Indonesische Lyrik: Rendra

Indonesische Lyrik

Viele Besucher sind ins Literaturhaus Berlin gekommen, um indonesische Lyrik kennen zu lernen. Meist wird der Text erst in der offiziellen indonesischen Landessprache Bahasa Indonesia gelesen, dann auf Deutsch. Die Eindrücke könnten unterschiedlicher kaum sein: Auf der einen Seite die sehr melodisch klingenden Worte, denen der vortragende Agus R. Sarjono mit viel Emphase Leben einhaucht und auf der anderen die deutsche Version. Die ganze Art des Vortrags ist anders, sie ist deutlich nüchterner und zurückhaltender, wodurch sie zumindest eher den hiesigen Gewohnheiten bei Lesungen entspricht. Doch es funktioniert trotzdem, vor allen Dingen auf der inhaltlichen Ebene.

Emphase und Performance

Wie viele indonesische Gedichte, trägt auch ‚Die Predigt‘ stark narrative und absurde Züge. Die Schilderung eines Priesters, der verzweifelt versucht, der Menschenmasse in seiner Kirche zu erklären, dass er ihnen leider weder mit Rat noch Führung behilflich sein kann, bringt auch die deutschsprachigen Zuhörer zum Lachen. Das Gedicht gehört zu den bekanntesten, Verfasser ist der Lyriker, Dramatiker, Schauspieler und Regisseur Rendra. 2009 verstorben, wirkt die Arbeit des Modernisierers der indonesischen Kultur bis heute nach. „In Indonesien sind Lesungen sehr gut besucht“, erklärt der Übersetzer und Indonesien-Experte Berthold Damshäuser, „Rendra hat Lesungen vor gut 10.000 Menschen in Sportstadien gehalten. Die Indonesier sind gute Performer und nur sehr wenige rezitieren ihren Text nicht selbst. Außerdem gibt es dort kaum eine Veranstaltung, bei der nicht gelacht wird“. In Indonesien lassen sich nur sehr wenige gedruckte Bücher, dafür aber umso mehr Eintrittskarten für solche Lese-Performances verkaufen, die oft von Musik begleitet werden.

17.000 Inseln, oft mit eigenen Traditionen

Das Äquatorarchipel Indonesien, das rund 17.000 Inseln mit vielen eigenen Sprachen und Traditionen umfasst, war jahrhundertelang eine niederländische Kolonie. Bis heute haben dort europäische Einflüsse neben arabischen, indischen und chinesischen Spuren hinterlassen, die sich auch in den Texten der von Berthold Damshäuser und Agus R. Sarjono herausgegebenen Lyrik-Anthologie Sprachfeuer entdecken lassen. Ein Gedicht von Sitor Situmorang etwa, das den Titel ‚Weimar‘ trägt, dreht sich um das bis heute spürbare Nachwirken der beiden in Indonesien bekannten Dichter Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller. Ebenso beinhaltet die Sammlung ein Poem Afrizal Malnas, in dem das Wort ‚Dada’ die dominierende Rolle spielt. Gemeint ist damit allerdings nicht nur die europäische Avantgarde-Bewegung von Anfang des 20. Jahrhunderts, das Wort hat darüber hinaus gehend diverse Bedeutungen in der indonesischen Sprache. Indirekt lassen sich unter anderen Einflüsse Friedrich Hölderlins, Rainer Maria Rilkes, Paul Celans, Arthur Rimbauds, Guillaume Apollinaires und natürlich William Shakespeares erkennen.

Sprache ohne Metrik

Trotz aller erkennbaren Parallelen, gibt es eindeutige Brüche mit der europäischen Tradition. Reim und Versmaß im ‘klassischen’ Sinne lassen sich nicht finden, was laut Berthold Damshäuser nicht zuletzt auf Eigenheiten der Bahasa Indonesia zurückzuführen ist: „Die indonesische Sprache kennt keine Metrik und damit lassen sich auch keine festgefügten Metren finden“. Insofern erinnern die Gedichte mit ihrem oft sehr prosaischen Charakter am ehesten an moderne europäische Lyrik, wobei sich indonesische Gedichte neben der ungemein assoziationsreichen Sprache vor allen Dingen durch eine ihnen eigenen Rhythmik und Musikalität auszeichnen.

