The Dog’s Notes

Sie sind überwiegend aus schwarz-glänzendem Material, die Hundeskulpturen des auf der Insel Taiwan lebenden und arbeitenden Künstlers Poren Huang. Damit bilden die in The Dog’s Notes ausgestellten Hunde ihr Vorbild in entscheidender Hinsicht realitätsgetreu nach: den Taiwanhund, der besonders oft über ein schwarzes Fell verfügt. In Taiwan ist der Hund seit Jahrhunderten ein treuer Begleiter der Menschen. Poren Huang porträtiert in seinen Skulpturen auf sehr humorvolle Weise typische Verhaltensweisen von Hund und Mensch, die durch die reduzierte Darstellungsweise viel Ähnlichkeit mit Comic- oder Spielzeugfiguren aufweisen.

"The Dog's Notes" von Poren HuangHunde haben in Asien generell eine besondere Bedeutung. Der Hund ist beispielsweise ein Tier des traditionellen chinesischen Kalenders, dem mit dem Attribut ‚treu’ eine eindeutig positive Eigenschaft zugewiesen wird. Dem unerschütterlich treuen Hund Hachikō, einem japanischen ‚Akita‘, ist sogar in Form des gleichnamigen Films mit Richard Gere in der Hauptrolle ein Denkmal gesetzt worden. Hachikō weist genauso wie der Taiwanhund mit dem dreieckigen Kopf und der sichelförmigen Rute viel Ähnlichkeit mit dem Urtyp auf und ähnelt insofern auch sehr den Hundeskulpturen, die Poren Huang herstellt. Während es sich bei japanischen ‚Akita‘ um eine sehr alte Rasse handelt, ist der Taiwanhund erst im Jahr 2015 offiziell als eigenständige Hunderasse anerkannt worden. Als Jagdhund war er Jahrhunderte lang ein treuer Begleiter der Menschen auf der Insel Taiwan, die bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts noch vorwiegend landwirtschaftlich geprägt war. Nutztiere, die den Menschen bei der Bewältigung des Alltags behilflich waren wie etwa auch Rinder sind in Asien von je her ein beliebtes künstlerisches Motiv, erklärt Art-Manager Oscar Chan im Interview (das ganze Interview befindet sich in Video-Form am Ende des Artikels).

Generell war Kunst in China von je her an Alltägliches und den Begriff ‚yi‘ gebunden. Er bezeichnet ‚Kunstfertigkeit, Geschicklichkeit, Tüchtigkeit und Handwerk‘ und lässt sich etymologisch von dem Begriff für die Bearbeitung und Bepflanzung eines Feldes und der erfolgreichen Kultivierung herleiten. Bereits Konfuzius diente die Kunst zur ‚Ergötzung‘ und hatte eine wichtige ethische Funktion, wie Helmut Brinker, Professor für die Kunstgeschichte Ostasiens an der Universität Zürich, erklärt:

Sie ist gleichsam das Instrument zur Vervollkommnung des eigenen Charakters und trägt insofern zur Festigung der Kardinaltugenden bei, zur Realisierung des humanistischen Ideals

"The Dog's Notes" von Poren HuangLange Zeit fanden Plastiken in China wenig Beachtung, Kunst war vor allen Dingen an das Malen und Schreiben gebunden. Plastiken wurden lange Zeit ausschließlich als Grabbeigaben verwendet und waren damit für Sammler und die Öffentlichkeit uninteressant. Als beachtenswert galten allerdings gemäß Helmut Brinker die Bronzeplastiken aus vorchristlicher Frühzeit, da sie als „Träger authentischer Werte und ethischer Vorstellungen berühmter ehemaliger Besitzer“ verstanden wurden.

So humorvoll und unbeschwert die Skulpturen aus Bronze von Poren Huang überwiegend wirken, meist portraitieren sie nicht nur typische Verhaltensweisen des Hundes, sondern auch des Menschen. Die Familie des Künstlers züchtet den Taiwanhund bereits seit vielen Jahren. Er beschreibt das besondere Verhältnis von Mensch und Hund folgendermaßen:

Seit Beginn der Zivilisation, haben Mensch und Hund ein sehr enges Verhältnis zueinander. Um mit den Menschen möglichst reibungslos zusammen leben zu können, sind Hunde lange Zeit dazu erzogen worden, sich den Menschen anzupassen. Hunde haben viele großartige Eigenschaften, aber die Menschen lernen selten von ihrem treuesten Begleiter

"The Dog's Notes" von Poren HuangDie glänzenden Hunde sind zwar idealisiert, aber dennoch in Haltung und Bewegungen sehr lebensecht nachgebildet. Sie schauen ihren Betrachter erwartungsvoll an, fast so, als wollten sie gleich loslaufen, heben sichtlich gestresst das Bein oder gucken ein wenig enttäuscht, aber doch irgendwie erwartungsvoll, in den leeren Napf. Deutlich stärker scheinen Hunde mit Teufelsohren und menschlichem Gesicht oder mit wütend in den Himmel gereckten Riesenpranken karikaturenhaft an ihre eigene, weniger brave, Seite und gleichzeitig auch die ihrer Besitzer zu erinnern.

