Report: Notizen aus der Wirklichkeit

Jedes Jahr widmet sich das European Media Art Festival (emaf) in Film, Ausstellung, Workshop und Diskussion einem Thema an der Schnittstelle von Kunst und Gesellschaft. Beim emaf 18 ging es unter der Überschrift “Report – Notizen aus der Wirklichkeit” um die Beziehung zwischen Kunst und Journalismus.

Fester Bestandteil des emaf ist die Ausstellung in der Kunsthalle Osnabrück, die meist rund vier Wochen lang zu sehen ist. Im Zentrum der diesjährigen Ausstellung stand “Das Kongo Tribunal” Künstlers und Regisseurs Milo Rau in Film, Buch und Interview. Opfer und Täter des Bürgerkriegs im Kongo berichten vor einer Theater-Jury von ihren Erfahrungen. Kann ein Theaterstück dabei helfen, die Rolle der Bürgerkriegsparteien offen zu legen?

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Workshop Comic-Journalismus

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) hat im März einen Workshop zum Thema Comic-Journalismus in Bonn angeboten. Es gab zunächst eine theoretische Einführung und dann haben wir im praktischen Teil des Workshops selbst einen Comic erarbeitet. Inhaltliche Vorgabe war, dass unsere Comics etwas mit der Stadt Bonn zu tun haben sollten.

Gemeinsam mit dem Zeichner Daniel Herrmann habe ich das Arithmeum in Bonn besucht. Hier wird die Geschichte der Rechenmaschinen von den ersten mechanischen Geräten bis hin zum modernen Computer in einer Dauerausstellung gezeigt:

Wir hatten dort nicht von ungefähr eine Begegnung mit Lady Ada Lovelace, denn sie gilt als erste Programmiererin überhaupt.  Exemplarisch haben wir das Erlebnis in unserem Comic festgehalten:

Hier den ganzen Beitrag zum Comic-Journalismus auf der Webseite des Deutschen Comic-Vereins lesen

Der blaue Montag

Der Blaue Montag ist in Berlin eine Institution und das schon lange. Das ist ungewöhnlich in der schnelllebigen Stadt und allein schon deswegen etwas ganz Besonderes. Alle paar Wochen gibt es im Kabarett-Theater ‘Die Wühlmäuse’ eine neue Ausgabe des ‚lebenden Stadtmagazins‘, wie es auf der Internetseite des Blauen Montag heißt. Auch in Zahlen liest es sich eindrucksvoll: Es ist immerhin die 187. Ausgabe der Erfolgsshow aus bissiger Satire und anspruchsvoller Akrobatik, die hier besprochen wird.

Womöglich hängt es damit zusammen, dass schon der erste Versuch, sich über den ‚Blauen Montag‘ zu informieren, etwas durchaus Einschüchterndes hat: Überall findet sich Lob, Lob und immer nur Lob. Der ‚Niebelungen Kurier‘ etwa nennt Arnulf Rating, den Initiator und einzigen ganz konstanten Mitwirkenden des ‚Blauen Montag‘, einen „Standpfeiler des deutschen Kabarett“. Des Weiteren schmückt sich das Blatt in einem Artikel mit dem Hinweis, wie gerne Rating die Niebelungen-Stadt Worms besucht und dem dortigen Theater einen Besuch abstattet. Selbst der MDR widmet Rating und seiner, bemerkenswerter Weise auch erfolgreich in die Stadt Frankfurt/Oder transferierten, Erfolgsshow ein rund einstündiges Radio-Feature. Insgesamt findet sich auf Ratings Internetseite eine lange Liste an Pressestimmen, die sich allesamt sehr positiv äußern, sowie einige Interviews mit durchgängig beeindruckend formulierten satirischen Pointen. All das erscheint besonders bemerkenswert angesichts der Tatsache, dass Rating seine Programmansagen im Rahmen des ‚Blauen Montag‘ meist mit bissigen Kommentaren über die Zeitungspresse versieht.

