann ein, der hektisch und voller Drohungen ist und wie ein Kampf wirkt. Sich selbst überlassen, sinkt die Frau zu Boden. Ein anderer Tänzer nähert sich ihr und sie geht schließlich zurück in die Gruppe.

Durch einen Spot auf die schwarzen Holzplatten erkennt der Zuschauer, dass drei der Holzplatten umgekippt sind. Der Einzelne nimmt einen Tänzer aus der Gruppe an der Hand und zieht ihn in Richtung der schwarzen Platten. Sie richten die Platten wieder auf, aber plötzlich nimmt der Tänzer eine Platte und schlägt sie auf den Boden. Er richtet sich auf und tanzt mit ihr. Als der Einzelne die Platte berühren will, fängt sein Körper an zu zucken und er lässt sie wieder los. Schließlich tanzt aber auch er mit der schwarzen Platte.

Im Abseits ist sich das Paar, das zuerst zusammengefunden hat, näher gekommen. Sie tanzen eng miteinander, rollen zusammen über den Boden. Als sie sich wieder aufrichten, wendet die Frau sich ab und sinkt schließlich zu Boden. Der Mann versucht sie zu stützen und zu tragen, aber einige der Tänzer aus der Gruppe nähern sich dem Paar. Er muss sie in die Flucht schlagen und schließlich die Frau sich selbst überlassen. Ein anderer Tänzer kommt und zwingt die Tänzerin, ihn am Kopf zu berühren. Er umklammert sie. Die anderen Tänzer umringen die beiden und bringen den Tänzer dazu, die Frau wieder loszulassen und ihr fern zu bleiben.

Es blitzt und donnert auf der Bühne, die eben noch fast unsichtbare Leinwand leuchtet plötzlich wieder hell auf. An ihr rinnen Wasserstrahle, fast wie Regen, herunter. Der Einzelne steht wieder vor den schwarzen Platten und wirft sie ganz um. Ein anderer Tänzer nähert sich ihm, sie tanzen miteinander bis der Einzelne schließlich wieder in der Nähe der Frau stehen bleibt, die er vorher von der Gruppe weggetragen hatte.

Als eine asiatische Tänzerin sich von der Gruppe löst und alleine auf der ganzen Bühne tanzt, erklingen asiatische Klänge, wie vorher klassische Violinpartien oder orientalische Töne die Trommelschläge begleitet haben. Eine andere Tänzerin gesellt sich zu der Asiatin und die anderen Gruppenmitglieder tanzen nach und nach auch mit den beiden. Nur der Einzelne steht wieder apathisch abseits der Gruppe.

Nach und nach verschwinden alle Tänzer hinter der Leinwand, wo ein orangener Licht-Punkt entsteht, der wie ein Sonnenuntergang wirkt. Die Tänzer sind als Schatten zu erkennen. Nur der Einzelne steht jetzt anders als am Anfang vor der Leinwand auf der Bühne und versucht, die Schatten der Anderen durch die Leinwand zu berühren. Die Proportionen der Schatten verändern sich, mal sind sie genauso groß wie der Mensch davor, manchmal wirken sie im Vergleich riesig.

Schließlich schlägt der einzelne Mensch gegen die Leinwand, sie stürzt herab und dahinter werden Menschen in einem Treppenhaus sichtbar. Ein virtuoses Stück der Akram Khan Company und des Komponisten Nitin Sawhney.

Dieser Text ist erstmals auf dem Blog www.textblueten.wordpress.com veröffentlicht worden.

Trailer der Akram Khan Company bei YouTube