Workshop Comic-Journalismus

Comic-Journalismus: Ausschnitt aus dem Comic "Lady Ada Lovelace im Arithmeum in Bonn"

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) hat im März einen Workshop zum Thema Comic-Journalismus in Bonn angeboten. Es gab zunächst eine theoretische Einführung und dann haben wir im praktischen Teil des Workshops selbst einen Comic erarbeitet. Inhaltliche Vorgabe war, dass unsere Comics etwas mit der Stadt Bonn zu tun haben sollten. 

Gemeinsam mit dem Zeichner Daniel Herrmann habe ich das Arithmeum in Bonn besucht. Hier wird die Geschichte der Rechenmaschinen von den ersten mechanischen Geräten bis hin zum modernen Computer in einer Dauerausstellung gezeigt:

Wir hatten dort nicht von ungefähr eine Begegnung mit Lady Ada Lovelace, denn sie gilt als erste Programmiererin überhaupt.  Exemplarisch haben wir das Erlebnis in unserem Comic festgehalten:

Hier den ganzen Comic auf der Webseite des Deutschen Comic-Vereins lesen 

“Wunder” von Rachel J. Palacio in Buch und Film

Buchcover "Wunder" von Rachel J. Palacio

August Pullman sieht anders aus, als andere Kinder. Durch einen Gendefekt ist sein Gesicht von Geburt an deformiert. Durch mehrere Operationen konnten die Ärzte immerhin erreichen, dass er sein Essen kauen und auch hinunter schlucken kann. Damit kann August, genannt Auggie, am ‘normalen’ Leben teilnehmen und wie jedes andere Kind zur Schule gehen – auch wenn sein Gesicht nach wie vor ein auffallendes Aussehen hat.

Rachel J. Palacio beschreibt in ihrem Buch Wunder den Moment, an dem Auggie sein bisher geschütztes Umfeld verlässt und eingeschult wird. Das ist nicht nur für August, sondern auch für seine Eltern ein Angst einflößender Moment. Denn obwohl seine Eltern bisher alles getan haben, um ihn zu schützen, weiß August sehr genau um sein besonderes Aussehen. Bereits seit Monaten trägt er ständig einen Austronautenhelm, der sein Gesicht vollständig verbirgt – sogar im Hochsommer. In der Grundschule muss er nun nicht nur auf den Schutz des Helmes verzichten, sondern sich auch noch den Reaktionen der vielen bisher unbekannten Kinder stellen.

Natürlich verläuft nicht alles reibungslos, obwohl sich Schulleiter und Lehrer alle Mühe geben, August zu unterstützen. Rachel J. Palacio beschreibt in ihrem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreisausgezeichnetem Buch ausführlich und detailreich, wie und an welchen Stellen Ausgrenzung funktioniert. Dabei wechselt die Erzählperspektive im Buch zwischen August, seiner Schwester und deren Freunden. Klar wird dadurch, welche Motivation andere für ihr manchmal missverständliches oder verletzendes Verhalten haben. Außerdem wird der Moment deutlich gekennzeichnet, an dem ihnen die Ausgrenzungsversuche mancher Mitschüler als falsch erscheinen und sie beginnen, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Dass das Buch am Ende mit einem klassischen und auch reichlich kitschigen Happy-End aufwartet, stört dabei letztlich nicht.

Rachel J. Palacio beschreibt hier nichts Geringeres als den zeitweise recht steinigen Weg der Inklusion. Dabei liefert sie im Grunde genommen eine ganz grundsätzliche Analyse der Umstände, die Ausgrenzung, Diskriminierung und sogar Extremismus entstehen lassen können. Das gelingt ihr sogar in einer Sprache, die schon Jugendliche verstehen können. Auch für Erwachsene ist der Wechsel in die Perspektive der Kinder und Jugendlichen sicherlich hilfreich, zumal sich hier viele Strukturen erkennen lassen, die auch in der Welt der Erwachsenen zu Problemen führen. Dabei lässt sich andeutungsweise erkennen – Augusts Schule ist nach einem Mann benannt, der sich für Frauenrechte und gegen die Sklaverei eingesetzt hat – dass es in diesem Buch um die notwendige Toleranz allen Menschen gegenüber geht. Da scheint es auch nur folgerichtig, dass Wunder kürzlich auch als Film in die Kinos gekommen ist:

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https://youtu.be/CTUSWiG8Hfk

Julia Roberts, Jacob Tremblay, Mandy Patinkin und Owen Wilson spielen hier die Hauptrollen. Der Film Wunder ist eine wirklich gelungene Ergänzung zum Buch, ersetzt die Lektüre aber keinesfalls. Gerade im Film wirken Julia Roberts und Owen Wilson in der Rolle der Eltern zwar sehr bodenständig und fürsorglich, sind dabei manchmal aber ein bisschen zu perfekt geraten. Das Buch hält mehr Wendungen und Schattierungen der Geschichte bereit. Dennoch ist Wunder ein gelungener Film für die ganze Familie, mit dem sicherlich auch Kinder im Grundschulalter schon etwas anfangen können. Wie gesagt: Vergnügen garantiert durch Happy-End und einen Triumph des ‘Guten’ über das ‘Schlechte’. Kein Wunder also, dass der Film laut Wikipedia bereits zum Filmstart die Kinocharts anführt.

