FOLK

Für die Besucher von Romeo Castelluccis FOLK. gibt es keine Sitzplätze. Viele schauen sich irritiert um, suchen sich aber ohne viel Worte einen Stehplatz am Rande des riesigen, aufblasbaren Bassins, das fast die ganze Gebläsehalle des Landschaftspark Duisburg-Nord ausfüllt. Unwillkürlich rücken wir alle ein bisschen zusammen, sehen uns genau um, versichern uns gegenseitig, dass in dem riesigen Becken unmittelbar vor uns warmes Wasser ist und warten ab.

Szene aus FOLK im Rahmen der RuhrtriennaleNach einer Weile steigt plötzlich steigt ein voll bekleideter Mann in das Becken und läuft im hüfthohen Wasser langsam auf die Mitte des Beckens zu. Eine Frau am anderen Ende tut es ihm gleich. Beide sind normal gekleidet und unterscheiden sich nicht von den Zuschauern. In der Mitte angekommen, umarmen sich Mann und Frau lange und scheinen sehr glücklich, sich gefunden zu haben. Schließlich helfen sie einander, rücklings und mit zugehaltener Nase unterzutauchen. Um das Becken herum stehen lauter Menschen, aber die beiden im Wasser sind vollkommen alleine mit sich. Sie sprechen überhaupt gar nicht, noch nicht einmal miteinander, sondern bedeuten sich durch Gesten und Körperkontakt, was zu tun ist. Nachdem beide vollkommen untergetaucht sind, umarmen sie sich noch herzlicher als vorher.

Romeo Castellucci sagt beim tumbletalk, dem Gesprächsformat der Ruhrtriennale, es sei ihm eigentlich unmöglich, über den Prozess der Entstehung seiner Stücke zu sprechen. Ihm selbst sei nicht klar, wo genau seine Ideen her kämen. Sagen könne er aber, dass der Ausgangspunkt immer Alltägliches sei. Er erinnere sich, dass er im Auto eine CD über Taufen im Mississippi angehört habe, die seine Idee entzündet hätte. Ihn interessiere die gesellschaftliche Funktion dieses Rituals, das immer seltener werde. In seinem Stück sei es ein Ritual, das ohne Gott statt finde und deswegen leer bleibe. Doch ein Ritus drücke immer aus, wie Gesellschaft sich bilde.

Szene aus FOLK im Rahmen der RuhrtriennaleDie Gesten des Mannes zum Abschied sind herzlich. Doch schließlich geht er zurück zum Rand des Beckens und verlässt es wieder. Die Frau bleibt allein in der Mitte des Beckens zurück als warte sie. Als eine andere Person wieder vollbekleidet über den Rand des Bassins klettert ermuntert sie sie mit offenen Armen, zu ihr zu kommen. Etwas zögerlich läuft die andere Person in die Mitte des Beckens und umarmt die Frau. Sie hilft der anderen Person wie schon zuvor, rücklings ganz unterzutauchen. Dann umarmen sie sich wieder lange und emotional.

Dieser Vorgang wiederholt sich viel Male. Es bleibt immer die Person zurück, die als letzte untergetaucht ist, nimmt eine andere in Empfang und wiederholt das Ritual. Obwohl sich alle in der Mitte des Beckens zum ersten Mal zu begegnen scheinen, wird jeder herzlich und mit offenen Armen empfangen. Manche erscheinen zunächst traurig und besorgt auf ihrem Weg in die Mitte. Das Untertauchen macht gerade diese Menschen lebendiger, fröhlicher und unbeschwerter. Es ist offensichtlich eine sehr positive Erfahrung. Dabei bleiben die zwei im Becken die ganze Zeit über allein, niemand sonst mischt sich ein. Dazu erklingt wie aus dem Nichts ein sanft und melodisch singenden Frauenchor.

Romeo Castellucci erklärt, das Wasser sei immer als wichtigstes Element gesehen worden und als Mittel und Medium der Kommunikation. Es sei ein berührbarer Ausdruck der Gemeinschaft und mache die Beziehungen sichtbar, die wichtig und vielleicht auch gefährlich seien. Da es ihm um diese Beziehungen in einem Volk beziehungsweise in einer Gemeinschaft gehe, wolle er nicht mit professionellen Schauspielern arbeiten. Ein echtes Volk solle zum Mittelpunkt des Stückes werden. Deswegen entspräche auch die Anzahl der Statisten der des Publikums. Es sei immer wieder vorgekommen, dass einer der Besucher in das Bassin gestiegen und sich am Ritual beteiligt habe. Der Besucher selbst könne in FOLK. zum Protagonisten werden. Dem Prinzip des Zufalls und der Unordnung wolle er in seinem Stück Platz einräumen.

Szene aus FOLK im Rahmen der RuhrtriennaleAls es irgendwann einen lauten Schlag aus dem oberen Teil des Raumes gibt, nehme ich die Rundbogenfenster hoch oben unter der Decke erst richtig wahr. Wir zucken alle erschrocken zusammen und schauen uns ratlos an. Als kurz darauf mehrere donnerartige Schläge ertönen, bemerken wir, dass sich oben gegen die Fenster schattenartige Gestalten mit ihrem ganzen Körper werfen. Wir beruhigen uns langsam wieder, obwohl sich immer mehr solcher Gestalten gegen die Fenster werfen und das Donnern eher noch lauter wird. Das Ritual geht dabei die ganze Zeit weiter. Die beiden im Bassin scheinen von dem Krach gar nichts zu bemerken.