Landschaft und politische Themen

Die Themen der 223 Gedichte von 28 Lyrikerinnen der Anthologie Sprachfeuer reichen von Liebe und Einsamkeit über Gewalt und Politik bis hin zu Impressionen von Landschaft und Religion, wobei der Islam eine zentrale Rolle spielt. Mehr als 80% der Indonesier sind Muslime. Dabei stehen Gedichte mit eindeutig religiöser Thematik wie ‘Herr, wir sind uns so nah’ von Abdul Hadi WM neben Werken feministischer Prägung wie denen der Philosophie-Professorin Toeti Heraty. Auch die teilweise umstrittene Lyrikerin Dorothea Rosa Herliany, die Gewalt an, aber ebenso von, Frauen in ihren Werken anspricht, hat einen festen Platz in der indonesischen Lyrik-Szene. Manche Gedichte scheinen die Verhältnisse vor und um den Sturz des Suharto-Regimes 1998 zu beleuchten. Ein Ereignis, das in der kreativen Szene Indonesiens Veränderungen nach sich gezogen hat. „Seit dem Sturz ist die indonesische Literatur generell so frei, dass sie die Verhältnisse getreu abbildet“, beschreibt Berthold Damshäuser die Auswirkungen. Einige Poeme befassen sich außerdem mit der tropischen Landschaft und Vegetation des Äquatorarchipels in ihrer gesamten Abivalenz. Nicht selten geschieht das auf eine für europäische Leser zum Teil ungewöhnliche, aber gleichzeitig erstaunlich vertraute Weise.

Berthold Damshäuser empfiehlt für die Lektüre:  „Man sollte eigentlich nur auf den Text achten und vergessen, dass es ein indonesischer ist“. Das gelingt in den meisten Fällen sehr gut.

Leseempfehlungen:

Sprachfeuer. Eine Anthologie moderner indonesischer Lyrik. Hg. Agus R. Sarjono und Berthold Damshäuser. 374 Seiten, regiospectra verlag berlin. ISBN 978-3940132741

Gebt mir Indonesien zurück! Eine musikalische begleitete Lesung moderner indonesischer Lyrik (in deutscher Sprache). Rezitation: Berthold Damshäuser, Musique automatique: Peter Habermehl. Gesamtspielzeit: 73:38:08. Audio-CD. Katalognummer: 01970101

1965ff. Die Gegenwart eines Massenmordes. Ein politisches LesebuchHg. Anett Keller für die Südostasien-Informationsstelle. 220 Seiten, regiospectra verlag berlin. ISBN 978-3940132680

Martin Jankowski: Indonesien lesen. Notizen zu Literatur und Gesellschaft. 195 Seiten, regiospectra verlag berlin. ISBN 978-3-9401-3266-6

Buchcover "Liebespaare bitte hier küssen!"

Liebespaare bitte hier küssen!

Auf dem Cover ist ein Tretboot vor herbstlicher Kulisse mit deutlich erkennbaren Gebrauchsspuren und der Ziffer ‘Zwei’ am Bug zu sehen. Es stimmt als Titelbild gut auf die folgenden Abbildungen des Fotobuches Liebespaare bitte hier küssen! von Jess Jochimsen ein. Danach sind viele Fotografien von Alltäglichem zu sehen, dessen äußeres Erscheinungsbild bereits etwas ramponiert ist. Dazu gehören etwa die staubigen Fensterrahmen, hinter deren Scheiben sich jedoch liebevoll gestaltete Gardinen und Dekorationen erkennen lassen oder dieAbflüsse, die vor gepflegten, wenn auch etwas heruntergekommenen, Hausfassaden ins Leere laufen.

Die allermeisten Abbildungen zeigen jedoch Hinweis- und Verbotsschilder, die überwiegend wohl unfreiwillig komisch auf Sex-Shops, Wellness, Geschäftliches, Religiöses oder Romantisches hinweisen. Da lässt sich erfahren, dass an manchen Orten offenbar Erotik-Artikel liquidiert werden, sich die “Fleischer-Innung Berlin” tatsächlich Patin einer Pflanze Namens “Leberwurstbaum” nennen darf oder dass sich eine Freiburger Firma zumindest laut Schild mit “ANALSANIERUNG” und “OHRABDICHTUNG” zu beschäftigen scheint. Natürlich fehlen auch zahlreiche Hinweise darauf, wer wie, wann, wo und unter welchen Voraussetzungen parken darf nicht – an vielen Orten ganz offensichtlich ein sehr kompliziertes und manchmal sogar bedrohliches Thema.

Die Fotos wirken alle wie mitten aus dem Leben gegriffen und bebildern immer wieder den einfallsreichen Umgang der Bewohner des ‘städtischen Hinterlandes’ mit ihrer wirtschaftlichen Not. Beispielsweise ziert die Tür eines leerstehendes Ladenlokals ein Schild mit der Aufschrift ‘KEIN RESTAURANT MEHR’. Ergänzend sind Zitate und kleine, von Jess Jochimsen selbst verfasste, Anekdoten eingefügt, die das Buch zu einer humorvollen und tiefgründigen Studie des Lebens jenseits der funkelnden Prachtstraßen macht.

