Über das Leben in Städten

Ein Schwerpunkt der letzten Ausgabe des internationalen literaturfestival berlin war die Reihe ‚Visions 2030’, die sich mit dem Leben in Städten auf allen fünf Kontinenten, heute und in Zukunft, beschäftigt hat. Omar Akbar war Diskussionsleiter der Reihe und beschreibt, warum dieses Thema so wichtig ist:

Omar Akbar: „In der Stadt sammeln sich Ethnien, Kulturen, Innovationen, Forschung und Wissenschaft, dies strömt eine besondere Attraktivität aus. Somit ist die Migration ein altes Thema in den Städten, sie verspricht den Migranten Hoffnung die Möglichkeiten zu nutzen, auch die Ärmsten der Armen erhalten eine Chance und könnten es schaffen.

Die Urbanisierungsprozesse und auch das Wachstum der Städte wird seit Jahrzehnten beobachtet. Es ist eine unaufhaltsame Entwicklung mit der Folge, dass die dörflichen Strukturen weltweit aufgegeben oder industriell transformiert werden. Ägypten ist ein interessantes Beispiel dafür.

Generell ist der Wandel ein Wesenszug der Stadt. Sie kann wachsen, stagnieren oder schrumpfen. Ehemals strategisch wichtige Orte wie etwa die Handelswege können ihre Funktionen ändern – Die Geschichte ist voll von solchen Veränderungen. Auch aktuell können wir so etwas in Deutschland beobachten: die Städte in Ostdeutschland und im Ruhrgebiet schrumpfen. Das ist darauf zurückzuführen, dass die Bevölkerungszahl sich reduziert und damit ganz natürliche Veränderungen nach sich zieht. Folglich haben wir mehr bebaute Flächen und weniger Menschen.

Zugleich ist festzustellen, dass wir die Völkerwanderung falsch eingeschätzt haben. Sie existiert weltweit und zur Zeit sind es etwa 6 Millionen, die ihre Orte verlassen. Allein im Libanon mit einer Einwohnerzahl von etwa 4 Millionen leben zur Zeit 1 Million syrische Flüchtlinge. Die Völkerwanderung wird weiterhin erheblich wachsen – auch nach Europa.“

Manchmal hat man den Eindruck, das wichtigste Thema in Bezug auf die Stadtentwicklung in Deutschlandist das Sterben der kleinen Geschäfte in den Innenstädten und die Leere, die dort dann offenbar zurück bleibt. Oft wird ja der Online-Handel dafür verantwortlich gemacht. Woanders ist das aber kein Thema?

Omar Akbar: “Es ist richtig, Einkaufszentren nehmen massiv zu und die Bedeutung des Einzelhandels wird rudimentärer. Trotzdem haben die großen Marken sich ihre individuellen Standorte geschaffen. Zugleich glaube ich nicht daran, dass der Online-Handel das städtische Leben verändern wird. Er ist eine Ergänzung. Der Markt ist viel zu flexibel und beachtet genauestens die Bedürfnisse. Auch die individuelle Kommunikation spielt eine bedeutende Rolle. Häufig bevorzugen Kunden eine professionelle Beratung, möchten die Qualität der Waren fühlen, oder auch die typischen Gerüche wahrnehmen. Im Kontext der Globalisierung sind neue Angebote hinzugekommen. Auf dem Markt in Florenz beschrieb ein Betreiber die Veränderung der Gerüche. Es riecht nicht mehr florentinisch nach Käse, Gemüse etc., sondern auch nach Sushi und Döner.”

Wie sehen Sie das Bewusstsein der Menschen hinsichtlich der Mentalitäten oder des Verhaltens in der Öffentlichkeit?

Omar Akbar: „In der Öffentlichkeit verhält man sich in Deutschland zurückhaltend, wenn es um Körperkontakte geht, insbesondere unter Männern. Im mediterranen Raum ist dieses viel unverkrampfter, die Emotionalität wird anders ausgedrückt.

Ebenso sehe ich in Bezug auf die Esskultur gravierende Unterschiede: überall findet man regionale Unterschiede und Geschmacksrichtungen. Darüber hinaus möchte ich weitere Besonderheiten aufzählen: Lebt man beispielsweise in Algier ist es ist im Prinzip unmöglich, sich von der eigenen Familie zu emanzipieren, wobei es Frauen dabei besonders schwer haben. Abends in den Cafés und Restaurants sitzen im wesentlichen die Männer, ein allgemein bekanntes Phänomen im Orient. Andererseits können Frauen in Bogotá de facto keine Busse benutzen, da die Vergewaltigungsraten extrem hoch sind. Die Realitäten verändern sich natürlich stetig. Als ich Ende der 80er Jahren in Ägypten lebte, war es dort sogar nach Angaben der Deutschen Botschaft sicherer, als Berlin. Man konnte in Kairo seine Einkaufstüten auf dem Auto stehen lassen, ohne dass etwas abhanden kam.”

Woran liegt es denn, dass die politische Lage sich in dieser Gegend so zugespitzt hat?

Omar Akbar: „Viele Probleme sind unter anderem ein Ergebnis der nachkolonialen Phase und dem Zerfall der Sowjetunion. Zugleich befreite sich der Islam von Bevormundung durch staatliche Organisationen. Nach dem Fall vom Schah im Iran begann die gänzliche Islamisierung der Gesellschaft, ein Vorbild für andere islamische Länder in der Region. Dass dieser Schritt über die Region hinaus gehen würde, wusste man zu dieser Zeit nicht. Die aktuelle Islamisierung hat bedingt mit dem Einmarsch des Westens im Nahen-Osten etwas zu tun. Es ist im Wesen bestimmter Islambewegungen verhaftet.“

Zum Abschluß: Wie sehen sie die Situation in Deutschland?

Omar Akbar: „Ich persönlich stelle fest, dass wir in Deutschland alle Freiheiten haben, um uns entfalten zu können. Jene, die hier alles problematisch finden, sollten in ihren Herkunftsländern beispielsweise einmal zum Arzt oder ins Krankenhaus gehen. Da erfährt man, welche Rolle Macht und Geld spielen können.