Der Lärm wird immer unerträglicher. Man kann die Donnerschläge physisch spüren. Irgendwann stehen sich zwei Männer im Bassin gegenüber und führen das Ritual nicht weiter. Sobald niemand mehr im Wasser ist, sticht einer der Männer in das aufblasbare Bassin. Das Wasser ergießt sich sintflutartig in die Halle. Wir suchen am Rand Schutz vor dem Wasser. Dröhnend erklingt die Musik einer Kirchenorgel. Der Mann, der das Bassin zerstört hat, schneidet nach und nach die leere Hülle das Bassin in zwei Teile. Sie werden in die Höhe gehoben. Danach sitzt ein Mann ganz allein vor einem Tisch, auf dem sich eine Art Puzzle befindet. Er muss unterschiedliche Formen zusammen fügen. Es kostet ihn offensichtlich viel Mühe. Schließlich schmeißt er das letzte Teil weg und verlässt den Raum.

Szene aus FOLK im Rahmen der RuhrtriennaleBeim tumbletalk heißt es, viele Zuschauer hätten nicht verständen, warum das Stück auf einmal zu Ende seiRomeo Castellucci meint, es sei nicht die Aufgabe der Kunst, Bedeutungen zu schaffen. Darin liege eher eine große Gefahr. Es sei grundsätzlich nicht möglich, einem Kunstwerk eine klare Deutung zu geben. Für einen Künstler gehe es darum, etwas zu schaffen, das notwendig sei. Der Zuschauer sei eine Art Detektiv, der die einzelnen Teile des Theaterstücks wieder zusammen setzen müsse. So erschaffe es einen Kontakt zum Zuschauer. Die menschliche Wahrnehmung liege allein im Körper des einzelnen Menschen und hänge von ihm ab. Da Menschen etwa unterschiedliche Erfahrungen oder Ausbildungen hätten, nähmen sie manches unterschiedlich wahr, es gebe nie nur eine Wahrheit. Die Reaktion des Publikums ließe sich auch niemals planen, er lasse sich davon überraschen. Es tue ihm Leid, dass sich manchmal Menschen durch seine Arbeit provoziert fühlten. Das sei nicht seine Absicht und nehme dem Stück womöglich etwas weg. Grundsätzlich gebe es im Theater einen Widerstreit von These und Antithese ohne Auflösung. Außer im orientalischen und japanischen Theater rekurriere jedes im Theater aufgeführte Stück immer auf die griechische Tragödie. Deren Kern sei die Leere voller Kälte. Der griechischen Tragödie entspringe das Recht, das sich erst nach dem Ende der Götter durchsetzen könne. Das Theater sei der menschliche Ausdruck, der dem Leben am nächsten sei, man mache gemeinsame Erfahrungen zur selben Zeit.

FOLK. arbeitet mit vielen Sinneseindrücken und macht Erfahrungen sehr unmittelbar. Für mich war nichts vorhersehbar. Ich war nicht nur passiver Zuschauer, sondern konnte tatsächlich den Schutz spüren, den menschliche Gesellschaft in einer unvertrauten Situation bieten kann und damit, was den Ursprung aller Gemeinschaft ausmacht.

12 Rooms

Als ich den Bereich der Ausstellung 12 Rooms im Museum Folkwang in Essen betrete, wirkt auf mich alles sehr unspektakulär. Ich sehe nur graue Wände, in die manchmal eine Tür eingelassen ist. Die Türen sind verschlossen und es sind auch keine Geräusche zu hören. Langsam bemerke ich, dass ich mich in einem labyrinthartigen Gangsystem aus grauen Wänden und verschlossenen Türen bewege. An den Ecken der Wände sind offenbar die Namen der Künstler und des Kunstwerks hinter der Tür vermerkt, auf das ich mir von Außen keinerlei Vorstellung machen kann.

Türspalt in einem labyrinthartigen Gangsystem

Ich gelange an eine Tür, die einen Spalt breit offen steht und so fixiert ist. Von Außen habe ich den Eindruck, dass sich dahinter schwärzeste Dunkelheit befindet. Auch als ich an den Türspalt näher heran trete, kann ich überhaupt nicht erkennen, was sich in dem Raum befindet oder abspielt. Xavier Le Roy, der Künstler, der diesen einen der insgesamt zwölft Räume gestaltet hat, spricht beim tumbletalk davon, dass Dunkelheit nur auf den ersten Blick eine Veränderung in der menschlichen Wahrnehmung einer unbekannten Situation ist. Der Besucher wisse, dass er eine gewisse Zeit brauche, bis er sich an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnt habe und etwas im Raum erkennen werde. Eigentlich brauche man aber immer längere Zeit, um sich auf  eine unbekannte und unvertraute Situation einzustellen und sie erfassen zu können. Im Museum könne der Besucher im Gegensatz zum Theater selbst entscheiden, wie lange er sich welchem Kunstwerk widme. Im Theater sei der Besucher eher passiv und bleibe die ganze Zeit auf seinem Platz sitzen. Er lasse als Teil einer Gruppe andere über den Inhalt der nächsten Zeit entscheiden.  Live-Art könne beide Prinzipien miteinander verbinden. Als ich mich durch den dunklen Türspalt wage, weiß ich, dass sich wahrscheinlich in jedem der zwölf Räume lebende Menschen als Performer befinden. Ich kann im Inneren einige Zeit nichts erkennen und gehe aus Angst davor, auf jemanden zu treten lieber erst einmal wieder hinaus.