Bild aus "Gerhardts ewiger Kalender"

Gernhardts ewiger Kalender

Kalender kauft oder verschenkt man eigentlich gegen Ende des Jahres oder zu Beginn. Bei Gernhardts ewiger Kalender ist das anders. Denn die App ist, wie der Name schon sagt, ein ewiger Kalender und beinhaltet für jeden Tag des Jahres eine kleine Geschichte in Textform oder Bild und Ton, die immer wieder in die Saison passt.

Sobald man die App aufruft, erscheint eine für den aktuellen Tag verfasste Geschichte. An manchen Tagen gibt Robert Gernhardt in seinem ewigen Kalender ein Gedicht zu lesen, an anderen ist es eine kleine Comic-Geschichte, die sich wie ein Film abspielen lässt und deren Text der Autor selbst liest. Alle Geschichten haben einen unverkennbaren humorvoll-lakonischen Charakter, wobei gerade die Gedichte ein bisschen an Wilhelm Busch oder Christian Morgenstern erinnern. Sie sind leicht lesbar und dabei klug und tiefsinnig. Die Themen sind mal jahreszeitlich, dann ist offenbar der Start eines Kinofilms vor Jahrzehnten Auslöser für einen satirischen Kommentar, dann eine Erfindung aus Wissenschaft oder Technik, mal ist es der Alkohol oder Erlebnisse mit oder in Umgebung der Deutschen Bahn – ein bunt zusammengewürfelter Mix.

Hinzukommend wird leicht verständlich erklärt, wie man etwa von einer Geschichte zur nächsten blättern oder die Geschichten per Email verschenken kann. Gernhardts ewiger Kalender ist eine sehr aufwändig und detailreich gestaltete App, die mir viel Spaß gemacht hat und die sich auf iPhone und iPad wirklich genießen lässt.

Buchcover "Der kleine Hobbit"

Der kleine Hobbit

Spätestens seitdem die Filmtrilogie Der Herr der Ringe die Kinos erobert hat, kennen die allermeisten Hobbits, Elfen, Orks und Gandalf, den Zauberer. J.R.R. Tolkien, Autor des gleichnamigen Buch-Bestsellers und Professor für germanische Sprachen, hat auch eine Art Vorgeschichte mit dem Titel Der kleine Hobbit verfasst, die erstmals im Jahr 1937 veröffentlicht und 1954 und 1955 durch Der Herr der Ringe ergänzt worden ist.

Hobbits sind etwa halb so groß wie Menschen und noch ein bisschen kleiner als Zwerge. Ihre besondere Gabe ist, dass sie sich mit ihren behaarten Füßen nahezu lautlos bewegen können. Der Held in Der kleine Hobbit heißt Bilbo Beutlin, ist um die fünfzig Jahre alt, im Ruhestand, wohlhabend, alleinstehend und lebt in einer großzügigen gemütlich eingerichteten Höhle:

Der Boden war mit Fliesen und Teppichen ausgelegt, es gab Stühle da von feinster Politur und an den Wänden Haken in Massen für Hüte und Mäntel, denn der Hobbit hatte Besucher sehr gern. Der Tunnel wand und wand sich, führte aber nicht tief ins Innere des Berges hinein, den alle Leute viele Meilen weit rund im Lande schlechthin >den Berg< nannten. Zahlreiche kleine, runde Türen öffneten sich in diesem Tunnel, zunächst auf der einen Seite und dann auch auf der anderen Seite. Treppen zu steigen brauchte der Hobbit nicht: Schlafräume, Badezimmer, Keller, Speisekammern (eine Masse von Speisekammern), Kleiderschränke (ganze Räume standen ausschließlich für die Unterbringung seiner Garderobe zur Verfügung), Küchen, Esszimmer – alles lag an demselben Korridor

Als eines Tages unerwartet ein alter Mann mit einem Stab, hohem spitzen blauen Hut und einem langen grauen Mantel an der Höhle von Bilbo Beutlin vorbei kommt und erklärt, er sei Gandalf und suche jemanden für ein Abenteuer, ist Bilbo Beutlin überhaupt nicht interessiert und hofft, ihn schnell wieder los werden zu können:

Wir sind ruhige Leute hier und suchen keine Abenteuer. Ein ärgerlicher, störender, unbehaglicher Zeitvertreib. So etwas verspätet nur die Mahlzeiten. Ich kann nicht verstehen, was jemand daran findet

Doch kurz nachdem Gandalf wieder verschwunden ist, klopfen um die Teezeit nach und nach insgesamt dreizehn Zwerge an Bilbo Beutlins ‘schöne grüne Haustür’. Als guter Gastgeber bittet er sie hinein und bewirtet sie. Als irgendwann auch Gandalf zurück gekehrt ist, erzählen sie dem skeptischen Hobbit in Form eines Liedes von einem Schatz, der vor langer Zeit ihren Vorfahren gehört habe. Sie seien Bergleute gewesen und hätten ihn selbst aus Gold und Edelsteinen gefertigt. Ein gefährlicher Drache habe ihn geraubt. Die Zwerge möchten ihn unbedingt so schnell wie möglich zurück erobern. Auf Gandalfs Anraten hin soll Bilbo Beutlin sie als ‘Meisterdieb’ unterstützten.

