“Placebo-Effekte” von Martin Andree

Placebo-Effekte: Reise zu den Anfängen der Medizin

Mit „Placebo-Effekte. Heilende Zeichen, toxische Texte, ansteckende Informationen“ ist Martin Andree ein spannendes und gut lesbares Buch gelungen. Der Autor zeigt, wie stark etwa die Wirkung eines zuversichtlichen Arztes, die Farbe einer Tablette oder die Qualität versprechende Marke des verabreichten Medikaments auf den Patienten sein kann. Offenbar kann ein Placebo unter Umständen sogar eine ähnlich stark schmerzstillende Wirkung hervorrufen wie Morphium.

Schamanismus und Doping-Mittel 

Eine besondere Stellung im Heilungsprozess nimmt für Martin Andree das Ritual des Arztbesuchs und die Behandlungs-Performance insgesamt ein. Anschaulich beschreibt er, dass eine moderne ärztliche Behandlung immer noch Grundzüge des Schamanismus in sich trägt und der Kontakt zum Arzt sogar mit der Wirkung einer Droge vergleichbar sein kann.

Cover "Placebo-Effekte. Heilende Zeichen, toxische Texte, ansteckende Informationen" von Martin Andree

Dazu begibt sich der Autor auf die Suche nach den Ursprüngen der Heilkunst. Er weiß von einigen recht abenteuerlichen Praktiken zu berichten, die eher an eine Zauber-Show als an einen Arztbesuch erinnern. Für die Gegenwart lässt sich etwa die Musik als Doping-Mittel neu entdecken oder der Grund, warum Superfood in bestimmten Fällen sogar tatsächlich gesundheitsfördernd sein kann.

Positive und negative Erwartungen

Das Gegenteil des Placebo- ist der Nocebo-Effekt. Gemeint sind damit Faktoren, die eine Krankheit oder körperliche Beeinträchtigung erwarten lassen. Als Beispiel führt Martin Andree eine Schulklasse an, die vermutete, dass jemand heimlich hochprozentigen Alkohol in die Getränke gemischt hatte. Im Krankenhaus stellte sich heraus, dass die Mehrheit der Schüler gar nicht mit Alkohol in Berührung gekommen war. Dennoch waren die Symptome nicht vorgetäuscht. Offenbar genügte die Erwartung, dass es so sein muss, um die Schüler tatsächlich krank zu machen. Ähnliche Wirkungen können laut Martin Andree auch entsprechende Meldungen in den Massenmedien auslösen.

Ich kann das Buch wirklich jedem empfehlen!

Insgesamt ist „Placebo-Effekte. Heilende Zeichen, toxische Texte, ansteckende Informationen“ ein verständlich geschriebenes Buch, das viele spannende und teilweise überraschende Anregungen bietet. Sie reichen von Tipps, mit denen sich die sportliche Leistungsfähigkeit positiv beeinflussen lassen kann über die Effekte der Werbung bis hin zu Techniken, mit denen sich durch „positives Denken“ mehr Wohlbefinden im Alltag herstellen lässt. Und natürlich sieht man seinen Arzt und dessen Behandlungsmethoden nach der Lektüre des Buches in einem ganz neuen Licht 🙃😉

Link zum Shop des Fink-Verlags

Link zum Radio-Interview mit Martin Andree bei WDR3 Mosaik vom 13.08.18

Zu den Details:

Beeindruckend gut ist Martin Andree eine interdiszinplinäre Herangehensweise an das Thema gelungen. Mit seinem gut verständlichen und kenntnisreichen Text liefert er sicherlich für Interessierte mit ganz unterschiedlichem Kenntnisstand einen guten Einstieg in das Thema. Eine bemerkenswert lange und auch aus geisteswissenschaftlicher Sicht gut sortiere Liste verwendeter Literatur befindet sich im Anhang des Buches. 

Sprache und die Illusion von Kontrolle

Dennoch bin ich über ein paar Details gestolpert. Auf den Seiten 173 und 174 beschäftigt sich Martin Andree mit einem Auszug aus „Arbeit am Mythos“ von Hans Blumenberg und beschreibt die „Illusionen von Kontrolle“, die aus seiner Sicht eine große Ähnlichkeiten mit den Wirkungen des Placebo-Effekts aufweise. Dem stimme ich grundsätzlich zu, aber aus meiner Sicht geht es in dem Text um weit mehr.

