Favoriten Festival 2018, Programm

Favoriten Festival 2018

Das Festival ist ein Treffpunkt der Freien Szene und findet alle zwei Jahre in Dortmund statt. Beim Favoriten Festival 2018 wurden 18 Produktionen aus Tanz, Theater, Performance und Musik zum Teil in Kooperation mit der Ruhrtriennale gezeigt.

Traditionell ohne festes Haus, findet das Festival an Orten statt, an denen die Beschäftigung mit Kunst nicht unbedingt selbstverständlich ist. In diesem Jahr waren die Zuschauer bei vielen Produktionen nicht nur passive Zuschauer, sondern konnten selbst Akteur werden.

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10. Berlin Biennale: Szene Ausstellung

10. Berlin Biennale

Die 10. Berlin Biennale for Contemporary Art ist die Jubiläumsausgabe der erfolgreichen Kunstausstellung. Das Kuratorenteam rund um die Südamerikanerin Gabi Ngcobo wagt eine bisher eher ungewöhnliche Perspektive auf die Welt. An fünf Ausstellungsorten in ganz Berlin werden Helden vom Sockel gestoßen und die westlichen Werte einer besonders kritischen Betrachtung unterzogen. Das ist heilsam, denn es gelingt den Künstlern, wichtige Bedingungen für das friedliche Zusammenleben in einer globalisierten Welt anzusprechen.

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Report: Notizen aus der Wirklichkeit: Szene Ausstellung

Report: Notizen aus der Wirklichkeit

Jedes Jahr widmet sich das European Media Art Festival (emaf) in Film, Ausstellung, Workshop und Diskussion einem Thema an der Schnittstelle von Kunst und Gesellschaft. Beim emaf 18 ging es unter der Überschrift “Report – Notizen aus der Wirklichkeit” um die Beziehung zwischen Kunst und Journalismus.

Fester Bestandteil des emaf ist die Ausstellung in der Kunsthalle Osnabrück, die meist rund vier Wochen lang zu sehen ist. Im Zentrum der diesjährigen Ausstellung stand “Das Kongo Tribunal” Künstlers und Regisseurs Milo Rau in Film, Buch und Interview. Opfer und Täter des Bürgerkriegs im Kongo berichten vor einer Theater-Jury von ihren Erfahrungen. Kann ein Theaterstück dabei helfen, die Rolle der Bürgerkriegsparteien offen zu legen?

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Szene aus Moeder von Peeping Tom

Peeping Tom: Moeder

Die belgische Tanztheater-Kompanie Peeping Tom ist bekannt für ihre absurd-komischen Stücke. Dabei lassen sich auch immer viele Bezüge zur belgisch-niederländischen Kunst finden wie beispielsweise den flämischen Primitiven. Das Stück »Moeder« ist nach »Vader« der zweite Teil einer Trilogie, die mit »Kinderen« enden wird. Zuschauern wird nicht nur beste Unterhaltung mit viel Akrobatik geboten, es gibt auch einige ungeahnte Bezüge zwischen Kunst und Leben zu entdecken. Menschen erstarren zu tableaux vivants oder die Kunstwerke entpuppen sich plötzlich als erstaunlich lebendig.

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Foto: Copyright Herman Sorgeloos

Szene aus Trilogie meiner Familie, Regie: Luc Perceval, Foto: Armin Smailovic

Wege in die Abstraktion

Im 19. Jahrhundert findet eine grundlegende Veränderung in der Malerei statt: Viele Künstler verlassen den gegenständlichen Malstil und wenden sich der Abstraktion zu. Oft ist diese Veränderung mit der Erfindung der Fotografie in Zusammenhang gebracht worden. Doch es gibt auch Wissenschaftler, die die Gründe vor allen Dingen bei einer veränderten Weltanschauung zu finden glauben.