“Das Leben fällt, wohin es will” von Petra Hülsmann

Buchcover "Das Leben fällt, wohin es will" von Petra Hülsmann

In Das Leben fällt, wohin es will von Petra Hülsmann gefällt Marie ihr Leben eigentlich ganz gut. Sie wohnt mit ihrer besten Freundin in einer WG, jobbt in einem Café auf dem Hamburger Kiez und feiert die meisten Nächte mit ihren Freunden durch. Nur manchmal verlangt ihr Vater, Inhaber einer kleinen Werft im Familienbesitz, dass sie ihre Familie bei der Arbeit unterstützt.

Party und Skandal-Auftritte

Marie hat kein besonders gutes Verhältnis zu ihrem Vater und absolviert diese Pflichttermine nur widerwillig. Ihre Auftritte als Skandal-Tochter in schrägen Klamotten und mit wilden Knutschereien bei Betriebsfeiern sind bereits legendär. Dem entsprechend gering ist die Begeisterung, als Marie plötzlich die Leitung der Werft übernehmen soll.

Plötzlich Chefin

Auch Maries Entsetzen ist groß, als ihre Schwester Christine, die die Werft bis dahin geleitet hat, ihr mitteilt, dass sie an Krebs erkrankt ist. Doch Marie willigt sofort ein, als ihre Schwester sie bittet, bei ihr einzuziehen, sich um ihre Kinder zu kümmern und ihren Job zu übernehmen. Marie muss von einem Tag auf den anderen Christines Haushalt schmeißen und den ganzen Tag die frostige Atmosphäre bei der Arbeit ertragen:

“Am Montagmorgen begrüßte Frau Brohmkamp mich mal wieder mit langem Gesicht und konnte sich scheinbar nicht dazu aufraffen, mich anzulächeln. Dabei hatte ich ganz besonders freundlich “Moin, Frau Brohmkamp” gesagt. In dem Moment fiel mir die Teambuildung-Maßnahme wieder ein, und ich beschloss, diese Idee umzusetzen. Und zwar schnell”

Aus ihrem BWL-Studium weiß Marie, dass Teambuildung-Maßnahmen wie Paintball-Turniere unter den Kollegen den Zusammenhalt stärken. Zum großen Erstaunen der anfangs skeptischen Belegschaft funktioniert das tatsächlich sehr gut. Außerdem überrascht Marie ihre neuen Kollegen als Verfechterin der traditionellen hanseatischen Kaufmannsehre und indem sie engagiert darauf besteht, langjährige Kunden persönlich zu betreuen. Schließlich gelingt es ihr sogar, den Geschäftsführer Daniel zu beeindrucken, der oft so skeptisch guckt und ihr schon ein paar Mal deutlich die Meinung gesagt hat. Seine traumhaft blauen Augen lassen sie schließlich ihre Angst um Christine ein wenig vergessen…

Ein Buch, das Mut macht

Auch wenn Petra Hülsmann in Das Leben fällt wohin es willkein heile Welt beschreibt, ist es ein sehr unterhaltsames Buch, das Mut macht. Ohne zu beschönigen und mit viel sympathischem Humor beschreibt sie wie Marie, die früher leidenschaftliche Seglerin war und Geschäftsführerin der Werft werden wollte, ihr Trauma überwindet und schließlich da ankommt, wo sie sich wohl fühlt.

“Real Magic” von Forced Entertainment

Szene aus "Real Magic" von Forced Entertainment

In dem Stück “Real Magic” von der Experimentaltheatergruppe Forced Entertainment ist es ein bisschen wie im Zirkus oder in einer Fernseh-Quiz-Show zur besten Sendezeit: Ein Kandidat hat die Aufgabe, ‚nur’ ein einziges Wort zu erraten. Nicht irgendein Wort, sondern genau das Wort, das ein anderer sich gedanklich vorstellt und auf einem Pappschild geschrieben vor sich hochhält. Natürlich sind dem Rate-Kandidaten die Augen verbunden, so dass er das Wort auf der Pappe nicht lesen kann. Er muss ‚nur‘, wie der Spielleiter aufmunternd versichert, das eine Wort erraten, das aus Millionen von Wörtern ausgesucht worden und laut und deutlich auf der Pappe zu lesen ist. Der Kandidat windet sich in Unterwäsche und mit verbundenen Augen auf seinem Stuhl und rät. Leider ist die Antwort falsch, auch zwei weitere Versuche scheitern.

Mit dem Versagen wird immer sehr konstruktiv umgegangen. Es gibt keine Vorwürfe oder gar Beschimpfungen, statt dessen Bedauern und jede Menge Ermunterung: Dieses Mal hat der Kandidat es noch nicht geschafft, aber beim nächsten Versuch wird es bestimmt klappen. Alle drei Darsteller auf der Bühne werden nacheinander zum Spielleiter, Kandidaten oder gedanklichen Träger des zu erratenden Wortes, der selbstverständlich immer auch Halter des Pappschildes ist. Wie um die falschen Gedanken zu vertreiben und die richtigen heraufzubeschwören, wechseln Richard, Claire und Jerry immer wieder die äußere Erscheinung und treten mal in Unterwäsche, als haariger gelber Vogel mit und ohne Kopf oder in einem viel zu weiten Anzug und dunkler Langhaar-Perücke mit Pony an. Wieder und wieder versuchen die drei sich im Gedanken-Raten und der jeweilige Spielleiter gibt den geduldigen Animateur, während der Träger des Pappschildes sich zwar meist um eine möglichst ansprechende und kreative Zurschaustellung der Pappe bemüht, aber sonst eher gelangweilt um sich blickt. Oft muss er selbst nachsehen, was eigentlich auf dem Schild steht.

