12 Rooms

Als ich den Bereich der Ausstellung 12 Rooms im Museum Folkwang in Essen betrete, wirkt auf mich alles sehr unspektakulär. Ich sehe nur graue Wände, in die manchmal eine Tür eingelassen ist. Die Türen sind verschlossen und es sind auch keine Geräusche zu hören. Langsam bemerke ich, dass ich mich in einem labyrinthartigen Gangsystem aus grauen Wänden und verschlossenen Türen bewege. An den Ecken der Wände sind offenbar die Namen der Künstler und des Kunstwerks hinter der Tür vermerkt, auf das ich mir von Außen keinerlei Vorstellung machen kann.

Türspalt in einem labyrinthartigen Gangsystem

Ich gelange an eine Tür, die einen Spalt breit offen steht und so fixiert ist. Von Außen habe ich den Eindruck, dass sich dahinter schwärzeste Dunkelheit befindet. Auch als ich an den Türspalt näher heran trete, kann ich überhaupt nicht erkennen, was sich in dem Raum befindet oder abspielt. Xavier Le Roy, der Künstler, der diesen einen der insgesamt zwölft Räume gestaltet hat, spricht beim tumbletalk davon, dass Dunkelheit nur auf den ersten Blick eine Veränderung in der menschlichen Wahrnehmung einer unbekannten Situation ist. Der Besucher wisse, dass er eine gewisse Zeit brauche, bis er sich an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnt habe und etwas im Raum erkennen werde. Eigentlich brauche man aber immer längere Zeit, um sich auf  eine unbekannte und unvertraute Situation einzustellen und sie erfassen zu können. Im Museum könne der Besucher im Gegensatz zum Theater selbst entscheiden, wie lange er sich welchem Kunstwerk widme. Im Theater sei der Besucher eher passiv und bleibe die ganze Zeit auf seinem Platz sitzen. Er lasse als Teil einer Gruppe andere über den Inhalt der nächsten Zeit entscheiden.  Live-Art könne beide Prinzipien miteinander verbinden. Als ich mich durch den dunklen Türspalt wage, weiß ich, dass sich wahrscheinlich in jedem der zwölf Räume lebende Menschen als Performer befinden. Ich kann im Inneren einige Zeit nichts erkennen und gehe aus Angst davor, auf jemanden zu treten lieber erst einmal wieder hinaus.

Menschliche Türen und Kopfhörer im Solarium

Als ich die grauen Gänge entlang laufe, entdecke ich einen Raum ohne Tür und sehe Menschen in bunter Sportkleidung sich in dem offenbar runden Raum in unterschiedlichen Geschwindigkeiten im Kreis bewegen. Ich bin bei der Revolving Door von Allora & Calzadilla angekommen.

Ich setze meinen Rundgang fort und bin langsam bereit, eine Tür zu öffnen und mir anzusehen, was sich dahinter verbirgt. Ich sehe einen blonden jungen Mann mit Badehose, der auf einem grell erleuchteten Solarium liegt. Er hat einen dunklen Lichtschutz auf den Augen und Kopfhörer im Ohr. Fast stakkatoartig ruft er in regelmäßigen Abständen französische Wörter. Die Wörter ergeben keinen Satz und keinen Sinn. Das Solarium steht in der Mitte des Raumes, darum herum sind nur leere weiße Wände. An einer Stelle hängt ein weißer Bademantel an der Wand, davor stehen Badelatschen. Der junge Mann ruft weiter französische Wörter und scheint auf nichts um sich herum zu reagieren. Simon Fujiwara hat diesen Raum gestaltet. Ihm gehe es bei Future / Perfect darum, einen typischen Repräsentanten seiner Generation zu zeigen, sagt Simon Fujiwara im tumbletalk. Die Thatcher-Regierung habe unter den Menschen in Großbritannien die Erwartung geweckt, dass jeder, der vor allen Dingen gut aussehe und eine fremde Sprache gelernt habe, erfolgreich und ‘easy-going’ sein werde. Tatsächlich sei der junge Mann komplett isoliert und könne nicht mit seiner Außenwelt interagieren, da er nichts sehen und hören könne. Er brabbele lediglich Wortfetzen aus einer fremden Sprache vor sich hin und höre über seine Kopfhörer nur seine Sprachlernübung. Als Performer des idealisiert wirkenden jungen Mannes in dieser futuristischen Umgebung, seien junge Arbeitslose aus der Gegend ausgewählt worden. Manche Rezipienten hätten Parallelen zu Dorian Gray gezogen. Dem Protagonisten in dem gleichnamigen Roman von Oscar Wilde gelingt es für lange Zeit, die optischen Spuren seines ausschweifenden und moralisch fragwürdigen Lebens zu verbergen. Auch der gut gebaute junge Mann auf dem Solarium sei dort einem schnellen Alterungsprozess ausgesetzt und sein gutes Aussehen extrem gefährdet. Die Szenerie habe etwas von einem absurden Theaterstück.