Gerade ist diese Zeit wieder Gegenstand aktueller Kunst- und Theaterproduktionen. Eine Multimedia-Ausstellung in Berlin zeigt die unterschiedlichen Stile in der Malerei von Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts, die Ruhrtriennale inszeniert Dramen des Naturalismus und Symbolismus und eine Ausstellung in der Galerie Ludorff in Düsseldorf zeigt abstrakte Positionen, angefangen bei dem Bauhaus-Künstler Josef Albers bis in die Gegenwart. Die Wege in die Abstraktion lassen sich gut nachvollziehen.

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Foto: Szene aus Trilogie meiner Familie, aufgeführt im Rahmen der Ruhrtriennale. Regie: Luc Perceval, Foto: ©Armin Smailovic

Multimedia-Ausstellungen: Plakat zu Bosch. VisionsAlive

Inspirationsquelle Hieronymus Bosch

Warum beeinflusst die Inspirationsquelle Hieronymus Bosch immer noch aktuelle Kunstproduktionen? Bereits zu Lebzeiten war der Einfluss des Malers enorm. Er steht für einen Wendepunkt in der Kunst und hat viele seiner Zeitgenossen und Nachfolger maßgeblich beeinflusst. 500 Jahre nach seinem Tod gehört er immer noch zu den Malern, deren Bilder am häufigsten kopiert und gefälscht wurden.

Heute beziehen sich sogar Künstler aus dem Bereich Tanz und Performance wie Peeping Tom, Claire Cunningham oder Arnon Grünberg und Wunderbaum in ihren Produktionen auf die Gemälde Hieronymus Boschs. Ihre Stücke waren im Rahmen von Tanz im August und der Ruhrtriennale zu sehen.

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Eintrittskarte und Programmheft zu Trilogie meiner Familie

Trilogie meiner Familie

Gervaise hat Glück. In Trilogie meiner Familie hat sie endlich einen freundlichen und meistens sogar lustigen Mann gefunden, der sie trotz ihrer Kinder heiratet und sogar seinen Lohn nach Hause bringt, statt ihn zu vertrinken. Die Erleichterung ist in der ganzen Familie groß. Während dessen setzt sich Doktor Pascal über die Mahnungen seiner streng gläubigen Haushälterin hinweg und beginnt eine Liebesbeziehung mit seiner Ziehtochter. Bereits seit vielen Jahren ist er dabei, die Geschichte seiner Familie auf Grundlage der Vererbungslehre zu analysieren. Schon lange fürchten viele in der Familie, dass er ‚Schandflecken’ ans Licht zerren könnte und sorgen sich um ihre Existenz. Doch als Doktor Pascal feststellen muss, dass seine selbst zusammengestellte Medizin ihn nicht heilen können wird, flüchtet er sich unvermittelt in die Liebe zu seiner Ziehtochter. Ungefähr zur selben Zeit hat Gervaise sich gerade Geld von einem Bekannten geliehen, um eine eigene Wäscherei zu eröffnen. Sie ist noch einmal Mutter geworden und ihr Mann hatte gerade einen schweren Arbeitsunfall. Sein Einkommen fehlt und die Familie muss hungern. Der Bekannte hilft ihr nach der Eröffnung in der Wäscherei. Sie werden immer ausgelassener und schließlich gesteht er Gervaise seine Liebe und bittet sie, mit ihm fortzugehen. Erschrocken lehnt Gervaise aus Rücksicht auf ihre Familie ab.

Regisseur Luk Perceval entwickelt Liebe. Trilogie meiner Familie 1 auf Grundlage des zwanzigbändigen Romanzyklus über die Familie Rougon-Macquart, genauso wie die anderen beiden Teile Geld und Hunger. Autor der Romane ist der französische Schriftsteller und Journalist Emile Zola. Der Romanzyklus gilt als eines der wichtigsten Werke des Naturalismus. Zola beschreibt hier ausgewogen und ohne zu beschönigen die schwierigen Lebensumstände im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Er porträtiert arme Menschen wie die Bergarbeiter in Germinal genauso wie das Leben einer Edel-Prostituieten in Nana oder die Lebensustände einer Verkäuferin im luxuriösen Pariser Kaufhaus Paradies der Damen sowie die eines Gelehrten in Doktor Pascal. Luk Percval greift sich bei der Inszenierung der Trilogie einzelne Themen der bekannten Romane heraus, wirbelt sie durcheinander und stellt sie in einen neuen Zusammenhang zueinander. Passagen, die an den Roman Doktor Pascal erinnern, stehen auf einmal neben Szenen, die dem Roman Der Totschläger entnommen zu sein scheinen. In allen drei Teilen deckt sich die dargestellte Handlung auf der Bühne niemals vollständig mit der Romanvorlage, sondern nimmt ihre ganz eigene Wendung. Sowohl in Liebe, Geld als auch Hunger greifen dabei unterschiedliche Handlungsstränge ineinander, die sich gegenseitig unterbrechen oder erhellen und sich insgesamt in virtuoser Weise ergänzen.