Erstaunlicherweise wird auch mit der Zeit das Gedankenraten nicht leichter. Immer durchdringender wird vor allen Dingen das künstliche Gelächter aus den Lautsprechern, auch weil das tatsächliche Lachen des Publikums immer lauter wird und das konservierte Gelächter vom Band verstärkt. Während dessen präsentieren die drei auf der Bühne zwischen den Rate-Runden kleine Tanzeinlagen, Striptease, kreative Bekleidungsideen oder demonstrieren anschaulich und eifrig, dass sich einem zotteligen Vogel mit riesigem Schnabel nicht mehr effektiv die Augen verbinden lassen.

Doch die Konstellation nimmt mehr und mehr absurde Züge an und erinnert zunehmend an ‚Warten auf Godot’: Wenn es nur käme, das richtige Ergebnis, dann müsste das Warten ein Ende haben und dann käme er wohl endlich, der mühsam verdiente Erfolg. Doch die Kandidaten tun sich nach wie vor schwer, sich von lieb gewonnenen Antworten zu trennen oder sich auch nur das Wort auf der Pappe zu merken, das sie ja eigentlich vor allen Dingen in Gedanken bei sich tragen sollten. All das gelingt ihnen nicht, obwohl sie doch eigentlich ‚nur‘ das richtige Wort unter Millionen anderer heraussuchen müssten, um die richtige Antwort zu geben und das Spiel zu beenden. Absurd?

Die Experimentaltheatergruppe Forced Entertainment hat sich im Jahr 1984 gegründet und ist seit zehn Jahren Koproduktionspartner von PACT Zollverein, Choreografisches Zentrum NRW. Erst kürzlich ist Forced Entertainment mit dem renommierten Henrik-Ibsen-Theaterpreis ausgezeichnet worden. In ihren Stücken bieten sie zuverlässig eine innovative Mischung aus Slapstick, Satire, anspruchsvollem Theater sowie Formaten der Massenmedien und verlieren den schwarzen Humor auch bei ernsten Themen nie ganz. “Real Magic” knüpft im besten Sinne an diese Serie an.

Foto: ©Hugo Glendinning

Hundeskulpturen von Poren Huang

Hundeskulptur von Poren Huang

Hundeskulptur "I'm not happy" von Poren HuangSie sind überwiegend aus schwarz-glänzendem Material, die Hundeskulpturen des auf der Insel Taiwan lebenden und arbeitenden Künstlers Poren Huang. Damit bilden sie ihr Vorbild in entscheidender Hinsicht realitätsgetreu nach: den Taiwanhund, der besonders oft über ein schwarzes Fell verfügt. In Taiwan ist der Hund seit Jahrhunderten ein treuer Begleiter der Menschen. Poren Huang porträtiert in seinen Skulpturen auf sehr humorvolle Weise typische Verhaltensweisen von Hund und Mensch, die durch die reduzierte Darstellungsweise viel Ähnlichkeit mit Comic- oder Spielzeugfiguren aufweisen.

Hundeskulpturen von Poren HuangHunde haben in Asien generell eine besondere Bedeutung. Der Hund ist beispielsweise ein Tier des traditionellen chinesischen Kalenders, dem mit dem Attribut ‚treu’ eine eindeutig positive Eigenschaft zugewiesen wird. Dem unerschütterlich treuen Hund Hachikō, einem japanischen ‚Akita‘, ist sogar in Form des gleichnamigen Films mit Richard Gere in der Hauptrolle ein Denkmal gesetzt worden. Hachikō weist genauso wie der Taiwanhund mit dem dreieckigen Kopf und der sichelförmigen Rute viel Ähnlichkeit mit dem Urtyp auf und ähnelt insofern auch sehr den Hundeskulpturen, die Poren Huang herstellt. Während es sich bei japanischen ‚Akita‘ um eine sehr alte Rasse handelt, ist der Taiwanhund erst im Jahr 2015 offiziell als eigenständige Rasse anerkannt worden. Als Jagdhund war er Jahrhunderte lang ein treuer Begleiter der Menschen auf der Insel Taiwan, die bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts noch vorwiegend landwirtschaftlich geprägt war. Nutztiere, die den Menschen bei der Bewältigung des Alltags behilflich waren wie etwa auch Rinder sind in Asien von je her ein beliebtes künstlerisches Motiv, erklärt Art Manager Oscar Chan im Interview (das ganze Interview befindet sich in Video-Form am Ende des Artikels).