Wichtigstes Moment bei der Erzeugung eines Gefühls von Vertrautheit ist die Sprache. Es ist die Kommunikation über das, was als potentiell bedrohlich empfunden wird, die beim Subjekt Erleichterung auslöst: „Was durch den Namen identifizierbar geworden ist, wird aus seiner Unvertrautheit durch die Metapher heraus gehoben, durch das Erzählen von Geschichten erschlossen in dem, was es mit ihm auf sich hat“ (AaM, S. 12).

Würde man diesen Vorgang auf den Arztbesuch übertragen, dann wäre sicherlich bereits das Gespräch über die Krankheitssymptome ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Genesung. Das „Erkennen“ der Angst und Unwohlsein hervorrufenden Faktoren durch den Arzt würde demnach bereits Grund zur Hoffnung auf Heilung zu geben. Vermutlich auch dann, wenn die Diagnose zunächst noch nicht eindeutig ist.

Unterschiedliche Narrative

Wenn das Buch von Martin Andree eine Schwäche hat, dann ist es die, dass es in „Placebo-Effekte“ zu wenig um die Wirkung von Worten geht. Beispielweise entsteht in dem Text oft der Eindruck, es gäbe nur ein einziges Narrativ, das sich für alle Patienten des Arztes voraus setzen ließe. Davon ist leider nicht unbedingt auszugehen.

Sicherlich gibt es bestimmte Erwartungen, die die meisten Patienten an einen Arztbesuch haben. Aber sie variieren womöglich schon von Region zu Region. Erst recht kompliziert wird die Verständigung zwischen Arzt und Patient, wenn der Kranke eine andere Sprache spricht oder aus einem völlig anderen Kulturkreis stammt.

Auch in Hinblick auf Nachrichten, TV, Werbung, Musik, Film usw. bleibt unklar, was sich heute als eine Art „Allgemeinwissen“ voraussetzen lässt. Jeder kann seinen Medienkonsum nach eigenen Interessen selbst gestalten kann und sich „nur“ über die Themen informieren, die ihn unbedingt interessieren. Die Kenntnis bestimmter Nachrichten und Themen aus den Massenmedien kann also nicht bei jedem vorausgesetzt werden. 

Probleme bei der Kommunikation

Es gibt also durchaus eine ganze Reihe von guten Gründen, warum es nicht „funktioniert“ zwischen Arzt und Patient. Auch aus sprachwissenschaftlicher Sicht trägt jegliche menschliche Kommunikation etwas unbeherrschbares in sich. Folgt man etwa Walter Benjamin, dann handelt es sich dabei um die „Magie“ oder die „Unendlichkeit“ der Sprache. Jacques Lacan etwa verweist ausdrücklich mit Saussure auf das „Gleiten des Signifikats unter dem Signifikanten“ als einen Bereich, der durch das Unbewusste dominiert wird.

Bei Ernst Mach erweisen sich Schwierigkeiten in der Kommunikation als weit mehr als ein rein sprachliches Problem. In „Die Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Phsychischen“ legt er dar, wie sehr Menschen in ihrem eigenen Wahrnehmungsapparat gefangen sind. Eine Wahrnehmung der Welt außerhalb der eigenen Sinneseindrücke bleibt den Menschen versperrt. Das betrifft auch Wissenschaftler, die sich bei ihren Forschungen um größtmögliche Objektivität bemühen.

Eine Volksmedizin?

Auch in Hinblick auf den Katharsis-Effekt wäre aus meiner Sicht eine Berücksichtigung weiterer Aspekte interessant. Nicht nur Aristoteles sah in dem kathartischen Effekt eine Möglichkeit zur moralischen Erziehung der Zuschauer, der vielleicht sogar das Potential einer Volksmedizin in sich trägt. Auch Lessing erwartete konkret eine Erziehung des Zuschauers durch die Tragödie zu mehr Empathie, Schiller hoffte auf eine „Veredeldung des Charakters“ der Bevölkerung durch die Beschäftigung mit den schönen Künsten.

