Kein Döner Land

Buchcover "Kein Döner Land"

Ungefähr bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr ist Cem Gülay kein Beispiel für eine gelungene Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in die deutsche Gesellschaft. Im Klappentext zu “Kein Döner Land” heißt es dazu kurz: Das Gastarbeiterkind aus Hamburg habe sich nach dem Abitur für eine kriminelle Karriere im Warentermingeschäft entschieden. Diesen Abschnitt seines Lebens hat Cem Gülay zusammen mit Helmut Kuhn in der Autobiografie “Türken-Sam. Eine deutsche Gangsterkarriere” ausführlich dargestellt. Die Autobiografie ist die Grundlage für “Kein Döner Land. Kurze Interviews mit fiesen Migranten”Cem Gülay und Helmut Kuhn halten hier Reaktionen auf das erste Buch fest.

Zu seinem eigenen Erstaunen wird Cem Gülay nach dem Erscheinen seiner Autobiografie zu vielen Lesungen, Diskussionsrunden und Festen eingeladen. Nicht immer sind die meist gut gemeinten Veranstaltungen wirklich zahlreich besucht, wie etwa das Festival Kulturbunt im Allgäu:

Ein Riesenaufwand. Sie tanzten, bimmelten und sangen in den wildesten Outfits. Ein kunterbunter Karneval der Kulturen beinahe wie in Berlin-Kreuzberg. Aber stell dir vor, es ist Karneval – und niemand geht hin. Das Fest war ein völliger Flop. Weil es beide Seiten offenbar nicht interessierte – weder die Einheimischen noch die Migranten. In den riesigen Zelten tanzten die Folkloregruppen vor fünf Zuschauern

Am Ende muss die Veranstalterin getröstet werden. Aber es gibt sie wirklich, die vielen Menschen an unterschiedlichsten Orten, die sich für Cem Gülay und seinen Ausstieg aus dem Gangstermilieu interessieren: Schulen, die Bundeszentrale für politische Bildung, die Talkshow Anne Will, ein politisch inkorrektes Blog und viele Migranten. Das Problem scheint in der Stadt und auf dem Land fast identisch zu sein:

Man erkennt sie schon von Weitem. An den billigen Klamotten. An den Kampfhaarschnitten. Am schlechten Gangsterrap-Geschmack. Sie sehen überall gleich aus, vom Norden bis in den Süden. Sie erben gar nichts. Sie haben keine Zukunft. Wer aus der Nordstadt kommt, gilt in Gießen, der Studentenstadt, als Verlierer. So ist das. Ein reines No-Future-Gebiet. Lauter Überflüssige

Cem Gülay wird zu einem regelrechten Sozialarbeiter, etwas, das er früher überwiegend lächerlich fand. Doch er spürt die Hilflosigkeit auf beiden Seiten und dass sich die meisten von ihm Lösungsvorschläge erhoffen. Den jungen Migranten gibt er Tipps, wie sie besser zurecht kommen können und nicht  kriminell werden. Viel Mühe hat er auch mit manch einem Anti-Gewalt-Pädagogen:

Ich sagte ihm: Du musst konfrontativ sein, Du musst dich gerade machen. Dich auch mal streiten, aggressiv sein. Du musst dir Respekt verschaffen. Wenn du nur eine Lusche bist, bist du für sie eine verschwuchtelte Kartoffel. Darauf stehen sie gar nicht

Er entwickelt gemeinsam mit einem Schulleiter erfolgreich den Beruf des ‘Sozialsheriffs’, erklärt sein zwiespältiges Verhältnis zur Religion, beschreibt die türkischstämmigen Frauen und warum Deutschtürken ihre sämtlichen deutschen Mitbürger verächtlich als Bio-Deutsche bezeichnen, wie Mädchen sich türkischen Machos gegenüber verhalten sollten oder wie man zumindest einige Jugendliche dazu bringen kann, auf Gewalt zu verzichten. Außerdem zeigt er, wie und wo Migranten benachteiligt werden, dass es auch echte Vorzeige-Migranten gibt und zeichnet insgesamt gemeinsam mit seinem Co-Autor auf unterhaltsame Weise ein sehr vielfältiges Bild seiner Erfahrungen und damit der Migranten in diesem Land.

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