Hundeskulptur von Poren HuangGenerell war Kunst in China von je her an Alltägliches und den Begriff ‚yi‘ gebunden. Er bezeichnet ‚Kunstfertigkeit, Geschicklichkeit, Tüchtigkeit und Handwerk‘ und lässt sich etymologisch von dem Begriff für die Bearbeitung und Bepflanzung eines Feldes und der erfolgreichen Kultivierung herleiten. Bereits Konfuzius diente die Kunst zur ‚Ergötzung‘ und hatte eine wichtige ethische Funktion, wie Helmut Brinker, Professor für die Kunstgeschichte Ostasiens an der Universität Zürich, erklärt:

„Sie ist gleichsam das Instrument zur Vervollkommnung des eigenen Charakters und trägt insofern zur Festigung der Kardinaltugenden bei, zur Realisierung des humanistischen Ideals“

Hundeskulptur von Poren HuangLange Zeit fanden Plastiken in China wenig Beachtung, Kunst war vor allen Dingen an das Malen und Schreiben gebunden. Plastiken wurden lange Zeit ausschließlich als Grabbeigaben verwendet und waren damit für Sammler und die Öffentlichkeit uninteressant. Als beachtenswert galten allerdings gemäß Helmut Brinker die Bronzeplastiken aus vorchristlicher Frühzeit, da sie als „Träger authentischer Werte und ethischer Vorstellungen berühmter ehemaliger Besitzer“ verstanden wurden.

So humorvoll und unbeschwert die Skulpturen aus Bronze von Poren Huang überwiegend wirken, meist portraitieren sie nicht nur typische Verhaltensweisen des Hundes, sondern auch des Menschen. Die Familie des Künstlers züchtet den Taiwanhund bereits seit vielen Jahren. Er beschreibt das besondere Verhältnis von Mensch und Hund folgendermaßen: 

„Seit Beginn der Zivilisation, haben Mensch und Hund ein sehr enges Verhältnis zueinander. Um mit den Menschen möglichst reibungslos zusammen leben zu können, sind Hunde lange Zeit dazu erzogen worden, sich den Menschen anzupassen. Hunde haben viele großartige Eigenschaften, aber die Menschen lernen selten von ihrem treuesten Begleiter”

Hundeskulptur von Poren HuangDie glänzenden Hunde sind zwar idealisiert, aber dennoch in Haltung und Bewegungen sehr lebensecht nachgebildet. Sie schauen ihren Betrachter erwartungsvoll an, fast so, als wollten sie gleich loslaufen, heben sichtlich gestresst das Bein oder gucken ein wenig enttäuscht, aber doch irgendwie erwartungsvoll, in den leeren Napf. Deutlich stärker scheinen Hunde mit Teufelsohren und menschlichem Gesicht oder mit wütend in den Himmel gereckten Riesenpranken karikaturenhaft an ihre eigene, weniger brave, Seite und gleichzeitig auch die ihrer Besitzer zu erinnern.

Die Herstellung der Plastiken aus den Grundmaterialien Bronze oder Stahl, die dann später mit Überzügen und Farben versehen werden, ist sehr aufwendig. Poren Huang hat für etwa 40 Hundeskulpturen rund 10 Jahre gebraucht. In der Galerie aquabitArt werden Handschuhe verteilt, mit denen sich die genaue Beschaffenheit der überwiegend fröhlichen Hunde auch haptisch genau erkunden lässt. Wie in der traditionellen asiatischen Kunst ist auch für Poren Huang eine möglichst große Nähe zwischen Mensch und Kunstwerk sehr wichtig. Ebenso wichtig, wie das Bestreben, den Betrachter mit einem möglichst positiven Gefühl zurück zu lassen:

„Das schnelle Wirtschaftswachstum und die technische Entwicklung nach Ende des Zweiten Weltkriegs haben den Menschen eine deutlich bessere Lebensqualität beschert, aber auch einen Verfall ethischer Werte. Aus Egoismus verfeinden sich viele Menschen sehr schnell mit ihren Liebsten. Außerdem sind Menschen heute weniger stressresistent und die Zahl derer, die depressiv, manisch-depressiv oder generell psychisch labil sind, hat deutlich zugenommen. Die meisten Menschen sind heute deutlich wohlhabender, aber wesentlich weniger glücklich und zufrieden mit ihrem Leben als früher, als sie noch in Armut lebten oder Kriege erleiden mussten”

Die Plastiken sollen ihre Betrachter mahnend an die guten Eigenschaften der Hunde erinnern und ihnen außerdem Nähe, Unbeschwertheit und Freude vermitteln, ganz gemäß des Mottos, das einer goldenen Hundeskulptur den Namen gibt: „Every Day is a New Start“.

Die Hundeskulpturen von Poren Huang können dauerhaft in der Galerie aquabitArt in Berlin-Mitte in Augenschein genommen werden: www.art.aquabit.com

Quellenangabe:

Brinker, Helmut: ‚Die chinesische Kunst‘. Verlag C.H. Beck, München 2009. ISBN 978-3-406-59272-0, 7,90€.

Indonesische Lyrik: Fremd und doch so nah

Indonesische Lyrik: Kendra gehört zu den wichtigsten Vertretern

Bei der Lesung im Literaturhaus Berlin wird der Text erst in der offiziellen indonesischen Landessprache Bahasa Indonesia gelesen, dann auf Deutsch. Die Eindrücke könnten unterschiedlicher kaum sein: Auf der einen Seite die sehr melodisch klingenden Worte, denen der vortragende Agus R. Sarjono mit viel Emphase Leben einhaucht und auf der anderen die deutsche Version. Die ganze Art des Vortrags ist anders, sie ist deutlich nüchterner und zurückhaltender, wodurch sie zumindest eher den hiesigen Gewohnheiten bei Lesungen entspricht. Doch es funktioniert trotzdem, vor allen Dingen auf der inhaltlichen Ebene.