"The Dog's Notes" von Poren HuangDie Herstellung der Plastiken aus den Grundmaterialien Bronze oder Stahl, die dann später mit Überzügen und Farben versehen werden, ist sehr aufwendig. Poren Huang hat für etwa 40 Hundeskulpturen rund 10 Jahre gebraucht. In der Galerie aquabitArt werden Handschuhe verteilt, mit denen sich die genaue Beschaffenheit der überwiegend fröhlichen Hunde auch haptisch genau erkunden lässt. Wie in der traditionellen asiatischen Kunst ist auch für Poren Huang eine möglichst große Nähe zwischen Mensch und Kunstwerk sehr wichtig. Ebenso wichtig, wie das Bestreben, den Betrachter mit einem möglichst positiven Gefühl zurück zu lassen:

Das schnelle Wirtschaftswachstum und die technische Entwicklung nach Ende des Zweiten Weltkriegs haben den Menschen eine deutlich bessere Lebensqualität beschert, aber auch einen Verfall ethischer Werte. Aus Egoismus verfeinden sich viele Menschen sehr schnell mit ihren Liebsten. Außerdem sind Menschen heute weniger stressresistent und die Zahl derer, die depressiv, manisch-depressiv oder generell psychisch labil sind, hat deutlich zugenommen. Die meisten Menschen sind heute deutlich wohlhabender, aber wesentlich weniger glücklich und zufrieden mit ihrem Leben als früher, als sie noch in Armut lebten oder Kriege erleiden mussten

Die Plastiken sollen ihre Betrachter mahnend an die guten Eigenschaften der Hunde erinnern und ihnen außerdem Nähe, Unbeschwertheit und Freude vermitteln, ganz gemäß des Mottos, das einer goldenen Hundeskulptur den Namen gibt: „Every Day is a New Start“.

Die Hundeskulpturen von Poren Huang können dauerhaft in der Galerie aquabitArt in Berlin-Mitte in Augenschein genommen werden: www.art.aquabit.com

Hier geht es zum Video zur Ausstellung bei Vimeo

Indonesische Lyrik

Viele Besucher sind ins Literaturhaus Berlin gekommen, um indonesische Lyrik kennen zu lernen. Meist wird der Text erst in der offiziellen indonesischen Landessprache Bahasa Indonesia gelesen, dann auf Deutsch. Die Eindrücke könnten unterschiedlicher kaum sein: Auf der einen Seite die sehr melodisch klingenden Worte, denen der vortragende Agus R. Sarjono mit viel Emphase Leben einhaucht und auf der anderen die deutsche Version. Die ganze Art des Vortrags ist anders, sie ist deutlich nüchterner und zurückhaltender, wodurch sie zumindest eher den hiesigen Gewohnheiten bei Lesungen entspricht. Doch es funktioniert trotzdem, vor allen Dingen auf der inhaltlichen Ebene.

Emphase und Performance

Wie viele indonesische Gedichte, trägt auch ‚Die Predigt‘ stark narrative und absurde Züge. Die Schilderung eines Priesters, der verzweifelt versucht, der Menschenmasse in seiner Kirche zu erklären, dass er ihnen leider weder mit Rat noch Führung behilflich sein kann, bringt auch die deutschsprachigen Zuhörer zum Lachen. Das Gedicht gehört zu den bekanntesten, Verfasser ist der Lyriker, Dramatiker, Schauspieler und Regisseur Rendra. 2009 verstorben, wirkt die Arbeit des Modernisierers der indonesischen Kultur bis heute nach. „In Indonesien sind Lesungen sehr gut besucht“, erklärt der Übersetzer und Indonesien-Experte Berthold Damshäuser, „Rendra hat Lesungen vor gut 10.000 Menschen in Sportstadien gehalten. Die Indonesier sind gute Performer und nur sehr wenige rezitieren ihren Text nicht selbst. Außerdem gibt es dort kaum eine Veranstaltung, bei der nicht gelacht wird“. In Indonesien lassen sich nur sehr wenige gedruckte Bücher, dafür aber umso mehr Eintrittskarten für solche Lese-Performances verkaufen, die oft von Musik begleitet werden.

17.000 Inseln, oft mit eigenen Traditionen

Das Äquatorarchipel Indonesien, das rund 17.000 Inseln mit vielen eigenen Sprachen und Traditionen umfasst, war jahrhundertelang eine niederländische Kolonie. Bis heute haben dort europäische Einflüsse neben arabischen, indischen und chinesischen Spuren hinterlassen, die sich auch in den Texten der von Berthold Damshäuser und Agus R. Sarjono herausgegebenen Lyrik-Anthologie Sprachfeuer entdecken lassen. Ein Gedicht von Sitor Situmorang etwa, das den Titel ‚Weimar‘ trägt, dreht sich um das bis heute spürbare Nachwirken der beiden in Indonesien bekannten Dichter Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller. Ebenso beinhaltet die Sammlung ein Poem Afrizal Malnas, in dem das Wort ‚Dada’ die dominierende Rolle spielt. Gemeint ist damit allerdings nicht nur die europäische Avantgarde-Bewegung von Anfang des 20. Jahrhunderts, das Wort hat darüber hinaus gehend diverse Bedeutungen in der indonesischen Sprache. Indirekt lassen sich unter anderen Einflüsse Friedrich Hölderlins, Rainer Maria Rilkes, Paul Celans, Arthur Rimbauds, Guillaume Apollinaires und natürlich William Shakespeares erkennen.