Menschliche Türen und Kopfhörer im Solarium

Als ich die grauen Gänge entlang laufe, entdecke ich einen Raum ohne Tür und sehe Menschen in bunter Sportkleidung sich in dem offenbar runden Raum in unterschiedlichen Geschwindigkeiten im Kreis bewegen. Ich bin bei der Revolving Door von Allora & Calzadilla angekommen.

Ich setze meinen Rundgang fort und bin langsam bereit, eine Tür zu öffnen und mir anzusehen, was sich dahinter verbirgt. Ich sehe einen blonden jungen Mann mit Badehose, der auf einem grell erleuchteten Solarium liegt. Er hat einen dunklen Lichtschutz auf den Augen und Kopfhörer im Ohr. Fast stakkatoartig ruft er in regelmäßigen Abständen französische Wörter. Die Wörter ergeben keinen Satz und keinen Sinn. Das Solarium steht in der Mitte des Raumes, darum herum sind nur leere weiße Wände. An einer Stelle hängt ein weißer Bademantel an der Wand, davor stehen Badelatschen. Der junge Mann ruft weiter französische Wörter und scheint auf nichts um sich herum zu reagieren. Simon Fujiwara hat diesen Raum gestaltet. Ihm gehe es bei Future / Perfect darum, einen typischen Repräsentanten seiner Generation zu zeigen, sagt Simon Fujiwara im tumbletalk. Die Thatcher-Regierung habe unter den Menschen in Großbritannien die Erwartung geweckt, dass jeder, der vor allen Dingen gut aussehe und eine fremde Sprache gelernt habe, erfolgreich und ‘easy-going’ sein werde. Tatsächlich sei der junge Mann komplett isoliert und könne nicht mit seiner Außenwelt interagieren, da er nichts sehen und hören könne. Er brabbele lediglich Wortfetzen aus einer fremden Sprache vor sich hin und höre über seine Kopfhörer nur seine Sprachlernübung. Als Performer des idealisiert wirkenden jungen Mannes in dieser futuristischen Umgebung, seien junge Arbeitslose aus der Gegend ausgewählt worden. Manche Rezipienten hätten Parallelen zu Dorian Gray gezogen. Dem Protagonisten in dem gleichnamigen Roman von Oscar Wilde gelingt es für lange Zeit, die optischen Spuren seines ausschweifenden und moralisch fragwürdigen Lebens zu verbergen. Auch der gut gebaute junge Mann auf dem Solarium sei dort einem schnellen Alterungsprozess ausgesetzt und sein gutes Aussehen extrem gefährdet. Die Szenerie habe etwas von einem absurden Theaterstück.

Brabbeln und ein Feuerzeug

Besucher 12 RoomsIch gehe weiter die Gänge entlang und entdecke Besucher, die vor einer Tür knien, die keine ist. An Stelle der Tür ist eine Vertiefung in der Wand. Nur wenige Zentimeter über dem Boden ist ein Loch im Türrahmen, durch das man nur sehen kann, wenn man sich ganz auf den Boden kniet. Auch ich knie mich auf den Boden und kann in einer Art Zimmer mit extrem niedriger Decke neben einer großen Lampe auf dem Teppichboden eine liegende Person erkennen. Es scheint sich um eine Frau zu handeln, die sich kaum bewegt, nichts um sich herum wahrnimmt und unverständlich vor sich hin brabbelt. Ich gehe nach einer Weile weiter.

In manchen Räumen frage ich mich eine ganze Weile, ob ich wirklich einen lebendigen Menschen vor mir habe oder doch eine Puppe. In anderen Räumen werde ich und die anderen Besucher sofort in ein Gespräch verwickelt, wie im Raum mit dem Titel Swap von Roman Ondàk. Der Performer hält ein gelbes Feuerzeug in den Händen und spricht auf Englisch über Tausch als Grundlage des menschlichen Zusammenlebens. Er sitzt in einem sonst kahlen Zimmer an einem einfachen Tisch, wie er auch von Schülern in der Schule benutzt werden könnte. Nach einer Weile bietet ein Besucher dem Performer ein Paket Taschentücher im Tausch gegen das gelbe Feuerzeug. Der Performer willigt begeistert ein. Besucher und Performer einigen sich darauf, später zu besprechen, wie lange der Performer das Paket Taschentücher behalten und wogegen er es schließlich eingetauscht hat. Ich und alle anderen Besucher verlassen danach den Raum.