Handlungsstränge greifen ineinander und erhellen sich 

Geld widmet sich vor allen Dingen den schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen wie der Schauspielerin Nana oder der Verkäuferin Denise. Die Familienbande sind zerrissen und damit verschwinden auch Wärme und Feundschaft aus dem Leben der Menschen. Insbesondere für Frauen gibt es keine geregelten Arbeitsverhältnisse und damit scheint auch die Liebe ihre romantische Seite zu verlieren. Sie entpuppt sich vorwiegend als Machtinstrument und bleibt oft sogar einzige Trumpfkarte in einem brutalen Überlebenskampf. In Hunger schreitet die Anonymisierung fort und die Menschen werden zu einem kleinen Zahnrad in der riesigen Maschinerie eines Bergwerks. Wie in Germinal und auch bei Charles Dickens oder Gerhart Hauptmann beschrieben, liefert die Industrialisierung den Arbeitern zunächst keinen Wohlstand. Eine Familie zu gründen können sich die meisten Arbeiter nicht mehr leisten, viele sind krank und es fehlt insgesamt am Nötigsten. Erst nach einem erfolgreichen Aufstand wird ein friedliches Zusammenleben möglich.

Während der gesamten Trilogie bleibt immer deutlich, dass die dargestellten Handlungen subjektiv gefärbt sind. Oft kommentieren und ergänzen Darsteller auf der Bühne ein Geschehen, an dem sie selbst nicht beteiligt sind. So sieht der Zuschauer nicht nur mit den eigenen, sondern auch mit den Augen des Kommentierenden. Außerdem werden die Stücke von Live-Musik begleitet, die für die Handlung auf der Bühne weitere Akzente setzt und damit die impressionistischen Note der Stücke unterstreicht. Dieser Charakter findet sich auch in Emile Zolas Romanen. Folgende Passage über das impressionistische Spiel von Licht und Schatten etwa, das nur einen Augenblick lang aus einer bestimmten Perspektive zu beobachten ist, findet sich in dem Roman Paradies der Damen:

Die Sonne war soeben hinter den Bäumen des Gartens verschwunden, der Tag ging zur Neige, leichte Schatten bereiteten sich allmählich über das weite Gemach. Es war die zarte Stunde der Abenddämmerung, jener Augenblick besinnlicher Entspannung zwischen dem Erlöschen des Tageslichts und dem Anzünden der Lampen. Die Gestalten der Herren de Boves und Vallagnosc, die immer noch am Fenster standen, warfen große Schatten auf den Teppich, während im letzten Tagesschimmer des anderen Fensters der vor einigen Minuten bescheiden eingetretene Herr Marty mit seinem blassen Professorengesicht und dem abgetragenen Oberrock sichtlich verlegen dem Modegespräch der Damen lauschte (Aus: Emile Zola: Das Paradies der Damen. Deutsch von H. Rosé und Margarete Montgelas)

Im Rahmen der Ruhrtriennale ist Liebe+Geld+Hunger. Trilogie meiner Familie an einem Tag zu sehen gewesen. Neun Stunden Theater am Stück sind zwar eine lange Zeit, aber es lohnt sich wirklich. Denn gerade so wird sichtbar, dass Figuren wie Nana über mehrere Teile hinweg eine Rolle spielen. Außerdem unterstreicht diese Art des Zuschauens den chronologischen Charakter des Werks.