Brabbeln und ein Feuerzeug

Besucher 12 RoomsIch gehe weiter die Gänge entlang und entdecke Besucher, die vor einer Tür knien, die keine ist. An Stelle der Tür ist eine Vertiefung in der Wand. Nur wenige Zentimeter über dem Boden ist ein Loch im Türrahmen, durch das man nur sehen kann, wenn man sich ganz auf den Boden kniet. Auch ich knie mich auf den Boden und kann in einer Art Zimmer mit extrem niedriger Decke neben einer großen Lampe auf dem Teppichboden eine liegende Person erkennen. Es scheint sich um eine Frau zu handeln, die sich kaum bewegt, nichts um sich herum wahrnimmt und unverständlich vor sich hin brabbelt. Ich gehe nach einer Weile weiter.

In manchen Räumen frage ich mich eine ganze Weile, ob ich wirklich einen lebendigen Menschen vor mir habe oder doch eine Puppe. In anderen Räumen werde ich und die anderen Besucher sofort in ein Gespräch verwickelt, wie im Raum mit dem Titel Swap von Roman Ondàk. Der Performer hält ein gelbes Feuerzeug in den Händen und spricht auf Englisch über Tausch als Grundlage des menschlichen Zusammenlebens. Er sitzt in einem sonst kahlen Zimmer an einem einfachen Tisch, wie er auch von Schülern in der Schule benutzt werden könnte. Nach einer Weile bietet ein Besucher dem Performer ein Paket Taschentücher im Tausch gegen das gelbe Feuerzeug. Der Performer willigt begeistert ein. Besucher und Performer einigen sich darauf, später zu besprechen, wie lange der Performer das Paket Taschentücher behalten und wogegen er es schließlich eingetauscht hat. Ich und alle anderen Besucher verlassen danach den Raum.

Sprache und Rauschen

Angekommen im Room Tone von Lucy Raven erlebe ich, wie ein zuvor auf einem Tonband aufgenommener Text von einer Frau immer wieder abgespielt und zeitgleich auch aufgenommen wird. An einer Wand neben dem Tisch mit den Tonbändern gibt es eine sofaartigen Sitzgelegenheit. Ich nehme darauf Platz und höre, wie sich die Stimme von Mal zu Mal verzerrter anhört und langsam im allgemeinen Rauschen untergeht. Für diese Performance habe sie sich von dem amerikanischen Komponisten Alvin Lucier inspirieren lassen, erklärt Lucy Raven im Rahmen des tumbletalk. Er habe 1969 ein Stück namens I am Sitting in a Room entwickelt, das nie öffentlich aufgeführt worden sei. Wie in dem von Lucier erdachten Raum gebe es auch in diesem ein Mikrofon, zwei Tonbandgeräte, einen Verstärker und einen Lautsprecher. Die Aufnahmen würden mehr und mehr von den natürlichen Resonanzfrequenzen des Raums gedämpft. Was nach dem langsamen Verschwinden der Stimme und der Geräusche der Besucher letzlich von der Aufnahme auf dem Band übrig bleibe, sei der ‘Raum-Ton’. Als Performerin arbeite sie häufig, auch in diesem Fall, mit Handlungsanweisungen. Ein Computer funktioniere auch auf dieser Basis, er sei das Gerät, das Handlungsanweisungen ausführe. Für Room Tone arbeite sie aber mit einem Tonbandgerät, das technisch gesehen noch nicht so weit entwickelt sei wie ein Computer. In den 80ern seien Tonbandgeräte sehr populär gewesen, sie wolle auf die Geschichte des Entertainments und der Technik hinweisen. Eine Aufnahme zu machen sei eine Form des Protests gegen das Vergessen.

