Der Schatten der Avantgarde: Gemälde "Le Lion" von Henri Rousseau

Der Schatten der Avantgarde

Mit dem Begriff ’naive Kunst‘, ‚outsider art‘ oder ‚art brut‘ werden Werke von Künstlern bezeichnet, die nicht Teil des etablierten Kunstbetriebs sind. Das Museum Folkwang stellt im Rahmen der Ausstellung Der Schatten der Avantgarde erstmals dreizehn dieser Autodidakten vor.  Nur Henri Rousseau gelungen ist, anerkannter Teil der professionellen Szene zu werden. Die Werke weisen viel Ähnlichkeit mit bekannten Avantgarde-Künstlern des 20. Jahrhunderts wie Pablo Picasso, Constantin Brancusi, Paul Gauguin, Emil Nolde oder Max Ernst auf und haben sie zum Teil nachweislich beeinflusst.

Die ausführliche Besprechung: portalkunstgeschichte.de 

Interview mit Falk Wolf, einem Kurator der Ausstellung:

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Faszination für das Ungewöhnliche: Ausstellung "Gediegenes und Kurioses"

Faszination für das Ungewöhnliche

Besondere Gegenstände wie der Stoßzahn eines Narwales, der lange für ein Einhorn gehalten wurde, Kunstwerke, Mineralien oder ein Pokal mit Kannibalen, den Alexander von Humboldt von einer Weltreise mitgebracht hat, gehören in eine Wunderkammer. Erste Wunderkammern wurden im 14. Jahrhundert eingerichtet, überwiegend von Fürsten. Bis heute gelten Wunderkammern als Vorläufer moderner Museen. In Berlin bleibt die alte Tradition der Faszination für das Ungewöhnliche dauerhaft lebendig.

Der ganze Text: portalkunstgeschichte.de

Das Video zeigt Bilder der Ausstellung im Museum Folkwang:

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Multimedia-Ausstellungen: Plakat zu Bosch. VisionsAlive

Multimedia-Ausstellungen

Sowohl Artplay Media als auch das Google Cultural Institute haben Multimedia-Ausstellungen zu bekannten Gemälden entwickelt. Artplay Media animiert in Berlin Szenen aus Hieronymus Boschs berühmten Gemälden. Die Ausstellung Bosch. Visions Alive lässt die berühmten grotestk-fantastischen Bildwelten  lebendig werden und bringt sie dem Publikum zum Greifen nahe. Im Museum of Fine Arts in Brüssel werden in Zusammenarbeit mit dem Google Cultural Institute die Werke von Pieter Breugel d.Ä. in brillanten Farben sichtbar. Viele oft übersehene Details können hier extrem vergrößert und in beeindruckender Qualität studiert werden.

Ausführliche Besprechung bei portalkunstgeschichte.de

"The Dog's Notes" von Poren Huang

The Dog’s Notes

Sie sind überwiegend aus schwarz-glänzendem Material, die Hundeskulpturen des auf der Insel Taiwan lebenden und arbeitenden Künstlers Poren Huang. Damit bilden die in The Dog’s Notes ausgestellten Hunde ihr Vorbild in entscheidender Hinsicht realitätsgetreu nach: den Taiwanhund, der besonders oft über ein schwarzes Fell verfügt. In Taiwan ist der Hund seit Jahrhunderten ein treuer Begleiter der Menschen. Poren Huang porträtiert in seinen Skulpturen auf sehr humorvolle Weise typische Verhaltensweisen von Hund und Mensch, die durch die reduzierte Darstellungsweise viel Ähnlichkeit mit Comic- oder Spielzeugfiguren aufweisen.