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Truck Tracks Ruhr in Duisburg

Truck Tracks Ruhr in Duisburg

Es ist eng und ich bekomme fast Platzangst. In der letzten Zuschauerreihe befindet sich unmittelbar vor mir eine Art Geländer, das mir fast bis zum Kinn reicht. Außerdem zwingt mich der Gurt zum sehr aufrechten Sitzen und meine Nachbarn lassen mir fast keine Bewegungsfreiheit. Während der Fahrt ruckelt der umgebaute LKW immer wieder und wir stoßen notgedrungen aneinander. Nein, wirklich bequem ist die Fahrt im Rahmen von truck tracks ruhr nicht. Trotzdem ärgere ich mich keinen Moment, dabei zu sein.

Ruckelige Fahrt ohne Bewegungsfreiheit

Wir sitzen quer im Truck. Vor uns Zuschauern befindet sich eine breite Leinwand, auf der die Straßen Duisburgs im Film zu sehen sind. Die Straßenzüge stammen nicht unbedingt aus den schönsten Gegenden Duisburgs: Restaurants, kleine Geschäfte, Kneipen – von grellbunt bis farblich eher zurückhaltend ist alles vertreten. Die chillige Musik übertönt das Motorengeräusch des Trucks weitestgehend. Ihre Wirkung ist tatsächlich entspannend und macht die Enge für mich erträglicher. Ich lasse die nach einer Weile monoton wirkenden Straßenzüge an mir vorbei ziehen.

Chillige Musik und Betonwüste

Immer wieder hält der Truck und die Leinwand wird hochgezogen. Fast jedes Mal zeigt sich dann ganz plötzlich ein unerwartetes Bild. In einem Fall stehen wir plötzlich vor einer Baustelle. Die im Film dokumentierten Straßen waren nicht wirklich schön, aber so unvermittelt wirkt die ‚Realität’, die sich uns Zuschauern angesichts dieser Betonwüste bietet, noch viel schlimmer. Die Musik wird unterbrochen und eine Geschichte ist zu hören. Ein Mann will an diesem Ort ein Tagebuch gefunden haben und liest es vor. Von Gewalt ist die Rede, von Missbrauch – Themen, die sonst nicht unbedingt so offen angesprochen werden. Der Vortragende zeigt sich unsicher, wie er die Worte betonen und welchen Sinn er ihnen damit geben soll. Schließlich bemüht er sich um eine maschinenartige Aussprache, von der er sich einen neutralen Klang erhofft.

Individualität und Gesichtslosigkeit

An anderer Stelle reflektiert ein Beitrag die “gesichtslose Masse” während wir durch die Scheiben des Trucks auf die Fußgängerzone Duisburgs sehen. Wir befinden uns in der Nähe einer Baustelle. Die Fußgänger müssen sich mühsam an einem Bauzaun vorbei durch einen kleinen Durchgang schlängeln und werden dabei in ihrer Individualität erkennbar.

Lagerfläche ohne Grün

Bei einem weiteren Halt des Trucks tut sich plötzlich der Blick auf eine Lagerfläche für Rohstoffe des Duisburger Hafens auf – häßlich, grau und ausgestorben. Im gesprochenen Beitrag wird das Grün der Bäume und Zwitschern der Vögel herauf beschworen, das an dieser Stelle fehlt. Die Stimme des Vortragenden nimmt dabei einen vorwurfsvollen Klang an.

Ungewöhnlichkeit des scheinbar Vertrauten

Nur eine der insgesamt sieben Künstlerinnen und Künstler stammt aus Duisburg beziehungsweise dem Ruhrgebiet. Alle anderen werfen einen gänzlich fremden Blick auf die Stadt. Das passt gut, denn die ganze Tour stellt die Ungewöhnlichkeit des scheinbar vertrauten in den Mittelpunkt. Zentrales Thema ist das Alltagsleben in Duisburg, aber auch der Hafen samt des dort stattfindenden Strukturwandels. Dabei werden eben nicht, die besonders repräsentativen und bekannten Orte gezeigt, sondern diejenigen, die abseits liegen, leicht übersehen werden oder unangenehmes zu verbergen scheinen. Das wirkt auf mich oft angenehm ehrlich, manchmal auch schonungslos oder übertrieben.