Sprache und Rauschen

Angekommen im Room Tone von Lucy Raven erlebe ich, wie ein zuvor auf einem Tonband aufgenommener Text von einer Frau immer wieder abgespielt und zeitgleich auch aufgenommen wird. An einer Wand neben dem Tisch mit den Tonbändern gibt es eine sofaartigen Sitzgelegenheit. Ich nehme darauf Platz und höre, wie sich die Stimme von Mal zu Mal verzerrter anhört und langsam im allgemeinen Rauschen untergeht. Für diese Performance habe sie sich von dem amerikanischen Komponisten Alvin Lucier inspirieren lassen, erklärt Lucy Raven im Rahmen des tumbletalk. Er habe 1969 ein Stück namens I am Sitting in a Room entwickelt, das nie öffentlich aufgeführt worden sei. Wie in dem von Lucier erdachten Raum gebe es auch in diesem ein Mikrofon, zwei Tonbandgeräte, einen Verstärker und einen Lautsprecher. Die Aufnahmen würden mehr und mehr von den natürlichen Resonanzfrequenzen des Raums gedämpft. Was nach dem langsamen Verschwinden der Stimme und der Geräusche der Besucher letzlich von der Aufnahme auf dem Band übrig bleibe, sei der ‘Raum-Ton’. Als Performerin arbeite sie häufig, auch in diesem Fall, mit Handlungsanweisungen. Ein Computer funktioniere auch auf dieser Basis, er sei das Gerät, das Handlungsanweisungen ausführe. Für Room Tone arbeite sie aber mit einem Tonbandgerät, das technisch gesehen noch nicht so weit entwickelt sei wie ein Computer. In den 80ern seien Tonbandgeräte sehr populär gewesen, sie wolle auf die Geschichte des Entertainments und der Technik hinweisen. Eine Aufnahme zu machen sei eine Form des Protests gegen das Vergessen.

In ständiger Veränderung

Nach und nach erkunde ich die restlichen Räume der Ausstellung. Manchmal gelange ich in einen Raum, den ich vorher schon einmal besucht habe und finde eine deutlich veränderte Situation vor. Genau gesagt, erlebe ich an keiner Stelle dasselbe ein zweites Mal und bekomme Spaß daran, die Räume immer wieder zu besuchen.

Das Thema Zeit zu behandeln und eine enge Verbindung zwischen dem Theater und dem Museum herzustellen seien die Vorgaben für diese Ausstellung gewesen, konnten  Besucher des tumbletalk von den Kuratoren der Ausstellung, Klaus Biesenbach und Hans Ulrich Obrist, erfahren. In Auftrag gegeben habe die Ausstellung das Manchester International Festival. Dort sei die Ausstellung zuvor mit 11 Räumen zu sehen gewesen. Im Museum Folkwang seien Damien Hirst und Xavier Le Roy neu hinzugestoßen. Interessiert habe sie, intime Erlebnisse mit Menschen zu erzeugen, die sich nicht kennen. Die Räume seien vergleichbar mit der Situation, wenn man einer unbekannten Person in einem Fahrstuhl begegne, die ungewöhnlich aussehe oder etwa nackt sei und mit der man eine gewisse Zeit verbringen müsse, nachdem sich die Türen geschlossen hätten. Außerdem hätten sich die Performer an klassische Statuen anlehnen sollen, die Menschen für gewöhnlich sehr idealisiert darstellten. In der Ausstellung 12 Rooms sei die idealisierte Person lebendig und benähme sich häufig unerwartet und unvorhersehbar. Man wolle, dass sich die Ausstellung weiter entwickele, es sei bereits geplant, dass die Ausstellung vermutlich in einer veränderten Form danach in Sydney zu sehen ist.

The Coming Storm

Vielleicht lässt sich der Inhalt des neuen Stücks The Coming Storm der Kompanie Forced Entertainment einigermaßen treffend beschreiben, indem man sagt, es thematisiert, was zu einer guten Geschichte gehört und was eher nicht. Oder vielleicht sollte man besser sagen, alles im Stück dreht sich darum, wie Menschen am wirkungsvollsten Aufmerksamkeit auf sich lenken können? Oder noch besser: Vielleicht sollte man sagen, dass der Kampf um die Blicke des Publikums das zentrale Thema in The Coming Storm ist?

Gleich am Anfang philosophiert eine der insgesamt sechs Frauen und Männer auf der Bühne in einer Art Vortrag darüber, welche Elemente aus ihrer Sicht eine gute Geschichte ausmachen. Sie erklärt, dass eine gute Geschichte etwa Überraschungen, Mysteriöses, Missverständnisse oder auch spannende Charaktere brauche und veranschaulicht ihre Thesen durch Beispiele. Dabei stehen die übrigen Männer und Frauen in einer Reihe neben ihr und schauen ins Publikum. Der Vortrag wirkt wie eine Art Prolog, denn alle Personen tragen noch normale Alltagskleidung und die Bühne ist leer. Nur rechts und links am Rand stehen erkennbar Kleiderstangen voll bunter Kleidungsstücke, ineinander gestapelte Stühle, ein Klavier.

Plötzlich reißt ein Schauspieler das Mikrofon an sich und beginnt ganz unvermittelt eine Geschichte zu erzählen, die angeblich einem seiner Freunde, einem IT-Spezialisten, zugestoßen ist. Der Freund habe eine Kreuzfahrt gewonnen, das Schiff sei gekentert, aber der Freund habe sich an die afrikanische Küste retten können, dort einen Job gefunden, sich in seine Chefin verliebt, sie später auch geheiratet, doch er habe sich von ihr trennen müssen, als sie ihr die Einreise nach HongKong durch die Behörden verweigert worden sei. Dort habe er dann allein ein neues Leben anfangen müssen. Es ist eine lustige Geschichte, voller Brüche, komischer Sensationen, überraschender Wendungen, auch klischeehaft.

