Über das Leben in Städten

Ein Schwerpunkt der letzten Ausgabe des internationalen literaturfestival berlin war die Reihe ‚Visions 2030’, die sich mit dem Leben in Städten auf allen fünf Kontinenten, heute und in Zukunft, beschäftigt hat. Omar Akbar war Diskussionsleiter der Reihe und beschreibt, warum dieses Thema so wichtig ist:

Omar Akbar: „In der Stadt sammeln sich Ethnien, Kulturen, Innovationen, Forschung und Wissenschaft, dies strömt eine besondere Attraktivität aus. Somit ist die Migration ein altes Thema in den Städten, sie verspricht den Migranten Hoffnung die Möglichkeiten zu nutzen, auch die Ärmsten der Armen erhalten eine Chance und könnten es schaffen.

Die Urbanisierungsprozesse und auch das Wachstum der Städte wird seit Jahrzehnten beobachtet. Es ist eine unaufhaltsame Entwicklung mit der Folge, dass die dörflichen Strukturen weltweit aufgegeben oder industriell transformiert werden. Ägypten ist ein interessantes Beispiel dafür.

Generell ist der Wandel ein Wesenszug der Stadt. Sie kann wachsen, stagnieren oder schrumpfen. Ehemals strategisch wichtige Orte wie etwa die Handelswege können ihre Funktionen ändern – Die Geschichte ist voll von solchen Veränderungen. Auch aktuell können wir so etwas in Deutschland beobachten: die Städte in Ostdeutschland und im Ruhrgebiet schrumpfen. Das ist darauf zurückzuführen, dass die Bevölkerungszahl sich reduziert und damit ganz natürliche Veränderungen nach sich zieht. Folglich haben wir mehr bebaute Flächen und weniger Menschen.

Zugleich ist festzustellen, dass wir die Völkerwanderung falsch eingeschätzt haben. Sie existiert weltweit und zur Zeit sind es etwa 6 Millionen, die ihre Orte verlassen. Allein im Libanon mit einer Einwohnerzahl von etwa 4 Millionen leben zur Zeit 1 Million syrische Flüchtlinge. Die Völkerwanderung wird weiterhin erheblich wachsen – auch nach Europa.“

Manchmal hat man den Eindruck, das wichtigste Thema in Bezug auf die Stadtentwicklung in Deutschlandist das Sterben der kleinen Geschäfte in den Innenstädten und die Leere, die dort dann offenbar zurück bleibt. Oft wird ja der Online-Handel dafür verantwortlich gemacht. Woanders ist das aber kein Thema?

Omar Akbar: “Es ist richtig, Einkaufszentren nehmen massiv zu und die Bedeutung des Einzelhandels wird rudimentärer. Trotzdem haben die großen Marken sich ihre individuellen Standorte geschaffen. Zugleich glaube ich nicht daran, dass der Online-Handel das städtische Leben verändern wird. Er ist eine Ergänzung. Der Markt ist viel zu flexibel und beachtet genauestens die Bedürfnisse. Auch die individuelle Kommunikation spielt eine bedeutende Rolle. Häufig bevorzugen Kunden eine professionelle Beratung, möchten die Qualität der Waren fühlen, oder auch die typischen Gerüche wahrnehmen. Im Kontext der Globalisierung sind neue Angebote hinzugekommen. Auf dem Markt in Florenz beschrieb ein Betreiber die Veränderung der Gerüche. Es riecht nicht mehr florentinisch nach Käse, Gemüse etc., sondern auch nach Sushi und Döner.”

Wie sehen Sie das Bewusstsein der Menschen hinsichtlich der Mentalitäten oder des Verhaltens in der Öffentlichkeit?

Omar Akbar: „In der Öffentlichkeit verhält man sich in Deutschland zurückhaltend, wenn es um Körperkontakte geht, insbesondere unter Männern. Im mediterranen Raum ist dieses viel unverkrampfter, die Emotionalität wird anders ausgedrückt.

Ebenso sehe ich in Bezug auf die Esskultur gravierende Unterschiede: überall findet man regionale Unterschiede und Geschmacksrichtungen. Darüber hinaus möchte ich weitere Besonderheiten aufzählen: Lebt man beispielsweise in Algier ist es ist im Prinzip unmöglich, sich von der eigenen Familie zu emanzipieren, wobei es Frauen dabei besonders schwer haben. Abends in den Cafés und Restaurants sitzen im wesentlichen die Männer, ein allgemein bekanntes Phänomen im Orient. Andererseits können Frauen in Bogotá de facto keine Busse benutzen, da die Vergewaltigungsraten extrem hoch sind. Die Realitäten verändern sich natürlich stetig. Als ich Ende der 80er Jahren in Ägypten lebte, war es dort sogar nach Angaben der Deutschen Botschaft sicherer, als Berlin. Man konnte in Kairo seine Einkaufstüten auf dem Auto stehen lassen, ohne dass etwas abhanden kam.”

Woran liegt es denn, dass die politische Lage sich in dieser Gegend so zugespitzt hat?

Omar Akbar: „Viele Probleme sind unter anderem ein Ergebnis der nachkolonialen Phase und dem Zerfall der Sowjetunion. Zugleich befreite sich der Islam von Bevormundung durch staatliche Organisationen. Nach dem Fall vom Schah im Iran begann die gänzliche Islamisierung der Gesellschaft, ein Vorbild für andere islamische Länder in der Region. Dass dieser Schritt über die Region hinaus gehen würde, wusste man zu dieser Zeit nicht. Die aktuelle Islamisierung hat bedingt mit dem Einmarsch des Westens im Nahen-Osten etwas zu tun. Es ist im Wesen bestimmter Islambewegungen verhaftet.“

Zum Abschluß: Wie sehen sie die Situation in Deutschland?

Omar Akbar: „Ich persönlich stelle fest, dass wir in Deutschland alle Freiheiten haben, um uns entfalten zu können. Jene, die hier alles problematisch finden, sollten in ihren Herkunftsländern beispielsweise einmal zum Arzt oder ins Krankenhaus gehen. Da erfährt man, welche Rolle Macht und Geld spielen können.