Kontrast zwischen Film und Wirklichkeit

Besonders auffallend ist für mich der Kontrast zwischen den gefilmten und den von den eigenen Augen wahrgenommenen Bildern. Immer wieder fühle ich mich von den Bildern betrogen und habe den Eindruck, dass ich an einem Ort gelandet bin, auf den der Film mich nicht vorbereitet hat. Dabei wirkt die ‚Realität‘ des Films durchweg strahlender, farbenfroher, schöner und harmloser, als das, was mir die eigenen Augen zeigen. Ob schön oder nicht, provokant oder absurd – In jedem Fall regt diese ungewöhnliche Stadtrundfahrt auf vielen Ebenen dazu an, mal einen ganz frischen Blick auf Alltägliches zu wagen.

Foto: ©Volker Hartmann/Urbane Künste Ruhr

Urban Prayers Ruhr

Was glaubt ihr denn

„Was glaubt ihr denn, Wer wir sind, Was wir glauben, Was glaubt ihr denn…“ – Es geht um Heimat, Akzeptanz, Glauben, Gemeinschaft und Zufriedenheit in dem Text von Björn Bicker, den die drei Frauen und zwei Männer rezitiern. Sie sitzen vor den Besuchern der Kirche wie bei einer Predigt. Die fünf wirken wie ein Querschnitt durch die im Ruhrgebiet ansässigen Ethnien – europäisch, afrikanisch, arabisch, vielleicht auch ein bisschen asiatisch – und sprechen akzentfrei Deutsch.

Querschnitt durch die Bevölkerung

Der Text wechselt scheinbar willkürlich von einem zum anderen, so, als würden die fünf die im Text ausgedrückte Kritik, Sorge, Anerkennung oder den Zweifel mit einer Stimme vortragen. Manchmal widersprechen sie sich selbst innerhalb des eigenen Sprechens. Das wirkt, als ob sie nicht nur mit einer Stimme, sondern als ob jeder Einzelne auch immer vielen Menschen eine Stimme geben würde, sogar Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern und anderen Glaubensrichtungen: „Was glaubt ihr denn, wo es einen besseren Platz geben könnte. Was glaubt ihr denn, wo wir nicht stören. Wo wir stören. Wo wir uns treffen sollten. Wo wir Euch begegnen könnten. Was glaubt ihr denn, wer ihr seid. Was glaubt ihr denn, wer wir sind…“

Wie mit einer Stimme

Vor Beginn der Veranstaltung hat die Pfarrerin der Lutherkirche Dinslaken-Lohberg davon gesprochen, dass das tolerante Zusammenleben hier eigentlich meistens gut funktioniert. „Wir bedrängen einander nicht, wir akzeptieren uns“, erklärt sie und spricht weiter davon, dass sie das eigentlich schon sehr lange so machen. Die Pfarrerin spricht davon, dass sie sich in Dinslaken-Lohberg in manchen negativen Berichten der Medien nicht wieder erkannt hätten. „Ich lade Sie ein. Kommen Sie wieder, sehen Sie sich selber an, wie wir hier leben. Machen Sie zum Beispiel ein Picknick, das darf man hier nämlich auf unseren Grünflächen“. Auch der anwesende Imam spricht von der Erde als „einem Haus, in dem wir gemeinsam und in Frieden zusammen leben wollen“. Beide bekommen viel Applaus.