Überhaupt nicht eingeschüchtert wirkt hingegen das Publikum, das bereits frühzeitig und zahlreich erschienen ist. Man scheint sich rechtzeitig die besten Plätze sichern zu wollen, um ja nichts zu verpassen. Viele winken sich zu und unterhalten sich unverkrampft –  alles wirkt sehr familiär. Da überrascht es nicht, dass der ‚Blaue Montag‘ nicht nur das richtige Format für ‚alte Hasen‘ wie Philipp Sonntag oder Timo Wopp ist, sondern auch für Künstler, die gerade die ersten Schritte im Showgeschäft wagen.

Der Puppenspieler Andreas Pfaffenberger ist Absolvent der Hochschule für Schauspielkunst ‘Ernst Busch’ und an diesem Tag zum ersten Mal beim ‚Blauen Montag‘ dabei. „Das bemerkenswerteste an Andreas ist, dass er im Grunde alles singen kann. Das ist wirklich etwas ganz Außergewöhnliches“, erklärt mir Hanno Siepmann, der ihn während der Show am Klavier begleitet. Im Mittelpunkt des Stücks steht ein buckliger, grauhaariger Mann mit erstaunlich ausdrucksstarken und lebendigen Augen: Eine Handpuppe, geführt von Andreas Pfaffenberger.  „Oft spreche ich wirklich nur mit der Puppe, so echt wirkt der alte Mann auf mich“, erklärt Siepmann mit einem Schmunzeln. Er ist nicht nur Pianist und Komponist, sondern auch Schauspieler und Clown. Hier ein paar Videobilder vom Warmup vor der Vorstellung:

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Cover Warmup Andreas Pfaffenberger und Hanno Siepmann bei "Der blaue Montag"

Tatsächlich gelingt es Andreas Pfaffenberger auf der Bühne, die Puppe so sehr in den Vordergrund  zu rücken, dass sie alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die sehr gut einstudierten Gesten lassen die Puppe von grotesk-eitel bis aufrichtig-gramgebeugt wirken, vor allen Dingen auch in Kombination mit Pfaffenbergers virtuosem Gesang. „Ich habe ein paar Semester in Salzburg Musik studiert“, erklärt Pfaffenberger, „davor habe ich während der Schulzeit in einem Chor gesungen. In Salzburg kennt fast jeder diese Arie, aber niemand würde auf die Idee kommen, mitzusingen“. Erstaunlicherweise legt Pfaffenberger seinem gramgebeugten alten Mann die Arie ‚O zittere nicht’ der Königin der Nacht aus Mozarts ‚Zauberflöte‘ in den Mund. Noch überraschender ist, dass der Gesang ‚aus dem Mund‘ der Puppe so authentisch klingt, dass ich das berühmte Stück erst einmal gar nicht erkenne. Aus Pfaffenbergers Sicht ist dieser Umgang mit der Arie naheliegend: „Wir nehmen die ‚Zauberflöte‘ und machen etwas ‚populäres‘ daraus. Das ist aus unserer Sicht legitim, weil es dem ursprünglichen Gedanken von Mozarts Oper entspricht’.

Rating, im schmierigen Nadelstreifen-Anzug und roten Lackschuhen, präsentiert an diesem Blauen Montag noch zahlreiche weitere Kuriositäten, meist vor einem politischen Hintergrund. Zu Hören ist von den ‚German Trombone Vibration’ als der mutmaßlich kleinsten Big Band der Welt und Produkt der extravaganten Spleens eines Superreichen. Platz im Programm des ‚Blauen Montag’ finden außerdem die Kommentare von Klaus Nothnagel, angepriesen als der ‚Florian Silbereisen des deutschen Kabaretts‘, zu Schnappschüssen von bekannten Orten in Berlin. Daniela Böhle begeistert das Publikum mit der Schilderung eines Besuchs bei bayerischen Verwandten, bei dem unverständliches gegessen und gesprochen wird. Darüber hinaus knüpft ein außerordentlich akrobatischer Radfahrer an die von Rating ironisch heraufbeschworene ‚lange Tradition der SPD als ‚Radfahrer-Partei‘ an (siehe Video weiter unten) und verweist bei tosendem Applaus nur bescheiden auf den ‚Berlin ist Beste‘-Schriftzug auf seinem T-Shirt. Auch die grazilen Darbietungen der Trapez-Künstlerin Jana Korb und die ganz besonders beeindruckende Medizin-Ball-Akrobatik von Tatjana Konoballs, die sich allenfalls in diesem Video angemessen darstellen lässt, bringen das Publikum zum Toben.