Nacheinander nehmen sich die sechs Personen das Mikrofon aus der Hand, um dann selbst eine Geschichte über andere oder sich selbst zu erzählen. Dabei reißen sie sich das Mikrofon gegenseitig einfach weg. Nur manchmal sind sie dabei noch so höflich, sich bei ihrem Vorredner zu bedanken, während sie ihm das Mikrofon dann doch bestimmt aus der Hand nehmen. Nach und nach hat die Atmosphäre etwas von einer Gruppentherapie. Als eine Frau aber davon zu erzählen beginnt, dass sie einige Tage lang von mehreren Männern eingesperrt worden sei und deren Sexsklavin sein musste, gehen die anderen sofort dazwischen. Sie nehmen ihr das Mikrofon aus der Hand und beginnen, eine unverfängliche Geschichte zu erzählen, ohne sie weiter zu beachten. Eine andere Frau möchte später ihre Geschichte niemandem mehr zumuten. Sie sei nicht sicher, ob die anderen sich davon wieder erholen könnten. Ihre Mitstreiter auf der Bühne reagieren darauf sehr anerkennend und nehmen ihr das Mikrofon gerne sofort wieder ab.

Nach und nach entdecken diejenigen, die gerade keine Geschichte erzählen können, die Accessoires am Rande der Bühne. Sie ziehen sich schillernde Kleider und Perücken an, spielen lautstark auf unterschiedlichen Musikinstrumenten, tanzen oder laufen mit nacktem Oberkörper und einer Monstermaske über dem Kopf um den Erzählenden herum. Schließlich gehen sie dazu über, dem Erzählenden dicke Äste in die Hand zu drücken, hinter denen er fast verschwindet, versuchen mit Requisiten wie einer lärmenden Windmaschine der Geschichte eine unerwartete Wendung zu geben und den Erzählenden so aus dem Konzept zu bringen, laufen mit auffälligen Verkleidungen um ihn herum, tanzen vor ihm oder schmieren ihm hässliche bunte Schminke ins Gesicht. In ihrem Streben nach Aufmerksamkeit und Ablenkung entstehen auf der Bühne viele archetypische Charaktere wie ein Gespenst, ein Krokodil, das ein bisschen etwas von einem bösen Wolf hat, ein Wald oder auch eine Art Prinzessin. Es ist so viel los auf der Bühne, dass eine Frau gar keine Geschichte mehr erzählen mag, sondern das Publikum nur flehentlich darum bittet, die Augen nicht von ihrem Tanz abzuwenden, ganz egal, was sonst noch auf der Bühne passiere.

Erhalten bleibt, dass die Erzählenden sofort unterbrochen werden, sobald ihre Geschichte eine ungute Wendung nimmt, von Tod, Gewalt, Zerstörung oder Politik handelt und absehbar ohne Happy-End bleiben muss. Die Geschichten werden banaler, handeln meist von Dingen, die angeblich anderen, meist irgendwelchen Freunden, passiert sein sollen. Immer wieder schlägt jemand den Erzählenden vor, sich vorzustellen, wie ihre Geschichte als Hollywood-Film präsentiert werden könnte und welche Hollywood-Schauspieler die Rollen darin übernehmen sollten.

Manchmal wagt sich einer, der im Laufe des Stückes verschiedene Monstermasken trägt oder mit einem Sack über dem Kopf und einem Strick in der Hand herum läuft, zu fragen, ob in die Geschichte nicht doch ein ‘killer’ eingebaut werden könnte. Immer wird der Wunsch abgeschmettert. Dennoch besteht er weiter darauf, dass in der Geschichte wenigstens ein kleines Verbrechen vorkommen müsse, wenn es darin schon keinen ‘killer’ geben dürfe. Der Verbrecher müsse auch nicht unbedingt zur Familie des Erzählenden gehören, er könne akzeptieren, dass der Verbrecher in einer anderen Straße wohne oder auch nur zu Besuch in der Stadt sei. Auch diese abgemilderten Wünsche werden ihm rigoros verwehrt. Eine Frau brüllt, sie könne nicht ertragen, dass jeder täte, was er wolle. Man habe sich schließlich darauf geeinigt, dass gewisse Themen nicht angeschnitten werden dürften. Immer wieder kommt es darüber zu Auseinandersetzungen und jeder besänftigt seine Kritiker auf seine Weise. Am Ende des Stücks wird Bilanz gezogen und alle auf der Bühne anwesenden gefragt, wie es ihnen geht. Die Gruppe toleriert allenfalls, dass der Befragte sagt, er fühle sich nicht direkt wohl, habe aber gute Hoffnung auf Besserung. So kann ein Mann ganz am Ende doch zufrieden behaupten, die Stimmung auf der Bühne ließe sich abschließend als melancholisch-optimistisch bezeichnen.

Forced Entertainment inszeniert The Coming Storm mit viel schwarzem Humor und tollem Klamauk. Für mich war es ein gelungener Abend.

Foto: ©Hugo Glendinning

The Defenders

In einer Ecke der riesigen Veranstaltungshalle, in der The Defenders von William Forsythe aufgeführt wird, hängt hell erleuchtet ein überdimensionales weißes Rechteck. Es ist mehrere Meter lang, einen guten Meter dick und hängt auch etwas mehr als einen Meter über dem roten Boden. Aufrecht stehend kann man weder von oben auf das Rechteck sehen, noch hinüber auf die andere Seite oder darunter. Wenn man verfolgen will, was unterhalb des riesigen weißen Rechtecks geschieht, muss man sich auf den Boden kauern.