Adorno/Horkheimer hingegen haben in „Dialektitk der Aufklärung“ untersucht, wie die Kunst oder generell jedes Thema unter dem Diktat eines totalitären Regimes zu einem Manipulationsinstrument für die Massen gemacht wird. Für Adorno/Horkheimer bedeutet, gut gelaunt zu sein, einverstanden zu sein und so werden die Massenmedien hier zu einer Art Antidepressivum für die Bevölkerung. 

10. Berlin Biennale

10. Berlin Biennale for Contemporary Art

Die 10. Ausgabe der erfolgreichen Kunstausstellung Berlin Biennale for Contemporary Art wagt eine bisher eher ungewöhnliche Perspektive auf die Welt. An fünf Ausstellungsorten in ganz Berlin werden Helden vom Sockel gestoßen und die westlichen Werte einer besonders kritischen Betrachtung unterzogen. Das ist heilsam, denn es gelingt den Künstlern, wichtige Bedingungen für das friedliche Zusammenleben in einer globalisierten Welt anzusprechen.

Der ganze Text ist bei portalkunstgeschichte.de abrufbar

Siehe dazu auch: 

Toxische Demokratie? 

emaf 18: Anwendungsmöglichkeiten von Kunst auf das Leben

Ausstellung zur Computergeschichte

Multimedia-Ausstellungen: Hieronymus Bosch und Pieter Breughel d.Ä.

Juicy Beats Festival

Bühne beim Juicy Beats Festival

Das Juicy Beats Festival lockt jeden Sommer Top-Acts in das Ruhrgebiet. Im Dortmunder Westfalenpark bespielen Bands und DJs gleich mehrere Bühnen. Obwohl das Festival mittlerweile auch Künstler aus der ganzen Welt anzieht, sind auch immer einige aus der Region mit dabei. Neben toller Musik erwartet Besucher auf dem Festivalgelände neben leckerem Essen auch Spiel und Spaß.

Foto: ©H&H Photographics

Der Beitrag ist im Ausbildungsradio funkbude ausgestrahlt worden

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“Don’t Kiss Ray” von Susanne Mischke

Buchcover "Don't Kiss Ray" von Susanne Mischke

In Don’t Kiss Ray von Bestseller-Autorin Susanne Mischke fährt die fünfzehnjährige Jill zum ersten Mal zusammen mit ihren Freunden zu einem mehrtägigen Open-Air-Festival. Jill interessiert sich eigentlich nicht besonders für Musik und erfährt meist erst kurz vor dem Auftritt von ihren Freunden, wer gleich wo spielen wird. Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet Jill eine ganz besondere Bekanntschaft macht: Sie trifft Ray, den Sänger einer der aktuell bekanntesten Teenie-Bands, vor einem Waffelstand. Natürlich ahnt sie nicht einmal, wer er ist, als sie ihn anmotzt, dass er sich nicht vordrängeln soll und schließlich mit ihm ins Gespräch kommt.

Liebe auf den zweiten Blick

Zu Jills großer Enttäuschung macht ein heftiges Unwetter das für später geplante Date zu Nichte. Doch nachdem das Festivalgelände verwüstet und in eine Schlammlandschaft verwandelt worden ist, freuen sich Jill und ihre Freunde, dass die wichtigste Band des Festivals doch noch auftreten kann. Allerdings könnte Jills Überraschung kaum größer sein, als ausgerechnet der Sänger, der alle Mädchen zum Kreischen bringt,  öffentlich einem “Mädchen mit der Puderzuckernase” ein Treffen vorschlägt. Damit kann nur Jill gemeint sein und der Sänger auf der Bühne entpuppt sich als der Typ vom Waffelstand.

Plötzlich wissen alle, wer sie ist

Als Jill Ray nach dem Konzert treffen will, gibt es bei den vielen sexy gekleideten Mädchen kein Durchkommen. Schließlich fahren Jill und ihre Freunde, die mittlerweile genauso erpicht auf ein Kennenlernen mit Ray sind, enttäuscht wieder nach Hause. Doch als plötzlich ein Handy-Foto von Ray und Jill im Internetforum der Band auftaucht, ist nichts mehr so, wie vorher. Jill wird erkannt und erhält Hasskommentare in sozialen Netzwerken, wird in der Schule geschnitten und es lauern ihr gewaltbereite Mädchen auf dem Schulweg und vor der Haustür auf. Auch Jills Familie und Freunde werden in den Konflikt hineingezogen.

