„Don’t Kiss Ray“ von Susanne Mischke

Buchcover "Don't Kiss Ray" von Susanne Mischke

In Don’t Kiss Ray von Bestseller-Autorin Susanne Mischke fährt die fünfzehnjährige Jill zum ersten Mal zusammen mit ihren Freunden zu einem mehrtägigen Open-Air-Festival. Jill interessiert sich eigentlich nicht besonders für Musik und erfährt meist erst kurz vor dem Auftritt von ihren Freunden, wer gleich wo spielen wird. Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet Jill eine ganz besondere Bekanntschaft macht: Sie trifft Ray, den Sänger einer der aktuell bekanntesten Teenie-Bands, vor einem Waffelstand. Natürlich ahnt sie nicht einmal, wer er ist, als sie ihn anmotzt, dass er sich nicht vordrängeln soll und schließlich mit ihm ins Gespräch kommt.

Liebe auf den zweiten Blick

Zu Jills großer Enttäuschung macht ein heftiges Unwetter das für später geplante Date zu Nichte. Doch nachdem das Festivalgelände verwüstet und in eine Schlammlandschaft verwandelt worden ist, freuen sich Jill und ihre Freunde, dass die wichtigste Band des Festivals doch noch auftreten kann. Allerdings könnte Jills Überraschung kaum größer sein, als ausgerechnet der Sänger, der alle Mädchen zum Kreischen bringt,  öffentlich einem „Mädchen mit der Puderzuckernase“ ein Treffen vorschlägt. Damit kann nur Jill gemeint sein und der Sänger auf der Bühne entpuppt sich als der Typ vom Waffelstand.

Plötzlich wissen alle, wer sie ist

Als Jill Ray nach dem Konzert treffen will, gibt es bei den vielen sexy gekleideten Mädchen kein Durchkommen. Schließlich fahren Jill und ihre Freunde, die mittlerweile genauso erpicht auf ein Kennenlernen mit Ray sind, enttäuscht wieder nach Hause. Doch als plötzlich ein Handy-Foto von Ray und Jill im Internetforum der Band auftaucht, ist nichts mehr so, wie vorher. Jill wird erkannt und erhält Hasskommentare in sozialen Netzwerken, wird in der Schule geschnitten und es lauern ihr gewaltbereite Mädchen auf dem Schulweg und vor der Haustür auf. Auch Jills Familie und Freunde werden in den Konflikt hineingezogen.

Er darf offiziell keine Freundin haben

Doch auch Ray bringen die Fotos aus dem Band-Forum in Schwierigkeiten. Laut Vertrag darf Ray gar keine Freundin haben. Rays Manager ist der Meinung, dass sich das negativ auf die Verkaufszahlen auswirken könnte. Angesichts der vielen verärgerten Postings im Forum fühlt er sich bestätigt und verlangt von Ray, dass er den Kontakt zu Jill abbricht. Doch nach vielen Enttäuschungen, Missverständnissen und Heimlichtuereien gibt es für Ray und Jill ein Happy End.

So etwas könnte Jedem passieren

Jills Geschichte mag auf den ersten Blick ungewöhnlich klingen, ist  es aber nicht. Laut der EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz klicksafe.de kennt jeder dritte Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren jemanden, der schon einmal gemobbt worden ist. Tatsächlich sind viele Erfahrungen, die die Protagonistin Jill macht, ganz typisch und treten bei vielen (Cyber-)Mobbing-Opfern auf. Da Täter die Reaktionen ihrer Opfer auf Schikane oder Verleumdungen nicht sehen können und ihnen das Ausmaß des angerichteten Schadens nicht klar wird, agieren sie laut klicksafe.de im Netz oft besonders brutal. Auch die Protagonistin Jill kennt die meisten ihrer Peiniger nicht persönlich. Gespräche sind mit den Verfolgern meist nicht möglich und ihre Familie weiß sich nicht anders zu helfen, als die ungebetenen Gäste mit dem Gartenschlauch zu vertreiben. 

