Nikolas Nickelby

Buchcover "Nicolas Nickelby" von Charles Dickens, übersetzt von Gustav Meyrink

Nach dem Tod des Vaters von Nikolas Nickelby ist seine Witwe mittellos und gerät mit ihren beiden Kindern in die Hände des Bruders ihres toten Mannes. Ralph Nickelby ist Geschäftsmann, lebt in London und nach vielen Jahren harter Arbeit gelingen mittlerweile die meisten seiner Investitionen. Beteiligt ist er etwa an Geschäften wie der über Nacht aus dem Boden gestampften “Vereinigte, verbesserte, hauptstädtische Warme-Semmeln- und Kuchenbäckerei und pünktliche Ablieferungsgesellschaft”, die nach Ansicht eines Initiators schon allein wegen des Namens zu einem herausragenden Erfolg werden müsse und deren Aktien “in zehn Tagen über pari stehen” sollten. Mit viel Humor beschreibt Charles Dickens, wie das Unternehmen mit einer rührseligen Rede im Parlament vorgestellt wird und danach als etabliert bezeichnet werden kann:

Sodann stand Mr. Bonney auf, um die erste Resolution zu beantragen, fuhr sich mit der Rechten durch die Haare, pflanzte die Linke zierlich in die Hüfte, vertraute seinen Hut der Sorgfalt des Herren mit dem Doppelkinn an, der außerdem auch noch die Weinflaschen für die Redner bereithielt, und erklärte, dass die anwesende Versammlung nur mit Besorgnis und Unruhe auf den gegenwärtigen Stand des Semmelhandels in der Hauptstadt und deren Nachbarschaft  blicken könne, – dass die Semmeljungen, wie sie gegenwärtig beschaffen seien, das Vertrauen des Publikums ganz und gar nicht verdienten, und dass überhaupt das ganze Semmelsytem ebenso nachteilig für die Gesundheit und Sittlichkeit des Volkes wie verderblich für die höchsten Interessen einer Großstadt wären. Die Rede des ehrenwerten Herren entlockte den zuhörenden Damen reichlich Tränen und weckte bei allen Anwesenden die lebhaftesten Empfindungen

Ralph Nickleby ist wenig begeistert, die Familie seines Bruder durchbringen zu müssen. Er besorgt Nikolas und dessen Schwester Kate Arbeit in seinem Bekanntenkreis. Nikolas ist zunächst Hilfslehrer in einer sogenannten ‘Schule’ außerhalb Londons. Die Kinder werden misshandelt, bekommen nicht genug zu essen und sind dadurch körperlich gezeichnet:

Und erst die Zöglinge! Die jungen Aristokraten! Die letzten schwachen Hoffnungsstrahlen, der entfernteste Lichtblick einer Möglichkeit, dass erste Bemühungen in dieser Höhle des Elends je etwas Gutes erzielen könnten, schwanden aus Nikolas’ Seele, als er mit Schrecken der Wirklichkeit ansichtig wurde. Bleiche, abgezehrte Gesichter, hagere Gerippe, Kinder mit den Zügen von Greisen, Missgestalten mit eisernen Schienen an den Gliedern, Knaben im Wachstum unterdrückt, und andere deren lange, dünne Beinchen die gebeugten Körper kaum zu tragen vermochten, drängten sich vor seinen Blicken

Diese Schilderungen beruhen offenbar auf Tatsachen. Rudolf Beck erklärt im Nachwort, dass der Roman Nikolas Nickleby nicht nur so erfolgreich gewesen ist, dass ein Groschenheft-Verleger Charles Dickens durch einen Text mit dem Titel Nickelas Nickelbery Konkurrenz zu machen versucht hat, sondern dass auch die Times im Jahr 1823 Zeitungsberichte über die Zustände in Privatschulen veröffentlicht hat, die den Beschreibungen im Roman ähneln. In der Folge haben viele Schulen schließen müssen.

Im Roman muss Nikolas Nickleby die ‘Schule’ nach relativ kurzer Zeit wieder verlassen, nachdem er in eine körperliche Auseinandersetzung mit dem Eigentümer geraten ist. Auf Wunsch seines Onkels darf er nicht bei seiner Familie bleiben und kommt bei einem umherreisenden Theaterensemble unter, wo er ein Theaterstück schreibt und als Schauspieler arbeitet. Auch seine Schwester Kate hat wenig Glück in der Berufswelt. Im Salon einer Putzmacherin ist sie den Zudringlichkeiten des Ehemanns der Chefin und den Eifersüchteleien der Kolleginnen ausgesetzt. Mit viel Mühe gelingt es nach ihrem Rauswurf, sie als Gesellschafterin einer vermögenden Dame unterzubringen. Aber auch dort kann sie nicht lange bleiben.

Trotz aller Schwierigkeiten gibt es am Ende ein Happy End. Beiden Geschwistern gelingt es, zu heiraten und sie leben beieinander in einigermaßen geordneten finanziellen Verhältnissen. Sogar die Witwe Mrs. Nickleby gewinnt noch einmal einen Verehrer für sich:

Kate war nicht wenig verwirrt und wollte ihre Mutter eben um nähere Erklärung bitten, als sich abermals dasselbe Geheul vernehmen ließ und überdies ein Lärm, als wenn ein älterer Herr ungestüm in losem Sande herumtrample. Und dann sah man plötzlich mit der Geschwindigkeit einer Rakete eine große Gurke durch die Luft fliegen, sich überschlagen und zu Mrs. Nicklebys Füßen niederfallen. Diesem höchst seltsamen Meteor folgte bald ein ähnlicher, nämlich eine schöne Kürbismelone von ungewöhnlichem Umfang. Gleich darauf flogen mehrere Gurken zusammen auf, gefolgt von einem Schauer Zwiebeln und ähnlichen Küchenkräutern, dass sich fast der Himmel verdunkelte, bis sie nach allen Richtungen niederfielen und auf dem Boden herumkollerten

Begleitet werden diese regelmäßigen Aktionen des Nachbarn von Liebesschwüren, die Mrs. Nickleby jedoch einfühlsam mit Hinweis auf die Verpflichtungen ihren Kindern gegenüber zurückweist.

Der Roman Nikolas Nickleby ist ein echter Wälzer von mehr als 1.000 Seiten, der gerade durch die sprachgewandte Übersetzung von Gustav Meyrink an vielen Stellen viel Spaß beim Lesen macht. Der für seine sozialkritischen Bücher berühmte Charles Dickens hat zwar 2012 seinen zweihundertsten Geburtstag gefeiert, dennoch könnten viele der von ihm in Nikolas Nickleby beschriebenen Szenen auch heute in ähnlicher Weise geschehen.

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