Er darf offiziell keine Freundin haben

Doch auch Ray bringen die Fotos aus dem Band-Forum in Schwierigkeiten. Laut Vertrag darf Ray gar keine Freundin haben. Rays Manager ist der Meinung, dass sich das negativ auf die Verkaufszahlen auswirken könnte. Angesichts der vielen verärgerten Postings im Forum fühlt er sich bestätigt und verlangt von Ray, dass er den Kontakt zu Jill abbricht. Doch nach vielen Enttäuschungen, Missverständnissen und Heimlichtuereien gibt es für Ray und Jill ein Happy End.

So etwas könnte Jedem passieren

Jills Geschichte mag auf den ersten Blick ungewöhnlich klingen, ist  es aber nicht. Laut der EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz klicksafe.de kennt jeder dritte Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren jemanden, der schon einmal gemobbt worden ist. Tatsächlich sind viele Erfahrungen, die die Protagonistin Jill macht, ganz typisch und treten bei vielen (Cyber-)Mobbing-Opfern auf. Da Täter die Reaktionen ihrer Opfer auf Schikane oder Verleumdungen nicht sehen können und ihnen das Ausmaß des angerichteten Schadens nicht klar wird, agieren sie laut klicksafe.de im Netz oft besonders brutal. Auch die Protagonistin Jill kennt die meisten ihrer Peiniger nicht persönlich. Gespräche sind mit den Verfolgern meist nicht möglich und ihre Familie weiß sich nicht anders zu helfen, als die ungebetenen Gäste mit dem Gartenschlauch zu vertreiben. 

Der Roman hat auch Schwächen

Obwohl die Geschichte von Jill sehr anschaulich und realitätsnah dargesellt wird, gibt es in der Erzählung einige logische Brüche. Unverständlich bleibt, wie der angeblich pausenlos von aufdringlichen Fans umlagerte Ray unbemerkt zu einem Waffelstand gelangen und dort auch noch ein Gespräch beginnen konnte, ohne von Fans gestört zu werden. Auch die Beschreibungen Rays und seiner Motive –  im Roman wird immer wieder zwischen den Perspektiven von Jill und Ray gewechselt – wirken oft reichlich oberlehrerhaft. Susanne Mischke versucht hier vermutlich etwas, das ihr in Bezug auf den Charakter Jill sehr gut gelingt, auch bei der Figur Ray: Sie möchte erklären, wie erfolgreiche Musiker so sind. In Rays Fall ist das ein nachdenklicher, einsamer Teenager mit tollem Aussehen und vielen außergewöhnlichen Fähigkeiten – alles in allem ein sehr vorzeigbares Beispiel “natürlicher Auslese”. Das alles wirkt oft zu aufgesetzt und blutleer.

Weitere Informationen zum Thema (Cyber-)Mobbing: 

klicksafe.de: (Cyber)Mobbing: Was ist das?

Sueddeutsche.de: So kämpfen Schulen gegen Mobbing

Spiegel.de: Jeder achte Jugendliche ist betroffen

Beratungsstelle der Polizei

“Truck Tracks Ruhr” in Duisburg

Foto des Trucks, in dem Besucher bei "Truck Tracks Ruhr" unterwegs sind

Es ist eng und ich bekomme fast Platzangst. In der letzten Zuschauerreihe befindet sich unmittelbar vor mir eine Art Geländer, das mir fast bis zum Kinn reicht. Außerdem zwingt mich der Gurt zum sehr aufrechten Sitzen und meine Nachbarn lassen mir fast keine Bewegungsfreiheit. Während der Fahrt ruckelt der umgebaute LKW immer wieder und wir stoßen notgedrungen aneinander. Nein, wirklich bequem ist die Fahrt im Rahmen von ‚truck tracks ruhr‘ nicht. Trotzdem ärgere ich mich keinen Moment, dabei zu sein.