Doch sehend kann der Zuschauer  das Stück häufig gar nicht erfassen. Unter dem Rechteck wird geschlurft, gestöhnt, geschrien, getreten, geschlagen. Selten ist von Anfang an klar, was im Dunkeln geschieht. Manchmal lässt sich ein Bewegungsablauf, der bis auf ein paar Schatten nur akustisch wahrzunehmen war, später an einer beleuchteten Stelle auch visuell verfolgen. Andere Bewegungen sind vollkommen ausgeleuchtet: Die Lichtverhältnisse unter dem Rechteck wechseln ständig.

Die dominanten Geräusche der Menschen unter dem Rechteck werden von einem leichten Rauschen oder Surren begleitet, das an einen teilweise leichten und dann auch wieder orkanartigen Wind erinnert. In manchen Momenten kann man Fetzen bekannter Melodien hören, Affengekreische oder sogar ganze Worte auf Spanisch, US-Amerikanisch oder Deutsch. Aber die wenigsten Geräusche entsprechen richtig etwas Bekanntem oder Erwartbarem.

Die ganze Verständigung zwischen den Männern und Frauen funktioniert häufig nicht sprachlich und auch noch nicht einmal über Schreien oder sonstige Laute. Dennoch reagieren die Menschen unter dem Rechteck aufeinander, zeigen Angst, bedrohen sich oder bewegen sich miteinander und scheinen sich nahe. Manchmal richtet sich jemand rechts, links oder seitlich des Rechtecks auf und geht ein paar Schritte Aufrecht.

Dann wirkt das Verhalten der Darsteller aber wieder vorwiegend durch ihre Laute aggressiv, ängstlich oder erfreut. Durch ihre Schreie schüchtern sie andere ein oder erscheinen verängstigt und aufgeregt, etwa beim Anblick des eigenen Spiegelbildes. Andere wiederum machen durch wohliges Quietschen einen erfreuten Eindruck, wenn sie sich in den Spiegeln auf der linken Seite des Rechtecks entdecken.

Obwohl nie verständlich in ganzen Sätzen gesprochen oder gesungen wird, schaffen die Darsteller, dass man sich bei den Kriechenden unter dem Rechteck an eine marschierende Armee erinnert fühlt, man glaubt Außenseiter unter ihnen entdecken zu können oder einen professionellen Sänger, sowie einen Menschen, der sich so etwas wie eine Hütte oder Höhle zu bauen versucht. Fast vollkommen unbekleidet stellt er silberne Platten, mit deren Kanten und knallenden Geräuschen vorher eine Frau in die Flucht geschlagen worden ist, hochkant um sich herum auf und bedeckt sich so zumindest teilweise.

Genauso unvermittelt wie das Schlurren, Stöhnen, Kratzen und Schreien angefangen hat, endet The Defenders von William Forsythe mit dem US-Amerikanisch klingenden Gemurmel des kaum Bekleideten, der sich rückwärts und halb aufrecht gehend, von seiner höhlenartigen Bedeckung aus silbernen Platten zurückzieht, die von den anderen zerstört worden ist.

Foto: ©Dominik Mentzos

Der Text ist zuerst auf dem Blog www.textblueten.wordpress.com veröffentlicht worden.

Le cri

Der Anfang von Nacera Belazas Le cri wirkt wie ein Durcheinander aus lautem Geschrei und Gerempel – kurz: es könnte die Geräuschkulisse in einer Schulpause sein. Im Dunkeln sind schemenhaft zwei Menschen auf der völlig im Schwarzen liegenden Bühne zu erahnen. Ganz sachte wird das Licht intensiver. Langsam werden die Konturen einer Person deutlicher. Im Hintergrund ist jetzt ein murmelnder Gesang zu hören.

Plötzlich wirkt es, als hätte die deutlicher erkennbare Person goldene Füße, der ganze Körper ist immer mehr in golden wirkendes gleißendes Licht gehüllt. Man erkennt, dass die Person eine Frau ist. Sie trägt eine weite Hose, ein langärmeliges T-Shirt und ein kurzes darüber, alles in lila Farbtönen. Ihre Haare hat sie zu einem kurzen Zopf zusammengebunden.

Genauso wie sie bewegt sich auch die andere Person sachte von einem Bein auf das andere. Langsam wirkt auch sie wie in Gold gehüllt. Man erkennt immer deutlicher, dass beide Frauen nicht nur fast vollkommen synchron dieselben Bewegungen ausführen, sie tragen auch die gleiche Kleidung und Frisur. Genauso wirken ihre Gesichter zum Verwechseln ähnlich.

Im Hintergrund wird eine knisternde alte Plattenaufnahme von Nina Simone ‚Black Is the Color of My True Love’s Hair‘ immer lauter. Die Musik wird begleitet und gestört von einem orientalischen Männergesang, der immer lauter wird. Die beiden Frauen bewegen sich immer ausladender und lebendiger, sie schwingen mit den Armen, immer noch synchron und voneinander fast nicht zu unterscheiden.

Mittlerweile ist so viel Licht auf der Bühne, dass der Zuschauer erkennen kann, dass alle Musik aus einem einzigen verschwindend klein wirkenden Lautsprecher in der linken Ecke der Bühne kommt. Der Gesang des orientalischen Mannes wird immer aggressiver und lauter. Schließlich übertönt er sogar den Gesang Nina Simones samt Orchester und man hört deutlich, dass er von einem Trommeln begleitet wird.