Wie viele indonesische Gedichte, trägt auch ‚Die Predigt‘ stark narrative und absurde Züge. Die Schilderung eines Priesters, der verzweifelt versucht, der Menschenmasse in seiner Kirche zu erklären, dass er ihnen leider weder mit Rat noch Führung behilflich sein kann, bringt auch die deutschsprachigen Zuhörer zum Lachen. Das Gedicht gehört zu den bekanntesten, Verfasser ist der Lyriker, Dramatiker, Schauspieler und Regisseur Rendra. 2009 verstorben, wirkt die Arbeit des Modernisierers der indonesischen Kultur bis heute nach. „In Indonesien sind Lesungen sehr gut besucht“, erklärt der Übersetzer und Indonesien-Experte Berthold Damshäuser, „Rendra hat Lesungen vor gut 10.000 Menschen in Sportstadien gehalten. Die Indonesier sind gute Performer und nur sehr wenige rezitieren ihren Text nicht selbst. Außerdem gibt es dort kaum eine Veranstaltung, bei der nicht gelacht wird“. In Indonesien lassen sich nur sehr wenige gedruckte Bücher, dafür aber umso mehr Eintrittskarten für solche Lese-Performances verkaufen, die oft von Musik begleitet werden.

Das Äquatorarchipel Indonesien, das rund 17.000 Inseln mit vielen eigenen Sprachen und Traditionen umfasst, war jahrhundertelang eine niederländische Kolonie. Bis heute haben dort europäische Einflüsse neben arabischen, indischen und chinesischen Spuren hinterlassen, die sich auch in den Texten der von Berthold Damshäuser und Agus R. Sarjono herausgegebenen Lyrik-Anthologie Sprachfeuerentdecken lassen. Ein Gedicht von Sitor Situmorang etwa, das den Titel ‚Weimar‘ trägt, dreht sich um das bis heute spürbare Nachwirken der beiden in Indonesien bekannten Dichter Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller. Ebenso beinhaltet die Sammlung ein Poem Afrizal Malnas, in dem das Wort ‚Dada’ die dominierende Rolle spielt. Gemeint ist damit allerdings nicht nur die europäische Avantgarde-Bewegung von Anfang des 20. Jahrhunderts, das Wort hat darüber hinaus gehend diverse Bedeutungen in der indonesischen Sprache. Indirekt lassen sich unter anderen Einflüsse Friedrich Hölderlins, Rainer Maria Rilkes, Paul Celans, Arthur Rimbauds, Guillaume Apollinaires und natürlich William Shakespeares erkennen.

Trotz aller erkennbaren Parallelen, gibt es eindeutige Brüche mit der europäischen Tradition. Reim und Versmaß im ‘klassischen’ Sinne lassen sich nicht finden, was laut Berthold Damshäuser nicht zuletzt auf Eigenheiten der Bahasa Indonesiazurückzuführen ist: „ Die indonesische Sprache kennt keine Metrik und damit lassen sich auch keine festgefügten Metren finden“. Insofern erinnern die Gedichte mit ihrem oft sehr prosaischen Charakter am ehesten an moderne europäische Lyrik, wobei sich indonesische Gedichte neben der ungemein assoziationsreichen Sprache vor allen Dingen durch eine ihnen eigenen Rhythmik und Musikalität auszeichnen.

Die Themen der 223 Gedichte von 28 Lyrikerinnen der Anthologie Sprachfeuer reichen von Liebe und Einsamkeit über Gewalt und Politik bis hin zu Impressionen von Landschaft und Religion, wobei der Islam eine zentrale Rolle spielt. Mehr als 80% der Indonesier sind Muslime. Dabei stehen Gedichte mit eindeutig religiöser Thematik wie ‘Herr, wir sind uns so nah’ von Abdul Hadi WM neben Werken feministischer Prägung wie denen der Philosophie-Professorin Toeti Heraty. Auch die teilweise umstrittene Lyrikerin Dorothea Rosa Herliany, die Gewalt an, aber ebenso von, Frauen in ihren Werken anspricht, hat einen festen Platz in der indonesischen Lyrik-Szene. Manche Gedichte scheinen die Verhältnisse vor und um den Sturz des Suharto-Regimes 1998 zu beleuchten. Ein Ereignis, das in der kreativen Szene Indonesiens Veränderungen nach sich gezogen hat. „Seit dem Sturz ist die indonesische Literatur generell so frei, dass sie die Verhältnisse getreu abbildet“, beschreibt Berthold Damshäuser die Auswirkungen. Einige Poeme befassen sich außerdem mit der tropischen Landschaft und Vegetation des Äquatorarchipels in ihrer gesamten Abivalenz. Nicht selten geschieht das auf eine für europäische Leser zum Teil ungewöhnliche, aber gleichzeitig erstaunlich vertraute Weise.