"The Dog's Notes" von Poren HuangHunde haben in Asien generell eine besondere Bedeutung. Der Hund ist beispielsweise ein Tier des traditionellen chinesischen Kalenders, dem mit dem Attribut ‚treu’ eine eindeutig positive Eigenschaft zugewiesen wird. Dem unerschütterlich treuen Hund Hachikō, einem japanischen ‚Akita‘, ist sogar in Form des gleichnamigen Films mit Richard Gere in der Hauptrolle ein Denkmal gesetzt worden. Hachikō weist genauso wie der Taiwanhund mit dem dreieckigen Kopf und der sichelförmigen Rute viel Ähnlichkeit mit dem Urtyp auf und ähnelt insofern auch sehr den Hundeskulpturen, die Poren Huang herstellt. Während es sich bei japanischen ‚Akita‘ um eine sehr alte Rasse handelt, ist der Taiwanhund erst im Jahr 2015 offiziell als eigenständige Hunderasse anerkannt worden. Als Jagdhund war er Jahrhunderte lang ein treuer Begleiter der Menschen auf der Insel Taiwan, die bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts noch vorwiegend landwirtschaftlich geprägt war. Nutztiere, die den Menschen bei der Bewältigung des Alltags behilflich waren wie etwa auch Rinder sind in Asien von je her ein beliebtes künstlerisches Motiv, erklärt Art-Manager Oscar Chan im Interview (das ganze Interview befindet sich in Video-Form am Ende des Artikels).

Generell war Kunst in China von je her an Alltägliches und den Begriff ‚yi‘ gebunden. Er bezeichnet ‚Kunstfertigkeit, Geschicklichkeit, Tüchtigkeit und Handwerk‘ und lässt sich etymologisch von dem Begriff für die Bearbeitung und Bepflanzung eines Feldes und der erfolgreichen Kultivierung herleiten. Bereits Konfuzius diente die Kunst zur ‚Ergötzung‘ und hatte eine wichtige ethische Funktion, wie Helmut Brinker, Professor für die Kunstgeschichte Ostasiens an der Universität Zürich, erklärt:

Sie ist gleichsam das Instrument zur Vervollkommnung des eigenen Charakters und trägt insofern zur Festigung der Kardinaltugenden bei, zur Realisierung des humanistischen Ideals

"The Dog's Notes" von Poren HuangLange Zeit fanden Plastiken in China wenig Beachtung, Kunst war vor allen Dingen an das Malen und Schreiben gebunden. Plastiken wurden lange Zeit ausschließlich als Grabbeigaben verwendet und waren damit für Sammler und die Öffentlichkeit uninteressant. Als beachtenswert galten allerdings gemäß Helmut Brinker die Bronzeplastiken aus vorchristlicher Frühzeit, da sie als „Träger authentischer Werte und ethischer Vorstellungen berühmter ehemaliger Besitzer“ verstanden wurden.

So humorvoll und unbeschwert die Skulpturen aus Bronze von Poren Huang überwiegend wirken, meist portraitieren sie nicht nur typische Verhaltensweisen des Hundes, sondern auch des Menschen. Die Familie des Künstlers züchtet den Taiwanhund bereits seit vielen Jahren. Er beschreibt das besondere Verhältnis von Mensch und Hund folgendermaßen:

Seit Beginn der Zivilisation, haben Mensch und Hund ein sehr enges Verhältnis zueinander. Um mit den Menschen möglichst reibungslos zusammen leben zu können, sind Hunde lange Zeit dazu erzogen worden, sich den Menschen anzupassen. Hunde haben viele großartige Eigenschaften, aber die Menschen lernen selten von ihrem treuesten Begleiter

"The Dog's Notes" von Poren HuangDie glänzenden Hunde sind zwar idealisiert, aber dennoch in Haltung und Bewegungen sehr lebensecht nachgebildet. Sie schauen ihren Betrachter erwartungsvoll an, fast so, als wollten sie gleich loslaufen, heben sichtlich gestresst das Bein oder gucken ein wenig enttäuscht, aber doch irgendwie erwartungsvoll, in den leeren Napf. Deutlich stärker scheinen Hunde mit Teufelsohren und menschlichem Gesicht oder mit wütend in den Himmel gereckten Riesenpranken karikaturenhaft an ihre eigene, weniger brave, Seite und gleichzeitig auch die ihrer Besitzer zu erinnern.