Die Errungenschaften dieses Landes muss man schätzen lernen und verinnerlichen. Nur mit dem Konsum westlicher Güter kann die eigene Entwicklung nicht voranschreiten.“

AutorInnen:

Kevin Barry, Irland: ‘Die dunkle Stadt Bohane’, Roman ir.gif / Mircea Cărtărescu, Rumänien: ‘Die Wissenden’ir.gif, Roman / Maria Sonia Cristoff, Argentinien: ‘Unter Einfluss’, Roman / Roddy Doyle, Irland: ‘Henry, der Held’, Roman / Sónia Gomes, Angola / Helon Habila, Nigeria / USA: ‘Öl auf Wasser’, Roman / Rawi Hage, Libanon / Kanada: ‘Kakerlake’, Roman / Perihan Maǧden, Türkei:  ‘Zwei Mädchen: Istanbul-Story’, Roman /  Suketu Mehta, Indien / USA: ‘Bombay: Maximum City’, Roman / Laura Restrepo, Kolumbien/E: ‘Land der Geister’, Roman /  Boualem Sansal, Algerien:  ‘2084: Das Ende der Welt’, Roman

WissenschaftlerInnen:

Zeynep Aygen (Türkei), Sonja Beeck (D), Angelika Fitz (A), Adam Greenfield (USA), Martina Löw (D), Hildegard Matthias (D), Philipp Misselwitz (D), Stephan Rammler (D), Helmut Rechenberger (A), Stefan Schaurig (D), Jasmin Wiebke (D)

Indonesische Lyrik

Viele Besucher sind ins Literaturhaus Berlin gekommen, um indonesische Lyrik kennen zu lernen. Meist wird der Text erst in der offiziellen indonesischen Landessprache Bahasa Indonesia gelesen, dann auf Deutsch. Die Eindrücke könnten unterschiedlicher kaum sein: Auf der einen Seite die sehr melodisch klingenden Worte, denen der vortragende Agus R. Sarjono mit viel Emphase Leben einhaucht und auf der anderen die deutsche Version. Die ganze Art des Vortrags ist anders, sie ist deutlich nüchterner und zurückhaltender, wodurch sie zumindest eher den hiesigen Gewohnheiten bei Lesungen entspricht. Doch es funktioniert trotzdem, vor allen Dingen auf der inhaltlichen Ebene.

Emphase und Performance

Wie viele indonesische Gedichte, trägt auch ‚Die Predigt‘ stark narrative und absurde Züge. Die Schilderung eines Priesters, der verzweifelt versucht, der Menschenmasse in seiner Kirche zu erklären, dass er ihnen leider weder mit Rat noch Führung behilflich sein kann, bringt auch die deutschsprachigen Zuhörer zum Lachen. Das Gedicht gehört zu den bekanntesten, Verfasser ist der Lyriker, Dramatiker, Schauspieler und Regisseur Rendra. 2009 verstorben, wirkt die Arbeit des Modernisierers der indonesischen Kultur bis heute nach. „In Indonesien sind Lesungen sehr gut besucht“, erklärt der Übersetzer und Indonesien-Experte Berthold Damshäuser, „Rendra hat Lesungen vor gut 10.000 Menschen in Sportstadien gehalten. Die Indonesier sind gute Performer und nur sehr wenige rezitieren ihren Text nicht selbst. Außerdem gibt es dort kaum eine Veranstaltung, bei der nicht gelacht wird“. In Indonesien lassen sich nur sehr wenige gedruckte Bücher, dafür aber umso mehr Eintrittskarten für solche Lese-Performances verkaufen, die oft von Musik begleitet werden.

17.000 Inseln, oft mit eigenen Traditionen

Das Äquatorarchipel Indonesien, das rund 17.000 Inseln mit vielen eigenen Sprachen und Traditionen umfasst, war jahrhundertelang eine niederländische Kolonie. Bis heute haben dort europäische Einflüsse neben arabischen, indischen und chinesischen Spuren hinterlassen, die sich auch in den Texten der von Berthold Damshäuser und Agus R. Sarjono herausgegebenen Lyrik-Anthologie Sprachfeuer entdecken lassen. Ein Gedicht von Sitor Situmorang etwa, das den Titel ‚Weimar‘ trägt, dreht sich um das bis heute spürbare Nachwirken der beiden in Indonesien bekannten Dichter Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller. Ebenso beinhaltet die Sammlung ein Poem Afrizal Malnas, in dem das Wort ‚Dada’ die dominierende Rolle spielt. Gemeint ist damit allerdings nicht nur die europäische Avantgarde-Bewegung von Anfang des 20. Jahrhunderts, das Wort hat darüber hinaus gehend diverse Bedeutungen in der indonesischen Sprache. Indirekt lassen sich unter anderen Einflüsse Friedrich Hölderlins, Rainer Maria Rilkes, Paul Celans, Arthur Rimbauds, Guillaume Apollinaires und natürlich William Shakespeares erkennen.

Sprache ohne Metrik

Trotz aller erkennbaren Parallelen, gibt es eindeutige Brüche mit der europäischen Tradition. Reim und Versmaß im ‘klassischen’ Sinne lassen sich nicht finden, was laut Berthold Damshäuser nicht zuletzt auf Eigenheiten der Bahasa Indonesia zurückzuführen ist: „Die indonesische Sprache kennt keine Metrik und damit lassen sich auch keine festgefügten Metren finden“. Insofern erinnern die Gedichte mit ihrem oft sehr prosaischen Charakter am ehesten an moderne europäische Lyrik, wobei sich indonesische Gedichte neben der ungemein assoziationsreichen Sprache vor allen Dingen durch eine ihnen eigenen Rhythmik und Musikalität auszeichnen.