Sprache ohne Metrik

Trotz aller erkennbaren Parallelen, gibt es eindeutige Brüche mit der europäischen Tradition. Reim und Versmaß im ‘klassischen’ Sinne lassen sich nicht finden, was laut Berthold Damshäuser nicht zuletzt auf Eigenheiten der Bahasa Indonesia zurückzuführen ist: „Die indonesische Sprache kennt keine Metrik und damit lassen sich auch keine festgefügten Metren finden“. Insofern erinnern die Gedichte mit ihrem oft sehr prosaischen Charakter am ehesten an moderne europäische Lyrik, wobei sich indonesische Gedichte neben der ungemein assoziationsreichen Sprache vor allen Dingen durch eine ihnen eigenen Rhythmik und Musikalität auszeichnen.

Landschaft und politische Themen

Die Themen der 223 Gedichte von 28 Lyrikerinnen der Anthologie Sprachfeuer reichen von Liebe und Einsamkeit über Gewalt und Politik bis hin zu Impressionen von Landschaft und Religion, wobei der Islam eine zentrale Rolle spielt. Mehr als 80% der Indonesier sind Muslime. Dabei stehen Gedichte mit eindeutig religiöser Thematik wie ‘Herr, wir sind uns so nah’ von Abdul Hadi WM neben Werken feministischer Prägung wie denen der Philosophie-Professorin Toeti Heraty. Auch die teilweise umstrittene Lyrikerin Dorothea Rosa Herliany, die Gewalt an, aber ebenso von, Frauen in ihren Werken anspricht, hat einen festen Platz in der indonesischen Lyrik-Szene. Manche Gedichte scheinen die Verhältnisse vor und um den Sturz des Suharto-Regimes 1998 zu beleuchten. Ein Ereignis, das in der kreativen Szene Indonesiens Veränderungen nach sich gezogen hat. „Seit dem Sturz ist die indonesische Literatur generell so frei, dass sie die Verhältnisse getreu abbildet“, beschreibt Berthold Damshäuser die Auswirkungen. Einige Poeme befassen sich außerdem mit der tropischen Landschaft und Vegetation des Äquatorarchipels in ihrer gesamten Abivalenz. Nicht selten geschieht das auf eine für europäische Leser zum Teil ungewöhnliche, aber gleichzeitig erstaunlich vertraute Weise.

Berthold Damshäuser empfiehlt für die Lektüre:  „Man sollte eigentlich nur auf den Text achten und vergessen, dass es ein indonesischer ist“. Das gelingt in den meisten Fällen sehr gut.

Leseempfehlungen:

Sprachfeuer. Eine Anthologie moderner indonesischer Lyrik. Hg. Agus R. Sarjono und Berthold Damshäuser. 374 Seiten, regiospectra verlag berlin. ISBN 978-3940132741

Gebt mir Indonesien zurück! Eine musikalische begleitete Lesung moderner indonesischer Lyrik (in deutscher Sprache). Rezitation: Berthold Damshäuser, Musique automatique: Peter Habermehl. Gesamtspielzeit: 73:38:08. Audio-CD. Katalognummer: 01970101

1965ff. Die Gegenwart eines Massenmordes. Ein politisches LesebuchHg. Anett Keller für die Südostasien-Informationsstelle. 220 Seiten, regiospectra verlag berlin. ISBN 978-3940132680

Martin Jankowski: Indonesien lesen. Notizen zu Literatur und Gesellschaft. 195 Seiten, regiospectra verlag berlin. ISBN 978-3-9401-3266-6

Samar Yazbek: Gestohlene Revolution

Wenn es ganz schlimm gewesen sei, habe sie sich vorgestellt, eine Romanfigur zu sein, erklärt die mehrfach ausgezeichnete syrische Journalistin und Autorin Samar Yazbek bei der Präsentation ihres neuen Buchs Gestohlene Revolution – Reise in mein zerstörtes Syrien im Rahmen des internationalen literaturfestival berlin. Das habe ihr geholfen, die lebensgefährlichen Situationen besser zu ertragen, in die sie bei heimlichen Reisen nach Syrien geraten sei.

Seitdem bei der letzten Reise ihr Begleiter, ein polnischer Journalist, entführt worden und ein mit ihr kooperierendes Medienbüro angegriffen worden sei, verzichte sie ganz auf Reisen in ihre Heimat. Die Situation im Land sei unerträglich, vor allen Dingen für Zivilisten. Verantwortlich dafür sei in erster Linie der IS. Es habe die Hoffnung gegeben, in den Gebieten, die die Aufständischen Präsident Assad entreißen konnten, einen neuen Staat zu errichten. Sie selbst habe mit vielen Frauen, meist Witwen getöteter Kämpfer, gearbeitet und versucht, sie zu schulen, um ihnen eine wirtschaftliche Perspektive zu bieten und insgesamt die Zivilisation wieder aufzubauen. Das sei jedoch nicht möglich gewesen. Der IS und andere Terrorgruppen hörten nicht auf, insbesondere zivile Opfer zu attackieren und machten damit jegliche Hoffnung zunichte.

Sie habe nicht den Eindruck, dass die Syrer selbst in der Lage seien, den Konflikt zu lösen. Wirklich etwas erreichen könnten nur die Großmächte. Eigentlich habe sie nur noch journalistisch arbeiten wollen, um die Situation dort etwa in Form von Interviews zu dokumentieren. Die Literatur sei in Syrien ganz weit weg und sie könne sich im Moment kaum vorstellen, dort jemals wieder an einen solchen Punkt zurück zu kehren. Aber sie wolle versuchen, über die Ereignisse in Syrien bis 2013 Zeugnis abzulegen und habe ihre Eindrücke in Gestohlene Revolution – Reise in mein zerstörtes Syrien festgehalten.