Die Errungenschaften dieses Landes muss man schätzen lernen und verinnerlichen. Nur mit dem Konsum westlicher Güter kann die eigene Entwicklung nicht voranschreiten.“

AutorInnen:

Kevin Barry, Irland: ‘Die dunkle Stadt Bohane’, Roman ir.gif / Mircea Cărtărescu, Rumänien: ‘Die Wissenden’ir.gif, Roman / Maria Sonia Cristoff, Argentinien: ‘Unter Einfluss’, Roman / Roddy Doyle, Irland: ‘Henry, der Held’, Roman / Sónia Gomes, Angola / Helon Habila, Nigeria / USA: ‘Öl auf Wasser’, Roman / Rawi Hage, Libanon / Kanada: ‘Kakerlake’, Roman / Perihan Maǧden, Türkei:  ‘Zwei Mädchen: Istanbul-Story’, Roman /  Suketu Mehta, Indien / USA: ‘Bombay: Maximum City’, Roman / Laura Restrepo, Kolumbien/E: ‘Land der Geister’, Roman /  Boualem Sansal, Algerien:  ‘2084: Das Ende der Welt’, Roman

WissenschaftlerInnen:

Zeynep Aygen (Türkei), Sonja Beeck (D), Angelika Fitz (A), Adam Greenfield (USA), Martina Löw (D), Hildegard Matthias (D), Philipp Misselwitz (D), Stephan Rammler (D), Helmut Rechenberger (A), Stefan Schaurig (D), Jasmin Wiebke (D)

Real Magic

In dem Stück Real Magic von der Experimentaltheatergruppe Forced Entertainment ist es ein bisschen wie im Zirkus oder in einer Fernseh-Quiz-Show zur besten Sendezeit: Ein Kandidat hat die Aufgabe, ‚nur’ ein einziges Wort zu erraten. Nicht irgendein Wort, sondern genau das Wort, das ein anderer sich gedanklich vorstellt und auf einem Pappschild geschrieben vor sich hochhält. Natürlich sind dem Rate-Kandidaten die Augen verbunden, so dass er das Wort auf der Pappe nicht lesen kann. Er muss ‚nur‘, wie der Spielleiter aufmunternd versichert, das eine Wort erraten, das aus Millionen von Wörtern ausgesucht worden und laut und deutlich auf der Pappe zu lesen ist. Der Kandidat windet sich in Unterwäsche und mit verbundenen Augen auf seinem Stuhl und rät. Leider ist die Antwort falsch, auch zwei weitere Versuche scheitern.

Rate-Show mit Pappschildern in Unterwäsche

Mit dem Versagen wird immer sehr konstruktiv umgegangen. Es gibt keine Vorwürfe oder gar Beschimpfungen, statt dessen Bedauern und jede Menge Ermunterung: Dieses Mal hat der Kandidat es noch nicht geschafft, aber beim nächsten Versuch wird es bestimmt klappen. Alle drei Darsteller auf der Bühne werden nacheinander zum Spielleiter, Kandidaten oder gedanklichen Träger des zu erratenden Wortes, der selbstverständlich immer auch Halter des Pappschildes ist. Wie um die falschen Gedanken zu vertreiben und die richtigen heraufzubeschwören, wechseln Richard, Claire und Jerry immer wieder die äußere Erscheinung und treten mal in Unterwäsche, als haariger gelber Vogel mit und ohne Kopf oder in einem viel zu weiten Anzug und dunkler Langhaar-Perücke mit Pony an. Wieder und wieder versuchen die drei sich im Gedanken-Raten und der jeweilige Spielleiter gibt den geduldigen Animateur, während der Träger des Pappschildes sich zwar meist um eine möglichst ansprechende und kreative Zurschaustellung der Pappe bemüht, aber sonst eher gelangweilt um sich blickt. Oft muss er selbst nachsehen, was eigentlich auf dem Schild steht.

Tanz, Striptease und ein zotteliger gelber Vogel

Erstaunlicherweise wird auch mit der Zeit das Gedankenraten nicht leichter. Immer durchdringender wird vor allen Dingen das künstliche Gelächter aus den Lautsprechern, auch weil das tatsächliche Lachen des Publikums immer lauter wird und das konservierte Gelächter vom Band verstärkt. Während dessen präsentieren die drei auf der Bühne zwischen den Rate-Runden kleine Tanzeinlagen, Striptease, kreative Bekleidungsideen oder demonstrieren anschaulich und eifrig, dass sich einem zotteligen Vogel mit riesigem Schnabel nicht mehr effektiv die Augen verbinden lassen.

Telepathie und absurdes Theater

Doch die Konstellation nimmt mehr und mehr absurde Züge an und erinnert zunehmend an Warten auf Godot: Wenn es nur käme, das richtige Ergebnis, dann müsste das Warten ein Ende haben und dann käme er wohl endlich, der mühsam verdiente Erfolg. Doch die Kandidaten tun sich nach wie vor schwer, sich von lieb gewonnenen Antworten zu trennen oder sich auch nur das Wort auf der Pappe zu merken, das sie ja eigentlich vor allen Dingen in Gedanken bei sich tragen sollten. All das gelingt ihnen nicht, obwohl sie doch eigentlich ‚nur‘ das richtige Wort unter Millionen anderer heraussuchen müssten, um die richtige Antwort zu geben und das Spiel zu beenden. Absurd?

Die Experimentaltheatergruppe Forced Entertainment hat sich im Jahr 1984 gegründet und ist seit zehn Jahren Koproduktionspartner von PACT Zollverein, Choreografisches Zentrum NRW. Erst kürzlich ist Forced Entertainment mit dem renommierten Henrik-Ibsen-Theaterpreis ausgezeichnet worden. In ihren Stücken bieten sie zuverlässig eine innovative Mischung aus Slapstick, Satire, anspruchsvollem Theater sowie Formaten der Massenmedien und verlieren den schwarzen Humor auch bei ernsten Themen nie ganz. Real Magic knüpft im besten Sinne an diese Serie an.

Foto: ©Hugo Glendinning

The Dog’s Notes

Sie sind überwiegend aus schwarz-glänzendem Material, die Hundeskulpturen des auf der Insel Taiwan lebenden und arbeitenden Künstlers Poren Huang. Damit bilden die in The Dog’s Notes ausgestellten Hunde ihr Vorbild in entscheidender Hinsicht realitätsgetreu nach: den Taiwanhund, der besonders oft über ein schwarzes Fell verfügt. In Taiwan ist der Hund seit Jahrhunderten ein treuer Begleiter der Menschen. Poren Huang porträtiert in seinen Skulpturen auf sehr humorvolle Weise typische Verhaltensweisen von Hund und Mensch, die durch die reduzierte Darstellungsweise viel Ähnlichkeit mit Comic- oder Spielzeugfiguren aufweisen.

"The Dog's Notes" von Poren HuangHunde haben in Asien generell eine besondere Bedeutung. Der Hund ist beispielsweise ein Tier des traditionellen chinesischen Kalenders, dem mit dem Attribut ‚treu’ eine eindeutig positive Eigenschaft zugewiesen wird. Dem unerschütterlich treuen Hund Hachikō, einem japanischen ‚Akita‘, ist sogar in Form des gleichnamigen Films mit Richard Gere in der Hauptrolle ein Denkmal gesetzt worden. Hachikō weist genauso wie der Taiwanhund mit dem dreieckigen Kopf und der sichelförmigen Rute viel Ähnlichkeit mit dem Urtyp auf und ähnelt insofern auch sehr den Hundeskulpturen, die Poren Huang herstellt. Während es sich bei japanischen ‚Akita‘ um eine sehr alte Rasse handelt, ist der Taiwanhund erst im Jahr 2015 offiziell als eigenständige Hunderasse anerkannt worden. Als Jagdhund war er Jahrhunderte lang ein treuer Begleiter der Menschen auf der Insel Taiwan, die bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts noch vorwiegend landwirtschaftlich geprägt war. Nutztiere, die den Menschen bei der Bewältigung des Alltags behilflich waren wie etwa auch Rinder sind in Asien von je her ein beliebtes künstlerisches Motiv, erklärt Art-Manager Oscar Chan im Interview (das ganze Interview befindet sich in Video-Form am Ende des Artikels).