Berthold Damshäuser empfiehlt für die Lektüre:  „Man sollte eigentlich nur auf den Text achten und vergessen, dass es ein indonesischer ist“. Das gelingt in den meisten Fällen sehr gut.

Leseempfehlungen: 

Sprachfeuer. Eine Anthologie moderner indonesischer Lyrik. Hg. Agus R. Sarjono und Berthold Damshäuser. 374 Seiten, regiospectra verlag berlin. ISBN 978-3940132741

Gebt mir Indonesien zurück! Eine musikalische begleitete Lesung moderner indonesischer Lyrik (in deutscher Sprache). Rezitation: Berthold Damshäuser, Musique automatique: Peter Habermehl. Gesamtspielzeit: 73:38:08. Audio-CD. Katalognummer: 01970101

1965ff. Die Gegenwart eines Massenmordes. Ein politisches LesebuchHg. Anett Keller für die Südostasien-Informationsstelle. 220 Seiten, regiospectra verlag berlin. ISBN 978-3940132680

Martin Jankowski: Indonesien lesen. Notizen zu Literatur und Gesellschaft. 195 Seiten, regiospectra verlag berlin. ISBN 978-3-9401-3266-6

Das Urlaubslesebuch

Buchcover von "Das Urlaubslesebuch"

Der Klappentext von Das Urlaubslesebuch verspricht:

“Wenn man endlich den neuen Liegestuhl auf dem Balkon ausprobieren kann, wenn das Wetter nur noch aus Hochs besteht, wenn die Kinder mit Sandburgenbauen beschäftigt sind – dann ist die Zeit für das Urlaubslesebuch gekommen”

Und tatsächlich nehmen etwa die Geschichten von Literatur-Klassikern wie Paula Fox, Joyce Carol Oates oder Siegfried Lenz mich mit und lassen mich mit ihnen auf unterhaltsame Weise über Kindheit, Bewusstsein und Wahrnehmung nachdenken.

Theaterbesuch und Sauna

Ich bin bei einem Theaterbesuch am New Yorker Broadway vor vielen Jahren mit dabei oder bei dem ersten Besuch in einer echten finnischen Sauna. Bei Wolfgang Brenner erkenne ich, dass glückliche Frauen wohl tatsächlich nicht unbedingt ein Haus am Meer wollen und bei Selma Lonning Aaro, dass eine liebende Ehefrau es dem Gatten wahrscheinlich wirklich fürsorglich verschweigen sollte, wenn seine sündhaft teure Designer-Badehose doch nicht bei allen weiblichen Badegästen für grenzenlose Begeisterung sorgt.

Designer-Badehose und porentiefe Sauberkeit

Arnold Küsters führt mir eindringlich vor Augen, wie wichtig porentiefe Sauberkeit am Urlaubsort sein kann und mit Moritz Fichtner begreife ich, von welch tiefgreifenden Sorgen und Nöten ein Amtsvorsteher in der bayerischen Provinz geplagt sein kann. Mit Franka Potente erlebe ich den Alltag einer Fächerverkäuferin in Japan und mit Nina George den Versuch afrikanischer Mädchen, erfolgreiche Fußballerinnen zu werden, der tödlich endet.

Das Urlaubslesebuch beinhaltet lustige, nachdenkliche und traurige Geschichten, die kurz genug sind, um sie nach und nach nebenher lesen zu können. Für mich sind sie so fesselnd, dass ich immer wieder gerne zum Buch gegriffen habe.

“Je suis un metteur en scène japonais” von Fanny de Chaillé

Szene aus "Je suis un metteur en scène japonais" von Fanny de Chaillé

Die Bühne ist hell erleuchtet. Bei Je suis un metteur en scène japonais von Fanny de Chaillé wird sie fast ganz ausgefüllt von etwas, das wie eine monströse Pappe wirkt. An einigen Stellen ist sie eingeschnitten und hochgeklappt. Man könnte glauben, dass die Pappe gleich nur noch an den richtigen Stellen gefaltet und zusammen gesetzt werden muss, um zu einem riesigen Paket zu werden.

Passives Verhalten auf dem Pappkarton

Auf der Pappe bewegen drei schwarz gekleidete und vermummte Gestalten sowie eine ebenfalls schwarz gekleidete Person, deren Kopf nicht verhüllt ist. Zwei der gesichtslosen Gestalten führen die Arme, den Oberkörper und den Kopf, die dritte bewegt in der Hocke kniend an den Unterschenkeln die Beine der Person. Die drei führen sie quer über die Bühne, lassen sie sich bücken, in die Hocke gehen, sich mal nach rechts, dann wieder nach links drehen. Egal was passiert, die Person wehrt sich nie, sondern bleibt die ganze Zeit passiv und verliert nie den unbewegten und doch irgendwie unzufriedenen Gesichtsausdruck. Obwohl sie eindeutig aus Fleisch und Blut ist, wirkt sie eigentlich wie eine Puppe.

Zwischendurch lüften die schwarzen Gestalten manchmal ihre eigenen Masken und zeigen, dass ihr Gesichtsausdruck nicht weniger puppenartig ist als der der Person, die sie auf der pappenartigen Unterlage führen. Manchmal wechseln sie auch die Positionen, dann wird eine andere schwarze Gestalt von den drei weiteren geführt. Der Wechsel wirkt wie die Bewegungen selbstverständlich und perfekt koordiniert, niemand wehrt sich oder gerät auch nur einmal ins Stolpern.