Samar Yazbek: Gestohlene Revolution – Reise in mein zerstörtes Syrien. Deutsch von Larissa Bender.

Andrea Bajani: Erkennst du mich

Wie lässt sich die Leere füllen, die ein Mensch nach seinem Tod hinterlässt? Andrea Bajani zeichnet lebendig die prägendsten Szenen von Leben, Sterben und Tod des krebskranken Antonio Tabucchi nach und lässt ein abwechslungsreiches und teilweise sogar sehr farbenfrohes Porträt des Schriftstellers entstehen. Dabei verwendet er immer wieder die direkte Rede, fast so, als hätte er einen Brief an seinen verstorbenen Freund verfasst.

Unsicherheit, wie mit der Situation umzugehen ist, dominiert die Trauergäste um den aufgebahrten Tabucchi. Auch nach seinem Tod “bewohnt” der bekannte Schriftsteller auf manchmal schwer zu fassende Weise die Leerstelle, die er hinterlässt. Da ist etwa das Flackern der Totenkerzen, das Tabucchi noch selbst zu steuern scheint sowie die Fotos oder Tonaufnahmen mit alten Interviews, die den Toten fast ganz unmittelbar zurück in die Mitte der Trauergemeinde holen. Dann ist da auch die Erinnerung an die gemeinsame Zeit mit Tabucchi, das Kennenlernen, seine Maskeraden und Zirkusnummern als Schriftsteller sowie im ‚echten’ Leben. Darüber hinaus schleichen sich Lesungen, Besuche in Tabucchis Haus und Wohnungen mit und ohne ihn oder an die vielen Telefonate, die teilweise sehr unvermittelt in die unpassendsten Momente hinein platzen konnten, zurück in das Gedächtnis. Deutlich ist auch immer noch der Eindruck, dass Tabucchi, mehr und mehr gezeichnet durch sein Krebsleiden, zunehmend launisch wurde.

Es bleiben aber auch die Momente lebendig, in denen Tabucchi als Schriftsteller dem jungen Kollegen Schreib- und damit auch Lebenshilfe geleistet hat. Später war diese Hilfe mit dem Gefühl verbunden, dass der Ältere an den Jüngeren ‚die Wörter‘ und ‚das ganze Vokabular‘ zu übergibt und Bajani sein berufliches Erbe antreten lässt. Es ist ein schweres Erbe, alles atmet immer noch Tabbucchis Präsenz und in manchen Momenten wirkt es, als ob er Bajani sogar nach seinem Tod wieder in die Schranken verweisen will. Dann sieht er Bajani gefühlt missmutig und sehr real aus einer Fotografie direkt in die Augen und scheint ihn verärgert anzupoltern, dass er sich in einem Haus befinde, das nicht ihm gehöre und er sich nicht zu weit in das fremde Terrain vorzuwagen habe.

Erkennst du mich von Andrea Bajani ist ein vielschichtiges Porträt, das deutlich macht, warum unter kein Leben ein Schlussstrich gesetzt werden kann.

Das zweite Leben des Cassiel Roadnight

Sie waren hinter ihm her und so weiß Chap sich in Das zweite Leben des Cassiel Roadnight von Jenny Valentine wieder nicht anders zu helfen, als in der Notunterkunft für schwierige Kinder irgendwo in Ost-London Schutz zu suchen. Halb verhungert von seinem Leben auf der Straße und mit einer ordentlichen Portion Wut im Bauch, weigert er sich, den Betreuern seinen Namen zu nennen und verprügelt einen anderen Jungen so schwer, dass sie ihn in die Abstellkammer einschließen. Auch dort beruhigt er sich kaum:

Eigentlich war das der Grund, weshalb sie mich einschlossen. Weil ich gewonnen hatte. Das darfst du nämlich nicht. Ich weiß nicht mehr, wie der Junge hieß. Ich weiß nicht einmal mehr, um was es bei der Prügelei gegangen war. Ich war seit über zwei Stunden da drin. Ich wollte alles kurz und klein schlagen. Ich sah mir zu, wie ich es tat, irgendwo in meinem Kopf

Doch plötzlich zeigen die Betreuer ihm die Vermissten-Anzeige eines Jungen, der Chap zum Verwechseln ähnlich sieht: Cassiel Roadnight. Sie beharren darauf, dass er der vermisste Junge ist und schließlich ertappt Chap sich bei dem Gedanken, dass die perfekte Lösung seiner Probleme darin liegen könnte, Cassiel Roadnights Identität anzunehmen:

Ich betrachtete Cassiel Roadnights glückliches, makelloses, furchtloses Gesicht. Und dann kam mir der Gedanke, ich könnte, wenn ich nur wollte. Er schlich sich ein. Ich sah ihn kommen und gab mir solche Mühe, ihn zu ignorieren. Ich könnte.Und wenn ich Cassiel Roadnight wäre, sagte der Gedanke, dann müsste ich nicht mehr ich sein, wer immer das war

Als Leser begleitet man Chap dabei, wie er Cassiel Roadnights Familie und ihn selbst langsam kennen lernt. Man erfährt dabei auch etwas über Chaps Unsicherheit, seine Angst ertappt zu werden und wie er sich mit all der Liebe und Wiedersehensfreude der Familie Roadnight, die er sich eigentlich so sehr gewünscht hat, überfordert zu fühlen beginnt. Parallel dazu kehrt die Erinnerung an sein eigentliches Leben zurück, bis hin zu dem schmerzhaftesten Punkt, an dem er einfach nur noch alles vergessen wollte. Außerdem erweist sich das neue Leben als nicht weniger bedrohlich und Chap gerät in Lebensgefahr, als er versucht herauszufinden, was vor Cassiels Verschwinden geschehen ist.