Generell war Kunst in China von je her an Alltägliches und den Begriff ‚yi‘ gebunden. Er bezeichnet ‚Kunstfertigkeit, Geschicklichkeit, Tüchtigkeit und Handwerk‘ und lässt sich etymologisch von dem Begriff für die Bearbeitung und Bepflanzung eines Feldes und der erfolgreichen Kultivierung herleiten. Bereits Konfuzius diente die Kunst zur ‚Ergötzung‘ und hatte eine wichtige ethische Funktion, wie Helmut Brinker, Professor für die Kunstgeschichte Ostasiens an der Universität Zürich, erklärt:

Sie ist gleichsam das Instrument zur Vervollkommnung des eigenen Charakters und trägt insofern zur Festigung der Kardinaltugenden bei, zur Realisierung des humanistischen Ideals

"The Dog's Notes" von Poren HuangLange Zeit fanden Plastiken in China wenig Beachtung, Kunst war vor allen Dingen an das Malen und Schreiben gebunden. Plastiken wurden lange Zeit ausschließlich als Grabbeigaben verwendet und waren damit für Sammler und die Öffentlichkeit uninteressant. Als beachtenswert galten allerdings gemäß Helmut Brinker die Bronzeplastiken aus vorchristlicher Frühzeit, da sie als „Träger authentischer Werte und ethischer Vorstellungen berühmter ehemaliger Besitzer“ verstanden wurden.

So humorvoll und unbeschwert die Skulpturen aus Bronze von Poren Huang überwiegend wirken, meist portraitieren sie nicht nur typische Verhaltensweisen des Hundes, sondern auch des Menschen. Die Familie des Künstlers züchtet den Taiwanhund bereits seit vielen Jahren. Er beschreibt das besondere Verhältnis von Mensch und Hund folgendermaßen:

Seit Beginn der Zivilisation, haben Mensch und Hund ein sehr enges Verhältnis zueinander. Um mit den Menschen möglichst reibungslos zusammen leben zu können, sind Hunde lange Zeit dazu erzogen worden, sich den Menschen anzupassen. Hunde haben viele großartige Eigenschaften, aber die Menschen lernen selten von ihrem treuesten Begleiter

"The Dog's Notes" von Poren HuangDie glänzenden Hunde sind zwar idealisiert, aber dennoch in Haltung und Bewegungen sehr lebensecht nachgebildet. Sie schauen ihren Betrachter erwartungsvoll an, fast so, als wollten sie gleich loslaufen, heben sichtlich gestresst das Bein oder gucken ein wenig enttäuscht, aber doch irgendwie erwartungsvoll, in den leeren Napf. Deutlich stärker scheinen Hunde mit Teufelsohren und menschlichem Gesicht oder mit wütend in den Himmel gereckten Riesenpranken karikaturenhaft an ihre eigene, weniger brave, Seite und gleichzeitig auch die ihrer Besitzer zu erinnern.

"The Dog's Notes" von Poren HuangDie Herstellung der Plastiken aus den Grundmaterialien Bronze oder Stahl, die dann später mit Überzügen und Farben versehen werden, ist sehr aufwendig. Poren Huang hat für etwa 40 Hundeskulpturen rund 10 Jahre gebraucht. In der Galerie aquabitArt werden Handschuhe verteilt, mit denen sich die genaue Beschaffenheit der überwiegend fröhlichen Hunde auch haptisch genau erkunden lässt. Wie in der traditionellen asiatischen Kunst ist auch für Poren Huang eine möglichst große Nähe zwischen Mensch und Kunstwerk sehr wichtig. Ebenso wichtig, wie das Bestreben, den Betrachter mit einem möglichst positiven Gefühl zurück zu lassen:

Das schnelle Wirtschaftswachstum und die technische Entwicklung nach Ende des Zweiten Weltkriegs haben den Menschen eine deutlich bessere Lebensqualität beschert, aber auch einen Verfall ethischer Werte. Aus Egoismus verfeinden sich viele Menschen sehr schnell mit ihren Liebsten. Außerdem sind Menschen heute weniger stressresistent und die Zahl derer, die depressiv, manisch-depressiv oder generell psychisch labil sind, hat deutlich zugenommen. Die meisten Menschen sind heute deutlich wohlhabender, aber wesentlich weniger glücklich und zufrieden mit ihrem Leben als früher, als sie noch in Armut lebten oder Kriege erleiden mussten

Die Plastiken sollen ihre Betrachter mahnend an die guten Eigenschaften der Hunde erinnern und ihnen außerdem Nähe, Unbeschwertheit und Freude vermitteln, ganz gemäß des Mottos, das einer goldenen Hundeskulptur den Namen gibt: „Every Day is a New Start“.

Die Hundeskulpturen von Poren Huang können dauerhaft in der Galerie aquabitArt in Berlin-Mitte in Augenschein genommen werden: www.art.aquabit.com

Hier geht es zum Video zur Ausstellung bei Vimeo

Indonesische Lyrik

Viele Besucher sind ins Literaturhaus Berlin gekommen, um indonesische Lyrik kennen zu lernen. Meist wird der Text erst in der offiziellen indonesischen Landessprache Bahasa Indonesia gelesen, dann auf Deutsch. Die Eindrücke könnten unterschiedlicher kaum sein: Auf der einen Seite die sehr melodisch klingenden Worte, denen der vortragende Agus R. Sarjono mit viel Emphase Leben einhaucht und auf der anderen die deutsche Version. Die ganze Art des Vortrags ist anders, sie ist deutlich nüchterner und zurückhaltender, wodurch sie zumindest eher den hiesigen Gewohnheiten bei Lesungen entspricht. Doch es funktioniert trotzdem, vor allen Dingen auf der inhaltlichen Ebene.

Emphase und Performance

Wie viele indonesische Gedichte, trägt auch ‚Die Predigt‘ stark narrative und absurde Züge. Die Schilderung eines Priesters, der verzweifelt versucht, der Menschenmasse in seiner Kirche zu erklären, dass er ihnen leider weder mit Rat noch Führung behilflich sein kann, bringt auch die deutschsprachigen Zuhörer zum Lachen. Das Gedicht gehört zu den bekanntesten, Verfasser ist der Lyriker, Dramatiker, Schauspieler und Regisseur Rendra. 2009 verstorben, wirkt die Arbeit des Modernisierers der indonesischen Kultur bis heute nach. „In Indonesien sind Lesungen sehr gut besucht“, erklärt der Übersetzer und Indonesien-Experte Berthold Damshäuser, „Rendra hat Lesungen vor gut 10.000 Menschen in Sportstadien gehalten. Die Indonesier sind gute Performer und nur sehr wenige rezitieren ihren Text nicht selbst. Außerdem gibt es dort kaum eine Veranstaltung, bei der nicht gelacht wird“. In Indonesien lassen sich nur sehr wenige gedruckte Bücher, dafür aber umso mehr Eintrittskarten für solche Lese-Performances verkaufen, die oft von Musik begleitet werden.