Nach und nach lässt Bilbo Beutlin sich von ihrem Wunsch anstecken und auch die Abenteuerlust erwacht in ihm. Ehe er sich versieht, willigt er ein, die Zwerge auf ihrer gefährlichen Reise zu dem Berg, in dem der Schatz sich befindet, zu begleiten. Ein Entschluss, den der Hobbit schon kurz nach Beginn der Reise bereut:

Teezeit war vorüber. Es goss in Strömen und es hatte den ganzen Tag über schon so gegossen. Von der Kapuze tropfte es ihm in die Augen, der Mantel hatte sich voll Wasser gesogen, das Pony war müde und stolperte über die Steine und die anderen waren viel zu brummig, um zu sprechen. Ich bin sicher, dass der Regen bis in die Kleider gegangen ist und in die Verpflegungstaschen, dachte Bilbo. Verflixte Meisterdieberei und alles, was damit zu tun hat! Ich wünschte, ich wäre zu Hause in meiner hübschen Höhle beim Kaminfeuer, wenn gerade der Kessel anfängt zu summen!

Zu diesem Zeitpunkt liegen die wichtigsten Abenteuer mit gefährlichen Gebirgen, verzauberten Wäldern und Gewässern, Wölfe, Trolle, gefährliche Orks, misstrauischen Elben und der Kampf mit dem schrecklichen Drachen noch vor ihnen… Das Buch ist ein spannender Klassiker, den jeder einmal gelesen haben sollte!

Buchcover "Echt abgefahren!"

Echt abgefahren!

Eigentlich hat sich der zwölfjährige Jan Hensen in Echt abgefahren! von Hans-Jürgen Feldhaus zum Geburtstag einen Tablet-Computer gewünscht, um damit Spiele zu spielen und die Schule mit ihren unterträglichen Matheaufgaben wenigstens in den Ferien vergessen zu können:

Du kennst doch diese Typen aus den Mathebüchern, oder? Ich meine, die aus den Textaufgaben! Du weißt schon: Torsten! Carsten! Sören! Einer von denen oder gleich alle zusammen backen immer Apfelkuchen oder irgendeinen anderen Scheiß. Jedenfalls kaufen sie dafür einen Haufen Äpfel und unterhalten sich dann: >Oh, Torsten! In 14 meiner 59 Äpfel ist jeweils ein Wurm drin!< >Ja, Carsten!<, sagt der Torsten. >Und von meinen 7 Äpfeln sind 6 faul< >Wie viel Prozent aller Äpfel können wir für unseren Apfelkuchen nehmen?<, fragt sich dann Sören. Und dann musst du für diese Hirnis ausrechnen, wie viele Äpfel komplett vergammelt sind und wie viel Prozent sie für ihren bescheuerten Kuchen verwenden können!

Jetzt muss Jan seinen Ärger über die Schule und den Urlaub in einem ganz normalen Tagebuch aus Papier festhalten. Und Unerträgliches gibt es jede Menge. Dazu gehört zum Beispiel, dass seine Eltern ihm wahrscheinlich keinen Tablet-Computer geschenkt haben, weil der Klassenlehrer Jans ‘Lernkompetenz’ für ‘mangelnd’ hält. Außerdem ist seine ältere Schwester Hannah dabei, die ihn liebend gerne bloß stellt und von der er sein Tagebuch stets mit allen Mitteln fern halten muss:

… und was sehe ich, als ich ins Zimmer komme? Hannah mit dem Buch in ihren Fingern! Sie schlägt es auf und in einem Bruchteil einer Sekunde hechte ich von der Tür aus auf sie zu, schnapp es mir und rolle mich wie ein Profitorwart auf dem Boden ab. … also gut, ich weiß jetzt nicht, wie groß der Bruchteil einer Sekunde von der Tür bis zu Hannah war, aber ich schwöre, es war verdammt schnell. …nur die Profitorwart-Parade war jetzt nicht ganz so toll, weil da noch dieser dämliche Koffer von Hannah war, über den ich aus Versehen gestolpert bin, und dann um ein Haar mit meinem Kopf gegen die Wand geknallt wäre, wenn da nicht noch dieser Reisemüllbeutel gelegen hätte mit dem ganzen Proviant-Matsch drin …