Landschaft und politische Themen

Die Themen der 223 Gedichte von 28 Lyrikerinnen der Anthologie Sprachfeuer reichen von Liebe und Einsamkeit über Gewalt und Politik bis hin zu Impressionen von Landschaft und Religion, wobei der Islam eine zentrale Rolle spielt. Mehr als 80% der Indonesier sind Muslime. Dabei stehen Gedichte mit eindeutig religiöser Thematik wie ‘Herr, wir sind uns so nah’ von Abdul Hadi WM neben Werken feministischer Prägung wie denen der Philosophie-Professorin Toeti Heraty. Auch die teilweise umstrittene Lyrikerin Dorothea Rosa Herliany, die Gewalt an, aber ebenso von, Frauen in ihren Werken anspricht, hat einen festen Platz in der indonesischen Lyrik-Szene. Manche Gedichte scheinen die Verhältnisse vor und um den Sturz des Suharto-Regimes 1998 zu beleuchten. Ein Ereignis, das in der kreativen Szene Indonesiens Veränderungen nach sich gezogen hat. „Seit dem Sturz ist die indonesische Literatur generell so frei, dass sie die Verhältnisse getreu abbildet“, beschreibt Berthold Damshäuser die Auswirkungen. Einige Poeme befassen sich außerdem mit der tropischen Landschaft und Vegetation des Äquatorarchipels in ihrer gesamten Abivalenz. Nicht selten geschieht das auf eine für europäische Leser zum Teil ungewöhnliche, aber gleichzeitig erstaunlich vertraute Weise.

Berthold Damshäuser empfiehlt für die Lektüre:  „Man sollte eigentlich nur auf den Text achten und vergessen, dass es ein indonesischer ist“. Das gelingt in den meisten Fällen sehr gut.

Leseempfehlungen:

Sprachfeuer. Eine Anthologie moderner indonesischer Lyrik. Hg. Agus R. Sarjono und Berthold Damshäuser. 374 Seiten, regiospectra verlag berlin. ISBN 978-3940132741

Gebt mir Indonesien zurück! Eine musikalische begleitete Lesung moderner indonesischer Lyrik (in deutscher Sprache). Rezitation: Berthold Damshäuser, Musique automatique: Peter Habermehl. Gesamtspielzeit: 73:38:08. Audio-CD. Katalognummer: 01970101

1965ff. Die Gegenwart eines Massenmordes. Ein politisches LesebuchHg. Anett Keller für die Südostasien-Informationsstelle. 220 Seiten, regiospectra verlag berlin. ISBN 978-3940132680

Martin Jankowski: Indonesien lesen. Notizen zu Literatur und Gesellschaft. 195 Seiten, regiospectra verlag berlin. ISBN 978-3-9401-3266-6

Andrea Bajani: Erkennst du mich

Wie lässt sich die Leere füllen, die ein Mensch nach seinem Tod hinterlässt? Andrea Bajani zeichnet lebendig die prägendsten Szenen von Leben, Sterben und Tod des krebskranken Antonio Tabucchi nach und lässt ein abwechslungsreiches und teilweise sogar sehr farbenfrohes Porträt des Schriftstellers entstehen. Dabei verwendet er immer wieder die direkte Rede, fast so, als hätte er einen Brief an seinen verstorbenen Freund verfasst.

Unsicherheit, wie mit der Situation umzugehen ist, dominiert die Trauergäste um den aufgebahrten Tabucchi. Auch nach seinem Tod “bewohnt” der bekannte Schriftsteller auf manchmal schwer zu fassende Weise die Leerstelle, die er hinterlässt. Da ist etwa das Flackern der Totenkerzen, das Tabucchi noch selbst zu steuern scheint sowie die Fotos oder Tonaufnahmen mit alten Interviews, die den Toten fast ganz unmittelbar zurück in die Mitte der Trauergemeinde holen. Dann ist da auch die Erinnerung an die gemeinsame Zeit mit Tabucchi, das Kennenlernen, seine Maskeraden und Zirkusnummern als Schriftsteller sowie im ‚echten’ Leben. Darüber hinaus schleichen sich Lesungen, Besuche in Tabucchis Haus und Wohnungen mit und ohne ihn oder an die vielen Telefonate, die teilweise sehr unvermittelt in die unpassendsten Momente hinein platzen konnten, zurück in das Gedächtnis. Deutlich ist auch immer noch der Eindruck, dass Tabucchi, mehr und mehr gezeichnet durch sein Krebsleiden, zunehmend launisch wurde.

Es bleiben aber auch die Momente lebendig, in denen Tabucchi als Schriftsteller dem jungen Kollegen Schreib- und damit auch Lebenshilfe geleistet hat. Später war diese Hilfe mit dem Gefühl verbunden, dass der Ältere an den Jüngeren ‚die Wörter‘ und ‚das ganze Vokabular‘ zu übergibt und Bajani sein berufliches Erbe antreten lässt. Es ist ein schweres Erbe, alles atmet immer noch Tabbucchis Präsenz und in manchen Momenten wirkt es, als ob er Bajani sogar nach seinem Tod wieder in die Schranken verweisen will. Dann sieht er Bajani gefühlt missmutig und sehr real aus einer Fotografie direkt in die Augen und scheint ihn verärgert anzupoltern, dass er sich in einem Haus befinde, das nicht ihm gehöre und er sich nicht zu weit in das fremde Terrain vorzuwagen habe.

Erkennst du mich von Andrea Bajani ist ein vielschichtiges Porträt, das deutlich macht, warum unter kein Leben ein Schlussstrich gesetzt werden kann.

Psychopathen

Um kategorisieren zu können, wer als ‘Psychopath’ und damit als schwer gestört eingestuft werden muss, ist die Psychopathy Checklist entwickelt worden. Doch obwohl die allermeisten Psychopathen in den Hochsicherheitstrakten der Gefängnisse einsitzen, lassen sich die ‘Normalen’ laut Kevin Dutton, Forschungspsychologe am Calleva Research Center for Evolution and Human Sciencedes Magdalen College der Oxford Universityin vielen Fällen gar nicht so leicht von ihnen abgrenzen. Beispielsweise gibt es zwischen dem Gehirn eines Psychopathen und dem eines als ‘normal’ geltenden Menschen im Allgemeinen rein äußerlich keinen erkennbaren Unterschied. Außerdem sind es manchmal gerade Eigenschaften, die Psychopathen zugerechnet werden, wie Furchtlosigkeit, Selbstsicherheit, Charisma oder Skrupellosigkeit, die bestimmte Menschen beruflich besonders erfolgreich machen:

Ein Mensch kann zum Beispiel unter Druck eiskalt sein und etwa so viel Empathie zeigen wie eine Lawine (einigen von dieser Sorte werden wir später auf dem Börsenparkett wieder begegnen). Das bedeutet nicht automatisch, dass er auch gewalttätig, antisozial oder gewissenlos handelt. Ein solches Individuum weist zwar zwei psychopathische Merkmale auf und steht damit auf der >psychopathischen< Skala höher als jemand, dem diese Merkmale fehlen. Damit ist er aber noch weit entfernt von der Gefahrenzone derjenigen, die sämtliche psychopathischen Merkmale aufweisen

Mit Hilfe vieler spannender Experimente, Forschungsergebnisse und unterhaltsamer Anekdoten macht Kevin Dutton sich auf gut lesbare Weise auf die Suche nach der manchmal offensichtlich nur sehr schwer zu ziehenden Grenze. Dabei zeigt er viele Menschen, die zumindest in Teilen über herausragende Fähigkeiten verfügen. Wer hätte vermutet, dass Menschen mit gewissen psychopathischen Eigenschaften die besseren Zollbeamte sein oder sich unter Umständen für die Lösung sozialer Probleme als besonders gut geeignet erweisen können? Oder dass buddhistische Meditation bewirken kann, dass ein Mensch in bestimmten Momenten genauso gefühllos und unbeteiligt reagiert wie ein Psychopath?

Der Erfinder der Psychopathy Checklist, Robert Hare, lobt PSYCHOPATHEN. Was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann von Kevin Dutton als “höchst anregendes Buch für alle, die die >psychopathische< Welt, in der wir leben, besser verstehen wollen”. Der Präsident der Society for the Scientific Study of Psychopathy, Scott Lilienfeld, sagt über das Buch: “Der unwiderstehliche Kevin Dutton ist wieder da. Diesmal mit einem pietätlosen Aufriss der hellen und dunklen Seiten der geheimnisvollen Psychopathen. Er liefert eine mitreißende Mischung von Wissenschaftlichem und Persönlichem und informiert und unterhält die Leser gleichermaßen”.

Die Villa am Rande der Zeit

Aus Filmen und Büchern wie Zurück in die Zukunft, Per Anhalter durch die Galaxis, Die Zeitmaschine oder Und täglich grüsst das Murmeltier weiß man, dass Zeitreisen wohl irgendwie möglich zu sein scheinen. Manchmal gelingt es offenbar mit Hilfe von Zeitmaschinen, in anderen Fällen passiert es wie aus heiterem Himmel. Natürlich kann das jeder persönlich für die mehr oder weniger glaubwürdige Fantasie mancher Autoren und Regisseure halten oder auch daran glauben, dass es wirklich möglich ist. Die Protagonisten aus dem Roman Die Villa am Rande der Zeit des serbischen Schriftstellers Goran Petrovic zumindest zweifeln nicht daran.

Fast alle im Roman von Goran Petrovic beschriebenen Personen sind begeisterte Leser. Mit Hilfe ihrer Bücher reisen sie in ihre Erinnerung oder machen Erfahrungen, die so real sind, dass sie mehr als nur reine Fantasie zu sein scheinen:

Ihre Verwirrung war so groß, dass sie sich später nicht mehr erinnern konnte, wie sie so weit hatte kommen können. Sicher, sie hatte sich auch früher eifrig bemüht, der alten Dame vom vorgegebenen aus zu folgen, Seite um Seite, Zeile für Zeile, Wort auf Wort. Dann war ihr auf einmal bewusst geworden, dass sie anstelle der aneinandergereihten Wörter eine Frau in einem schwingenden Kleid aus Rohseide vor sich sah, mit lässig über die Schulter geworfenem Schal, einem breitkrempigem Strohhut und einem Picknickkorb in der rechten Hand; eine Frau, die langsam, aber entschlossen einen Weg entlang schritt … Wie das möglich war, konnte sich Jelena nicht erklären. Und wie war sie auf diese karge, nur mit Gras bewachsene Anhöhe gelangt?

Jelena ist die Gesellschafterin der hochbetagten wohlhabenden Dame Natalja Dimitrijevic, die ihre Wohnung kaum noch verlässt, da sie sich ‘an allem satt gesehen’ hat. Sie verbringt die meiste Zeit bei der gemeinsamen Lektüre mit ihrer Gesellschafterin Jelena, auf die sie sich manchmal vorbereitet, wie auf einen Ausflug. Sie überrascht Jelena  beispielsweise in einem Reisekleid und mit gut gefülltem Picknickkorb, um ihrer Gesellschafterin dann nur fordernd ein aufgeschlagenes Buch hinzuhalten. Ein Verhalten, das Jelena anfangs staunen lässt, obwohl die große Bibliothek der alten Dame sie vom ersten Moment an sehr an einen Botanischen Garten denken lässt:

Jelena drängte sich der Eindruck auf, sich in einem Garten zu befinden. Wer weiß, vielleicht lag das an dem Spalier der vollgestellten Bücherregale, die jeden Quadratmeter der Wände bedeckten und sich vom blanken Boden – genauer gesagt von einem ausgetrockneten Parkett, das aus verspielten Intarsien in sämtlichen Rottönen meisterhaft zusammengesetzt war – bis zu der hohen Decke mit ihren schattigen Winkeln zogen. Oder an der bunten Blütenfülle aus Büchern, die, was man bei flüchtigem Hinsehen nicht bemerkte, in je zwei oder mehr Exemplaren vorhanden waren, so wie sich auch in der Natur hier der Wegerich vermehrt und dort die Triebe der Kornelkirsche hartnäckig emporschießen

Ohne es zu wissen ist Jelena in der Nationalbibliothek bereits Adam über den Weg gelaufen, einem Slawistik-Studenten und Lektor der Zeitschrift Die Schönheiten unseres Lebens. Er hat gerade den vielversprechenden Auftrag erhalten, ein Buch aus dem Jahr 1936 zu überarbeiten, das ihn auf unerwartete Weise mit Jelena verbindet. Ein Auftrag, bei dem sich erstaunliche Schwierigkeiten auftun. Kurz nach seinem Erscheinen ist es von einem anonymen Kritiker in einer Literaturzeitschrift verrissen worden und auch heute noch erweist sich die Beschäftigung mit dem Buch, das den Titel MEIN VERMÄCHTNIS trägt, als erstaunlich kompliziert.