17.000 Inseln, oft mit eigenen Traditionen

Das Äquatorarchipel Indonesien, das rund 17.000 Inseln mit vielen eigenen Sprachen und Traditionen umfasst, war jahrhundertelang eine niederländische Kolonie. Bis heute haben dort europäische Einflüsse neben arabischen, indischen und chinesischen Spuren hinterlassen, die sich auch in den Texten der von Berthold Damshäuser und Agus R. Sarjono herausgegebenen Lyrik-Anthologie Sprachfeuer entdecken lassen. Ein Gedicht von Sitor Situmorang etwa, das den Titel ‚Weimar‘ trägt, dreht sich um das bis heute spürbare Nachwirken der beiden in Indonesien bekannten Dichter Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller. Ebenso beinhaltet die Sammlung ein Poem Afrizal Malnas, in dem das Wort ‚Dada’ die dominierende Rolle spielt. Gemeint ist damit allerdings nicht nur die europäische Avantgarde-Bewegung von Anfang des 20. Jahrhunderts, das Wort hat darüber hinaus gehend diverse Bedeutungen in der indonesischen Sprache. Indirekt lassen sich unter anderen Einflüsse Friedrich Hölderlins, Rainer Maria Rilkes, Paul Celans, Arthur Rimbauds, Guillaume Apollinaires und natürlich William Shakespeares erkennen.

Sprache ohne Metrik

Trotz aller erkennbaren Parallelen, gibt es eindeutige Brüche mit der europäischen Tradition. Reim und Versmaß im ‘klassischen’ Sinne lassen sich nicht finden, was laut Berthold Damshäuser nicht zuletzt auf Eigenheiten der Bahasa Indonesia zurückzuführen ist: „Die indonesische Sprache kennt keine Metrik und damit lassen sich auch keine festgefügten Metren finden“. Insofern erinnern die Gedichte mit ihrem oft sehr prosaischen Charakter am ehesten an moderne europäische Lyrik, wobei sich indonesische Gedichte neben der ungemein assoziationsreichen Sprache vor allen Dingen durch eine ihnen eigenen Rhythmik und Musikalität auszeichnen.

Landschaft und politische Themen

Die Themen der 223 Gedichte von 28 Lyrikerinnen der Anthologie Sprachfeuer reichen von Liebe und Einsamkeit über Gewalt und Politik bis hin zu Impressionen von Landschaft und Religion, wobei der Islam eine zentrale Rolle spielt. Mehr als 80% der Indonesier sind Muslime. Dabei stehen Gedichte mit eindeutig religiöser Thematik wie ‘Herr, wir sind uns so nah’ von Abdul Hadi WM neben Werken feministischer Prägung wie denen der Philosophie-Professorin Toeti Heraty. Auch die teilweise umstrittene Lyrikerin Dorothea Rosa Herliany, die Gewalt an, aber ebenso von, Frauen in ihren Werken anspricht, hat einen festen Platz in der indonesischen Lyrik-Szene. Manche Gedichte scheinen die Verhältnisse vor und um den Sturz des Suharto-Regimes 1998 zu beleuchten. Ein Ereignis, das in der kreativen Szene Indonesiens Veränderungen nach sich gezogen hat. „Seit dem Sturz ist die indonesische Literatur generell so frei, dass sie die Verhältnisse getreu abbildet“, beschreibt Berthold Damshäuser die Auswirkungen. Einige Poeme befassen sich außerdem mit der tropischen Landschaft und Vegetation des Äquatorarchipels in ihrer gesamten Abivalenz. Nicht selten geschieht das auf eine für europäische Leser zum Teil ungewöhnliche, aber gleichzeitig erstaunlich vertraute Weise.

Berthold Damshäuser empfiehlt für die Lektüre:  „Man sollte eigentlich nur auf den Text achten und vergessen, dass es ein indonesischer ist“. Das gelingt in den meisten Fällen sehr gut.

Leseempfehlungen:

Sprachfeuer. Eine Anthologie moderner indonesischer Lyrik. Hg. Agus R. Sarjono und Berthold Damshäuser. 374 Seiten, regiospectra verlag berlin. ISBN 978-3940132741

Gebt mir Indonesien zurück! Eine musikalische begleitete Lesung moderner indonesischer Lyrik (in deutscher Sprache). Rezitation: Berthold Damshäuser, Musique automatique: Peter Habermehl. Gesamtspielzeit: 73:38:08. Audio-CD. Katalognummer: 01970101

1965ff. Die Gegenwart eines Massenmordes. Ein politisches LesebuchHg. Anett Keller für die Südostasien-Informationsstelle. 220 Seiten, regiospectra verlag berlin. ISBN 978-3940132680

Martin Jankowski: Indonesien lesen. Notizen zu Literatur und Gesellschaft. 195 Seiten, regiospectra verlag berlin. ISBN 978-3-9401-3266-6

Webseite eissport-fuer-wiesbaden

eissport-fuer-wiesbaden.de ist die Webseite des Förderverein Eissport für Wiesbaden e.V. Der gemeinnützige Verein ist die Fortführung der Petition „Erhaltet die Henkell-Kunsteisbahn“ und engagiert sich für eine nachhaltige Zukunft des Eissports in Wiesbaden.

Die traditionsreiche Henkell-Kunsteisbahn ist Wiesbadens einzige Wintersportstätte. Sie ist in die Jahre gekommen und es muss dringend eine neue Lösung her. Für mehrere Wiesbadener Eissport-Vereine ist die Henkel-Kunsteisbahn die einzige Möglichkeit, regelmäßig zu trainieren. Außerdem bietet die Henkell-Kunsteisbahn preiswerten Wintersport für jedermann. Ein Klassiker ist die Eisdisco mit Eisspaß-Garantie für alle Altersklassen. Ich habe die Webseite konzipiert und betreue sie redaktionell:

eissport-fuer-wiesbaden.de

Maori-Nacht

Er ist unauffällig mit dunklem Hemd und dunkler Hose bekleidet, hält eine Gitarre in der Hand und spricht Englisch. Von Weitem hat er vielleicht am ehesten Ähnlichkeit mit einem Country-Sänger. Doch der Klang seiner Gitarre, die Geschichte und die Art seines Vortrags bei der Maori-Nacht haben allenfalls entfernt etwas von dem, was den wilden Westen und seine Musik im Allgemeinen ausmacht. Die Klänge der Gitarre sind meist reine Untermalung für eine Geschichte, die von Walen, Kanus, dem Meer, dem Himmel, Wäldern und Menschen inmitten dieser urgewaltigen Natur handelt.