Grund zum Ärgern gibt Jan auch seine bewegungsfreudige Mutter, die die ganze Familie immer wieder nötigt, Städtetouren, ausgedehnte Ausflüge und lange Wanderungen zu unternehmen. Als ob all diese Strapazen nicht schon mehr als zu viel wären, begegnet Jan in diesem Urlaub auch noch überraschend Hendrik Lehmann, dem schlimmsten Streber seiner Klasse. Jans Eltern freunden sich mit Hendriks Eltern an und Jan muss ganze Abende und mehrere Ausflüge gemeinsam mit Hendrik Lehmann überstehen. Hendrik Lehmann besitzt natürlich den Tablet-Computer, den Jan sich so sehr wünscht und zieht damit die ganze Aufmerksamkeit der Urlaubs-Kumpels auf sich.

Hendrik Lehmann hatte es also geschafft: Er hat mir meine Freunde weggenommen. Mit seinem iPad… und Real Asphalt HD! MEINEM Spiel!

Noch mehr Kopfzerbrechen bereitet Jan allerdings, dass Hendrik Lehmann über die Einzelheiten einer wirklich unangenehmen Katastrophe Bescheid weiß, in die Jan und seine Freunde bei der letzten Klassenfahrt verwickelt worden sind. Jetzt muss er fürchten, dass Hendrik Lehmann ihn bei seinen Eltern verpetzt und wird von Alpträumen geplagt. Doch offenbar trägt auch Hendrik Lehmann unangenehme Probleme mit sich herum…

Mit diesem Buch kann jeder ab elf Jahren sein Trauma aus dem letzten Urlaub verarbeiten oder sich vielleicht sogar ein bisschen freuen, dass man gar nicht weg war. Toll ergänzt wird der Text von lauter witzigen Zeichnungen auf fast jeder Seite.

Eindrücke von Zeichnungen des Grafikers Hans-Jürgen Feldhaus und mehr Informationen gibt es unter: www.hjfeldhaus.de

Buchcover "Zwischen zwei Scheiben Glück"

Zwischen zwei Scheiben Glück

In Zwischen zwei Scheiben Glück von Irene Dische hat Peters Vater Laszlo eine bemerkenswert lebensfrohe und positive Herangehensweise an alle Dinge. Als ihm seine junge Geliebte Dalia unter Tränen gesteht, sie sei schwanger, stürmt er sofort nach Hause und zündet mehrere Feuerwerksknaller, die er sich für einen besonderen Moment zurück gelegt hatte. Kein Wunder, dass auch das Hochzeitsfest ein ‘fröhliches, ausgelassenes Fest’ wird, bei dem sich sogar Laszlos Vater gut amüsiert.

Schon häufig hat sich der Vater darüber beschwert, dass ihm sein Sohn fremd sei. Laszlo sei ein Heißsporn und habe kein Talent zur Mäßigung. Aber er erhöht den monatlichen Unterhalt, damit Laszlo, während er in Budapest das Jurastudium abschließt, seine Familie versorgen kann. Doch das Familienglück währt nicht lang. Ausgerechnet in dem Auto, dass Laszlos Vater ihm aus Freude über den neuen gut bezahlten Posten im diplomatischen Dienst schenkt, kommt Dalia durch einen Unfall ums Leben. Laszlo selbst überlebt mit ein paar Schrammen und trauert eine Weile sehr um seine Frau:

Dalias Tod machte Laszlo Nagel für eine Weile sehr traurig. Aber dann schlug sein Naturell wieder durch. Er konnte es nicht ändern, er liebte das Lebendigsein. In Budapest galt er schon bald als lustiger Witwer

Laszlo verbringt viel Zeit mit seinem Sohn Peter, dem er erzählt, er habe ihn in einem Spezialgeschäft für rothaarige Kinder gekauft und dass er einen Vater habe, der ein Glückspilz sei. Sie erkunden die Umgebung gemeinsam auf eine ihnen eigene Weise und Peter liebt seinen Vater abgöttisch. Eines Abends flüstert Laszlo seinem Sohn vor dem Einschlafen zu:

Auf jeden Fall weiß ich, dass du deinen eigenen Kopf haben wirst, wenn du groß bist. Du wirst vor nichts Angst haben. Nicht einmal vor dem Sterben. Aber vor allem wirst du gern leben. O ja, du wirst das Leben genießen

Laszlo und sein Sohn erkunden die Stadt ausgiebig. Sie gehen gemeinsam zu vielen Veranstaltungen, Festen oder auch ins Kino. Schon bald werden sie mit den Auswirkungen der Nazi-Herrschaft konfrontiert und entwickeln ihren eigenen ganz speziellen Umgang mit den Gegebenheiten. Zwischen zwei Scheiben Glück, ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, ist ein sehr humorvolles und fürsorgliches Buch, dem es gelingt, seine Leser mit der Lebensfreude der Charaktere anzustecken.