"The Dog's Notes" von Poren HuangDie Herstellung der Plastiken aus den Grundmaterialien Bronze oder Stahl, die dann später mit Überzügen und Farben versehen werden, ist sehr aufwendig. Poren Huang hat für etwa 40 Hundeskulpturen rund 10 Jahre gebraucht. In der Galerie aquabitArt werden Handschuhe verteilt, mit denen sich die genaue Beschaffenheit der überwiegend fröhlichen Hunde auch haptisch genau erkunden lässt. Wie in der traditionellen asiatischen Kunst ist auch für Poren Huang eine möglichst große Nähe zwischen Mensch und Kunstwerk sehr wichtig. Ebenso wichtig, wie das Bestreben, den Betrachter mit einem möglichst positiven Gefühl zurück zu lassen:

Das schnelle Wirtschaftswachstum und die technische Entwicklung nach Ende des Zweiten Weltkriegs haben den Menschen eine deutlich bessere Lebensqualität beschert, aber auch einen Verfall ethischer Werte. Aus Egoismus verfeinden sich viele Menschen sehr schnell mit ihren Liebsten. Außerdem sind Menschen heute weniger stressresistent und die Zahl derer, die depressiv, manisch-depressiv oder generell psychisch labil sind, hat deutlich zugenommen. Die meisten Menschen sind heute deutlich wohlhabender, aber wesentlich weniger glücklich und zufrieden mit ihrem Leben als früher, als sie noch in Armut lebten oder Kriege erleiden mussten

Die Plastiken sollen ihre Betrachter mahnend an die guten Eigenschaften der Hunde erinnern und ihnen außerdem Nähe, Unbeschwertheit und Freude vermitteln, ganz gemäß des Mottos, das einer goldenen Hundeskulptur den Namen gibt: „Every Day is a New Start“.

Die Hundeskulpturen von Poren Huang können dauerhaft in der Galerie aquabitArt in Berlin-Mitte in Augenschein genommen werden: www.art.aquabit.com

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Zeitsprünge: Cover Katalog Klaus Fußmann

Zeitsprünge

Klaus Fußmann gehört zu den Künstlern der Gegenwart, die eher figürlich malen. Aus Sicht des Direktors des Museum am Ostwall in Dortmund, Ingo Bartsch, ist diese Malweise inzwischen selten geworden. Deswegen hat er Klaus Fußmann die Ausstellung „Zeitsprünge“ in seinem Haus gewidmet.

Der Beitrag ist im Ausbildungsradio funkbude ausgestrahlt worden

Buchcover "Höchstgebot"

Höchstgebot

Bei einer Auktion geht in Höchstgebot von Thomas Hoeps und Jac. Toes unerwartet eine Version des Bildes Scheherezade von René Magritte für die Rekordsumme von 43 Millionen Euro an einen anonymen Bieter. Der Kunstexperte Robert Patati, ein Bekannter der Eigentümerfamilie, hat das Gemälde begutachtet und weiß, dass es wertvoll ist:

Wegen seiner herausragenden Qualität, weil nur drei aller anderen Scheherezade-Versionen in Öl gemalt waren und weil es das war, was die Auktionatoren mit leuchtenden Augen >jungfräulich< nannten – ein Bild, das niemals wirklich auf dem Markt zu haben gewesen war

Wegen der Finanzmarkt-Krise rechnet Robert Patati mit einem hohen Verkaufspreis, denn seiner Erfahrung nach flüchten sich viele den klassischen Anlagen misstrauende Investoren in Kunst als Geldanlage. Dieser Rekordverkaufspreis übersteigt jedoch auch die kühnsten Erwartungen und auf der Auktion wird Geschichte geschrieben, denn das Bild ist nun das teuerste Gemälde René Magrittes und der Maler schnellt auf der Liste der Auktionsweltrekorde um zwanzig Listenplätze nach vorne unter die Top-Ten.

Im Folgenden überschlagen sich die Ereignisse: Das Gemälde wird trotz größter Sicherheitsvorkehrungen auf dem Transport zu dem neuen Eigentümer in den Niederlanden gestohlen. Robert Patati, der Teil des Sicherheits-Konvois ist, verfolgt die Diebe, kann an einem Bahnübergang in Maastricht die Schienen mit seinem Auto nicht mehr rechtzeitig verlassen und verursacht ein Zugunglück mit vielen Verletzten. Obwohl er den Kamerateams vor Ort und der Polizei gegenüber immer wieder auf den Diebstahl des Gemäldes hinweist, hält ihn die Polizei für einen Terroristen, der das Zugunglück absichtlich herbei geführt hat.