Die Villa am Rande der Zeit erzählt einfühlsam und poetisch von interessanten Menschen, denen das Leben größtenteils nur mit Hilfe von Büchern gelingt. Darüber hinaus skizziert Goran Petrovic das Leben in Belgrad und Serbien fast durch das gesamte 20. Jahrhundert hindurch nach. Ein sehr lesenswertes Buch, das mit dem renommierten NIN-Preis ausgezeichnet worden ist.

Kein Döner Land

Ungefähr bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr ist Cem Gülay kein Beispiel für eine gelungene Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in die deutsche Gesellschaft. Im Klappentext zu “Kein Döner Land” heißt es dazu kurz: Das Gastarbeiterkind aus Hamburg habe sich nach dem Abitur für eine kriminelle Karriere im Warentermingeschäft entschieden. Diesen Abschnitt seines Lebens hat Cem Gülay zusammen mit Helmut Kuhn in der Autobiografie “Türken-Sam. Eine deutsche Gangsterkarriere” ausführlich dargestellt. Die Autobiografie ist die Grundlage für “Kein Döner Land. Kurze Interviews mit fiesen Migranten”Cem Gülay und Helmut Kuhn halten hier Reaktionen auf das erste Buch fest.

Zu seinem eigenen Erstaunen wird Cem Gülay nach dem Erscheinen seiner Autobiografie zu vielen Lesungen, Diskussionsrunden und Festen eingeladen. Nicht immer sind die meist gut gemeinten Veranstaltungen wirklich zahlreich besucht, wie etwa das Festival Kulturbunt im Allgäu:

Ein Riesenaufwand. Sie tanzten, bimmelten und sangen in den wildesten Outfits. Ein kunterbunter Karneval der Kulturen beinahe wie in Berlin-Kreuzberg. Aber stell dir vor, es ist Karneval – und niemand geht hin. Das Fest war ein völliger Flop. Weil es beide Seiten offenbar nicht interessierte – weder die Einheimischen noch die Migranten. In den riesigen Zelten tanzten die Folkloregruppen vor fünf Zuschauern

Am Ende muss die Veranstalterin getröstet werden. Aber es gibt sie wirklich, die vielen Menschen an unterschiedlichsten Orten, die sich für Cem Gülay und seinen Ausstieg aus dem Gangstermilieu interessieren: Schulen, die Bundeszentrale für politische Bildung, die Talkshow Anne Will, ein politisch inkorrektes Blog und viele Migranten. Das Problem scheint in der Stadt und auf dem Land fast identisch zu sein:

Man erkennt sie schon von Weitem. An den billigen Klamotten. An den Kampfhaarschnitten. Am schlechten Gangsterrap-Geschmack. Sie sehen überall gleich aus, vom Norden bis in den Süden. Sie erben gar nichts. Sie haben keine Zukunft. Wer aus der Nordstadt kommt, gilt in Gießen, der Studentenstadt, als Verlierer. So ist das. Ein reines No-Future-Gebiet. Lauter Überflüssige

Cem Gülay wird zu einem regelrechten Sozialarbeiter, etwas, das er früher überwiegend lächerlich fand. Doch er spürt die Hilflosigkeit auf beiden Seiten und dass sich die meisten von ihm Lösungsvorschläge erhoffen. Den jungen Migranten gibt er Tipps, wie sie besser zurecht kommen können und nicht  kriminell werden. Viel Mühe hat er auch mit manch einem Anti-Gewalt-Pädagogen:

Ich sagte ihm: Du musst konfrontativ sein, Du musst dich gerade machen. Dich auch mal streiten, aggressiv sein. Du musst dir Respekt verschaffen. Wenn du nur eine Lusche bist, bist du für sie eine verschwuchtelte Kartoffel. Darauf stehen sie gar nicht

Er entwickelt gemeinsam mit einem Schulleiter erfolgreich den Beruf des ‘Sozialsheriffs’, erklärt sein zwiespältiges Verhältnis zur Religion, beschreibt die türkischstämmigen Frauen und warum Deutschtürken ihre sämtlichen deutschen Mitbürger verächtlich als Bio-Deutsche bezeichnen, wie Mädchen sich türkischen Machos gegenüber verhalten sollten oder wie man zumindest einige Jugendliche dazu bringen kann, auf Gewalt zu verzichten. Außerdem zeigt er, wie und wo Migranten benachteiligt werden, dass es auch echte Vorzeige-Migranten gibt und zeichnet insgesamt gemeinsam mit seinem Co-Autor auf unterhaltsame Weise ein sehr vielfältiges Bild seiner Erfahrungen und damit der Migranten in diesem Land.

77 Tage

Liliana Ziegler ist zwanzig Jahre alt und gerade vor ihrer Familie geflohen. In dem Krimi “77 Tage” von Lucie Flebbe lebt sie seit einem halben Jahr mit dem Privatdetektiv Danner in Bochum zusammen, hat einen Arbeitsvertrag als seine Angestellte und seit neuestem auch wieder einen festen Wohnsitz. Sie fürchtet, dass ihr Vater, ein Oberstaatsanwalt, sie auch fern ihrer Heimat Hannover finden könnte:

Natürlich suchte er nach mir. Mein Kontaktabbruch unterstellte ihm, in einem für sein blank poliertes Oberstaatsanwalts-Image so wichtigen Bereich wie der Kindererziehung versagt zu haben. Dieser wortlose Vorwurf musste ihn kochen lassen vor Wut

Der Krimi “77 Tage” von Lucie Flebbe besteht aus der persönlichen Geschichte der Privatdetektivin Liliana Ziegler im Wechsel mit den anonymen Tagebucheinträgen von BELLAS BLOG. Dort beschreibt eine Frau um die dreißig sehr lesenswert und detailliert ihren Alltag. Ähnlich wie die Privatdetektivin leidet auch die Autorin des Blogs unter der schwierigen Beziehung zu einem Familienmitglied: der zu ihrem jähzornigen Mann:

Ärgern können ihn Kleinigkeiten. Zum Beispiel das Kabel des Staubsaugers. Das ich immer in der Steckdose lasse. Um mir das Einstecken am nächsten Tag zu sparen. Oder der Herd. Den ich nur sauber mache, wenn ich ihn benutzen will. Oder meine Schuhe. Die nach dem Ausziehen immer hintereinander stehen, statt nebeneinander. So was löst bei Mario eine Tollwutsymptomatik aus

Im Laufe des Krimis begegnen sich die beiden Frauen auch persönlich, zunächst allerdings ohne es zu wissen. Liliana und und ihr Partner Danner ermitteln bei einem ambulanten Pflegedienst, da dort in den letzten Jahren etwas mehr Pflegebedürftige verstorben sind, als sonst durchschnittlich üblich. Die Leitung des Pflegedienstes möchte sicher gehen, dass ein Verbrechen ausgeschlossen werden kann. Danner begleitet einige männlichen Pfleger und Liliana lernt mit den weiblichen deren häufig bedrückenden Alltag kennen. Intensiv setzt sie sich mit den Pflegerinnen und deren teilweise herausragendem Engagement in unterschiedlichen Facetten auseinander. Durch die Pflegekräfte lernt sie die “bloggergirls” kennen, die über unterschiedliche Themen im Internet schreiben und auch mit BELLAS BLOG vernetzt sind.

Im Laufe der Geschichte eskaliert die Gewalt immer mehr und es werden einige erschütternde Details sichtbar. Doch immerhin gelingt es manchen, die ewige Spirale zu durchbrechen. “77 Tage” ist ein psychologisch sehr vielschichtiger und lesenswerter Krimi.

Prometheus

“Geschichten werden erzählt, um etwas zu vertreiben”, schreibt Hans Blumenberg in Arbeit am Mythos, “Im harmlosesten, aber nicht unwichtigsten Falle: die Zeit. Sonst und schwerwiegend: die Furcht”. Furcht habe der Mensch vor allen Dingen vor dem Unbekannten. Sobald ein Name gegeben werde und es damit seine Unbestimmtheit verliere, könne es auch seines Schreckens beraubt werden: “Alles Weltvertrauen fängt an mit den Namen, zu denen sich Geschichten erzählen lassen”. Mythen seien Geschichten, die einerseits einen sehr beständigen Kern hätten und andererseits Raum für viele Variationen ließen. Deswegen könnten Mythen immer wieder für sich verändernde Bedürfnisse passend gemacht werden und Grundlage aktueller Geschichten sein: “Die Affinität des Mythos besteht immer darin, das Subjekt zu finden und zu benennen, von dem die letzte der richtigen Geschichten erzählt werden kann. Zum Namen wird auch das traditionell Abstrakteste, sobald es ins handelnde oder leidende Subjekt transformiert ist”.

Aufklärung, Surrealismus und polynesischen Götter

Die Figur ‘Prometheus’ hat eine jahrtausende alte Geschichte. Die heute noch bekannte antike griechische Kunst stellt ihn tendenziell als Wohltäter und Erzieher der Menschen dar, der durch eine List dem Göttervater Zeus gegenüber den Menschen das ihnen entzogene Feuer wieder zurück holt. Im Mittelalter spielt Prometheus keine Rolle. Dem Kulturkritiker Jean-Jacques Rousseau gilt Prometheus als Begründer der Wissenschaften und damit der Dekadenz. Zu dieser Zeit gibt es vorwiegend in Frankreich mehrere Theaterstücke, in denen die Menschen als von Anfang an dumm und schlecht und der Feuerraub des Prometheus als Beginn allen sozialen Übels gezeigt werden. Führende Köpfe der Aufklärung wie Voltaire waren von Prometheus und dem Sinn und Nutzen seines Feuerraubs überzeugt, ihnen gilt meist der Göttervater als Kern des Problems. Die europäischen Romantiker sahen in der Figur des Prometheus das Urbild des menschlichen Daseins und identifizierten ihn teilweise mit Christus. Lemi Ponifaso, der auf Samoa geboren worden und einer der renommiertesten Choreografen und Regisseure Neuseelands ist, fühlt sich von Prometheus an den polynesischen Gott Mãui erinnert.

Szene aus "Prometheus" im Rahmen der RuhrtriennaleDie Bühne hat vom Aufbau her etwas von einem surrealistischen Gemälde. Vorne links, nicht weit von den ersten Zuschauerrängen entfernt, sitzt Prometheus dem Publikum zugewandt auf einem rechteckigen schwarzen Klotz und bewegt sich kaum. Einmal legt er sich der Länge nach auf den Klotz, wenige Male trinkt er etwas. Niemals dreht er sich nach dem Rest der Bühne um, nie tritt er mit irgend einer Person auf der Bühne in Blickkontakt. Doch reagiert er mit Sprache und Gesang auf die Musik und die Personen um sich herum, die er optisch gar nicht wahrzunehmen scheint.

Eine Urgewalt, dem Wetter ähnlich

Auf der Bühne wird Altgriechisch gesprochen und gesungen, eine Sprache, die heute nur noch einige Spezialisten sprechen. Diese Worte können keine Bedeutung transportieren, sie sind Teil der unbeschreiblichen Soundkulisse der Oper aus der Feder von Carl Orff mit bombastischen donnerartigen Trommelschlägen, zart sirrendem Chorgesang, schrägem und kreischendem Wehklagen, regenartigem melodischem Klanggewirr und einigen harmonischen Passagen. Das unsichtbare Orchester, das sich auf der rechten Seite der Bühne hinter einer schwarzen Wand mit felsartigem Relief zu befinden scheint, wirkt wie eine Urgewalt, dem Wetter ähnlich. Hell erleuchtetet ist nur der Dirigent. Seine Bewegungen lassen die Zuschauer eine klangliche Reaktion erwarten, ohne dass sich wirklich erahnen ließe, was als nächstes geschieht. Prometheus gelingt ein Dialog mit dem urgewaltigen Orchester. Er scheint mit ihm zu ringen und streiten, dann wird er wieder bei seiner Rede von ihm begleitet.