In ständiger Veränderung

Nach und nach erkunde ich die restlichen Räume der Ausstellung. Manchmal gelange ich in einen Raum, den ich vorher schon einmal besucht habe und finde eine deutlich veränderte Situation vor. Genau gesagt, erlebe ich an keiner Stelle dasselbe ein zweites Mal und bekomme Spaß daran, die Räume immer wieder zu besuchen.

Das Thema Zeit zu behandeln und eine enge Verbindung zwischen dem Theater und dem Museum herzustellen seien die Vorgaben für diese Ausstellung gewesen, konnten  Besucher des tumbletalk von den Kuratoren der Ausstellung, Klaus Biesenbach und Hans Ulrich Obrist, erfahren. In Auftrag gegeben habe die Ausstellung das Manchester International Festival. Dort sei die Ausstellung zuvor mit 11 Räumen zu sehen gewesen. Im Museum Folkwang seien Damien Hirst und Xavier Le Roy neu hinzugestoßen. Interessiert habe sie, intime Erlebnisse mit Menschen zu erzeugen, die sich nicht kennen. Die Räume seien vergleichbar mit der Situation, wenn man einer unbekannten Person in einem Fahrstuhl begegne, die ungewöhnlich aussehe oder etwa nackt sei und mit der man eine gewisse Zeit verbringen müsse, nachdem sich die Türen geschlossen hätten. Außerdem hätten sich die Performer an klassische Statuen anlehnen sollen, die Menschen für gewöhnlich sehr idealisiert darstellten. In der Ausstellung 12 Rooms sei die idealisierte Person lebendig und benähme sich häufig unerwartet und unvorhersehbar. Man wolle, dass sich die Ausstellung weiter entwickele, es sei bereits geplant, dass die Ausstellung vermutlich in einer veränderten Form danach in Sydney zu sehen ist.

Echt abgefahren!

Eigentlich hat sich der zwölfjährige Jan Hensen in Echt abgefahren! von Hans-Jürgen Feldhaus zum Geburtstag einen Tablet-Computer gewünscht, um damit Spiele zu spielen und die Schule mit ihren unterträglichen Matheaufgaben wenigstens in den Ferien vergessen zu können:

Du kennst doch diese Typen aus den Mathebüchern, oder? Ich meine, die aus den Textaufgaben! Du weißt schon: Torsten! Carsten! Sören! Einer von denen oder gleich alle zusammen backen immer Apfelkuchen oder irgendeinen anderen Scheiß. Jedenfalls kaufen sie dafür einen Haufen Äpfel und unterhalten sich dann: >Oh, Torsten! In 14 meiner 59 Äpfel ist jeweils ein Wurm drin!< >Ja, Carsten!<, sagt der Torsten. >Und von meinen 7 Äpfeln sind 6 faul< >Wie viel Prozent aller Äpfel können wir für unseren Apfelkuchen nehmen?<, fragt sich dann Sören. Und dann musst du für diese Hirnis ausrechnen, wie viele Äpfel komplett vergammelt sind und wie viel Prozent sie für ihren bescheuerten Kuchen verwenden können!