Friedtjof Küchemann lobt Das zweite Leben des Cassiel Roadnight in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Geschichte mit “Spannung und Schwung”, der es gelingt “ein paar große Themen des Heranwachsens zu berühren, ohne sie den Jugendlichen aufzudrängen”. Den Spiesser überzeugt das Buch mit “Spannung, unerwarteten Wendungen und der starken Geschichte eines Jugendlichen auf der Suche nach Zugehörigkeit und Identität”. Jenny Valentine gibt sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden und hat insgesamt ein vielschichtiges und spannendes Buch geschrieben.

Ariel. Tod der Spinnenfrau

Maija Erkkilä war in Helsinki bereits zu Lebzeiten eine Legende. Sie soll in ihrer Jugend herausragend schön gewesen sein, war mit einem Bankräuber verheiratet und hat wegen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung im Gefängnis gesessen. Einem bisher undurchdringlich fein gesponnenen Netz aus Verrat und Intrige hat sie in Ariel. Tod der Spinnenfrau von Harry Nykänen einen furchteinflößenden Ruf und ihren Spitznamen zu verdanken.

Es ist also ein ganz besonderer Fall, zu dem der jüdische Kommissar Ariel Kafka an diesem Abend während des Sabbats gerufen wird. Es hat eine Messerstecherei in der Wohnung der Erkkilä gegeben. Ihr Anblick ist insgesamt erschütternd:

Jetzt war sie bereits in den Fünfzigern und die Spuren ihres wüsten Lebens zeigten sich in ihrem aufgedunsenen Gesicht. Die Teilprothese des Unterkiefers war ihr aus dem Mund gerutscht und lag auf dem Fußboden, sie wirkte irgendwie wie ein scheues Exemplar aus der Familie der Taschenkrebse, das im Begriff war, unters Sofa zu kriechen und sich zu verstecken. Hätte ich nicht draußen am Briefkasten den Namen gelesen und jetzt die Tätowierungen an den Händen gesehen, wäre ich hinsichtlich der Identifizierung unsicherer gewesen. Auf dem Handrücken hatte sie das Tattoo eines Spinnennetzes, das bis zu den Gelenkknöcheln reichte

Die Ermittler finden in der Wohnung noch einen weiteren Toten, der im Gegensatz zur Erkkilä auffallend gepflegt gekleidet ist: Es ist der erst vor gut drei Jahren pensionierte Vizepolizeichef. Für die Ermittler gilt nun erhöhte Vorsicht. Sie haben den Auftrag,  den Ruf des ehemaligen Vizepolizeichefs nach Möglichkeit nicht zu beschädigen.

Doch es zeigen sich immer mehr Verstrickungen zwischen ihm und den Kreisen der “Spinnenfrau”: Angefangen bei seiner drogenabhängigen und mittlerweile verstorbenen Tochter, über sein unerklärlich hohes Vermögen bis hin zu einem dubiosen Überfall, von dem anscheinend auch ein frührerer Außenminister betroffen gewesen ist. Ab einem gewissen Punkt schaltet sich der Geheimdienst ein und der Fall bekommt entlang des dicht gesponnenen legendären Netzes der “Spinnenfrau” regelrecht kafkaesk undurchdingliche und verwirrende Züge:

Noch nach ihrem Tod führten die Fäden ihres Netzes in alle Richtungen. Wenn man an dem einen zog, vibrierte ein anderer. Sie selbst war der Mittelpunkt all dessen und jeder, der mit ihr zu tun bekam, naschte Gift, auf die eine oder andere Weise

Bevor Harri Nykänen damit begonnen hat, Kriminalromane zu schreiben, war er zwanzig Jahre lang Polizeireporter bei Helsingin Sanomat, der größten finnischen Tageszeitung. Danach ist er als Autor der Raid-Romane bekannt geworden, in denen er die Erlebnisse des gleichnamigen Gentleman-Killers beschreibt. Deren zwölfteilige Verfilmung ist die erfolgreichste finnische Fernsehserie aller Zeiten. Ariel. Tod der Spinnenfrau ist ein sehr lesenswerter Krimi.

Liebespaare bitte hier küssen!

Auf dem Cover ist ein Tretboot vor herbstlicher Kulisse mit deutlich erkennbaren Gebrauchsspuren und der Ziffer ‘Zwei’ am Bug zu sehen. Es stimmt als Titelbild gut auf die folgenden Abbildungen des Fotobuches Liebespaare bitte hier küssen! von Jess Jochimsen ein. Danach sind viele Fotografien von Alltäglichem zu sehen, dessen äußeres Erscheinungsbild bereits etwas ramponiert ist. Dazu gehören etwa die staubigen Fensterrahmen, hinter deren Scheiben sich jedoch liebevoll gestaltete Gardinen und Dekorationen erkennen lassen oder dieAbflüsse, die vor gepflegten, wenn auch etwas heruntergekommenen, Hausfassaden ins Leere laufen.