Insgesamt betrachtet hat dieser Geschichtenerzähler vielleicht mehr von einem Darsteller, als einem Musiker. Denn viele markante Sequenzen der Geschichte unterstreicht er nicht mit Klängen, sondern mit ausladenden und manchmal fast überdeutlichen Gesten. Die Geschichte wirkt dadurch ungemein lebendig und fesselnd. Selbst wenn ich nicht immer jedes Wort verstehe, kann ich der Geschichte problemlos folgen und bin mehr als sonst gespannt, wie es wohl weiter gehen mag. Der faszinierende Geschichtenerzähler heißt Joe Harawira und erzählt in diesem Moment gerade im Rahmen des internationalen literaturfestival berlin eine der unzähligen Geschichten der Maori auf traditionelle Weise.

Noch vor einigen Jahren sei es undenkbar gewesen, die alten Maori-Geschichten öffentlich vorzutragen, erklärt der gebürtige Neuseeländer Joe Harawira im Anschluss an seine Performance. Die Sprache der Maori sei im 19. Jahrhundert von der Kolonialmacht als heidnische Sprache eingestuft worden und habe an den Schulen nicht mehr unterrichtet werden dürfen. Erst in den 1980er Jahren habe eine Wiederbelebung der maorischen Sprachkultur eingesetzt und seit 1987 sei Maori wieder offizielle Landessprache in Neuseeland.

Traditionell habe ein Geschichtenerzähler innerhalb der Maori-Gesellschaft eine überaus wichtige Funktion, da er die Vergangenheit mit der Gegenwart und der Zukunft verbinde. Die Maoris glaubten, dass sich ein Volk anhand der traditionellen Geschichten mit Hilfe der Vergangenheit besser für die Zukunft wappnen könne. Jeder habe seine persönliche Geschichte zu erzählen und indem man es tue, stelle man eine persönliche Verbindung zwischen sich, der Vergangenheit und der Gemeinschaft her.

Bücher seien generell eigentlich nicht die richtige Form, um Maori-Geschichten zu verbreiten, erklärt in dieser Nacht auch die neuseeländische Schriftstellerin und Literaturdozentin Cathie Dunsford. Vermutlich sei die Verbreitung der Maori-Erzählungen mit Hilfe von DVDs der geeignetste Weg. Cathie Dunsford zeigt beim internationalen literaturfestival berlin eine echte Performance, bestehend aus den dunklen vollen Klängen einer großen Muschel, in die ein Mundstück eingearbeitet worden ist, ergänzt durch Gesang und Erzählung. Obwohl sie ganz ähnliche Grundelemente verwendet wie Joe Harawira, hat ihre Darbietung eine ganz andere Stimmung und Tonlage. Mit Hilfe der Universität von Auckland, an der sie arbeite, seien sie dabei, neue und für die Maori-Kultur passende Wege der Präsentation ausfindig zu machen. Sie habe bereits gemeinsam mit anderen Maori-Frauen eine neue Form von Literatur entwickelt, die sich wahrscheinlich am ehesten mit Lyrik vergleichen ließe. Starke Frauen, die sich zum Wohl der Allgemeinheit engagierten, gehörten zur Tradition der Maori genauso wie deren ganz stark ausgeprägtes Umweltbewusstsein. Dabei gebe es trotz aller Gemeinsamkeiten zwischen den Maori auch teilweise groessere Unterschiede zwischen den einzelnen Stämmen. Dank der Geschichten könnten sie sich aber austauschen und hätten die Chance, eine Verständigung zwischen den Stämmen herzustellen. Insofern könne Literatur Anknüpfungspunkte für ein besseres Miteinander bieten. Unterschiede gebe es im Prinzip in allen Gesellschaften, sie selbst habe bei ihren Lesungen in Deutschland etwa Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen feststellen können. Über ihren Erfolg in Deutschland freue sie sich sehr und ganz besonders darüber, dass die Neuseeländer sich und ihre Kultur im Rahmen der Frankfurter Buchmesse präsentieren könnten.

Für eine neue Sicht auf die Geschichte und damit die Rolle der polynesischen Kultur hat vor allen Dingen James Belich mit einer Fernsehsendung über die Geschichte der Polynesier gesorgt, die auf einem seiner Bücher basiert hat. Beim internationalen literaturfestival berlin legt er dar, dass dadurch das Thema in die Öffentlichkeit gelangt sei und man in Folge dessen langsam begonnen habe, die Polynesier als ein Volk zu begreifen, das den halben Erdball bevölkert und geprägt habe. Nur mit Hilfe von Kanus sei es den Vorfahren der Polynesier gelungen, den gesamten Pazifik-Raum, von Hawaii bis Neuseeland zu bevölkern, eine unglaubliche Leistung. Sie seien nachweislich sogar bis Madagaskar und Süd-Amerika gelangt. Europäer sollten die Kultur der Polynesier respektieren.

Im Rahmen der Maori-Nacht betont auch Hamish Clayton, der im Gegensatz zu Joe Harawira und Cathie Dunsford ein neuseeländischer Schriftsteller ohne Maori-Vorfahren ist, Neuseeland sei ein Land mit zwei Kulturen. Die ersten Geschichten, an die er sich erinnere, seien Maori-Geschichten. Natürlich sei er auch mit den Geschichten über Koenig Arthur, Robin Hood oder Grimms Märchen aufgewachsen. Die Geschichten der Maori seien aber etwas ganz Besonderes, da sie keine Mythologie seien, sondern tatsächlich passiert wären.

Cathie Dunsford: Manawa Toa, Lied der Selkiesir.gif, Cowrieir.gif

Hamish Clayton: Wulfir.gif

James Belich: The Victorian Interpretation of the Racial Conflict: the British, the Maori and the New Zealand Warir.gif

James Belich: Making Peoples: A History of the New Zealanders until 1900ir.gif, Paradise Reforged. A History of the New Zealanders from The 1880ies to the Year 2000ir.gif, Replenishing the Earth. The Settler Revolutioon and the Rise of the Anglo-World, 1870ies-1920iesir.gif

Witi Ihmaera: Wale Riderir.gif

Paula Morris: Rangatirair.gif

Alan Duff: Warriorsir.gif

Peter Walker: Der junge William Foxir.gif

Life and Times, Episode 2

Bei Life and Times – Episode 2 von Nature Theater of Oklahoma gibt es kein Bühnenbild und fast überhaupt keine Requisiten. Den größten Teil des Stückes über sind nur die Hauptdarsteller in ihren grellbunten Jogginganzügen vor schwarzem Hintergrund zu sehen, eingerahmt von zwei Flatscreens am rechten und linken Ende der Bühne. Auf den Screens ist der englische und der ins Deutsche übersetzte Text des Stückes zu lesen. Die Darsteller singen den Text schief und schräg zu eingängiger, schlicht konstruierter elektronischer Musik. Manchmal tanzen sie dazu mehr oder weniger unbeholfen. Alles wirkt überhaupt nicht professionell und gekonnt.

Von meinem Platz im hinteren Teil des Zuschauerraums kann ich den Text auf dem Flatscreen nicht immer lesen, kann aber erkennen, dass dort selten zusammenhängende Sätze zu lesen sind. Es gibt viele Ehs, Ähs und sonstige Füllwörter, grammatische Fehler, abrupte Unterbrechungen, unerwartete Themenwechsel und dann doch wieder Passagen, in denen verständlich kleine Geschichten  und Anekdoten erzählt werden. Gerade die Ehs und Ähs werden von den Darstellern häufig mit ganz besonders viel Dramatik intoniert.