Jetzt muss Jan seinen Ärger über die Schule und den Urlaub in einem ganz normalen Tagebuch aus Papier festhalten. Und Unerträgliches gibt es jede Menge. Dazu gehört zum Beispiel, dass seine Eltern ihm wahrscheinlich keinen Tablet-Computer geschenkt haben, weil der Klassenlehrer Jans ‘Lernkompetenz’ für ‘mangelnd’ hält. Außerdem ist seine ältere Schwester Hannah dabei, die ihn liebend gerne bloß stellt und von der er sein Tagebuch stets mit allen Mitteln fern halten muss:

… und was sehe ich, als ich ins Zimmer komme? Hannah mit dem Buch in ihren Fingern! Sie schlägt es auf und in einem Bruchteil einer Sekunde hechte ich von der Tür aus auf sie zu, schnapp es mir und rolle mich wie ein Profitorwart auf dem Boden ab. … also gut, ich weiß jetzt nicht, wie groß der Bruchteil einer Sekunde von der Tür bis zu Hannah war, aber ich schwöre, es war verdammt schnell. …nur die Profitorwart-Parade war jetzt nicht ganz so toll, weil da noch dieser dämliche Koffer von Hannah war, über den ich aus Versehen gestolpert bin, und dann um ein Haar mit meinem Kopf gegen die Wand geknallt wäre, wenn da nicht noch dieser Reisemüllbeutel gelegen hätte mit dem ganzen Proviant-Matsch drin …

Grund zum Ärgern gibt Jan auch seine bewegungsfreudige Mutter, die die ganze Familie immer wieder nötigt, Städtetouren, ausgedehnte Ausflüge und lange Wanderungen zu unternehmen. Als ob all diese Strapazen nicht schon mehr als zu viel wären, begegnet Jan in diesem Urlaub auch noch überraschend Hendrik Lehmann, dem schlimmsten Streber seiner Klasse. Jans Eltern freunden sich mit Hendriks Eltern an und Jan muss ganze Abende und mehrere Ausflüge gemeinsam mit Hendrik Lehmann überstehen. Hendrik Lehmann besitzt natürlich den Tablet-Computer, den Jan sich so sehr wünscht und zieht damit die ganze Aufmerksamkeit der Urlaubs-Kumpels auf sich.

Hendrik Lehmann hatte es also geschafft: Er hat mir meine Freunde weggenommen. Mit seinem iPad… und Real Asphalt HD! MEINEM Spiel!

Noch mehr Kopfzerbrechen bereitet Jan allerdings, dass Hendrik Lehmann über die Einzelheiten einer wirklich unangenehmen Katastrophe Bescheid weiß, in die Jan und seine Freunde bei der letzten Klassenfahrt verwickelt worden sind. Jetzt muss er fürchten, dass Hendrik Lehmann ihn bei seinen Eltern verpetzt und wird von Alpträumen geplagt. Doch offenbar trägt auch Hendrik Lehmann unangenehme Probleme mit sich herum…

Mit diesem Buch kann jeder ab elf Jahren sein Trauma aus dem letzten Urlaub verarbeiten oder sich vielleicht sogar ein bisschen freuen, dass man gar nicht weg war. Toll ergänzt wird der Text von lauter witzigen Zeichnungen auf fast jeder Seite.

Eindrücke von Zeichnungen des Grafikers Hans-Jürgen Feldhaus und mehr Informationen gibt es unter: www.hjfeldhaus.de

Zwischen zwei Scheiben Glück

In Zwischen zwei Scheiben Glück von Irene Dische hat Peters Vater Laszlo eine bemerkenswert lebensfrohe und positive Herangehensweise an alle Dinge. Als ihm seine junge Geliebte Dalia unter Tränen gesteht, sie sei schwanger, stürmt er sofort nach Hause und zündet mehrere Feuerwerksknaller, die er sich für einen besonderen Moment zurück gelegt hatte. Kein Wunder, dass auch das Hochzeitsfest ein ‘fröhliches, ausgelassenes Fest’ wird, bei dem sich sogar Laszlos Vater gut amüsiert.

