Buchcover "Counterblast" von Marshall McLuhan

Counterblast

Der kanadische Medientheoretiker Herbert Marshall McLuhan, wie er mit vollem Namen hieß, hat in seinem Leben mehrere Abhandlungen veröffentlicht, die sich mit Kommunikation und Medien beschäftigen. Geboren 1911, hat er nach einem Studium der englischen Literatur auch 1942 seinen Doktor in Trinity Hall, Cambridge, erhalten. Thema der Doktorarbeit war eine kritische Betrachtung der Kommunikation über 2000 Jahre hinweg. Marshall McLuhan ging davon aus, dass die unterschiedlichen Formen der Rede beziehungsweise des Ausdrucks die Wahrnehmung der Menschen formen und so den Inhalt der Diskurse und des Lernens ganzer Kulturen bestimmen, ohne dass es direkt ins Bewusstsein vordringen muss.

Im Jahr 1954, dem Erscheinungsjahr der ersten Fassung von Counterblast, hat Marshall McLuhan an der Universität von Toronto gelehrt und bereits The Mechanical Bride: Folklore of Industrial Man (1951) veröffentlicht. Im Vorwort zu The Mechanical Bride hat Marshall McLuhan auf das Paradox hingewiesen, dass Kreativität und Zerstörung häufig durch dieselben gesellschaftlichen Kräfte ausgelöst werden, dass aber Veränderungen immer auch ein positives Potential in sich bergen und moralische Empörung bei der Betrachtung nicht hilfreich sei. Damit grenzt er sich ab zu einem anderen bekannten Intellektuellen mit kanadischen Wurzeln: Wyndham Lewis. Der Maler und Schriftsteller, den Marshall McLuhan persönlich kannte und über dessen Arbeit er auch bereits eine Abhandlung geschrieben hat, veröffentlicht 1954 ein neues Buch. In Self Condemned beschreibt Lewis die Lebensumstände in einer Stadt namens Momaco. Am Ende flieht der Protagonist aus einem Momaco, das zu einem Friedhof aus Muschelgehäusen geworden ist. Der Verfasser der Einleitung zu Counterblast, W. Terrence Gordon, erklärt, dass viele in ‚Momaco‘ Toronto zu erkennen glaubten und dass Wyndham Lewis in seinem Buch das Schicksal des ‚Neuen Menschen‘ beschreiben wollte.

Marshall McLuhan war nach Ansicht von W. Terrence Gorden einer der ersten, der das neue Buch Wyndham Lewis‘ gelesen hat, es findet sich eine Anspielung darauf in der Einleitung Marshall McLuhans zu Counterblast. Zunächst bezieht er sich allerdings konkret auf Lewis` 1914 veröffentlichtes Journal Blast:

In 1914, a few weeks before the War, Wyndham Lewis the painter put out BLAST. He set out to create a new vortex of thought and feeling consistent with the changed conditions of life, work, and society. He was too late. The imbalance of thought and feeling in the new technological world of England and Europe was extreme

Beide, Wyndham Lewis und Marshall McLuhan, waren W. Terrence Groden zu Folge davon überzeugt, dass Kunst und technologische Entwicklungen untrennbar miteinander zusammen hängen. Marshall McLuhan war der Ansicht, das die neuen Medien eine entscheidende Rolle dabei spielen, dem Menschen in der technikdominierten Welt die Sicht zu vernebeln:

In AMERICA AND COSMIC MAN Lewis saw North America as a benign rock crusher in which all remnants of European nationalism and individualism were happily reduced to cosmic baby powder. The new media are blowing a lot of this baby powder around the pendant cradle of the New Man today. The dust gets in your eyes

Counterblast, als Titel Bezug nehmend auf das Journal ‚Blast‘ von Wyndham Lewis, wollte ein ‚Gegenschlag‘ gegen diese Verwirrung sein und einen klaren Blick auf die neuen Medien, ihre Herkunft, Verzweigungen und Richtung eröffnen:

COUNTERBLAST 1954 blows aside this dust for a few moments and offers a view of the cradle, the bough, and the direction of the winds of the new media in these latitudes

Was nun nach der Einleitung folgt, ist ein Text, der aus vielen Überschrift-artigen Teilen mit vielen Leerzeichen, Großbuchstaben und Aufzählungen besteht. Es wirkt fast wie ein Gedicht, mit vielen Wortspielen und Metaphern:

… USA

COLOSSUS of the South, horizontal

HEAVYWEIGHT flattening the

canadian imagination

CBC  BBC  NBC  CBS

nets of the BIG GAME hunters, lairs of

the NEW BABBITTS …

Am ehesten wirkt es, wie die Dozentin amerikanischer und kanadischer Literatur und Marshall-McLuhan-Spezialistin, Elena Lamberti, es genannt hat: wie ein Mosaik. Es besteht aus einer Einleitung, einem Teil voll kurzer, überschriftartiger Textpassagen, einem ‚Media Log‘, in dem über die Geschichte und Bedeutung von Büchern und Print-Presse, mal in sehr kurzen, mal in längeren Passagen gesprochen wird und ‚FIVE SOVEREIGN FINGERS TAXED THE BREATH‘, wo Eindrücke über die moderne Stadt und das Leben dort, Medien und Zivilisation formuliert werden.

W. Terrence Gordon berichtet in der Einleitung von dem Gerücht, dass Marshall McLuhan Exemplare von Counterblast 1954 an Straßenecken und in Zigarrettengeschäften ‚unter der Ladentheke‘ hat verkaufen lassen, in der Hoffnung, die Lektüre würde ein grundlegendes Umdenken in der Gesellschaft hervorrufen. Viel später hat es eine überarbeitete Veröffentlichung von Counterblast in Buchform gegeben. Aber in der Faksimile-Ausgabe von 1954, die anlässlich der transmediale und des 100. Geburtstags Marshall McLuhans veröffentlicht worden ist, sind viele für das ganze Werk Marshall McLuhans wegweisende Thesen formuliert.

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