Die allermeisten Abbildungen zeigen jedoch Hinweis- und Verbotsschilder, die überwiegend wohl unfreiwillig komisch auf Sex-Shops, Wellness, Geschäftliches, Religiöses oder Romantisches hinweisen. Da lässt sich erfahren, dass an manchen Orten offenbar Erotik-Artikel liquidiert werden, sich die “Fleischer-Innung Berlin” tatsächlich Patin einer Pflanze Namens “Leberwurstbaum” nennen darf oder dass sich eine Freiburger Firma zumindest laut Schild mit “ANALSANIERUNG” und “OHRABDICHTUNG” zu beschäftigen scheint. Natürlich fehlen auch zahlreiche Hinweise darauf, wer wie, wann, wo und unter welchen Voraussetzungen parken darf nicht – an vielen Orten ganz offensichtlich ein sehr kompliziertes und manchmal sogar bedrohliches Thema.

Die Fotos wirken alle wie mitten aus dem Leben gegriffen und bebildern immer wieder den einfallsreichen Umgang der Bewohner des ‘städtischen Hinterlandes’ mit ihrer wirtschaftlichen Not. Beispielsweise ziert die Tür eines leerstehendes Ladenlokals ein Schild mit der Aufschrift ‘KEIN RESTAURANT MEHR’. Ergänzend sind Zitate und kleine, von Jess Jochimsen selbst verfasste, Anekdoten eingefügt, die das Buch zu einer humorvollen und tiefgründigen Studie des Lebens jenseits der funkelnden Prachtstraßen macht.

Der Schneckenkönig

Der ehemalige Starpolizist Martin Nettelbeck ist in “Schneckenkönig” von Rainer Wittkamp vor drei langen Jahren zur Zentralen Serviceeinheit strafversetzt worden. Er hat einen Kollegen angegriffen und löst seitdem keine spektakulären Kriminalfälle mehr, sondern beschäftigt sich intensiv mit der Welt der Hängeregistraturem, Stempelkissen, Klebestifte und Kugelschreiber:

Die Tätigkeit war noch langweiliger als er vorher befürchtet hatte. Druckereieinheiten mit Multifunktionspapier auszustatten, Briefumschläge nach ISO 269 oder DIN 678 zu unterscheiden, Bleistifte nach einundzwanzig Härtegraden sortiert zu ordnen, von 9B über HB bis zu 9H – zweifellos das Grauen, der Gipfel der Langeweile. Konnte es etwas Öderes geben? Besonders für einen Kriminalbeamten, der für seinen beispielhaften Einsatz bei einer United-Nations-Mission im Kosovo mehrfach ausgezeichnet wurde? Der den Ruf hatte, die kompliziertesten Fälle zu lösen?

Doch plötzlich ergibt sich bei den Ermittlungen zu dem Mord an einem Mann aus Ghana ein Personalengpass und Martin Nettelbeck ist erst einmal zurück. Zunächst erweist sich der Fall als sehr schwierig, gemeinsam mit seinem jungen Partner Wilbert Täubner stößt er unter den Landsleuten des Toten auf eine Mauer des Schweigens.

Martin Nettelbeck sieht sich schon wegen mangelnden Emittlungserfolgs in Rekordzeit zurück in seine Bürobedarfshölle befördert. Doch nach einigem Zögern gesteht die faszinierende Philomena Baddoo, in deren Afro-Shop angeblich alle Fäden der Ghanaischen Gemeinde zusammen laufen, überraschend, dass es sich bei dem gesuchten Mann um einen ihrer Verwandten handele. Sie behauptet, dass er für das Missionswerk Ewige Erlösung aus Deutschland tätig gewesen sei. Und tatsächlich bestätigt der Leiter des Missionswerks, den Toten gekannt zu haben. Er und sein sehr professionell mit Büchern und DVDs arbeitender Missionierungs-Konzern hinterlassen bei den Ermittlern einen sehr zwiespältigen Eindruck:

Plötzlich war ihm klar, an wen ihn der Prediger erinnerte – an den Grundstückspekulanten Noah Cross in Roman Polanskis Filmklassiker Chinatown. Nicht nur das gleiche pferdeartige Gesicht, auch ihr Habitus war ähnlich. Der Habitus von Männern, die keinen Widerspruch gewohnt waren und ihn auch niemals dulden würden. John Huston, der Darsteller des Noah Cross, hatte seiner Filmfigur eine unwiderstehliche Mischung aus Charme und Zukunftsglauben gegeben, wohinter sich jedoch Kälte und Skrupellosigkeit verbergen. Nettelbeck fragte sich, ob es auch darin Parallelen zwischen Cross und Mattheuer gab

Abermals lässt Martin Nettelbeck sein eingerosteter kriminalistischer Spürsinn nicht im Stich. Er und sein Partner entdecken Verbindungen zwischen dem Missionswerk und einer zwielichtigen Neonazi-Partei, die gerade von einem westdeutschen Unternehmer aufgebaut wird und erst einmal vor allen Dingen in Ostdeutschland Wahlerfolge feiern soll.

Rainer Wittkamp hat vorher Drehbücher für Krimiserien wie SOKO Leipzigoder SOKO Wismar geschrieben. Schneckenkönig ist ein spannender und sehr lesenswerter Krimi, in dessen Mittelpunkt ein sympathisch eigenwilliger Kommissar mit einem Faible für Posaunenmusik steht.