Abschließend muss ich sagen: Auch für mich war es ein sehr unterhaltsamer und unvergessener Abend. Das sage ich ganz uneingeschüchtert. Die Höhepunkte habe ich in folgendem Video zusammengestellt:

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Cover Video "Der blaue Montag" in den Wühlmäusen
Der 187. Blaue Montag: Viel bissige Satire und großartige Akrobatik

Computergeschichte

Frauen werden nicht unbedingt mit großen Entwicklungen der Computergeschichte in Verbindung gebracht. Aber die erste Programmiererin überhaupt war eine Frau! Ada Lovelace ist daher die Patin der Ausstellung ‘Am Anfang war Ada’ im Heinz Nixdorf MuseumsForum, die zeigt, dass Frauen bis heute sehr wohl einiges mit Rechenmaschinen und künstlicher Intelligenz am Hut haben.

Mehr über die Ausstellung, Ada Lovelace und ihre Nachfolgerinnen: portalkunstgeschichte.de

Charles Babbage (1791-1871) war Mathematiker, Philosoph, Erfinder und politischer Ökonom. Er gilt als Erfinder der ‚Analytical Engine‘, einem Vorläufer moderner Computer. Regelmäßig ließ er Gäste wie Ada Lovelace seine Erfindungen ausprobieren. Darunter war auch die mechanische Tänzerin ‚Silver Lady‘, die heute wieder auf Knopfdruck unter den ‚Ohs‘ und ‚Ahs‘ des Publikums im Heinz Nixdorf MuseumsForum tanzt.

Mit einem Klick auf das Bild lässt sich das Video bei Vimeo abrufen

Cover Video Silver Lady zur Computergeschichte

The Future of Visions

Jedes Jahr zeigt das European Media Art Festival (emaf) aktuelle Positionen der Medienkunst. 2016 ging es in der Ausstellung „The Future of Visions: Don’t Expect Anything!“ um Zukunftsvisionen. In der Kunsthalle Osnabrück waren riesige Film-Leinwände installiert, auf denen Animationsfilme oder das Porträt eines Astronauten, der nie ins All fliegen konnte, zu sehen waren. Keine rosarote Brille, sondern ein durchaus kritischer Blick in die Zukunft.

Die ausführliche Besprechung: portalkunstgeschichte.de

Foto: Larissa Sansour & Søren Lind: In The Future They Ate From The Finest Porcelain, Filmstill. ©Larissa Sansour & Søren Lind

Faszination für das Ungewöhnliche

In eine Wunderkammer gehören besondere Gegenstände. Wie zum Beispiel der Stoßzahn eines Narwales, der lange für ein Einhorn gehalten wurde. Oder auch Kunstwerke, Mineralien, ausgestopfte Tiere und der Pokal mit Kannibalen, den Alexander von Humboldt von einer Weltreise mitgebracht hat.

Erste Wunderkammern wurden im 14. Jahrhundert eingerichtet, überwiegend von Fürsten. Bis heute gelten Wunderkammern als Vorläufer moderner Museen. In Berlin bleibt die alte Tradition der Faszination für das Ungewöhnliche dauerhaft lebendig.