Kelly Copper und Pavol Liska vom Nature Theater of Oklahoma haben  sich für das Stück von der jetzt 34-jährigen US-Amerikanerin Kristin Worrall ihre Lebensgeschichte am Telefon erzählen lassen und das Gespräch aufgenommen. Das Libretto des Stücks bildet der aufgezeichnete umgangssprachliche Text ohne Korrekturen. In Life and Times – Episode 2geht es um die Zeit zwischen der dritten und der sechsten Schulklasse, nach der in den USA der Wechsel von der Grundschule auf die High-School statt findet.

Szene aus "Life and Times, Episode 2"

Der Text ist humorvoll, es geht um alberne Streitereien mit Freundinnen, das Verhalten von Lehrern, Verliebtheiten, die erste Musik, für die man sich interessiert hat, das Verhältnis zu den Eltern, Bockigkeiten, die man selbst von sich falsch fand, wie man den Vater mit einem Playboy-Heft erwischt und es dann auch selbst mal gelesen hat, wie und wann man angefangen hat, sich für Mode und Klamotten zu interessieren, Filme, die man zu einer bestimmten Zeit gesehen hat, wie man auf die Rassenproblematik Aufmerksam geworden ist, wie man sich zum ersten Mal als richtiger Loser gefühlt hat, erste Erfahrungen mit Alkohol, verhaltensauffällige Mitschüler, der Selbstmord eines Bekannten und dass man eigentlich immer darauf gehofft hat, endlich erwachsen und raus aus der Schule zu sein. Die Darsteller wechseln sich bei der Erzählung ab, so dass der Eindruck entstehen könnte, ein homosexueller Mann und mehrere Frauen erzählten dem Publikum ihre Lebensgeschichten, die nichts miteinander zu tun haben.

Genauso wie der Text ist auch die Musik bei genauerer Betrachtung eine Reise durch verschiedene Stile der Musikgeschichte von den 80ern bis in die frühen 90er. Dabei hat sie immer etwas von dem eingängigen Sound, den man auf einer Kirmes oder in einer Karaokebar hören kann. Wahrscheinlich auch deswegen hatte ich als Zuschauer sofort den Eindruck, dass eigentlich jeder aus dem Stehgreif auf der Bühne mitmachen könnte. Und tatsächlich sind auch ein paar Laiendarsteller aus dem Ruhrgebiet für die Aufführung geachtet worden, die sich nahtlos einfügen. Die Lebensgeschichte von  Kristin Worrall, die der weißen Mittelschicht entstammt, ist ist eben nicht nur typisch für solch ein Leben in den USA. In der einen oder anderen Anekdote dürfte sich jeder wieder erkannt haben. Insofern ist Life and Times – Episode 2 für mich humorvolles Theater auf Augenhöhe mit dem Zuschauer, das jeden zumindest ein bisschen mit auf die Bühne holt.

Alle Fotos: © Anna Stoecher

12 Rooms

Als ich den Bereich der Ausstellung 12 Rooms im Museum Folkwang in Essen betrete, wirkt auf mich alles sehr unspektakulär. Ich sehe nur graue Wände, in die manchmal eine Tür eingelassen ist. Die Türen sind verschlossen und es sind auch keine Geräusche zu hören. Langsam bemerke ich, dass ich mich in einem labyrinthartigen Gangsystem aus grauen Wänden und verschlossenen Türen bewege. An den Ecken der Wände sind offenbar die Namen der Künstler und des Kunstwerks hinter der Tür vermerkt, auf das ich mir von Außen keinerlei Vorstellung machen kann.

Türspalt in einem labyrinthartigen Gangsystem

Ich gelange an eine Tür, die einen Spalt breit offen steht und so fixiert ist. Von Außen habe ich den Eindruck, dass sich dahinter schwärzeste Dunkelheit befindet. Auch als ich an den Türspalt näher heran trete, kann ich überhaupt nicht erkennen, was sich in dem Raum befindet oder abspielt. Xavier Le Roy, der Künstler, der diesen einen der insgesamt zwölft Räume gestaltet hat, spricht beim tumbletalk davon, dass Dunkelheit nur auf den ersten Blick eine Veränderung in der menschlichen Wahrnehmung einer unbekannten Situation ist. Der Besucher wisse, dass er eine gewisse Zeit brauche, bis er sich an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnt habe und etwas im Raum erkennen werde. Eigentlich brauche man aber immer längere Zeit, um sich auf  eine unbekannte und unvertraute Situation einzustellen und sie erfassen zu können. Im Museum könne der Besucher im Gegensatz zum Theater selbst entscheiden, wie lange er sich welchem Kunstwerk widme. Im Theater sei der Besucher eher passiv und bleibe die ganze Zeit auf seinem Platz sitzen. Er lasse als Teil einer Gruppe andere über den Inhalt der nächsten Zeit entscheiden.  Live-Art könne beide Prinzipien miteinander verbinden. Als ich mich durch den dunklen Türspalt wage, weiß ich, dass sich wahrscheinlich in jedem der zwölf Räume lebende Menschen als Performer befinden. Ich kann im Inneren einige Zeit nichts erkennen und gehe aus Angst davor, auf jemanden zu treten lieber erst einmal wieder hinaus.

Menschliche Türen und Kopfhörer im Solarium

Als ich die grauen Gänge entlang laufe, entdecke ich einen Raum ohne Tür und sehe Menschen in bunter Sportkleidung sich in dem offenbar runden Raum in unterschiedlichen Geschwindigkeiten im Kreis bewegen. Ich bin bei der Revolving Door von Allora & Calzadilla angekommen.

Ich setze meinen Rundgang fort und bin langsam bereit, eine Tür zu öffnen und mir anzusehen, was sich dahinter verbirgt. Ich sehe einen blonden jungen Mann mit Badehose, der auf einem grell erleuchteten Solarium liegt. Er hat einen dunklen Lichtschutz auf den Augen und Kopfhörer im Ohr. Fast stakkatoartig ruft er in regelmäßigen Abständen französische Wörter. Die Wörter ergeben keinen Satz und keinen Sinn. Das Solarium steht in der Mitte des Raumes, darum herum sind nur leere weiße Wände. An einer Stelle hängt ein weißer Bademantel an der Wand, davor stehen Badelatschen. Der junge Mann ruft weiter französische Wörter und scheint auf nichts um sich herum zu reagieren. Simon Fujiwara hat diesen Raum gestaltet. Ihm gehe es bei Future / Perfect darum, einen typischen Repräsentanten seiner Generation zu zeigen, sagt Simon Fujiwara im tumbletalk. Die Thatcher-Regierung habe unter den Menschen in Großbritannien die Erwartung geweckt, dass jeder, der vor allen Dingen gut aussehe und eine fremde Sprache gelernt habe, erfolgreich und ‘easy-going’ sein werde. Tatsächlich sei der junge Mann komplett isoliert und könne nicht mit seiner Außenwelt interagieren, da er nichts sehen und hören könne. Er brabbele lediglich Wortfetzen aus einer fremden Sprache vor sich hin und höre über seine Kopfhörer nur seine Sprachlernübung. Als Performer des idealisiert wirkenden jungen Mannes in dieser futuristischen Umgebung, seien junge Arbeitslose aus der Gegend ausgewählt worden. Manche Rezipienten hätten Parallelen zu Dorian Gray gezogen. Dem Protagonisten in dem gleichnamigen Roman von Oscar Wilde gelingt es für lange Zeit, die optischen Spuren seines ausschweifenden und moralisch fragwürdigen Lebens zu verbergen. Auch der gut gebaute junge Mann auf dem Solarium sei dort einem schnellen Alterungsprozess ausgesetzt und sein gutes Aussehen extrem gefährdet. Die Szenerie habe etwas von einem absurden Theaterstück.