Das Rosinenbrötchen

Das Rosinenbrötchen oder: Es ist alles nur eine Phase von Maximilian Buddenbohm besteht aus mehreren kleinen Geschichten, die mit viel Humor von dem Familienalltag eines Vaters, seiner Herzdame sowie SohnI und SohnII erzählen. Ganz zu Anfang erklärt der Autor:

Natürlich macht man als Mann heutzutage bei allem mit, was die Kinder betrifft. Selbst wenn man berücksichtigt, dass es immer noch in den meisten Fällen die Mütter sind, die mehr Zeit mit den Kindern verbringen, sind die Männer doch längst keine ahnungslosen Ernährer mehr, die ratlos gucken, wenn ihnen abends zu Hause überraschend ein Kind über den Weg läuft. Nein, der Mann ist heute mit der größten Selbstverständlichkeit familiär engagiert und auch kompetent

Man ist als Leser dabei, wenn der Sohn am Morgen um kurz nach fünf Uhr seinen schlafenden Eltern die Geschichte von dem Helden ‘Hallamati’ vorträgt, der seien Mantel geschreddert habe, begleitet von einem Kinderakkordeon. Im Anschluss an die Darbietung will das Kind wissen, was die Geschichte eigentlich zu bedeuten habe:

Das Kind guckte mich fragend an, ich riss mich zusammen. Es ging schließlich um seine Bildung, hier war Einsatz gefordert. Der Heilige Martin also, im Prinzip eine immerhin einfache Geschichte von Mitleid. Er hatte einen Mantel, er hatte ein Schwert, der andere fror, Mantel geteilt. Geteilt, nicht geschreddert, übrigens. Voll nett. Ich sank zurück in die Kissen und machte die Augen zu. SohnI sagte: “Was?”

Als Vater hat man eben alle Hände voll zu tun. Man muss den Sohn in Modefragen und in Liebesangelegenheiten beraten, ihn pädagogisch wertvoll mit Lebensweisheiten versorgen und zum Babyschwimmen begleiten. Leider fühlt man sich dabei nicht immer so ganz Ernst genommen wie beispielsweise von der Kursleiterin, die sagt:

Ihr könnt mir gerne heute schon einmal sagen, welche Kurse ihr nächstes Jahr besuchen wollt. Ich schreib mir das auch alles auf. Und dann bespreche ich später mit euren Frauen, was wir wirklich machen

Aber als guter Vater bleibt man natürlich cool und steckt solche Missverständnisse locker weg. Das Rosinenbrötchen oder: Es ist alles nur eine Phase von Maximilian Buddenbohm ist ein sehr unterhaltsames Buch, das viel Spaß macht und sehr zu empfehlen ist.

Buchcover "Bellboy" von Jess Jochimsen

Bellboy

In Bellboy von Jess Jochimsen steht plötzlich ein Taxifahrer vor Lukas’ Tür und fragt, ob der Irre zu ihm gehört. Lukas entdeckt im Hausflur seinen Cousin Paul, den er lange nicht gesehen hat und der sich ungewöhnliche benimmt. Der Taxifahrer verlangt noch sein Fahrgeld und drückt Lukas einen Zettel in die Hand, auf der in Kinderschrift seine Adresse und der Satz: ‘Er muss es wissen’ steht. Lukas ist ratlos. Es ist die erste Begegnung mit seiner Familie nach einer Ewigkeit:

Paul ist mein kleiner Cousin, mehr als zehn Jahre hatte ich ihn nicht gesehen, er blieb zurück in der Provinz, in der miefigen Enge von Elternhaus und Verwandtenbesuchen, von grauen Reihenhaussiedlungen, einsamen Bushaltestellen und traurigen Stadtfesten. Er blieb zurück in der Welt der Ausfallstraßen, der Sonntagskleidung, der Ohrfeigen, der >Willst du mit mir gehen?<-Zettelchen, er blieb zurück in dem Leben mit Hautausschlag, das ich verlassen hatte

Lukas weiß sich nicht anders zu helfen, als bei der Verwandtschaft, die nach wie vor in seinem Heimatdorf lebt, anzurufen und sich nach Paul zu erkundigen. Für Lukas eine aufwühlende Begegnung mit der ‘heilen Welt’ der Kleinstadt, schon der Anrufbeantworterspruch seiner Schwester bringt ihn in Rage.