Psychopathen

Um kategorisieren zu können, wer als ‘Psychopath’ und damit als schwer gestört eingestuft werden muss, ist die Psychopathy Checklist entwickelt worden. Doch obwohl die allermeisten Psychopathen in den Hochsicherheitstrakten der Gefängnisse einsitzen, lassen sich die ‘Normalen’ laut Kevin Dutton, Forschungspsychologe am Calleva Research Center for Evolution and Human Sciencedes Magdalen College der Oxford Universityin vielen Fällen gar nicht so leicht von ihnen abgrenzen. Beispielsweise gibt es zwischen dem Gehirn eines Psychopathen und dem eines als ‘normal’ geltenden Menschen im Allgemeinen rein äußerlich keinen erkennbaren Unterschied. Außerdem sind es manchmal gerade Eigenschaften, die Psychopathen zugerechnet werden, wie Furchtlosigkeit, Selbstsicherheit, Charisma oder Skrupellosigkeit, die bestimmte Menschen beruflich besonders erfolgreich machen:

Ein Mensch kann zum Beispiel unter Druck eiskalt sein und etwa so viel Empathie zeigen wie eine Lawine (einigen von dieser Sorte werden wir später auf dem Börsenparkett wieder begegnen). Das bedeutet nicht automatisch, dass er auch gewalttätig, antisozial oder gewissenlos handelt. Ein solches Individuum weist zwar zwei psychopathische Merkmale auf und steht damit auf der >psychopathischen< Skala höher als jemand, dem diese Merkmale fehlen. Damit ist er aber noch weit entfernt von der Gefahrenzone derjenigen, die sämtliche psychopathischen Merkmale aufweisen

Mit Hilfe vieler spannender Experimente, Forschungsergebnisse und unterhaltsamer Anekdoten macht Kevin Dutton sich auf gut lesbare Weise auf die Suche nach der manchmal offensichtlich nur sehr schwer zu ziehenden Grenze. Dabei zeigt er viele Menschen, die zumindest in Teilen über herausragende Fähigkeiten verfügen. Wer hätte vermutet, dass Menschen mit gewissen psychopathischen Eigenschaften die besseren Zollbeamte sein oder sich unter Umständen für die Lösung sozialer Probleme als besonders gut geeignet erweisen können? Oder dass buddhistische Meditation bewirken kann, dass ein Mensch in bestimmten Momenten genauso gefühllos und unbeteiligt reagiert wie ein Psychopath?

Der Erfinder der Psychopathy Checklist, Robert Hare, lobt PSYCHOPATHEN. Was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann von Kevin Dutton als “höchst anregendes Buch für alle, die die >psychopathische< Welt, in der wir leben, besser verstehen wollen”. Der Präsident der Society for the Scientific Study of Psychopathy, Scott Lilienfeld, sagt über das Buch: “Der unwiderstehliche Kevin Dutton ist wieder da. Diesmal mit einem pietätlosen Aufriss der hellen und dunklen Seiten der geheimnisvollen Psychopathen. Er liefert eine mitreißende Mischung von Wissenschaftlichem und Persönlichem und informiert und unterhält die Leser gleichermaßen”.

Drogen sollten legal werden

“Dass Schreiben Politik ist, schon im Akt des Niederschreibens und erst recht im öffentlichen Vortrag: Das ist immer wieder spürbar, gerade beim internationalen literaturfestival berlin“, schreibt Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele und damit Gastgeber des internationalen literaturfestivals berlin, in seinem Grußwort. Die Reihe Reflections sollte dem Politischen konkret Raum geben und Themen eine Plattform bieten, die möglicherweise auch weh tun. In diesem Rahmen haben die Mexikanerin Sabina Berman und die Kolumbianerin Laura Restrepo über die Situation in Lateinamerika berichtet. Sie kommen zu dem Ergebnis: Um die großen Probleme in Latein- und Süd-Amerika zu lösen, sollten Verkauf und Konsum von Drogen legal werden.

Man gehe davon aus, dass rund 100 Millionen Menschen in den USA und fast 35 Millionen Menschen in Europa Marihuana oder Kokain konsumierten, erklärt Sabina Berman. Die Drogen seien Teil des Lebensstils geworden. Dabei sei der Konsum im Allgemeinen straffrei, nur der Handel werde polizeilich und juristisch verfolgt. Das sei Heuchelei. Da beispielsweise ein in Kolumbien produziertes Gramm in den USA und Europa für das zehn- oder zwanzigfache weiter verkauft werden könne, gebe es einen regen Transit der Drogen von Süd- nach Nordamerika. Damit verbunden sei ein blutiger Drogenkrieg.

Vor sechs Jahren sei in Mexiko rund 33% des Landes in der Hand der Drogenkartelle und damit unregierbar gewesen. Um diesen Zustand zu ändern, habe der Präsident vor sechs Jahren einen strategisch ungeschickten Krieg gegen die Kartelle angefangen. Das Ergebnis sei, dass diesem Konflikt bis zum heutigen Tag rund 120.000 Menschen zum Opfer gefallen seien – also insgesamt mehr Tote als es im Vietnamkrieg gegeben hat. Heute seien rund 66% des Landes unregierbar. Vor allen Dingen problematisch sei, dass die Kartelle kopflos zerschlagen worden seien. Die davor in den Kartellen organisierten Menschen seien danach in wirre Banden ohne Führung zerfallen, darunter auch Kinder und Jugendliche.