Schon häufig hat sich der Vater darüber beschwert, dass ihm sein Sohn fremd sei. Laszlo sei ein Heißsporn und habe kein Talent zur Mäßigung. Aber er erhöht den monatlichen Unterhalt, damit Laszlo, während er in Budapest das Jurastudium abschließt, seine Familie versorgen kann. Doch das Familienglück währt nicht lang. Ausgerechnet in dem Auto, dass Laszlos Vater ihm aus Freude über den neuen gut bezahlten Posten im diplomatischen Dienst schenkt, kommt Dalia durch einen Unfall ums Leben. Laszlo selbst überlebt mit ein paar Schrammen und trauert eine Weile sehr um seine Frau:

Dalias Tod machte Laszlo Nagel für eine Weile sehr traurig. Aber dann schlug sein Naturell wieder durch. Er konnte es nicht ändern, er liebte das Lebendigsein. In Budapest galt er schon bald als lustiger Witwer

Laszlo verbringt viel Zeit mit seinem Sohn Peter, dem er erzählt, er habe ihn in einem Spezialgeschäft für rothaarige Kinder gekauft und dass er einen Vater habe, der ein Glückspilz sei. Sie erkunden die Umgebung gemeinsam auf eine ihnen eigene Weise und Peter liebt seinen Vater abgöttisch. Eines Abends flüstert Laszlo seinem Sohn vor dem Einschlafen zu:

Auf jeden Fall weiß ich, dass du deinen eigenen Kopf haben wirst, wenn du groß bist. Du wirst vor nichts Angst haben. Nicht einmal vor dem Sterben. Aber vor allem wirst du gern leben. O ja, du wirst das Leben genießen

Laszlo und sein Sohn erkunden die Stadt ausgiebig. Sie gehen gemeinsam zu vielen Veranstaltungen, Festen oder auch ins Kino. Schon bald werden sie mit den Auswirkungen der Nazi-Herrschaft konfrontiert und entwickeln ihren eigenen ganz speziellen Umgang mit den Gegebenheiten. Zwischen zwei Scheiben Glück, ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, ist ein sehr humorvolles und fürsorgliches Buch, dem es gelingt, seine Leser mit der Lebensfreude der Charaktere anzustecken.

Black Rabbit Summer

Die drei Wochen seit Beginn der Ferien hat Pete Boland in Black Rabbit Summer von Kevin Brooks ausschließlich mit Nichtstun im Haus seiner Eltern verbracht. Irgendwie kann er sich zu nichts aufraffen und wundert sich darüber selbst ein bisschen:

Ich hatte keine Ahnung, woher meine Lethargie kam – und ich glaube, es interessierte mich auch nicht besonders -, doch in den ungefähr drei Wochen seit Schulende hatte ich offensichtlich die Gewohnheit angenommen, gar nichts zu tun, und es fiel mir schwer, von dieser Gewohnheit wieder loszukommen. Spätmorgens aufstehen, stundenlang zu Hause rumhängen, ein Weilchen in der Sonne sitzen … vielleicht ein Buch lesen, vielleicht auch nicht. Was spielte es für eine Rolle? So, wie ich es sah, würden die Tage und Nächte vergehen, egal ob ich irgendetwas tat oder nicht. Und genauso war es. Die Vormittage vergingen, die Nachmittage vergingen, die Abende wurden nach Sonnenuntergang zu Nächten … und ehe ich mich versah, lag ich wieder auf meinem Bett, starrte die Decke an und wunderte mich, wo der Tag geblieben war