Fast zur selben Zeit gibt es einen Brand bei der Roeder AG in Aachen, deren Eigentümer die Familie ist, der die Scheherezade von René Magritte zuvor gehört hat. Der Tod einer leitenden Wissenschaftlerin in den Flammen und der Materialschaden drohen die Existenz der Firma  zu zerstören:

Die Stahljalousien hingen verformt  vor den Fenstern. Ein paar Lichtstreifen fielen auf zwei Netzwerk- und Serverschränke, die mitten im Zimmer aufgestellt waren. Sie waren leer. Hier waren also die Firmendaten aufbewahrt worden. Vermutlich hatte man die Überreste der Server schon gesichert. Die Montageschienen, Kabelführungen und Lüftereinheiten waren geradezu zerbröselt. Kaum vorstellbar, dass diese Hitze nicht auch die auf den Servern gespeicherten Kronjuwelen des Labors selbst vernichtet hatte

Die Ermittler aus Deutschland und den Niederlanden finden heraus, dass der Käufer des Bildes Eigentümer einer Firma ist, die auf einem ähnlichen Gebiet wie die Roeder AG arbeitet: der Robotik. Handeln die beiden Firmen womöglich nur zum Schein mit Kunst?

Höchstgebot ist bereits die dritte Co-Produktion des deutschen Autors Thomas Hopes und des Niederländers Jac. Toes, der zeitgleich mit der deutschen Veröffentlichung unter dem Titel Het boogste bod auch auf niederländisch erschienen ist. Für ihren ersten gemeinsamen Krimi sind Thomas Hoeps und Jac. Toes für den niederländischen Krimipreis Gouden Strop nominiert worden. Mit Höchstgebot ist ihnen wieder ein sehr lesenswerter Krimi gelungen, in dem neben dem spannenden Kriminalfall auch die deutsche und niederländisch Mentalität immer wieder das zentrale Thema ist.

Ausstellung Margaret Hunter in der aquabitArt Galerie, Berlin

Interview Margaret Hunter

Nach dem Fall der Berliner Mauer haben im Jahr 1990 Künstler begonnen, die Mauer zwischen Oberbaumbrücke und Ostbahnhof mit Gemälden zu versehen. Mittlerweile ist die Berliner East Side Gallery nicht nur ein großes Kunstwerk, sondern das längste noch erhaltene Stück der Mauer, die früher Berlin teilte. Die schottische Künstlerin Margaret Hunter ist eine der Künstlerinnen der Berliner East Side Gallery. Die Galerie-Version ihres Mauerbildes von 1990 wird jetzt mit anderen Werken in der Galerie aquabitArt in Berlin gezeigt.

Wie kam es, dass Sie 1990 in Berlin waren und was hat Sie dazu bewegt, ein Bild an der Berliner East Side Gallery zu malen?

Interview Margaret Hunter: Berliner East Side GalleryIch bin 1985 nach Abschluss meines Studiums nach Berlin gekommen, um bei Georg Baselitz an der Universität der Künste zu arbeiten. Ich habe dann in Berlin meinen Mann kennen gelernt und bin jahrelang zwischen der Familie und dem künstlerischen Leben in Berlin und der Lehre an der Universität und den Ausstellungen in Schottland hin und her gependelt. 1990 bin ich zusammen mit vielen anderen Künstlern aus Ost und West eingeladen worden, ein Kunstwerk auf die zumindest im Ostteil Berlins früher unberührbare und verbotene Mauer zu malen. Es war ein Moment der Befreiung. Die Berliner Mauer war das Symbol des ‚Eisernen Vorhangs‘ und ich habe mich sehr geehrt gefühlt, an diesem historischen Vorgang beteiligt sein zu dürfen. Es war eine sehr interessante und euphorische Zeit, tausende von Touristen sind herbei geströmt, um uns malen zu sehen und es gab sehr viel Aufmerksamkeit von Seiten der Medien. Aber natürlich habe ich von Zeit zu Zeit an die Bedeutung dieser Malaktion gedacht, daran, dass es noch gar nicht lange her war, dass der letzte junge Mann bei dem Versuch, diese Mauer zu überwinden, umgebracht worden ist. Es gab also auch schmerzliche Momente.

Gibt es für Sie als Schottin eine besondere Beziehung zu Berlin oder insgesamt zu Deutschland?