Japanisches Erzähltheater als Inspiration

Fanny de Chaillé hat sich dafür von dem traditionellen japanischen Erzähltheater Bunraku inspirieren lassen. Dort bewegen auf diese Weise drei Personen unauffällig und schweigend fast lebensgroße Puppen durch den Theatersaal, die tragische Liebesgeschichten verkörpern. Am Rande der Bühne sitzt ein Rezitator und ein Musiker, der den Text auf einem Shamisen begleitet.

Auch bei Je suis un metteur en scène japonais gibt es einen Erzähler, der von einem Musiker begleitet wird. Grundlage dieses Stücks ist jedoch keine tragische Liebesgeschichte, sondern das Theaterstück Minetti von Thomas Bernhard. Den Monolog hat Thomas Bernhard dem Schauspieler Bernhard Minetti auf den Leib geschrieben, der in den 1970er Jahren immer die Hauptrollen in seinen Theaterstücken gespielt hat. Der Protagonist philosophiert darin über die Schauspielkunst, die Masken, die er dafür verwendet, das Publikum und das Leben überhaupt, sein Scheitern als Theaterdirektor vor dreißig Jahren, seine Rückkehr auf die Bühne und Lear von William Shakespeare, das einzige klassische Stück, dem er sich nicht verweigert hat und dessen Hauptrolle er gleich zu spielen beabsichtigt. Den Text deklamiert der Rezitator in französischer Sprache während hinter der gefalteten Pappe auf der Bühne die weißen Buchstaben des deutschen Textes wie aus dem Off zu lesen sind.

Rebellion gegen unpassendes Narrativ

Die schwarzgekleideten Gestalten nehmen eigentlich kaum direkt Bezug auf den Text, sie bewegen sich eher im Rhythmus der Textmelodie sowie der vielen Geräusche und der Ukulele, der der Musiker zwischendurch immer wieder asiatisch angehauchte Klänge entlockt. Doch dem Rezitator gelingt es nicht, unbeteiligt am Rand stehend seine Geschichte vorzutragen. Die schwarzen Gestalten werden regelrecht rebellisch und beginnen ihn langsam immer mehr in ihre Performance einzubeziehen. Er wird von ihnen geführt, geschubst oder zu Boden geworfen, so dass er seinen Text verliert und für einen Moment nicht weiter rezitieren kann. Oder er wird von ihnen so gehalten, dass die schwarze Kopfbedeckung, die auch er trägt, regelrecht zur Zwangsjacke wird.

Wehren kann der Rezitator sich offensichtlich nicht gegen die Manipulationen der schwarzen Gestalten und die Grenzen verschwinden immer mehr zwischen ihm und ihnen. Eine der schwarzen Gestalten beginnt plötzlich für einen Moment zu sprechen. Sie erklärt bestimmte Falttechniken des Origami und demonstriert sie an einer anderen der Gestalten. Ohne ein direktes Wort an die Personen auf der Bühne zu richten, gelingt es dem Erzähler immer wieder durch lautes oder wütendes Rezitieren des Textes die anderen zum Schweigen zu bringen und die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Oft wird er dabei unfreiwillig zur tragisch-komischen Gestalt und die Szenerie trägt Züge des absurden Theaters.

Die Entstehung des Theaters

Fanny die Chaillé hat in einem Interview erläutert, dass es ihr in Je suis un metteur en scène japonais darum gehe, die Strukturen offen zu legen, die das Entstehen des Theaters ausmachten, das immer Ergebnis einer gemeinsamen Arbeit sei. Ohne Illusionen zu erzeugen, sei jede Geste, jede Bewegung, die  einen Teil des Endprodukts dieser Arbeit darstellten, auf der Bühne klar zu erkennen. Das Stück Minetti habe sie ausgewählt, weil der Text das Porträt eines Schauspielers sei und sich im Detail mit der Schauspielkunst beschäftige. Die Geschichte von Minetti verberge sich im Stück hinter vielen Masken und Marionetten, die seine Worte alle nach und nach verinnerlicht hätten.

Für mich ist Je suis un metteur en scène japonais ein kluges und enttarnendes Stück, das ernste und auch viele humorvolle Passagen enthält und insgesamt sehr sehenswert ist.

Gernhardts ewiger Kalender

Aus "Gernhardts ewiger Kalender"

Kalender kauft oder verschenkt man eigentlich gegen Ende des Jahres oder zu Beginn. Bei Gernhardts ewiger Kalender ist das anders. Denn die App ist, wie der Name schon sagt, ein ewiger Kalender und beinhaltet für jeden Tag des Jahres eine kleine Geschichte in Textform oder Bild und Ton, die immer wieder in die Saison passt.