Ruckelige Fahrt ohne Bewegungsfreiheit

Wir sitzen quer im Truck. Vor uns Zuschauern befindet sich eine breite Leinwand, auf der die Straßen Duisburgs im Film zu sehen sind. Die Straßenzüge stammen nicht unbedingt aus den schönsten Gegenden Duisburgs: Restaurants, kleine Geschäfte, Kneipen – von grellbunt bis farblich eher zurückhaltend ist alles vertreten. Die chillige Musik übertönt das Motorengeräusch des Trucks weitestgehend. Ihre Wirkung ist tatsächlich entspannend und macht die Enge für mich erträglicher. Ich lasse die nach einer Weile monoton wirkenden Straßenzüge an mir vorbei ziehen.

Chillige Musik und Betonwüste

Immer wieder hält der Truck und die Leinwand wird hochgezogen. Fast jedes Mal zeigt sich dann ganz plötzlich ein unerwartetes Bild. In einem Fall stehen wir plötzlich vor einer Baustelle. Die im Film dokumentierten Straßen waren nicht wirklich schön, aber so unvermittelt wirkt die ‚Realität’, die sich uns Zuschauern angesichts dieser Betonwüste bietet, noch viel schlimmer. Die Musik wird unterbrochen und eine Geschichte ist zu hören. Ein Mann will an diesem Ort ein Tagebuch gefunden haben und liest es vor. Von Gewalt ist die Rede, von Missbrauch – Themen, die sonst nicht unbedingt so offen angesprochen werden. Der Vortragende zeigt sich unsicher, wie er die Worte betonen und welchen Sinn er ihnen damit geben soll. Schließlich bemüht er sich um eine maschinenartige Aussprache, von der er sich einen neutralen Klang erhofft.

Individualität und Gesichtslosigkeit

An anderer Stelle reflektiert ein Beitrag die “gesichtslose Masse” während wir durch die Scheiben des Trucks auf die Fußgängerzone Duisburgs sehen. Wir befinden uns in der Nähe einer Baustelle. Die Fußgänger müssen sich mühsam an einem Bauzaun vorbei durch einen kleinen Durchgang schlängeln und werden dabei in ihrer Individualität erkennbar.

Lagerfläche ohne Grün

Bei einem weiteren Halt des Trucks tut sich plötzlich der Blick auf eine Lagerfläche für Rohstoffe des Duisburger Hafens auf – häßlich, grau und ausgestorben. Im gesprochenen Beitrag wird das Grün der Bäume und Zwitschern der Vögel herauf beschworen, das an dieser Stelle fehlt. Die Stimme des Vortragenden nimmt dabei einen vorwurfsvollen Klang an. 

Ungewöhnlichkeit des scheinbar Vertrauten

Nur eine der insgesamt sieben Künstlerinnen und Künstler stammt aus Duisburg beziehungsweise dem Ruhrgebiet. Alle anderen werfen einen gänzlich fremden Blick auf die Stadt. Das passt gut, denn die ganze Tour stellt die Ungewöhnlichkeit des scheinbar vertrauten in den Mittelpunkt. Zentrales Thema ist das Alltagsleben in Duisburg, aber auch der Hafen samt des dort stattfindenden Strukturwandels. Dabei werden eben nicht, die besonders repräsentativen und bekannten Orte gezeigt, sondern diejenigen, die abseits liegen, leicht übersehen werden oder unangenehmes zu verbergen scheinen. Das wirkt auf mich oft angenehm ehrlich, manchmal auch schonungslos oder übertrieben.

Kontrast zwischen Film und Wirklichkeit

Besonders auffallend ist für mich der Kontrast zwischen den gefilmten und den von den eigenen Augen wahrgenommenen Bildern. Immer wieder fühle ich mich von den Bildern betrogen und habe den Eindruck, dass ich an einem Ort gelandet bin, auf den der Film mich nicht vorbereitet hat. Dabei wirkt die ‚Realität‘ des Films durchweg strahlender, farbenfroher, schöner und harmloser, als das, was mir die eigenen Augen zeigen. Ob schön oder nicht, provokant oder absurd – In jedem Fall regt diese ungewöhnliche Stadtrundfahrt auf vielen Ebenen dazu an, mal einen ganz frischen Blick auf Alltägliches zu wagen.

Foto: ©Volker Hartmann/Urbane Künste Ruhr