Mein Wunsch mit Georg Baselitz zu arbeiten hat mich nach Berlin gebracht. Wenn er in Amsterdam oder Paris gearbeitet hätte, wäre ich dort hin gegangen. Das hätte ich getan, sogar obwohl meine Schwester damals auch schon zum Arbeiten nach Frankfurt gezogen ist. Sie lebt immer noch in Deutschland und wir sind jetzt beide seit vielen Jahren hier.

Die spannende und kantige Stimmung des geteilten Berlin hat ganz sicher immer Einfluss auf meine Arbeit gehabt und es hat mein ganzes zwischen Schottland und Berlin geteiltes Leben begleitet.

Ihr Bild Joint Venture/re:STATEMENT hat etwas sehr Ursprüngliches, es erinnert ein bisschen an Höhlenmalerei. Auch die Skulpturen haben etwas von den Jahrtausende alten Kultstatuen, die einfache Menschen besaßen. Ist das auch aus Ihrer Sicht ein entscheidendes Merkmal für Ihre Kunst und warum?

Interview Margaret Hunter: Berliner East Side GalleryJa. Als Kind war habe ich einige Zeit in Nigeria verbracht, weil mein Vater dort gearbeitet hat. Ich glaube, mein Wunsch mit Georg Baselitz zu arbeiten, der eine bedeutende Kollektion afrikanischer Kunst besitzt, war ein Schritt in Richtung der Erinnerungen aus meiner Zeit in Afrika. Besonders zu den Stammesmarkierungen auf den Gesichtern der Menschen… Zeichen ihrer Identität.

Mir haben vor allen Dingen die Gemälde von Georg Baselitz sehr gut gefallen, auf denen einzelne Figuren dargestellt werden. Ich wollte eine solche Stärke und Direktheit auch in meiner eigenen Arbeit ausdrücken und so haben meine Zeichnungen, Gemälde und Skulpturen die Tendenz, auf das Essentielle reduziert zu sein. Der augenscheinliche Zweck und Nutzen hat mich auch immer an afrikanischer Kunst interessiert… Etwas, was ich in meiner eigenen Arbeit haben möchte. Wenn ich die Skulpturen herstelle, dann beginne ich mit der Kettensäge, wobei manchmal raue Stellen entstehen. Ich höre immer wieder zwischendurch auf, um zu meißeln. Das geht in einer Geschwindigkeit, die eher zu meinem Denken passt!

Wie kam es zu dem Dialog zwischen Ihnen und den Besuchern der East Side Gallery und wie ist die Entscheidung gereift, die Anregungen der Besucher in eine ‚Neufassung‘ von Joint Venture/re:STATEMENT zu integrieren? 

Ich habe eine Replik meines East Side Gallery Bildes angefertigt. Es war 2009 mein Beitrag für eine Ausstellung an der ich teilgenommen habe, die das Thema ’20 Jahre nach dem Mauerfall‘ hatte und im Kunstraum Potsdam statt gefunden hat.

Ich habe die Galerie-Version von Joint Venture/re:STATEMENT in meinem Atelier gemalt. Die Situation war ganz anders als 1990, besonders weil ich in einem geschlossenen Raum gearbeitet habe und es Zeit gab, über die dazwischen liegenden zwanzig Jahre nachzudenken.

In diesen zwanzig Jahren gab es einen immer währenden Dialog mit den anonymen Besuchern, die in Form von Graffitis auf dem Bild Kommentare hinterlassen haben. Ich habe die Graffitis viele Male übermalt und es hat mein Leben zwanzig Jahre lang begleitet. Ich bin schließlich auf die Idee gekommen, die Galerie-Version zu einem interaktiven Stück zu machen und es so noch mehr mit dem Gemälde auf der Mauer der East Side Gallery zu verbinden. Ich habe die Besucher auf der Vernissage im Kunstraum Potsdam eingeladen, ihre Gedanken auf meinem Bild zu hinterlassen. Mir ist es so vorgekommen, dass die ‚Neue Darstellung‘, was ‚RESTATEMENT‘ übersetzt bedeutet, so vollständig war.

Welche Rolle spielen die Anregungen der Rezipienten für Sie und Ihre Kunst?