Friedliche Atmosphäre

Ich bin zum ersten Mal in Dinslaken-Lohberg. Dinslaken ist ein kleiner und an diesem Sonntag sehr ruhiger Ort. Der Bus, der mich vom Bahnhof zur Lutherkirche im Stadtteil Lohberg bringen soll, fährt nur einmal in der Stunde und da ich mit Verspätung ankomme, verpasse ich ihn. Auch ein Taxi ist nirgendwo in Sicht und in Folge dessen laufe ich den Weg zu Fuß. Erst ärgere ich mich ein wenig, weil ich befürchte, zu spät zu kommen, aber dann macht es mir sogar Spaß. Ich komme vorbei an einer Graffiti-Wand, die mir bildgewaltig und mit den Worten ‚Dinslaken ist bunt‘ das kreative Potential dieser Stadt vor Augen führt. Ich laufe eine Hauptverkehrsstraße entlang, vorbei an einem Industriegelände und grünen Wiesen, bis ich schließlich den Förderturm der stillgelegten Zeche am Horizont entdecke und in einer beschaulichen Siedlung lande. Hier ist es sehr ruhig, alles wirkt wohlgeordnet und sehr deutsch, doch auf der Straße begegnen mir augenscheinlich fast ausschließlich türkischstämmige Menschen. Ich muss manchmal nach dem Weg fragen und bekomme freundlich, hilfsbereit und in akzentfreiem Deutsch Auskunft.

Urban Prayers Ruhr werden an unterschiedlichen Orten des Ruhrgebiets in Moscheen, Tempeln, Freikirchen oder Synagogen aufgeführt. Ich habe mich entschieden, mir eine Vorstellung der Urban Prayers Ruhr in Dinslaken-Lohberg anzusehen, weil es mich interessiert wie eine in Deutschland anerkannte und traditionsreiche Glaubensgemeinschaft wie die evangelische Kirche anderen begegnet. Ich weiß, dass das Ruhrgebiet mit dem Bergbau, seiner Schwerindustrie und den vielen dort benötigten Arbeitsplätzen bereits seit dem letzten Jahrhundert ein starker Magnet für Menschen aus unterschiedlichsten Ländern ist. Die Hoffnung auf soziale Absicherung durch einen festen Arbeitsplatz hat sich für viele erfüllt, die einstigen Fremden haben ein neues zu Hause gefunden und leben bereits seit Generationen hier. Heute scheint es vielen gar nicht mehr bewusst zu sein, dass das Ruhrgebiet eigentlich ein klassischer ‚Melting Pot‘ ist und das Zusammenleben unterschiedlicher Nationalitäten und Glaubensrichtungen hier eigentlich einen grundlegenden Teil des sozialen Gefüges ausmacht.

Magnet für Menschen aus der ganzen Welt

„Was glaubt ihr denn, warum wir so viele sind, warum ihr denkt, dass ihr viel mehr seid. Warum das nicht stimmt…“ rezitieren die fünf Vortragenden. Die Kirche ist voll an diesem Sonntag Nachmittag, voller Menschen unterschiedlicher Hautfarben und Glaubensrichtungen, von denen die meisten offensichtlich gebannt dem Vortrag lauschen. Ergänzt wird die Rezitation in regelmäßigen Abständen durch Lieder aus unterschiedlichen religiösen Kontexten, meisterhaft dargeboten durch das Vokalensemble ChorwerkRuhr.

Begeisterter Applaus

Am Ende wird dieser sehr einträchtig wirkende Nachmittag mit begeistertem Applaus und Standing Ovations belohnt. Obwohl ich natürlich letztlich nicht beurteilen kann, wie das Zusammenleben hier im Alltag funktioniert, haben sie mich persönlich an diesem Sonntag überzeugt. Hier und heute kommt mir die Behauptung der Pfarrerin der Lutherkirche, dass das Zusammenleben in dieser Gegend eigentlich meistens gut funktioniert, absolut glaubwürdig vor und macht mir Hoffnung.

Was glaubt ihr denn von Björn Bicker ist als Buch erhältlich.

Szene aus "Real Magic"

Real Magic

In dem Stück Real Magic von der Experimentaltheatergruppe Forced Entertainment ist es ein bisschen wie im Zirkus oder in einer Fernseh-Quiz-Show zur besten Sendezeit: Ein Kandidat hat die Aufgabe, ‚nur’ ein einziges Wort zu erraten. Nicht irgendein Wort, sondern genau das Wort, das ein anderer sich gedanklich vorstellt und auf einem Pappschild geschrieben vor sich hochhält. Natürlich sind dem Rate-Kandidaten die Augen verbunden, so dass er das Wort auf der Pappe nicht lesen kann. Er muss ‚nur‘, wie der Spielleiter aufmunternd versichert, das eine Wort erraten, das aus Millionen von Wörtern ausgesucht worden und laut und deutlich auf der Pappe zu lesen ist. Der Kandidat windet sich in Unterwäsche und mit verbundenen Augen auf seinem Stuhl und rät. Leider ist die Antwort falsch, auch zwei weitere Versuche scheitern.