Nach und nach wird Paul zum festen Bestandteil von Lukas’ WG. Er erholt sich, ist fröhlich und bemüht sich nach Kräften, im alltäglichen Tagesablauf eine Hilfe zu sein. Doch Pauls extreme Vergesslichkeit wird mehr und mehr zum Problem. Lukas kümmert sich immer hingebungsvoller um Paul. Die WG wird zu einem eingespielten Team, das an freien Tagen gemeinsam viele Reisen unternimmt, bei denen Paul zum ersten Mal in einem Hotel übernachtet, dem Bundeskanzler seine Handynummer hinterlässt oder ein Ausflugsschiff der Königlich-Bayerischen Seenschifffahrt auf dem Starnberger See zum Kentern bringt.

Buchcover "Nicolas Nickelby" von Charles Dickens, übersetzt von Gustav Meyrink

Nikolas Nickelby

Nach dem Tod des Vaters von Nikolas Nickelby ist seine Witwe mittellos und gerät mit ihren beiden Kindern in die Hände des Bruders ihres toten Mannes. Ralph Nickelby ist Geschäftsmann, lebt in London und nach vielen Jahren harter Arbeit gelingen mittlerweile die meisten seiner Investitionen. Beteiligt ist er etwa an Geschäften wie der über Nacht aus dem Boden gestampften “Vereinigte, verbesserte, hauptstädtische Warme-Semmeln- und Kuchenbäckerei und pünktliche Ablieferungsgesellschaft”, die nach Ansicht eines Initiators schon allein wegen des Namens zu einem herausragenden Erfolg werden müsse und deren Aktien “in zehn Tagen über pari stehen” sollten. Mit viel Humor beschreibt Charles Dickens, wie das Unternehmen mit einer rührseligen Rede im Parlament vorgestellt wird und danach als etabliert bezeichnet werden kann:

Sodann stand Mr. Bonney auf, um die erste Resolution zu beantragen, fuhr sich mit der Rechten durch die Haare, pflanzte die Linke zierlich in die Hüfte, vertraute seinen Hut der Sorgfalt des Herren mit dem Doppelkinn an, der außerdem auch noch die Weinflaschen für die Redner bereithielt, und erklärte, dass die anwesende Versammlung nur mit Besorgnis und Unruhe auf den gegenwärtigen Stand des Semmelhandels in der Hauptstadt und deren Nachbarschaft  blicken könne, – dass die Semmeljungen, wie sie gegenwärtig beschaffen seien, das Vertrauen des Publikums ganz und gar nicht verdienten, und dass überhaupt das ganze Semmelsytem ebenso nachteilig für die Gesundheit und Sittlichkeit des Volkes wie verderblich für die höchsten Interessen einer Großstadt wären. Die Rede des ehrenwerten Herren entlockte den zuhörenden Damen reichlich Tränen und weckte bei allen Anwesenden die lebhaftesten Empfindungen

Ralph Nickleby ist wenig begeistert, die Familie seines Bruder durchbringen zu müssen. Er besorgt Nikolas und dessen Schwester Kate Arbeit in seinem Bekanntenkreis. Nikolas ist zunächst Hilfslehrer in einer sogenannten ‘Schule’ außerhalb Londons. Die Kinder werden misshandelt, bekommen nicht genug zu essen und sind dadurch körperlich gezeichnet:

Und erst die Zöglinge! Die jungen Aristokraten! Die letzten schwachen Hoffnungsstrahlen, der entfernteste Lichtblick einer Möglichkeit, dass erste Bemühungen in dieser Höhle des Elends je etwas Gutes erzielen könnten, schwanden aus Nikolas’ Seele, als er mit Schrecken der Wirklichkeit ansichtig wurde. Bleiche, abgezehrte Gesichter, hagere Gerippe, Kinder mit den Zügen von Greisen, Missgestalten mit eisernen Schienen an den Gliedern, Knaben im Wachstum unterdrückt, und andere deren lange, dünne Beinchen die gebeugten Körper kaum zu tragen vermochten, drängten sich vor seinen Blicken

Diese Schilderungen beruhen offenbar auf Tatsachen. Rudolf Beck erklärt im Nachwort, dass der Roman Nikolas Nickleby nicht nur so erfolgreich gewesen ist, dass ein Groschenheft-Verleger Charles Dickens durch einen Text mit dem Titel Nickelas Nickelbery Konkurrenz zu machen versucht hat, sondern dass auch die Times im Jahr 1823 Zeitungsberichte über die Zustände in Privatschulen veröffentlicht hat, die den Beschreibungen im Roman ähneln. In der Folge haben viele Schulen schließen müssen.