Der ganze Text: portalkunstgeschichte.de

Das Video zeigt Bilder der Ausstellung im Museum Folkwang:

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Cover Video Ausstellung "Gediegenes und Kurioses" im Museum Folkwang

Multimedia-Ausstellungen

Sowohl Artplay Media als auch das Google Cultural Institute haben Multimedia-Ausstellungen zu bekannten Gemälden entwickelt. Artplay Media animiert in Berlin Szenen aus Hieronymus Boschs berühmten Gemälden. Die Ausstellung Bosch. Visions Alive lässt die berühmten grotestk-fantastischen Bildwelten  lebendig werden und bringt sie dem Publikum zum Greifen nahe. Im Museum of Fine Arts in Brüssel werden in Zusammenarbeit mit dem Google Cultural Institute die Werke von Pieter Breugel d.Ä. in brillanten Farben sichtbar. Viele oft übersehene Details können hier extrem vergrößert und in beeindruckender Qualität studiert werden.

Ausführliche Besprechung bei portalkunstgeschichte.de

Trilogie meiner Familie

Gervaise hat Glück. In Trilogie meiner Familie hat sie endlich einen freundlichen und meistens sogar lustigen Mann gefunden, der sie trotz ihrer Kinder heiratet und sogar seinen Lohn nach Hause bringt, statt ihn zu vertrinken. Die Erleichterung ist in der ganzen Familie groß. Während dessen setzt sich Doktor Pascal über die Mahnungen seiner streng gläubigen Haushälterin hinweg und beginnt eine Liebesbeziehung mit seiner Ziehtochter. Bereits seit vielen Jahren ist er dabei, die Geschichte seiner Familie auf Grundlage der Vererbungslehre zu analysieren. Schon lange fürchten viele in der Familie, dass er ‚Schandflecken’ ans Licht zerren könnte und sorgen sich um ihre Existenz. Doch als Doktor Pascal feststellen muss, dass seine selbst zusammengestellte Medizin ihn nicht heilen können wird, flüchtet er sich unvermittelt in die Liebe zu seiner Ziehtochter. Ungefähr zur selben Zeit hat Gervaise sich gerade Geld von einem Bekannten geliehen, um eine eigene Wäscherei zu eröffnen. Sie ist noch einmal Mutter geworden und ihr Mann hatte gerade einen schweren Arbeitsunfall. Sein Einkommen fehlt und die Familie muss hungern. Der Bekannte hilft ihr nach der Eröffnung in der Wäscherei. Sie werden immer ausgelassener und schließlich gesteht er Gervaise seine Liebe und bittet sie, mit ihm fortzugehen. Erschrocken lehnt Gervaise aus Rücksicht auf ihre Familie ab.

Regisseur Luk Perceval entwickelt Liebe. Trilogie meiner Familie 1 auf Grundlage des zwanzigbändigen Romanzyklus über die Familie Rougon-Macquart, genauso wie die anderen beiden Teile Geld und Hunger. Autor der Romane ist der französische Schriftsteller und Journalist Emile Zola. Der Romanzyklus gilt als eines der wichtigsten Werke des Naturalismus. Zola beschreibt hier ausgewogen und ohne zu beschönigen die schwierigen Lebensumstände im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Er porträtiert arme Menschen wie die Bergarbeiter in Germinal genauso wie das Leben einer Edel-Prostituieten in Nana oder die Lebensustände einer Verkäuferin im luxuriösen Pariser Kaufhaus Paradies der Damen sowie die eines Gelehrten in Doktor Pascal. Luk Percval greift sich bei der Inszenierung der Trilogie einzelne Themen der bekannten Romane heraus, wirbelt sie durcheinander und stellt sie in einen neuen Zusammenhang zueinander. Passagen, die an den Roman Doktor Pascal erinnern, stehen auf einmal neben Szenen, die dem Roman Der Totschläger entnommen zu sein scheinen. In allen drei Teilen deckt sich die dargestellte Handlung auf der Bühne niemals vollständig mit der Romanvorlage, sondern nimmt ihre ganz eigene Wendung. Sowohl in Liebe, Geld als auch Hunger greifen dabei unterschiedliche Handlungsstränge ineinander, die sich gegenseitig unterbrechen oder erhellen und sich insgesamt in virtuoser Weise ergänzen.