Als er an einem Tag wieder auf seinem Bett vor sich hin starrt, klingelt das Telefon. Er hört, dass seine Mutter mit Nicole, einer alten Freundin, spricht und ihn schließlich zum Telefon ruft. Einen kurzen Moment überlegt er, den Ruf seiner Mutter einfach zu ignorieren, hält es dann aber für das kleinere Übel, doch zum Telefon zu gehen. Nicole lädt ihn zu einem letzten Treffen mit der alten Clique ein, die sich bereits seit einiger Zeit aus den Augen verloren hat. Erst soll es ein Treffen in einem früher einmal von ihnen selbst gebauten Unterschlupf im Gestrüpp geben, dann wollen alle auf die Kirmes in der Nähe gehen. Der Anruf löst bei Pete viele Erinnerungen aus:

In der Nacht konnte ich lange nicht einschlafen. Als ich im Bett lag und in die vom Mond erhellte Dunkelheit starrte, war mein Kopf derart voll mit Gedanken, dass ich sie geradezu aus meinem Schädel sickern spürte. Verschwitze Gedanken, klebrig und salzig, sie quollen mir aus Ohren, Mund und Haut

Er erinnert sich an Nicole und die ersten Annäherungsversuche. Er denkt auch an Raymond, den Sonderling, dessen zu Hause er von seinem Zimmer aus sehen kann. Zu ihm hat er nach wie vor immer wieder Kontakt, aber Raymond ist eigentlich überwiegend mit Black Rabbit, seinem schwarzen Kaninchen, beschäftigt.

Der gemeinsame Abend fängt normal an, sie trinken, kiffen und unterhalten sich ein bisschen zu fünft. Schließlich gehen sie getrennt auf die Kirmes. Auf der Suche nach Raymond begegnet Pete dort Stella Ross, die auch in seine Klasse gegangen ist und jetzt durch Auftritte in Werbe- und Musikvideos sowie erotische Fotos berühmt ist. Ein Kamerateam ist bei ihr, Bodyguards, ein regelrechtes Gefolge und Raymond. Pete mag Stella Ross nicht und ist sich sicher, dass sie Raymond nur benutzt, als sie ihn vor laufenden Kameras küsst.

Am nächsten Tag kommt in den Fernsehnachrichten die Meldung, dass Stalla Ross vermisst wird und die Polizei nach ihr sucht. Petes Vater ist Polizist und würde normalerweise in dem Fall ermitteln, ist aber schon nach kurzer Zeit suspendiert worden. Pete muss bei der Polizei aussagen. Er und die Anderen werden verdächtigt, mit dem Fall etwas zu tun zu haben. Zumal auch Raymond verschwunden bleibt.

Bereits der erste Roman von Kevin Brooks war ein überwältigender Erfolg. Mittlerweile ist er mehrfach mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet worden und bei seinen jungen Lesern in Deutschland so beliebt, dass ihm kürzlich der Lese-Hammer für iBoy verliehen worden ist. Black Rabbit Summer ist nicht nur ein psychologisch interessanter und spannender Thriller, der zeigt, wie schnell eine Auseinandersetzung in rohe Gewalt unschlagen kann. Spannend und mit viel sprachlichem Geschick zeigt Kevin Brooks seinen Lesern einige wohlgehütete Geheimnisse, Erpressungen, Psychoterror, fragwürdige mediale Berichterstattung, Drogenmissbrauch, Selbstmord. Zentral ist auch die schwierige Situation, in die Pete als Sohn eines Polizisten gerät, der neben den offiziellen Befragungen den Behörden immer wieder Tipps geben soll, sich damit überfordert fühlt und in Gewissenskonflikte gerät.

Syrische Videofilmer

Videokunst ist seit der Gründung des European Media Art Festival (emaf) vor 25 Jahren zentraler Schwerpunkt des Festivals. Anlässlich des Jubiläums haben in diesem Jahr namhafte Experten allgemeine Veränderungen in der Mediennutzung, deren Auswirkungen auf künstlerisches Arbeiten und die Bedeutung von Netzwerken diskutiert.