Im Roman muss Nikolas Nickleby die ‘Schule’ nach relativ kurzer Zeit wieder verlassen, nachdem er in eine körperliche Auseinandersetzung mit dem Eigentümer geraten ist. Auf Wunsch seines Onkels darf er nicht bei seiner Familie bleiben und kommt bei einem umherreisenden Theaterensemble unter, wo er ein Theaterstück schreibt und als Schauspieler arbeitet. Auch seine Schwester Kate hat wenig Glück in der Berufswelt. Im Salon einer Putzmacherin ist sie den Zudringlichkeiten des Ehemanns der Chefin und den Eifersüchteleien der Kolleginnen ausgesetzt. Mit viel Mühe gelingt es nach ihrem Rauswurf, sie als Gesellschafterin einer vermögenden Dame unterzubringen. Aber auch dort kann sie nicht lange bleiben.

Trotz aller Schwierigkeiten gibt es am Ende ein Happy End. Beiden Geschwistern gelingt es, zu heiraten und sie leben beieinander in einigermaßen geordneten finanziellen Verhältnissen. Sogar die Witwe Mrs. Nickleby gewinnt noch einmal einen Verehrer für sich:

Kate war nicht wenig verwirrt und wollte ihre Mutter eben um nähere Erklärung bitten, als sich abermals dasselbe Geheul vernehmen ließ und überdies ein Lärm, als wenn ein älterer Herr ungestüm in losem Sande herumtrample. Und dann sah man plötzlich mit der Geschwindigkeit einer Rakete eine große Gurke durch die Luft fliegen, sich überschlagen und zu Mrs. Nicklebys Füßen niederfallen. Diesem höchst seltsamen Meteor folgte bald ein ähnlicher, nämlich eine schöne Kürbismelone von ungewöhnlichem Umfang. Gleich darauf flogen mehrere Gurken zusammen auf, gefolgt von einem Schauer Zwiebeln und ähnlichen Küchenkräutern, dass sich fast der Himmel verdunkelte, bis sie nach allen Richtungen niederfielen und auf dem Boden herumkollerten

Begleitet werden diese regelmäßigen Aktionen des Nachbarn von Liebesschwüren, die Mrs. Nickleby jedoch einfühlsam mit Hinweis auf die Verpflichtungen ihren Kindern gegenüber zurückweist.

Der Roman Nikolas Nickleby ist ein echter Wälzer von mehr als 1.000 Seiten, der gerade durch die sprachgewandte Übersetzung von Gustav Meyrink an vielen Stellen viel Spaß beim Lesen macht. Der für seine sozialkritischen Bücher berühmte Charles Dickens hat zwar 2012 seinen zweihundertsten Geburtstag gefeiert, dennoch könnten viele der von ihm in Nikolas Nickleby beschriebenen Szenen auch heute in ähnlicher Weise geschehen.

Dornröschen interaktiv

Dornröschen interaktiv

Nach dem Fingertipp auf die App erklingt fröhliche Musik, am oberen Rand scheinen die rosa gezeichneten Rosen hin und her zu wehen und es regnen kleine gelbe Blüten auf das gekrönte Dornröschen interaktiv. Am lila Rand funkeln die Sterne. Ganz rechts blinkt  in einem kleinen golden verzierten Rahmen ein kleines Buch, das sich immer wieder auf und zu klappt. Nach einem Fingertipp auf das kleine Buch erscheint eine Zeichnung des iPads und es wird genau erklärt, mit welchen Klicks an bestimmte Stellen des Bildschirms welche Funktionen ausgeführt werden können.

Das Märchen wird mit vielen fantasievollen Bildern erzählt, die häufig an einigen Stellen animiert sind und sich durch bestimmte Fingertipps noch weiter in Bewegung setzen lassen. Zum Teil kann man als Leser regelrecht kleine Comicfilme vor- und rückwärts abspielen lassen und dabei auch die Geschwindigkeit bestimmen. Einige Effekte lassen sich auch durch Drehen und Rütteln des iPads auslösen.

Jeden Bildabschnitt begleitet die passende Textpassage. Mit einem Fingertipp kann man sich den Text auch von einem Sprecher vorlesen lassen. Alle Abschnitte sind mit Musik unterlegt. Dabei  gibt es nicht nur durch die zahlreichen Möglichkeiten, die Bilder zu bewegen, viel zu entdecken. In alle Zeichnungen hat der Zeichner eine kleine Maus versteckt, die sich manchmal nur finden lässt, wenn man die Bilder sehr genau betrachtet. Tippt man mit dem Finger auf die kleine Maus, erscheinen neue Bilder, die die Geschichte ergänzen.

Seit Wochen führen die Märchen der Gerüder Grimm die iTunes-Buch-Bestseller-Liste an. Die Dornröschen-App des Fischerverlags erzählt den Klassiker auf besonders vielseitige und fantasievolle Weise.