Handlungsstränge greifen ineinander und erhellen sich 

Geld widmet sich vor allen Dingen den schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen wie der Schauspielerin Nana oder der Verkäuferin Denise. Die Familienbande sind zerrissen und damit verschwinden auch Wärme und Feundschaft aus dem Leben der Menschen. Insbesondere für Frauen gibt es keine geregelten Arbeitsverhältnisse und damit scheint auch die Liebe ihre romantische Seite zu verlieren. Sie entpuppt sich vorwiegend als Machtinstrument und bleibt oft sogar einzige Trumpfkarte in einem brutalen Überlebenskampf. In Hunger schreitet die Anonymisierung fort und die Menschen werden zu einem kleinen Zahnrad in der riesigen Maschinerie eines Bergwerks. Wie in Germinal und auch bei Charles Dickens oder Gerhart Hauptmann beschrieben, liefert die Industrialisierung den Arbeitern zunächst keinen Wohlstand. Eine Familie zu gründen können sich die meisten Arbeiter nicht mehr leisten, viele sind krank und es fehlt insgesamt am Nötigsten. Erst nach einem erfolgreichen Aufstand wird ein friedliches Zusammenleben möglich.

Während der gesamten Trilogie bleibt immer deutlich, dass die dargestellten Handlungen subjektiv gefärbt sind. Oft kommentieren und ergänzen Darsteller auf der Bühne ein Geschehen, an dem sie selbst nicht beteiligt sind. So sieht der Zuschauer nicht nur mit den eigenen, sondern auch mit den Augen des Kommentierenden. Außerdem werden die Stücke von Live-Musik begleitet, die für die Handlung auf der Bühne weitere Akzente setzt und damit die impressionistischen Note der Stücke unterstreicht. Dieser Charakter findet sich auch in Emile Zolas Romanen. Folgende Passage über das impressionistische Spiel von Licht und Schatten etwa, das nur einen Augenblick lang aus einer bestimmten Perspektive zu beobachten ist, findet sich in dem Roman Paradies der Damen:

Die Sonne war soeben hinter den Bäumen des Gartens verschwunden, der Tag ging zur Neige, leichte Schatten bereiteten sich allmählich über das weite Gemach. Es war die zarte Stunde der Abenddämmerung, jener Augenblick besinnlicher Entspannung zwischen dem Erlöschen des Tageslichts und dem Anzünden der Lampen. Die Gestalten der Herren de Boves und Vallagnosc, die immer noch am Fenster standen, warfen große Schatten auf den Teppich, während im letzten Tagesschimmer des anderen Fensters der vor einigen Minuten bescheiden eingetretene Herr Marty mit seinem blassen Professorengesicht und dem abgetragenen Oberrock sichtlich verlegen dem Modegespräch der Damen lauschte (Aus: Emile Zola: Das Paradies der Damen. Deutsch von H. Rosé und Margarete Montgelas)

Im Rahmen der Ruhrtriennale ist Liebe+Geld+Hunger. Trilogie meiner Familie an einem Tag zu sehen gewesen. Neun Stunden Theater am Stück sind zwar eine lange Zeit, aber es lohnt sich wirklich. Denn gerade so wird sichtbar, dass Figuren wie Nana über mehrere Teile hinweg eine Rolle spielen. Außerdem unterstreicht diese Art des Zuschauens den chronologischen Charakter des Werks.

Hier geht es zum Trailer bei YouTube

Über das Leben in Städten

Ein Schwerpunkt der letzten Ausgabe des internationalen literaturfestival berlin war die Reihe ‚Visions 2030’, die sich mit dem Leben in Städten auf allen fünf Kontinenten, heute und in Zukunft, beschäftigt hat. Omar Akbar war Diskussionsleiter der Reihe und beschreibt, warum dieses Thema so wichtig ist:

Omar Akbar: „In der Stadt sammeln sich Ethnien, Kulturen, Innovationen, Forschung und Wissenschaft, dies strömt eine besondere Attraktivität aus. Somit ist die Migration ein altes Thema in den Städten, sie verspricht den Migranten Hoffnung die Möglichkeiten zu nutzen, auch die Ärmsten der Armen erhalten eine Chance und könnten es schaffen.