Schatten und ungewöhnliche Spiegelungen

Szene aus "Prometheus" im Rahmen der RuhrtriennaleZwar hat Carl Orff den Text seiner Oper der griechischen Tragödie Der gefesselte Prometheus des Aischylos entnommen, doch wird die dort beschriebene Handlung nicht auf der Bühne dargestellt. Weder schmiedet Heiphaistos Prometheus an einen Felsen, noch wird ihm ein Keil durch die Brust getrieben und doch sind Prometheus’ Worte dieselben, als wenn es so wäre. Auch die Identifikation der Charaktere aus der Tragödie des Aischylos auf der Bühne ist meist ungeheuer schwierig. Dort, wo eigentlich ein Mann hätte auftreten sollen, steht plötzlich eine Frau in Männerkleidung oder der Mann, der eigentlich der furchtbare und alles beherrschende Zeus sein müsste, macht einen wenig angsteinflössenden Eindruck. Außerdem tauchen immer wieder Gestalten auf, die im Text gar nicht vorkommen, wie ein fast nackter Mann, der geschmeidig und unermüdlich auf allen Vieren läuft oder einer, der auf einem Tisch wie aufgebahrt liegt.

Die optische Wahrnehmung ist insgesamt ungeheuer schwierig. Die Lichtverhältnisse wechseln häufig extrem. Manchmal erscheint plötzlich etwas Bekanntes in einer ganz anderen Farbe oder eine bestimmte Beleuchtung macht unversehens das perspektivische Sehen extrem schwierig. Manchmal lässt der spiegelnde Boden des Rechtecks auf einmal ein Bild erstrahlen, das fast nichts mit dem zu tun hat, was eben noch auf der Bühne wahrnehmbar war. Oder es erscheint plötzlich das riesige Schattenbild eines Menschen auf der Bühne an der Wand und macht kleinste Bewegungen in überdimensionaler Größe sichtbar, die eben noch nicht erkennbar waren. Alles spiegelt, schillert, blendet. Für mich war es eine sehr gute, ungewöhnliche und beeindruckende Vorstellung. Für mich war es eine sehr gute, ungewöhnliche und beeindruckende Vorstellung.

Die Produktion Prometheus von Lemi Ponifaso ist im Jahr 2013 mit dem Carl-Orff-Preis ausgezeichnet worden.

Alle Fotos: ©Paul Leclaire

Life and Times, Episode 2

Bei Life and Times – Episode 2 von Nature Theater of Oklahoma gibt es kein Bühnenbild und fast überhaupt keine Requisiten. Den größten Teil des Stückes über sind nur die Hauptdarsteller in ihren grellbunten Jogginganzügen vor schwarzem Hintergrund zu sehen, eingerahmt von zwei Flatscreens am rechten und linken Ende der Bühne. Auf den Screens ist der englische und der ins Deutsche übersetzte Text des Stückes zu lesen. Die Darsteller singen den Text schief und schräg zu eingängiger, schlicht konstruierter elektronischer Musik. Manchmal tanzen sie dazu mehr oder weniger unbeholfen. Alles wirkt überhaupt nicht professionell und gekonnt.

Von meinem Platz im hinteren Teil des Zuschauerraums kann ich den Text auf dem Flatscreen nicht immer lesen, kann aber erkennen, dass dort selten zusammenhängende Sätze zu lesen sind. Es gibt viele Ehs, Ähs und sonstige Füllwörter, grammatische Fehler, abrupte Unterbrechungen, unerwartete Themenwechsel und dann doch wieder Passagen, in denen verständlich kleine Geschichten  und Anekdoten erzählt werden. Gerade die Ehs und Ähs werden von den Darstellern häufig mit ganz besonders viel Dramatik intoniert.

Kelly Copper und Pavol Liska vom Nature Theater of Oklahoma haben  sich für das Stück von der jetzt 34-jährigen US-Amerikanerin Kristin Worrall ihre Lebensgeschichte am Telefon erzählen lassen und das Gespräch aufgenommen. Das Libretto des Stücks bildet der aufgezeichnete umgangssprachliche Text ohne Korrekturen. In Life and Times – Episode 2geht es um die Zeit zwischen der dritten und der sechsten Schulklasse, nach der in den USA der Wechsel von der Grundschule auf die High-School statt findet.

Szene aus "Life and Times, Episode 2"

Der Text ist humorvoll, es geht um alberne Streitereien mit Freundinnen, das Verhalten von Lehrern, Verliebtheiten, die erste Musik, für die man sich interessiert hat, das Verhältnis zu den Eltern, Bockigkeiten, die man selbst von sich falsch fand, wie man den Vater mit einem Playboy-Heft erwischt und es dann auch selbst mal gelesen hat, wie und wann man angefangen hat, sich für Mode und Klamotten zu interessieren, Filme, die man zu einer bestimmten Zeit gesehen hat, wie man auf die Rassenproblematik Aufmerksam geworden ist, wie man sich zum ersten Mal als richtiger Loser gefühlt hat, erste Erfahrungen mit Alkohol, verhaltensauffällige Mitschüler, der Selbstmord eines Bekannten und dass man eigentlich immer darauf gehofft hat, endlich erwachsen und raus aus der Schule zu sein. Die Darsteller wechseln sich bei der Erzählung ab, so dass der Eindruck entstehen könnte, ein homosexueller Mann und mehrere Frauen erzählten dem Publikum ihre Lebensgeschichten, die nichts miteinander zu tun haben.

Genauso wie der Text ist auch die Musik bei genauerer Betrachtung eine Reise durch verschiedene Stile der Musikgeschichte von den 80ern bis in die frühen 90er. Dabei hat sie immer etwas von dem eingängigen Sound, den man auf einer Kirmes oder in einer Karaokebar hören kann. Wahrscheinlich auch deswegen hatte ich als Zuschauer sofort den Eindruck, dass eigentlich jeder aus dem Stehgreif auf der Bühne mitmachen könnte. Und tatsächlich sind auch ein paar Laiendarsteller aus dem Ruhrgebiet für die Aufführung geachtet worden, die sich nahtlos einfügen. Die Lebensgeschichte von  Kristin Worrall, die der weißen Mittelschicht entstammt, ist ist eben nicht nur typisch für solch ein Leben in den USA. In der einen oder anderen Anekdote dürfte sich jeder wieder erkannt haben. Insofern ist Life and Times – Episode 2 für mich humorvolles Theater auf Augenhöhe mit dem Zuschauer, das jeden zumindest ein bisschen mit auf die Bühne holt.