Der Roman hat auch Schwächen

Obwohl die Geschichte von Jill sehr anschaulich und realitätsnah dargesellt wird, gibt es in der Erzählung einige logische Brüche. Unverständlich bleibt, wie der angeblich pausenlos von aufdringlichen Fans umlagerte Ray unbemerkt zu einem Waffelstand gelangen und dort auch noch ein Gespräch beginnen konnte, ohne von Fans gestört zu werden. Auch die Beschreibungen Rays und seiner Motive –  im Roman wird immer wieder zwischen den Perspektiven von Jill und Ray gewechselt – wirken oft reichlich oberlehrerhaft. Susanne Mischke versucht hier vermutlich etwas, das ihr in Bezug auf den Charakter Jill sehr gut gelingt, auch bei der Figur Ray: Sie möchte erklären, wie erfolgreiche Musiker so sind. In Rays Fall ist das ein nachdenklicher, einsamer Teenager mit tollem Aussehen und vielen außergewöhnlichen Fähigkeiten – alles in allem ein sehr vorzeigbares Beispiel „natürlicher Auslese“. Das alles wirkt oft zu aufgesetzt und blutleer.

Weitere Informationen zum Thema (Cyber-)Mobbing: 

klicksafe.de: (Cyber)Mobbing: Was ist das?

Sueddeutsche.de: So kämpfen Schulen gegen Mobbing

Spiegel.de: Jeder achte Jugendliche ist betroffen

Beratungsstelle der Polizei

„Endlich sind sie tot!“ von Sebastian Stammsen

Buchcover "Endlich sind sie tot!" von Sebastian Stammsen

Der Psychologin Daniela Ellinger bietet sich in Endlich sind sie tot! von Sebastian Stammsen ein fast unerträgliches Bild, als sie von der Polizei an den Tatort gerufen wird. Wie in einem Schlachthaus hängen drei Mitglieder der Familie Brose furchtbar zugerichtet kopfüber von der Decke. Daniela Ellinger arbeitet nur manchmal als Beraterin mit der Polizei zusammen und es gelingt ihr nur mit Mühe, sich zu beherrschen und professionell zu bleiben:

„Meine Knie gehorchten, aber mein Magen rebellierte beim Anblick der Leichen“

Der Täter scheint schon gefasst: Der sechzehnjährige jüngste Sohn der Familie Brose ist mit einem blutverschmierten Hammer und apathischem Blick neben den Leichen gefunden worden. Kriminalkommissar Oliver Busch, der den Fall gemeinsam mit Daniela Ellinger bearbeiten soll, hofft auf ein schnelles Ende der Ermittlungen:

„Schön. Wenn das so einfach war, dann würden wir diesen Marvin Brose befragen, ein Geständnis aus ihm herauspressen und damit wäre die Sache erledigt“

Er ist von der Zusammenarbeit mit der Psychologin wenig begeistert. Einmal abgesehen davon, dass er sich an ihren langen blonden Haaren und dem knappen rosafarbenen Kostüm stört, fürchtet er, dass Daniela Ellinger den Täter womöglich als schuldunfähig einstufen könnte und damit verhindert, dass er die aus seiner Sicht gerechte Strafe bekommt.

Doch es stellt sich heraus, dass auch die Nachbarn mit den Broses aneinander geraten sind und von ihnen schikaniert und bedroht worden sind. Als sie erfahren, dass die Familie nicht mehr zurück kommen wird, haben manche vor Erleichterung Tränen in den Augen. Überhaupt scheint jeder mit den Broses unangenehme Erfahrungen gemacht zu haben, insbesondere auch mit dem sechzehjährigen Marvin. Stalking, Erpressung, gezielte Einschüchterungen und Drogenhandel haben ihm bereits viele Beschwerden bei der Schulleitung eingebracht. Dennoch fällt es Daniela Ellinger schwer sich vorzustellen, dass ein sechzehnjähriger allein eine solch grausame Tat begangen haben kann.

Bei einer ersten Befragung liefert Marvin Anhaltspunkte dafür, dass er vielleicht tatsächlich einen Mittäter gehabt hat. „Ich war es. Ich bin unschuldig“, gibt er unter Tränen zu Protokoll. Oder handelt es sich eher um einen Fall von Schizophrenie oder multipler Persönlichkeit?