Die Urbanisierungsprozesse und auch das Wachstum der Städte wird seit Jahrzehnten beobachtet. Es ist eine unaufhaltsame Entwicklung mit der Folge, dass die dörflichen Strukturen weltweit aufgegeben oder industriell transformiert werden. Ägypten ist ein interessantes Beispiel dafür.

Generell ist der Wandel ein Wesenszug der Stadt. Sie kann wachsen, stagnieren oder schrumpfen. Ehemals strategisch wichtige Orte wie etwa die Handelswege können ihre Funktionen ändern – Die Geschichte ist voll von solchen Veränderungen. Auch aktuell können wir so etwas in Deutschland beobachten: die Städte in Ostdeutschland und im Ruhrgebiet schrumpfen. Das ist darauf zurückzuführen, dass die Bevölkerungszahl sich reduziert und damit ganz natürliche Veränderungen nach sich zieht. Folglich haben wir mehr bebaute Flächen und weniger Menschen.

Zugleich ist festzustellen, dass wir die Völkerwanderung falsch eingeschätzt haben. Sie existiert weltweit und zur Zeit sind es etwa 6 Millionen, die ihre Orte verlassen. Allein im Libanon mit einer Einwohnerzahl von etwa 4 Millionen leben zur Zeit 1 Million syrische Flüchtlinge. Die Völkerwanderung wird weiterhin erheblich wachsen – auch nach Europa.“

Manchmal hat man den Eindruck, das wichtigste Thema in Bezug auf die Stadtentwicklung in Deutschlandist das Sterben der kleinen Geschäfte in den Innenstädten und die Leere, die dort dann offenbar zurück bleibt. Oft wird ja der Online-Handel dafür verantwortlich gemacht. Woanders ist das aber kein Thema?

Omar Akbar: “Es ist richtig, Einkaufszentren nehmen massiv zu und die Bedeutung des Einzelhandels wird rudimentärer. Trotzdem haben die großen Marken sich ihre individuellen Standorte geschaffen. Zugleich glaube ich nicht daran, dass der Online-Handel das städtische Leben verändern wird. Er ist eine Ergänzung. Der Markt ist viel zu flexibel und beachtet genauestens die Bedürfnisse. Auch die individuelle Kommunikation spielt eine bedeutende Rolle. Häufig bevorzugen Kunden eine professionelle Beratung, möchten die Qualität der Waren fühlen, oder auch die typischen Gerüche wahrnehmen. Im Kontext der Globalisierung sind neue Angebote hinzugekommen. Auf dem Markt in Florenz beschrieb ein Betreiber die Veränderung der Gerüche. Es riecht nicht mehr florentinisch nach Käse, Gemüse etc., sondern auch nach Sushi und Döner.”

Wie sehen Sie das Bewusstsein der Menschen hinsichtlich der Mentalitäten oder des Verhaltens in der Öffentlichkeit?

Omar Akbar: „In der Öffentlichkeit verhält man sich in Deutschland zurückhaltend, wenn es um Körperkontakte geht, insbesondere unter Männern. Im mediterranen Raum ist dieses viel unverkrampfter, die Emotionalität wird anders ausgedrückt.