Die beiden Frauen bewegen sich zu dem immer schnelleren Rhythmus des orientalischen Gesangs und der Trommeln. Plötzlich werden ihre Bewegungen asynchron, ihre Armbewegungen ausladender und unruhiger. Es tritt wieder der Schulpausenlärm in den Vordergrund und plötzlich wird es dunkel. Als es wieder hell ist, stehen beide Frauen ganz vorne auf der Bühne unmittelbar vor der ersten Zuschauerreihe und bewegen wieder sachte die Arme und sind synchron, fast wie ganz am Anfang.

Der klassische Gesang Maria Callas aus Verdis ‚La Traviata‘ wird immer lauter. Es wird wieder dunkel und die beiden Frauen stehen auf einmal weit hinten auf der Bühne in hellem Licht. In die klassische Musik mischt sich immer deutlicher Popmusik und der Gesang Maria Callas wird immer mehr von Amy Winehouse ‚Some Unholy War‘ abgelöst. Die beiden Frauen verlassen auf einmal ihren sonstigen Bewegungsablauf und fangen einzeln und mit dem ganzen Körper zu tanzen an. Sie bewegen sich wieder unmittelbar vor die Zuschauer.

Als die Musik von Amy Winehouse immer dominanter wird, wiegen sie sich nur noch regelrecht apathisch von einem Bein auf das andere. Schließlich verschwinden sie ganz von der Bühne und auf einer Leinwand im Hintergrund  werden langsam weiße Flecke immer deutlicher. Schließlich sind fünf Gestalten zu erkennen, die dieselbe Kleidung wie die beiden Frauen auf der Bühne tragen und es scheint, als bildeten sie auch wieder die erste Reihe der Tänzerinnen auf der Leinwand.

Zu dem Song ‚I Wanna Jump‘ von Ike und Tina Turner bewegen sie die Arme immer ausladender bis es schließlich wirkt, als seien ihnen Flügel gewachsen. Die Bewegungen auf der Leinwand haben immer mehr etwas von einem zu schnell abgespielten Trickfilm und bleiben schließlich wie eingefroren stehen.

Die Produktion Le Cri der algerischstämmigen und in Frankreich lebenden Choreografin Nacera Belaza, die sie gemeinsam mit ihrer Schwester aufführt, ist 2008 mit dem französischen Kritikerpreis im Bereich Theater, Musik und Tanz ausgezeichnet worden.

Foto: ©Agathe Poupeney

Der Text ist erstmals auf dem Blog www.textblueten.wordpress.com veröffentlicht worden.

Vertical Road

Ich starb als Stein und wurde als Pflanze geboren.

Ich starb als Pflanze und wurde Tier.

Ich starb als Tier und bin zum Menschen geworden.

Was also sollte ich fürchten?

Wen verlor ich durch den Tod?

Nächstes Mal sterbe ich als Mensch,

Auf dass ihm die Flügel der Engel wachsen.

Doch selbst vom Engel muss ich weitergehen;

Alle Dinge vergehen, doch nicht Sein Angesicht.

Noch einmal erhebe ich mich über die Engel;

Was unvorstellbar ist, das werde ich sein.(Rumi)

Der persische Poet Mevlana Rumi ist eine der Hauptinspirationsquellen für den aus Bangladesch stammenden Choreografen Akram Khan bei der Konzeption des Tanztheaterstücks ‘Vertical Road’. Ergänzt durch die Musik des indisch-britischen Songwriters, DJs, Multi-Instrumentalisten und Komponisten Nitin Sawhney bringt er das Tanzstück Vertical Road mit seiner Akram Khan Company auf die Bühne.

Das Erste, das der Zuschauer auf der Bühne sieht, ist eine riesige, die ganze Bühne ausfüllende und von hinten erleuchtete, Leinwand. Schattenartig erkennt man einen Menschen hinter der Leinwand und eine kleine Gruppe Menschen auf der anderen Seite davor, auf der Bühne. Der Mensch bewegt sich hinter der Leinwand, versucht sie zu durchstoßen – vergeblich. Die Menschen auf der Bühne bilden einen Kreis um seinen Schatten.

Es wird immer heller und es ertönen laute Geräusche, Krach, ein Wummern, fast wie Flugzeuglärm. Die Menschen auf der Bühne haben sich aufgerichtet. Man erkennt Männer und Frauen, bis auf eine Frau in dieselben hellen weiten Hosen und Kittel gehüllt. Die sieben haben unterschiedliche Hautfarben.

Der Mensch, der vorher nur schattenartig hinter der durchsichtigen Leinwand zu sehen war, ist auf einmal auch auf der Bühne. Seine Kleider sind dieselben wie die der anderen Menschen, nur etwas dunkler. Er berührt die unbeweglich stehenden Fremden und geht schließlich an den Rand der Bühne, wo sieben kleine schwarze Bretter nebeneinander stehen. Er schubst ein Brett und die anderen fallen um wie Dominosteine. Sofort richtet er sie wieder auf. Die Tänzer beginnen sich zu bewegen zu etwas, das wie laute wummernde Trommelschläge klingt. Der Beat wird immer schneller, genauso wie die Bewegungen der Tänzer.