Brabbeln und ein Feuerzeug

Besucher 12 RoomsIch gehe weiter die Gänge entlang und entdecke Besucher, die vor einer Tür knien, die keine ist. An Stelle der Tür ist eine Vertiefung in der Wand. Nur wenige Zentimeter über dem Boden ist ein Loch im Türrahmen, durch das man nur sehen kann, wenn man sich ganz auf den Boden kniet. Auch ich knie mich auf den Boden und kann in einer Art Zimmer mit extrem niedriger Decke neben einer großen Lampe auf dem Teppichboden eine liegende Person erkennen. Es scheint sich um eine Frau zu handeln, die sich kaum bewegt, nichts um sich herum wahrnimmt und unverständlich vor sich hin brabbelt. Ich gehe nach einer Weile weiter.

In manchen Räumen frage ich mich eine ganze Weile, ob ich wirklich einen lebendigen Menschen vor mir habe oder doch eine Puppe. In anderen Räumen werde ich und die anderen Besucher sofort in ein Gespräch verwickelt, wie im Raum mit dem Titel Swap von Roman Ondàk. Der Performer hält ein gelbes Feuerzeug in den Händen und spricht auf Englisch über Tausch als Grundlage des menschlichen Zusammenlebens. Er sitzt in einem sonst kahlen Zimmer an einem einfachen Tisch, wie er auch von Schülern in der Schule benutzt werden könnte. Nach einer Weile bietet ein Besucher dem Performer ein Paket Taschentücher im Tausch gegen das gelbe Feuerzeug. Der Performer willigt begeistert ein. Besucher und Performer einigen sich darauf, später zu besprechen, wie lange der Performer das Paket Taschentücher behalten und wogegen er es schließlich eingetauscht hat. Ich und alle anderen Besucher verlassen danach den Raum.

Sprache und Rauschen

Angekommen im Room Tone von Lucy Raven erlebe ich, wie ein zuvor auf einem Tonband aufgenommener Text von einer Frau immer wieder abgespielt und zeitgleich auch aufgenommen wird. An einer Wand neben dem Tisch mit den Tonbändern gibt es eine sofaartigen Sitzgelegenheit. Ich nehme darauf Platz und höre, wie sich die Stimme von Mal zu Mal verzerrter anhört und langsam im allgemeinen Rauschen untergeht. Für diese Performance habe sie sich von dem amerikanischen Komponisten Alvin Lucier inspirieren lassen, erklärt Lucy Raven im Rahmen des tumbletalk. Er habe 1969 ein Stück namens I am Sitting in a Room entwickelt, das nie öffentlich aufgeführt worden sei. Wie in dem von Lucier erdachten Raum gebe es auch in diesem ein Mikrofon, zwei Tonbandgeräte, einen Verstärker und einen Lautsprecher. Die Aufnahmen würden mehr und mehr von den natürlichen Resonanzfrequenzen des Raums gedämpft. Was nach dem langsamen Verschwinden der Stimme und der Geräusche der Besucher letzlich von der Aufnahme auf dem Band übrig bleibe, sei der ‘Raum-Ton’. Als Performerin arbeite sie häufig, auch in diesem Fall, mit Handlungsanweisungen. Ein Computer funktioniere auch auf dieser Basis, er sei das Gerät, das Handlungsanweisungen ausführe. Für Room Tone arbeite sie aber mit einem Tonbandgerät, das technisch gesehen noch nicht so weit entwickelt sei wie ein Computer. In den 80ern seien Tonbandgeräte sehr populär gewesen, sie wolle auf die Geschichte des Entertainments und der Technik hinweisen. Eine Aufnahme zu machen sei eine Form des Protests gegen das Vergessen.

In ständiger Veränderung

Nach und nach erkunde ich die restlichen Räume der Ausstellung. Manchmal gelange ich in einen Raum, den ich vorher schon einmal besucht habe und finde eine deutlich veränderte Situation vor. Genau gesagt, erlebe ich an keiner Stelle dasselbe ein zweites Mal und bekomme Spaß daran, die Räume immer wieder zu besuchen.

Das Thema Zeit zu behandeln und eine enge Verbindung zwischen dem Theater und dem Museum herzustellen seien die Vorgaben für diese Ausstellung gewesen, konnten  Besucher des tumbletalk von den Kuratoren der Ausstellung, Klaus Biesenbach und Hans Ulrich Obrist, erfahren. In Auftrag gegeben habe die Ausstellung das Manchester International Festival. Dort sei die Ausstellung zuvor mit 11 Räumen zu sehen gewesen. Im Museum Folkwang seien Damien Hirst und Xavier Le Roy neu hinzugestoßen. Interessiert habe sie, intime Erlebnisse mit Menschen zu erzeugen, die sich nicht kennen. Die Räume seien vergleichbar mit der Situation, wenn man einer unbekannten Person in einem Fahrstuhl begegne, die ungewöhnlich aussehe oder etwa nackt sei und mit der man eine gewisse Zeit verbringen müsse, nachdem sich die Türen geschlossen hätten. Außerdem hätten sich die Performer an klassische Statuen anlehnen sollen, die Menschen für gewöhnlich sehr idealisiert darstellten. In der Ausstellung 12 Rooms sei die idealisierte Person lebendig und benähme sich häufig unerwartet und unvorhersehbar. Man wolle, dass sich die Ausstellung weiter entwickele, es sei bereits geplant, dass die Ausstellung vermutlich in einer veränderten Form danach in Sydney zu sehen ist.

The Coming Storm

Vielleicht lässt sich der Inhalt des neuen Stücks The Coming Storm der Kompanie Forced Entertainment einigermaßen treffend beschreiben, indem man sagt, es thematisiert, was zu einer guten Geschichte gehört und was eher nicht. Oder vielleicht sollte man besser sagen, alles im Stück dreht sich darum, wie Menschen am wirkungsvollsten Aufmerksamkeit auf sich lenken können? Oder noch besser: Vielleicht sollte man sagen, dass der Kampf um die Blicke des Publikums das zentrale Thema in The Coming Storm ist?