Ebenso sehe ich in Bezug auf die Esskultur gravierende Unterschiede: überall findet man regionale Unterschiede und Geschmacksrichtungen. Darüber hinaus möchte ich weitere Besonderheiten aufzählen: Lebt man beispielsweise in Algier ist es ist im Prinzip unmöglich, sich von der eigenen Familie zu emanzipieren, wobei es Frauen dabei besonders schwer haben. Abends in den Cafés und Restaurants sitzen im wesentlichen die Männer, ein allgemein bekanntes Phänomen im Orient. Andererseits können Frauen in Bogotá de facto keine Busse benutzen, da die Vergewaltigungsraten extrem hoch sind. Die Realitäten verändern sich natürlich stetig. Als ich Ende der 80er Jahren in Ägypten lebte, war es dort sogar nach Angaben der Deutschen Botschaft sicherer, als Berlin. Man konnte in Kairo seine Einkaufstüten auf dem Auto stehen lassen, ohne dass etwas abhanden kam.”

Woran liegt es denn, dass die politische Lage sich in dieser Gegend so zugespitzt hat?

Omar Akbar: „Viele Probleme sind unter anderem ein Ergebnis der nachkolonialen Phase und dem Zerfall der Sowjetunion. Zugleich befreite sich der Islam von Bevormundung durch staatliche Organisationen. Nach dem Fall vom Schah im Iran begann die gänzliche Islamisierung der Gesellschaft, ein Vorbild für andere islamische Länder in der Region. Dass dieser Schritt über die Region hinaus gehen würde, wusste man zu dieser Zeit nicht. Die aktuelle Islamisierung hat bedingt mit dem Einmarsch des Westens im Nahen-Osten etwas zu tun. Es ist im Wesen bestimmter Islambewegungen verhaftet.“

Zum Abschluß: Wie sehen sie die Situation in Deutschland?

Omar Akbar: „Ich persönlich stelle fest, dass wir in Deutschland alle Freiheiten haben, um uns entfalten zu können. Jene, die hier alles problematisch finden, sollten in ihren Herkunftsländern beispielsweise einmal zum Arzt oder ins Krankenhaus gehen. Da erfährt man, welche Rolle Macht und Geld spielen können.

Die Errungenschaften dieses Landes muss man schätzen lernen und verinnerlichen. Nur mit dem Konsum westlicher Güter kann die eigene Entwicklung nicht voranschreiten.“

AutorInnen:

Kevin Barry, Irland: ‘Die dunkle Stadt Bohane’, Roman ir.gif / Mircea Cărtărescu, Rumänien: ‘Die Wissenden’ir.gif, Roman / Maria Sonia Cristoff, Argentinien: ‘Unter Einfluss’, Roman / Roddy Doyle, Irland: ‘Henry, der Held’, Roman / Sónia Gomes, Angola / Helon Habila, Nigeria / USA: ‘Öl auf Wasser’, Roman / Rawi Hage, Libanon / Kanada: ‘Kakerlake’, Roman / Perihan Maǧden, Türkei:  ‘Zwei Mädchen: Istanbul-Story’, Roman /  Suketu Mehta, Indien / USA: ‘Bombay: Maximum City’, Roman / Laura Restrepo, Kolumbien/E: ‘Land der Geister’, Roman /  Boualem Sansal, Algerien:  ‘2084: Das Ende der Welt’, Roman

WissenschaftlerInnen:

Zeynep Aygen (Türkei), Sonja Beeck (D), Angelika Fitz (A), Adam Greenfield (USA), Martina Löw (D), Hildegard Matthias (D), Philipp Misselwitz (D), Stephan Rammler (D), Helmut Rechenberger (A), Stefan Schaurig (D), Jasmin Wiebke (D)

Real Magic

In dem Stück Real Magic von der Experimentaltheatergruppe Forced Entertainment ist es ein bisschen wie im Zirkus oder in einer Fernseh-Quiz-Show zur besten Sendezeit: Ein Kandidat hat die Aufgabe, ‚nur’ ein einziges Wort zu erraten. Nicht irgendein Wort, sondern genau das Wort, das ein anderer sich gedanklich vorstellt und auf einem Pappschild geschrieben vor sich hochhält. Natürlich sind dem Rate-Kandidaten die Augen verbunden, so dass er das Wort auf der Pappe nicht lesen kann. Er muss ‚nur‘, wie der Spielleiter aufmunternd versichert, das eine Wort erraten, das aus Millionen von Wörtern ausgesucht worden und laut und deutlich auf der Pappe zu lesen ist. Der Kandidat windet sich in Unterwäsche und mit verbundenen Augen auf seinem Stuhl und rät. Leider ist die Antwort falsch, auch zwei weitere Versuche scheitern.