Sobald man die App aufruft, erscheint eine für den aktuellen Tag verfasste Geschichte. An manchen Tagen gibt Robert Gernhardt in seinem ewigen Kalender ein Gedicht zu lesen, an anderen ist es eine kleine Comic-Geschichte, die sich wie ein Film abspielen lässt und deren Text der Autor selbst liest. Alle Geschichten haben einen unverkennbaren humorvoll-lakonischen Charakter, wobei gerade die Gedichte ein bisschen an Wilhelm Busch oder Christian Morgenstern erinnern. Sie sind leicht lesbar und dabei klug und tiefsinnig. Die Themen sind mal jahreszeitlich, dann ist offenbar der Start eines Kinofilms vor Jahrzehnten Auslöser für einen satirischen Kommentar, dann eine Erfindung aus Wissenschaft oder Technik, mal ist es der Alkohol oder Erlebnisse mit oder in Umgebung der Deutschen Bahn – ein bunt zusammengewürfelter Mix.

Hinzukommend wird leicht verständlich erklärt, wie man etwa von einer Geschichte zur nächsten blättern oder die Geschichten per Email verschenken kann. Gernhardts ewiger Kalender ist eine sehr aufwändig und detailreich gestaltete App, die mir viel Spaß gemacht hat und die sich auf iPhone und iPad wirklich genießen lässt.

“Life and Times, Episode 2” von Nature Theater of Oklahoma

Szene auf "Life and Times, Episode 2" von Nature Theater of Oklahoma

Bei Life and Times – Episode 2 gibt es kein Bühnenbild und fast überhaupt keine Requisiten. Den größten Teil des Stückes über sind nur die Hauptdarsteller in ihren grellbunten Jogginganzügen vor schwarzem Hintergrund zu sehen, eingerahmt von zwei Flatscreens am rechten und linken Ende der Bühne. Auf den Screens ist der englische und der ins Deutsche übersetzte Text des Stückes zu lesen. Die Darsteller singen den Text schief und schräg zu eingängiger, schlicht konstruierter elektronischer Musik. Manchmal tanzen sie dazu mehr oder weniger unbeholfen. Alles wirkt überhaupt nicht professionell und gekonnt.

Von meinem Platz im hinteren Teil des Zuschauerraums kann ich den Text auf dem Flatscreen nicht immer lesen, kann aber erkennen, dass dort selten zusammenhängende Sätze zu lesen sind. Es gibt viele Ehs, Ähs und sonstige Füllwörter, grammatische Fehler, abrupte Unterbrechungen, unerwartete Themenwechsel und dann doch wieder Passagen, in denen verständlich kleine Geschichten  und Anekdoten erzählt werden. Gerade die Ehs und Ähs werden von den Darstellern häufig mit ganz besonders viel Dramatik intoniert.

Kelly Copper und Pavol Liska vom Nature Theater of Oklahoma haben  sich für das Stück von der jetzt 34-jährigen US-Amerikanerin Kristin Worrall ihre Lebensgeschichte am Telefon erzählen lassen und das Gespräch aufgenommen. Das Libretto des Stücks bildet der aufgezeichnete umgangssprachliche Text ohne Korrekturen. In Life and Times – Episode 2geht es um die Zeit zwischen der dritten und der sechsten Schulklasse, nach der in den USA der Wechsel von der Grundschule auf die High-School statt findet.

Sezene aus "Life and Times, Episode 2" von Nature Theater of Oklahoma

Der Text ist humorvoll, es geht um alberne Streitereien mit Freundinnen, das Verhalten von Lehrern, Verliebtheiten, die erste Musik, für die man sich interessiert hat, das Verhältnis zu den Eltern, Bockigkeiten, die man selbst von sich falsch fand, wie man den Vater mit einem Playboy-Heft erwischt und es dann auch selbst mal gelesen hat, wie und wann man angefangen hat, sich für Mode und Klamotten zu interessieren, Filme, die man zu einer bestimmten Zeit gesehen hat, wie man auf die Rassenproblematik Aufmerksam geworden ist, wie man sich zum ersten Mal als richtiger Loser gefühlt hat, erste Erfahrungen mit Alkohol, verhaltensauffällige Mitschüler, der Selbstmord eines Bekannten und dass man eigentlich immer darauf gehofft hat, endlich erwachsen und raus aus der Schule zu sein. Die Darsteller wechseln sich bei der Erzählung ab, so dass der Eindruck entstehen könnte, ein homosexueller Mann und mehrere Frauen erzählten dem Publikum ihre Lebensgeschichten, die nichts miteinander zu tun haben.

Genauso wie der Text ist auch die Musik bei genauerer Betrachtung eine Reise durch verschiedene Stile der Musikgeschichte von den 80ern bis in die frühen 90er. Dabei hat sie immer etwas von dem eingängigen Sound, den man auf einer Kirmes oder in einer Karaokebar hören kann. Wahrscheinlich auch deswegen hatte ich als Zuschauer sofort den Eindruck, dass eigentlich jeder aus dem Stehgreif auf der Bühne mitmachen könnte. Und tatsächlich sind auch ein paar Laiendarsteller aus dem Ruhrgebiet für die Aufführung geachtet worden, die sich nahtlos einfügen. Die Lebensgeschichte von  Kristin Worrall, die der weißen Mittelschicht entstammt, ist ist eben nicht nur typisch für solch ein Leben in den USA. In der einen oder anderen Anekdote dürfte sich jeder wieder erkannt haben. Insofern ist Life and Times – Episode 2 für mich humorvolles Theater auf Augenhöhe mit dem Zuschauer, das jeden zumindest ein bisschen mit auf die Bühne holt.

Alle Fotos: © Anna Stoecher