Alle Fotos: © Anna Stoecher

Uferwechsel

Von dem Mord erfährt der indischstämmige Privatdetektiv Vijay Kumar in Uferwechsel von Sunil Mann durch seinen guten Freund José von der Boulevard-Presse. José hat Vijay Kumar mit penetrantem Klingeln dazu gebracht, ihn an diesem frühen Wintermorgen über die verschneiten und zugeisten Straßen zum Fundort der Leiche in unmittelbarer Nähe des Züricher Flughafens zu fahren. Die Autofahrt ist gefährlich, es ist eiskalt und außer einem Foto bekommt er nichts von der Leiche zu sehen. Aber Vijay Kumar lernt bei dieser Gelegenheit Staatsanwalt Tobler kennen:

Ein weiterer Wagen war jetzt zu hören, ein dunkler Mercedes, der in halsbrecherischem Tempo den Waldweg heraufpreschte und ruckartig vor der Absperrung anhielt. Als wäre es ein inszenierter Auftritt, ließ genau in diesem Augenblick der Sturm nach. Der Wind flaute ab, nur der Schnee fiel weiterhin in großen, flauschigen Flocken vom dämmrigen Himmel. Die Journalisten verstummten abrupt und wirkten mit einem Mal angespannt, während die Uniformierten entweder eine stramme Haltung annahmen oder beschäftigt guckten. Die ganze Welt schien den Atem anzuhalten. Dann schwang die hintere Tür des Wagens auf und ein athletisch wirkender Mann mit grau melierter, perfekt sitzender Frisur entstieg ihm. Er blieb vor dem Fahrzeug stehen und blickte sich mit selbstgefälliger Miene nach allen Seiten um, als hätte er soeben unter frenetischem Beifall eine Bühne betreten

Nachdem Tobler sich umgesehen und der Presse gegenüber keinen Kommentar gegeben hat, spricht er Vijay Kumar mit Namen an. Der Staatsanwalt hat von ihm und seinen bisher gelösten Fällen aus der Zeitung erfahren. Jetzt bittet er ihn um Zurückhaltung. Doch natürlich lässt der Fall Vijay Kumar nicht los. Er recherchiert und glaubt Parallelen zu einem anderen Fall entdeckt zu haben, bei dem ein junger Flüchtling kurz vor Erreichen des Flughafens aus seinem Versteck im Flugzeug gefallen und dabei ums Leben gekommen ist. Ermutigt durch Toblers Kontaktaufnahme, sucht Vijay Kumar ihn in der Staatsanwaltschaft auf und teilt ihm seine Theorie mit. Am nächsten Tag muss er seine Idee fassungslos in der Zeitung lesen:

Ich knallte das Glas, in dem der Latte macchiato serviert worden war, so heftig hin, dass der Kaffee hochschwappte und auf die Titelseite der größten Schweizer Boulevardzeitung spritzte. Ich konnte nicht glauben, was ich gerade las. Der Mann, der vom Himmel fiel, stand da in fetten Buchstaben, darunter war ein Bild des äußerst fotogenen Staatsanwalts Dr. Frank R. Tobler zu sehen, der sich im nachfolgenden Bericht dafür feiern ließ, dass er das Geheimnis um den Toten von Zumikon gelüftet hatte. Ein Flüchtling, der sich im Fahrwerkkasten eines Flugzeugs versteckt hatte und dabei erfroren sei, ein tragisches Schicksal, ließ sich der Staatsanwalt zitieren. Er dankte der Bevölkerung für die zahlreichen Hinweise, die im Verlauf des gestrigen Tages bei der Staatsanwaltschaft und der Kripo eingegangen seien. Wütend schob ich die Zeitung von mir

Dann erhält Vijay Kumar den anonymen Anruf eines Mannes. Der Mann bittet ihn, an dem Fall weiter zu arbeiten. Er behauptet zu wissen, dass der tote junge Mann kein Flüchtling und auch sicher nicht aus einem Flugzeug gefallen sei. Geld spiele keine Rolle. Seine Recherchen führen Vijay Kumar in die Züricher Homosexuellen-Szene und ins Rotlichtmilieu:

Den Nachmittag verbrachte ich damit, mir passende Kleidung zurecht zu legen: eine enge weiße Hose, die ich aus den Tiefen meines Kleiderschranks zutage förderte, und ein farbenprächtiges Hemd aus synthetisch glänzendem Stoff, der knisternd Funken sprühte, wenn man darüber strich. Das Kleidungsstück hatte mir eine meiner unzähligen Tanten vor Jahren aus Indien geschickt – im irrigen Glauben, sie träfe damit meinen Geschmack. Ich hatte nicht im Traum damit gerechnet, jemals in eine derart hoffnunglose Situation zu geraten, die das Tragen des Hemdes unabdingbar machte, doch nun war ich froh, dass ich es nicht in die Altkleidersammlung gegeben hatte

Ihm gelingt es, Bekannte des Toten ausfindig zu machen und es stellt sich heraus, dass der tote junge Mann wahrscheinlich ein Stricher gewesen ist. Doch von den Bekannten des Toten scheint niemand als Täter in Frage zu kommen. Doch plötzlich stirbt ein weiterer junger homosexueller Mann auf rätselhafte Weise und es scheint sich ein Zusammenhang zu dem Todesfall aufzutun, an dem Vijay Kumar gerade arbeitet und womöglich zu noch einem Weiteren. Eine entscheidende Rolle spielt offenbar eine Organisation mit dem Namen Sanduhr, die Homosexuellen verspricht, sie zu einem Heterosexuellen ‘verändern’ zu können. Die Sanduhr steht wegen einiger Selbstmorde und psychischer Störungen in der Kritik. Auch Staatsanwalt Tobler scheint Kontakt zu der Organisation zu haben. Vijay Kumar vermutet nach und nach, dass der Staatsanwalt womöglich ein persönliches Interesse daran gehabt hat, die Geschichte des Toten nicht weiter aufzurollen, sondern ihn als einen Flüchtling ohne Vergangenheit in Zürich zu behandeln.

Ein spannender Krimi!