Der Mensch bleibt abseits der Gruppe, sieht den sich bewegenden zu. Die Gruppe versucht, den Einzelnen in ihren Tanz zu integrieren, bis alle zu Boden stürzen.  Langsam richten sich manche wieder auf, schließlich tanzt auch der Fremde mit ihnen. Der Trommelschlag wird manchmal von einem schräg-klagenden Geräusch ergänzt, das ein wie menschlicher Gesang klingt. Dann ertönen laute Töne. Sie erklingen unerwartet und ergeben keine Melodie.

Als der Gesang immer melodischer wird, haben ein Mann und eine Frau miteinander zu tanzen begonnen. Sie kapseln sich von der Gruppe ab und der Gesang des Chores im Hintergrund wird immer schiefer und schriller. Der Mann hält die Frau fest, entfernt sie von der Gruppe. Der Gesang verschwindet und die Percussion tritt wieder in den Vordergrund. Der Mann bewegt sich alleine wieder auf die Gruppe zu und wird nach und nach als Tänzer von ihnen wieder integriert.

Plötzlich mischen sich Töne einer klassischen Violine unter den Trommelschlag und  der Einzelne, der am Anfang hinter der Leinwand war, wird angeleuchtet. Er hält die Hände nach oben und wirkt, als ob er sich an einem unsichtbaren Seil in Richtung Himmel ziehen wollte, aber er kommt nicht von der Stelle. Während dessen tanzt die Gruppe weiter. Der Einzelne ist schließlich umringt von ihnen, aber er will sie offenbar auf Abstand halten.

Er umfasst eine der Tänzerinnen und trägt sie ins Abseits. Es ertönen leise, zarte Klänge. Fast augenblicklich löst sich ein anderer Tänzer aus der Gruppe und geht ihnen hinterher. Die Tänzerin muss gestützt werden, immer wieder droht sie zusammenzubrechen. Nach mehreren Drohgebärden lässt sich der Einzelne auf einen Tanz mit dem anderen Mann ein, der hektisch und voller Drohungen ist und wie ein Kampf wirkt. Sich selbst überlassen, sinkt die Frau zu Boden. Ein anderer Tänzer nähert sich ihr und sie geht schließlich zurück in die Gruppe.

Durch einen Spot auf die schwarzen Holzplatten erkennt der Zuschauer, dass drei der Holzplatten umgekippt sind. Der Einzelne nimmt einen Tänzer aus der Gruppe an der Hand und zieht ihn in Richtung der schwarzen Platten. Sie richten die Platten wieder auf, aber plötzlich nimmt der Tänzer eine Platte und schlägt sie auf den Boden. Er richtet sich auf und tanzt mit ihr. Als der Einzelne die Platte berühren will, fängt sein Körper an zu zucken und er lässt sie wieder los. Schließlich tanzt aber auch er mit der schwarzen Platte.

Im Abseits ist sich das Paar, das zuerst zusammengefunden hat, näher gekommen. Sie tanzen eng miteinander, rollen zusammen über den Boden. Als sie sich wieder aufrichten, wendet die Frau sich ab und sinkt schließlich zu Boden. Der Mann versucht sie zu stützen und zu tragen, aber einige der Tänzer aus der Gruppe nähern sich dem Paar. Er muss sie in die Flucht schlagen und schließlich die Frau sich selbst überlassen. Ein anderer Tänzer kommt und zwingt die Tänzerin, ihn am Kopf zu berühren. Er umklammert sie. Die anderen Tänzer umringen die beiden und bringen den Tänzer dazu, die Frau wieder loszulassen und ihr fern zu bleiben.

Es blitzt und donnert auf der Bühne, die eben noch fast unsichtbare Leinwand leuchtet plötzlich wieder hell auf. An ihr rinnen Wasserstrahle, fast wie Regen, herunter. Der Einzelne steht wieder vor den schwarzen Platten und wirft sie ganz um. Ein anderer Tänzer nähert sich ihm, sie tanzen miteinander bis der Einzelne schließlich wieder in der Nähe der Frau stehen bleibt, die er vorher von der Gruppe weggetragen hatte.

Als eine asiatische Tänzerin sich von der Gruppe löst und alleine auf der ganzen Bühne tanzt, erklingen asiatische Klänge, wie vorher klassische Violinpartien oder orientalische Töne die Trommelschläge begleitet haben. Eine andere Tänzerin gesellt sich zu der Asiatin und die anderen Gruppenmitglieder tanzen nach und nach auch mit den beiden. Nur der Einzelne steht wieder apathisch abseits der Gruppe.

Nach und nach verschwinden alle Tänzer hinter der Leinwand, wo ein orangener Licht-Punkt entsteht, der wie ein Sonnenuntergang wirkt. Die Tänzer sind als Schatten zu erkennen. Nur der Einzelne steht jetzt anders als am Anfang vor der Leinwand auf der Bühne und versucht, die Schatten der Anderen durch die Leinwand zu berühren. Die Proportionen der Schatten verändern sich, mal sind sie genauso groß wie der Mensch davor, manchmal wirken sie im Vergleich riesig.

Schließlich schlägt der einzelne Mensch gegen die Leinwand, sie stürzt herab und dahinter werden Menschen in einem Treppenhaus sichtbar. Ein virtuoses Stück der Akram Khan Company und des Komponisten Nitin Sawhney.

Dieser Text ist erstmals auf dem Blog www.textblueten.wordpress.com veröffentlicht worden.

Trailer der Akram Khan Company bei YouTube