Rate-Show mit Pappschildern in Unterwäsche

Mit dem Versagen wird immer sehr konstruktiv umgegangen. Es gibt keine Vorwürfe oder gar Beschimpfungen, statt dessen Bedauern und jede Menge Ermunterung: Dieses Mal hat der Kandidat es noch nicht geschafft, aber beim nächsten Versuch wird es bestimmt klappen. Alle drei Darsteller auf der Bühne werden nacheinander zum Spielleiter, Kandidaten oder gedanklichen Träger des zu erratenden Wortes, der selbstverständlich immer auch Halter des Pappschildes ist. Wie um die falschen Gedanken zu vertreiben und die richtigen heraufzubeschwören, wechseln Richard, Claire und Jerry immer wieder die äußere Erscheinung und treten mal in Unterwäsche, als haariger gelber Vogel mit und ohne Kopf oder in einem viel zu weiten Anzug und dunkler Langhaar-Perücke mit Pony an. Wieder und wieder versuchen die drei sich im Gedanken-Raten und der jeweilige Spielleiter gibt den geduldigen Animateur, während der Träger des Pappschildes sich zwar meist um eine möglichst ansprechende und kreative Zurschaustellung der Pappe bemüht, aber sonst eher gelangweilt um sich blickt. Oft muss er selbst nachsehen, was eigentlich auf dem Schild steht.

Tanz, Striptease und ein zotteliger gelber Vogel

Erstaunlicherweise wird auch mit der Zeit das Gedankenraten nicht leichter. Immer durchdringender wird vor allen Dingen das künstliche Gelächter aus den Lautsprechern, auch weil das tatsächliche Lachen des Publikums immer lauter wird und das konservierte Gelächter vom Band verstärkt. Während dessen präsentieren die drei auf der Bühne zwischen den Rate-Runden kleine Tanzeinlagen, Striptease, kreative Bekleidungsideen oder demonstrieren anschaulich und eifrig, dass sich einem zotteligen Vogel mit riesigem Schnabel nicht mehr effektiv die Augen verbinden lassen.

Telepathie und absurdes Theater

Doch die Konstellation nimmt mehr und mehr absurde Züge an und erinnert zunehmend an Warten auf Godot: Wenn es nur käme, das richtige Ergebnis, dann müsste das Warten ein Ende haben und dann käme er wohl endlich, der mühsam verdiente Erfolg. Doch die Kandidaten tun sich nach wie vor schwer, sich von lieb gewonnenen Antworten zu trennen oder sich auch nur das Wort auf der Pappe zu merken, das sie ja eigentlich vor allen Dingen in Gedanken bei sich tragen sollten. All das gelingt ihnen nicht, obwohl sie doch eigentlich ‚nur‘ das richtige Wort unter Millionen anderer heraussuchen müssten, um die richtige Antwort zu geben und das Spiel zu beenden. Absurd?

Die Experimentaltheatergruppe Forced Entertainment hat sich im Jahr 1984 gegründet und ist seit zehn Jahren Koproduktionspartner von PACT Zollverein, Choreografisches Zentrum NRW. Erst kürzlich ist Forced Entertainment mit dem renommierten Henrik-Ibsen-Theaterpreis ausgezeichnet worden. In ihren Stücken bieten sie zuverlässig eine innovative Mischung aus Slapstick, Satire, anspruchsvollem Theater sowie Formaten der Massenmedien und verlieren den schwarzen Humor auch bei ernsten Themen nie ganz. Real Magic knüpft im besten Sinne an diese Serie an.

Foto: ©Hugo Glendinning