Rate-Show mit Pappschildern in Unterwäsche

Mit dem Versagen wird immer sehr konstruktiv umgegangen. Es gibt keine Vorwürfe oder gar Beschimpfungen, statt dessen Bedauern und jede Menge Ermunterung: Dieses Mal hat der Kandidat es noch nicht geschafft, aber beim nächsten Versuch wird es bestimmt klappen. Alle drei Darsteller auf der Bühne werden nacheinander zum Spielleiter, Kandidaten oder gedanklichen Träger des zu erratenden Wortes, der selbstverständlich immer auch Halter des Pappschildes ist. Wie um die falschen Gedanken zu vertreiben und die richtigen heraufzubeschwören, wechseln Richard, Claire und Jerry immer wieder die äußere Erscheinung und treten mal in Unterwäsche, als haariger gelber Vogel mit und ohne Kopf oder in einem viel zu weiten Anzug und dunkler Langhaar-Perücke mit Pony an. Wieder und wieder versuchen die drei sich im Gedanken-Raten und der jeweilige Spielleiter gibt den geduldigen Animateur, während der Träger des Pappschildes sich zwar meist um eine möglichst ansprechende und kreative Zurschaustellung der Pappe bemüht, aber sonst eher gelangweilt um sich blickt. Oft muss er selbst nachsehen, was eigentlich auf dem Schild steht.

Tanz, Striptease und ein zotteliger gelber Vogel

Erstaunlicherweise wird auch mit der Zeit das Gedankenraten nicht leichter. Immer durchdringender wird vor allen Dingen das künstliche Gelächter aus den Lautsprechern, auch weil das tatsächliche Lachen des Publikums immer lauter wird und das konservierte Gelächter vom Band verstärkt. Während dessen präsentieren die drei auf der Bühne zwischen den Rate-Runden kleine Tanzeinlagen, Striptease, kreative Bekleidungsideen oder demonstrieren anschaulich und eifrig, dass sich einem zotteligen Vogel mit riesigem Schnabel nicht mehr effektiv die Augen verbinden lassen.

Telepathie und absurdes Theater

Doch die Konstellation nimmt mehr und mehr absurde Züge an und erinnert zunehmend an Warten auf Godot: Wenn es nur käme, das richtige Ergebnis, dann müsste das Warten ein Ende haben und dann käme er wohl endlich, der mühsam verdiente Erfolg. Doch die Kandidaten tun sich nach wie vor schwer, sich von lieb gewonnenen Antworten zu trennen oder sich auch nur das Wort auf der Pappe zu merken, das sie ja eigentlich vor allen Dingen in Gedanken bei sich tragen sollten. All das gelingt ihnen nicht, obwohl sie doch eigentlich ‚nur‘ das richtige Wort unter Millionen anderer heraussuchen müssten, um die richtige Antwort zu geben und das Spiel zu beenden. Absurd?

Die Experimentaltheatergruppe Forced Entertainment hat sich im Jahr 1984 gegründet und ist seit zehn Jahren Koproduktionspartner von PACT Zollverein, Choreografisches Zentrum NRW. Erst kürzlich ist Forced Entertainment mit dem renommierten Henrik-Ibsen-Theaterpreis ausgezeichnet worden. In ihren Stücken bieten sie zuverlässig eine innovative Mischung aus Slapstick, Satire, anspruchsvollem Theater sowie Formaten der Massenmedien und verlieren den schwarzen Humor auch bei ernsten Themen nie ganz. Real Magic knüpft im besten Sinne an diese Serie an.

Foto: ©Hugo Glendinning