Gleich am Anfang philosophiert eine der insgesamt sechs Frauen und Männer auf der Bühne in einer Art Vortrag darüber, welche Elemente aus ihrer Sicht eine gute Geschichte ausmachen. Sie erklärt, dass eine gute Geschichte etwa Überraschungen, Mysteriöses, Missverständnisse oder auch spannende Charaktere brauche und veranschaulicht ihre Thesen durch Beispiele. Dabei stehen die übrigen Männer und Frauen in einer Reihe neben ihr und schauen ins Publikum. Der Vortrag wirkt wie eine Art Prolog, denn alle Personen tragen noch normale Alltagskleidung und die Bühne ist leer. Nur rechts und links am Rand stehen erkennbar Kleiderstangen voll bunter Kleidungsstücke, ineinander gestapelte Stühle, ein Klavier.

Plötzlich reißt ein Schauspieler das Mikrofon an sich und beginnt ganz unvermittelt eine Geschichte zu erzählen, die angeblich einem seiner Freunde, einem IT-Spezialisten, zugestoßen ist. Der Freund habe eine Kreuzfahrt gewonnen, das Schiff sei gekentert, aber der Freund habe sich an die afrikanische Küste retten können, dort einen Job gefunden, sich in seine Chefin verliebt, sie später auch geheiratet, doch er habe sich von ihr trennen müssen, als sie ihr die Einreise nach HongKong durch die Behörden verweigert worden sei. Dort habe er dann allein ein neues Leben anfangen müssen. Es ist eine lustige Geschichte, voller Brüche, komischer Sensationen, überraschender Wendungen, auch klischeehaft.

Nacheinander nehmen sich die sechs Personen das Mikrofon aus der Hand, um dann selbst eine Geschichte über andere oder sich selbst zu erzählen. Dabei reißen sie sich das Mikrofon gegenseitig einfach weg. Nur manchmal sind sie dabei noch so höflich, sich bei ihrem Vorredner zu bedanken, während sie ihm das Mikrofon dann doch bestimmt aus der Hand nehmen. Nach und nach hat die Atmosphäre etwas von einer Gruppentherapie. Als eine Frau aber davon zu erzählen beginnt, dass sie einige Tage lang von mehreren Männern eingesperrt worden sei und deren Sexsklavin sein musste, gehen die anderen sofort dazwischen. Sie nehmen ihr das Mikrofon aus der Hand und beginnen, eine unverfängliche Geschichte zu erzählen, ohne sie weiter zu beachten. Eine andere Frau möchte später ihre Geschichte niemandem mehr zumuten. Sie sei nicht sicher, ob die anderen sich davon wieder erholen könnten. Ihre Mitstreiter auf der Bühne reagieren darauf sehr anerkennend und nehmen ihr das Mikrofon gerne sofort wieder ab.

Nach und nach entdecken diejenigen, die gerade keine Geschichte erzählen können, die Accessoires am Rande der Bühne. Sie ziehen sich schillernde Kleider und Perücken an, spielen lautstark auf unterschiedlichen Musikinstrumenten, tanzen oder laufen mit nacktem Oberkörper und einer Monstermaske über dem Kopf um den Erzählenden herum. Schließlich gehen sie dazu über, dem Erzählenden dicke Äste in die Hand zu drücken, hinter denen er fast verschwindet, versuchen mit Requisiten wie einer lärmenden Windmaschine der Geschichte eine unerwartete Wendung zu geben und den Erzählenden so aus dem Konzept zu bringen, laufen mit auffälligen Verkleidungen um ihn herum, tanzen vor ihm oder schmieren ihm hässliche bunte Schminke ins Gesicht. In ihrem Streben nach Aufmerksamkeit und Ablenkung entstehen auf der Bühne viele archetypische Charaktere wie ein Gespenst, ein Krokodil, das ein bisschen etwas von einem bösen Wolf hat, ein Wald oder auch eine Art Prinzessin. Es ist so viel los auf der Bühne, dass eine Frau gar keine Geschichte mehr erzählen mag, sondern das Publikum nur flehentlich darum bittet, die Augen nicht von ihrem Tanz abzuwenden, ganz egal, was sonst noch auf der Bühne passiere.

Erhalten bleibt, dass die Erzählenden sofort unterbrochen werden, sobald ihre Geschichte eine ungute Wendung nimmt, von Tod, Gewalt, Zerstörung oder Politik handelt und absehbar ohne Happy-End bleiben muss. Die Geschichten werden banaler, handeln meist von Dingen, die angeblich anderen, meist irgendwelchen Freunden, passiert sein sollen. Immer wieder schlägt jemand den Erzählenden vor, sich vorzustellen, wie ihre Geschichte als Hollywood-Film präsentiert werden könnte und welche Hollywood-Schauspieler die Rollen darin übernehmen sollten.

Manchmal wagt sich einer, der im Laufe des Stückes verschiedene Monstermasken trägt oder mit einem Sack über dem Kopf und einem Strick in der Hand herum läuft, zu fragen, ob in die Geschichte nicht doch ein ‘killer’ eingebaut werden könnte. Immer wird der Wunsch abgeschmettert. Dennoch besteht er weiter darauf, dass in der Geschichte wenigstens ein kleines Verbrechen vorkommen müsse, wenn es darin schon keinen ‘killer’ geben dürfe. Der Verbrecher müsse auch nicht unbedingt zur Familie des Erzählenden gehören, er könne akzeptieren, dass der Verbrecher in einer anderen Straße wohne oder auch nur zu Besuch in der Stadt sei. Auch diese abgemilderten Wünsche werden ihm rigoros verwehrt. Eine Frau brüllt, sie könne nicht ertragen, dass jeder täte, was er wolle. Man habe sich schließlich darauf geeinigt, dass gewisse Themen nicht angeschnitten werden dürften. Immer wieder kommt es darüber zu Auseinandersetzungen und jeder besänftigt seine Kritiker auf seine Weise. Am Ende des Stücks wird Bilanz gezogen und alle auf der Bühne anwesenden gefragt, wie es ihnen geht. Die Gruppe toleriert allenfalls, dass der Befragte sagt, er fühle sich nicht direkt wohl, habe aber gute Hoffnung auf Besserung. So kann ein Mann ganz am Ende doch zufrieden behaupten, die Stimmung auf der Bühne ließe sich abschließend als melancholisch-optimistisch bezeichnen.

Forced Entertainment inszeniert The Coming Storm mit viel schwarzem Humor und tollem Klamauk. Für mich war es ein gelungener Abend.

Foto: ©Hugo Glendinning

Juicy Beats Festival

Das Juicy Beats Festival lockt jeden Sommer Top-Acts in das Ruhrgebiet. Im Dortmunder Westfalenpark bespielen Bands und DJs gleich mehrere Bühnen. Obwohl das Festival mittlerweile auch Künstler aus der ganzen Welt anzieht, sind auch immer einige aus der Region mit dabei. Neben toller Musik erwartet Besucher auf dem Festivalgelände neben leckerem Essen auch Spiel und Spaß.

Foto: ©H&H Photographics

Der Beitrag ist im Ausbildungsradio funkbude ausgestrahlt worden