Charlotte Bank hat die Besonderheiten erörtert, mit denen syrische Filmemacher seit Beginn der Unruhen in Syrien zu kämpfen haben. Es sei generell schwierig geworden, sich ein objektives Bild von den Geschehnissen in Syrien zu machen, da das Regime seit Ausbruch der Proteste keine ausländischen Journalisten mehr in das Land lasse. YouTube habe sich als Informations-Plattform etabliert, da es häufig keinen anderen Weg gebe, sich der Öffentlichkeit mitzuteilen oder an Informationen über die Situation im eigenen Land zu kommen. Es gebe viele Online-Video-Aktivisten, die die Ereignisse in ihrer Nähe dokumentierten und im Internet veröffentlichten. Viele von ihnen seien keine professionellen Journalisten, Filmemacher, Künstler oder Intellektuelle.

Überhaupt seien syrische Intellektuelle nicht die treibende Kraft der Protestbewegung gewesen. Auch vor Beginn der Unruhen sei eine oppositionelle Haltung zum Regime nicht gut aufgenommen worden. Syrische Künstler seien durch die Zensur gezwungen worden, eine komplexe Sprache aus Metaphern und Symbolen zu entwickeln. Manchmal könne man den Eindruck bekommen, dass Zensur fast ein Geschenk sein könne, da ohne diesen Druck die Ausdrucksformen nicht so vielfältig geworden wären.

Im April 2011 hätten syrische Filmemacher dennoch eine Solidaritätserklärung mit den Protestierenden verfasst und zur Unterstützung für die Regimegegner aufgerufen. Es habe danach noch einige Zeit gebraucht, bis die ersten Filme von syrischen Künstlern zur Lage in Syrien veröffentlicht worden seien. Das hänge damit zusammen, dass die syrische Kunstszene nicht besonders etabliert gewesen sei und dass die syrischen Filmemacher nicht vorschnell hätten reagieren wollen.

Um Probleme jetzt offen und direkt ansprechen zu können, gebe es sowohl für Künstler als auch für Nicht-Professionelle in Syrien die Notwendigkeit, anonym zu arbeiten und publizieren. Das Regime gehe mittlerweile gegen jeden vor, der eine Kamera habe und betrachte sie als einen der schlimmsten Feinde. Wieder bringe die besondere Situation der Videofilmer eine bestimmte Ästhetik hervor. Da syrische Videofilmer schnell arbeiten müssten, seien die Filme häufig kurz und auf Wesentliches reduziert. Außerdem sei alles möglichst vage gehalten, Personen und Gegenden meist nicht genau zu erkennen. Jeder habe eigene Konzepte, wie er sich, seine Familie und die Menschen in seiner Umgebung schütze. Zwei Beispiele seien der Film The Sun’s Incubator des syrischen Künstlers Ammar al-Beik, der auf der Biennale von Venedig gezeigt worden ist, und der anonym veröffentlichte nicht-professionelle Film Smuggling 23 Minutes of Revolution.

Das Rosinenbrötchen

Das Rosinenbrötchen oder: Es ist alles nur eine Phase von Maximilian Buddenbohm besteht aus mehreren kleinen Geschichten, die mit viel Humor von dem Familienalltag eines Vaters, seiner Herzdame sowie SohnI und SohnII erzählen. Ganz zu Anfang erklärt der Autor:

Natürlich macht man als Mann heutzutage bei allem mit, was die Kinder betrifft. Selbst wenn man berücksichtigt, dass es immer noch in den meisten Fällen die Mütter sind, die mehr Zeit mit den Kindern verbringen, sind die Männer doch längst keine ahnungslosen Ernährer mehr, die ratlos gucken, wenn ihnen abends zu Hause überraschend ein Kind über den Weg läuft. Nein, der Mann ist heute mit der größten Selbstverständlichkeit familiär engagiert und auch kompetent

Man ist als Leser dabei, wenn der Sohn am Morgen um kurz nach fünf Uhr seinen schlafenden Eltern die Geschichte von dem Helden ‘Hallamati’ vorträgt, der seien Mantel geschreddert habe, begleitet von einem Kinderakkordeon. Im Anschluss an die Darbietung will das Kind wissen, was die Geschichte eigentlich zu bedeuten habe:

Das Kind guckte mich fragend an, ich riss mich zusammen. Es ging schließlich um seine Bildung, hier war Einsatz gefordert. Der Heilige Martin also, im Prinzip eine immerhin einfache Geschichte von Mitleid. Er hatte einen Mantel, er hatte ein Schwert, der andere fror, Mantel geteilt. Geteilt, nicht geschreddert, übrigens. Voll nett. Ich sank zurück in die Kissen und machte die Augen zu. SohnI sagte: “Was?”

Als Vater hat man eben alle Hände voll zu tun. Man muss den Sohn in Modefragen und in Liebesangelegenheiten beraten, ihn pädagogisch wertvoll mit Lebensweisheiten versorgen und zum Babyschwimmen begleiten. Leider fühlt man sich dabei nicht immer so ganz Ernst genommen wie beispielsweise von der Kursleiterin, die sagt:

Ihr könnt mir gerne heute schon einmal sagen, welche Kurse ihr nächstes Jahr besuchen wollt. Ich schreib mir das auch alles auf. Und dann bespreche ich später mit euren Frauen, was wir wirklich machen

Aber als guter Vater bleibt man natürlich cool und steckt solche Missverständnisse locker weg. Das Rosinenbrötchen oder: Es ist alles nur eine Phase von Maximilian Buddenbohm ist ein sehr unterhaltsames Buch, das viel Spaß macht und sehr zu empfehlen ist.

Bellboy

In Bellboy von Jess Jochimsen steht plötzlich ein Taxifahrer vor Lukas’ Tür und fragt, ob der Irre zu ihm gehört. Lukas entdeckt im Hausflur seinen Cousin Paul, den er lange nicht gesehen hat und der sich ungewöhnliche benimmt. Der Taxifahrer verlangt noch sein Fahrgeld und drückt Lukas einen Zettel in die Hand, auf der in Kinderschrift seine Adresse und der Satz: ‘Er muss es wissen’ steht. Lukas ist ratlos. Es ist die erste Begegnung mit seiner Familie nach einer Ewigkeit:

Paul ist mein kleiner Cousin, mehr als zehn Jahre hatte ich ihn nicht gesehen, er blieb zurück in der Provinz, in der miefigen Enge von Elternhaus und Verwandtenbesuchen, von grauen Reihenhaussiedlungen, einsamen Bushaltestellen und traurigen Stadtfesten. Er blieb zurück in der Welt der Ausfallstraßen, der Sonntagskleidung, der Ohrfeigen, der >Willst du mit mir gehen?<-Zettelchen, er blieb zurück in dem Leben mit Hautausschlag, das ich verlassen hatte

Lukas weiß sich nicht anders zu helfen, als bei der Verwandtschaft, die nach wie vor in seinem Heimatdorf lebt, anzurufen und sich nach Paul zu erkundigen. Für Lukas eine aufwühlende Begegnung mit der ‘heilen Welt’ der Kleinstadt, schon der Anrufbeantworterspruch seiner Schwester bringt ihn in Rage.

Nach und nach wird Paul zum festen Bestandteil von Lukas’ WG. Er erholt sich, ist fröhlich und bemüht sich nach Kräften, im alltäglichen Tagesablauf eine Hilfe zu sein. Doch Pauls extreme Vergesslichkeit wird mehr und mehr zum Problem. Lukas kümmert sich immer hingebungsvoller um Paul. Die WG wird zu einem eingespielten Team, das an freien Tagen gemeinsam viele Reisen unternimmt, bei denen Paul zum ersten Mal in einem Hotel übernachtet, dem Bundeskanzler seine Handynummer hinterlässt oder ein Ausflugsschiff der Königlich-Bayerischen Seenschifffahrt auf dem Starnberger See zum Kentern bringt.