Interview Margaret Hunter: Berliner East Side GalleryEs ist eindeutig ein großes Risiko, andere Leute zu bitten, auf mein Bild zu schreiben. Es hätte komplett zerstört werden können. Aber da ich mich dafür entschieden hatte, war das ein Risiko, das ich in Kauf nehmen musste. Außerdem hat es in einer Galerie statt gefunden und ich war die meiste Zeit über selbst anwesend. Es gab von Seiten der Besucher großen Respekt für das Gemälde und ich glaube, die Besucher haben sich sogar geehrt gefühlt, daran teilhaben zu dürfen. Ich habe sehr viel Arbeit in dieses Bild gesteckt, habe viel mit überlappenden Farben gearbeitet, was ihm aus meiner Sicht die Ähnlichkeit mit Höhlenmalereien verleiht, die Sie bereits angesprochen haben. Ich habe nicht bewusst darauf hin gearbeitet, sondern hatte eher die Vorstellung, dass die Farb-Schichten ein Gefühl von Zeit und Geschichte vermitteln würden. Das Gemälde ist später in der Royal Scottish Academy gezeigt worden, eine der führenden Institutionen in Schottland. Die Räumlichkeiten sind dort sehr edel und die Besucher haben das Bild aus einer größeren Distanz heraus betrachten müssen, so dass sie wenig von den Worten auf der Oberfläche des Bildes erkennen konnten.

East Side Gallery, BerlinDer Unterschied zwischen der Präsentation des Bildes in der Royal Scottish Adademy und der in dem Raum der aquabitArt-Galerie ist enorm. Das Gemälde konnte nicht am Stück aufgehängt werden, sondern musste über Eck aufgehängt werden, ein Teil an einer Wand, der andere an der anderen. Das lädt die Besucher ‚in das Bild ein‘, sie sind von ihm umgeben und können von ganz nah alle Details erkennen. Diese Anordnung des Gemäldes ist ein weiterer Versuch, den Besucher in das Werk mit einzubinden. Früher habe ich oft mit Holz-Brettern gearbeitet, auf die ich viele Farbschichten aufgetragen habe, um dann hinein kratzen zu können und ‚die Geschichte‘ darunter frei legen zu können. In der auquabitArt-Ausstellung sind die ‚Schichten‘ einzeln dargestellt, Teile meiner Arbeit, und es ist Aufgabe des Besuchers, zwischen den einzelnen Skulpturen und Bildern einen Zusammenhang herzustellen oder auch nicht. Die schweren kohlschwarzen Skizzen auf den Bildern könnte man als Grundrisse der Skulpturen verstehen, die aus dem großen Bild herausgetreten sind. Die Skulpturen sehen so aus. Eine weitere ‚Schicht‘ bilden die kleinen kratzigen Tuschezeichnungen…

Seitdem ich die Ausstellung noch vor der Eröffnung zum ersten Mal gesehen habe, spreche ich mit einem Choreografen über eine dazugehörige Tanz-Performance, die ein Video meines großen Gemäldes und einer Skulptur aus einer Ausstellung namens Holding Hope beinhaltet. Ich finde die Aussicht auf weitere ‚Schichten‘ von Bedeutungen durch Bewegung/Stillstand, Lichtgebung, Schatten, Ton und so weiter sehr spannend.

Sie haben auch als Dozentin am Edinburgh College of Art und an der Glasgow School of Art gearbeitet. Gibt es irgend etwas, was Sie jungen bildenden Künstlern unbedingt mit auf ihren hoffentlich erfolgreichen Weg geben möchten?

Ich habe an beiden Kunstschulen als Gast-Dozentin gearbeitet. Es gibt so viele begabte Künstler und so wenige Möglichkeiten und Perspektiven für sie. Als erstes muss ein junger Künstler vollkommen aufrichtig und zielstrebig sein und außerdem einen unumstößlichen Glauben an die eigenen Ideen haben, sie dürfen sich nicht durch Zurückweisungen erschüttern lassen und sie brauchen Verwegenheit. Außerdem müssen sie ständig auf der Suche nach Gelegenheiten sein, ihre Arbeit zu zeigen oder an Projekten teil zu nehmen. Es ist dabei sehr wichtig, professionell zu sein und sie müssen begreifen, dass sie die geschäftliche Seite der Kunstwelt verstehen müssen.

Weitere Informationen gibt es unter: www.art.aquabit.com und www.eastsidegallery-berlin.de