Die Drogenkartelle hätten nun auch den letzten Rest Respekt vor der Regierung, ihrem früheren Partner, verloren. Sie seien jetzt sehr gut bewaffnet, meist besser als die Polizei, und diktierten den Politikern, was zu tun sei. Die USA handelten mit den Waffen, mit denen die Kartelle die Massaker verübten. Man verdanke den USA die Demokratie, aber dort sei man auch verantwortlich für den ungemein blutigen Krieg in Mexiko. Der Krieg müsse sofort beendet und die Sicherheit des Volkes zum obersten Ziel der Maßnahmen gegen die Drogenkartelle werden, nicht nur die Zerschlagung der Machtstrukturen. Sabina Berman wünscht sich einen niedrigschwelligen Krieg, von dem die Bevölkerung fast nichts bemerkt. Jugendlichen solle der Konsum von Marihuana erlaubt werden und Morde müssten von der Polizei verfolgt und geahndet werden.

Auch für Laura Restrepo ist die Legalisierung der Drogen die einzige Option. In Europa halte man Drogenhändler für eine Art Feudalherren und unterschätze die Gefahr. Krieg und Drogen seien zwei Seiten derselben Medaille. Das Problem reiche insgesamt von den Drogenfeldern in Kolumbien bis zu den Banken in den Industrienationen. Da die Drogenbosse teilweise besser bewaffnet seien als die Polizei, seien die staatlichen Institutionen unterhöhlt und es stelle sich die Frage, ob Zivilisation überhaupt unter diesen Bedingungen überhaupt noch möglich sei. Fälschlicherweise werde das Problem immer auf ‘die Droge’ reduziert. Tatsächlich seien die Schwierigkeiten sehr komplex. Es gebe einen ungezähmten Kapitalismus auf allen Ebenen, der die Konkurrenz einfache ausschalte. Er zeige sich in Form des eifersüchtigen Ehemanns, der seine Frau töte oder in der des Geschäftsmanns, der seinen Konkurrenten einfach ausschalte. Dahinter stehe ein ganzes System. In Kolumbien seien drei Mal progressive Präsidentschaftskandidaten umgebracht worden. Alonso Salazar habe eine Biografie über den bekanntesten Mörder Kolumbiens, Pablo Escobar, geschrieben. Pablo Escobar habe 1,5 Millionen Dollar am Tag eingenommen. Es seien enorme Kapitalströme, die der Drogenhandel fließen ließe.

Im Alltag sei es schwer geworden, sich aus dem Drogenhandel ganz heraus zu halten. Als Beispiel führt Laura Restrepo einen kleinen Ort in der Karibik an. Dort gebe es keine Hotels, nur ein paar Ferienwohnungen. Die Menschen dort hätten in erster Linie vom Fischfang gelebt. Doch der Fischbestand habe zu schwinden begonnen und die Fischer hätten angefangen, Kokapäckchen einzusammeln, die von Hubschraubern abgeworfen worden seien, um sie von dort aus weiter nach Norden transportieren zu lassen. Eines Tages habe sich das Gerücht verbreitet, dass ein junger Mann getötet worden sei. Er habe AIDS gehabt und die Dealer töteten jeden, der an AIDS erkrankt sei. Das habe bei den Menschen dort Angst ausgelöst. In einigen Dörfern seien mittlerweile Massengräber mit Opfern der Dealer entdeckt worden. Die Grenzstadt Ciudad Juarez sei im Moment der womöglich gefährlichste Ort der Welt.

Sabina Berman berichtet, dass sie und das ganze Team bei den Dreharbeiten zu Paradies der Mörder in Ciudad Juarez bedroht worden seien. Für die Dauer der Dreharbeiten seien sie in einem Hotel untergebracht gewesen. Jeder von ihnen habe manchmal am Abend weiße Blumen und Bilder von Geköpften in seinem Zimmer vorgefunden. Niemand habe sagen können, wie diese Gegenstände in die Zimmer gekommen gekommen seien, während 30 bewaffnete Männer eigentlich für ihre Sicherheit zuständig gewesen seien. Zeitgleich seien drei Polizeikommandanten umgebracht worden.

Sabina Berman und Laura Restrepo hoffen, dass die Droge zu einem ganz normalen Agrarprodukt wie Kaffee oder Bananen werden könne. Wenn sie legal sei, werde der Preis automatisch sinken. Sicherlich müsse mit der Legalisierung ein Erziehungsprogramm auf den Weg gebracht werden, der über den Umgang mit den Substanzen aufkläre. In Bezug auf den Tabakkonsum habe solch ein Modell ganz gut funktioniert. Außerdem könne dann auch eine Steuer auf die Drogen erhoben werden, mit denen sich die Behandlung der gesundheitlichen Schäden finanzieren ließe. Auch konservative Intellektuelle wie Mario Vargas Llosa setzten sich mittlerweile für die Entkriminalisierung der Drogen ein. Doch es gebe mächtige Mafiaorganisationen, die sich dem entgegen stellten und weiter an Drogenhandel, Kinderprostitution, Waffen- und Organhandel verdienen wollten.

Bücher und Filme:

Laura Restrepo: Die Insel der Verlorenenir.gif

Regie: Carlos Carrera, Drehbuch: Sabina Berman: Paradies der Mörderir.gif

Sabina Berman: Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchteir.gif

Alonso Salazar:  Pablo Escobar, el patron del mal